Journal Sonntag, 4. Dezember 2016 – Gib meinen Turnübungen Tiernamen!

Montag, 5. Dezember 2016 um 8:48

Gestern spazierte ich in eisiger Hochnebeltrübe zum Sport am Ostbahnhof, zunächst für ein halbes Stündchen Krafttraining, Geschmacksrichtung “Functional Training”. Die Vorturnerin erklärte sehr gut und hatte allerliebste Bezeichnungen für die Übungen. Als nach “Seestern” (auf dem Bauch liegend Arme und Beine schräg hochrecken) und “Pissing dog” (im Vierfüßlerstand Bein abgewinkelt heben) auch noch “Kicking crab” (Vierfüßlerstand, rechten Arm und linkes Bein gleichzeitig strecken) angekündigt wurde, freute ich mich sehr und meinte, eine Turnstunde “Animal Moves” würde ich ganz sicher frequentieren. Ich weiß, die Herrschaften von der Yoga-Fraktion können da nur wissend lächeln, doch jetzt hat die Vorturnerin für nächsten Sonntag eine halbe Stunde ausschließlich mit Tiernamenübungen angekündigt: Da muss ich hin!
(Nächste Stufe: Pokémonnamen-Krafttraining.)

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Auf dem Heimweg setzte ich mich auf eine Bank und hielt meine Telefonverabredung mit meinem Bruder ein: Christkindlwünsche der Familie einholen. Damit ich mitschreiben konnte, befleißigte ich mich einer Technik, die ich mir von Hijabträgerinnen abgeschaut hatte: Ich steckte das Telefon an der Ohrmuschel unter meine fest anliegende Mütze. Funktionierte wunderbar.

Daheim backte ich zügig die zweite Charge Chrsitstollen, die für die deutsche Verwandtschaft – der Ofen musste rechtzeitig für die Abendessenbereitung frei werden. Zum Frühstück gab es auf dem Heimweg besorgte Semmeln und einen Granatapfel: Beim Lieblingssüpermarket gibt es seit einiger Zeit zwei Sorten Granatäpfel, süße und saure. Die mit “sauer” gekennzeichneten entsprechen in Aussehen und Geschmack meiner Granatapfelerwartung, letzte Woche nahm ich aus Neugierde auch mal einen süßen mit, der kleiner und heller aussieht. Auch die Kerne waren heller (könnte aber am Reifegrad gelegen haben) und schmeckten tatsächlich süß – allerdings nur das, sie schmeckten nicht wirklich nach Granatapfel. Vielleicht könnte man die Kerne des süßen und sauren Granatapfels mischen.

Vorbereitungen der Abendeinladung zusammen mit Herrn Kaltmamsell: Der Gast aus Luxemburg hatte sich Bayerisches gewünscht, es gab Schweinsbraten.

Beim Kochen hörte ich auf dem Internetradio BBC Radio 1 – schönste Partymusik, ich fühlte mich wieder wie 23 (als ich in Wales Radio 1 kennengelernt hatte).

161204_07_schweinsbraten

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Es bleibt sehr bitter für Nachwuchsakademikerinnen:
“Things people tell you in academia”.

Man hat den Eindruck, dieses Thema ist dir nicht wichtig. Da kann man dich schon mal vergessen. Dir nicht Bescheid sagen. Dich nicht nennen. Dich nicht einladen oder mitnehmen. Es wird nicht wieder vorkommen, versprochen. Aber wir wussten es ja nicht besser.
Es ist etwas aggressiv, wie du dich einbringst. Wie du daran erinnerst, dass du dazugehörst und mitgearbeitet hast. Wie du darauf pochst, erwähnt zu werden. Das kommt nicht so gut an, dieses ständige Fordern, verstehst du? Du bist doch jetzt schon so lange hier. Du weißt doch, dass manchmal Leute vergessen werden. Da darf man sich nicht so leicht kränken lassen.

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Eine interessante und rührende Geschichte: Michael Chabon, der Romanautor, den ich für The Yiddish Policemen’s Union und The Amazing Adventures of Kavalier & Clay sehr schätze, begleitet seinen 13-jährigen Sohn Abe zu Pariser Modeschauen.
“My Son, the Prince of Fashion”.

Abe was just a kid who loved clothes. He loved talking about them, looking at them, and wearing them, and when it came to men’s clothing, in particular the hipper precincts of streetwear, he knew his shit. He could trace the career path of Raf Simons, from Raf to Jil Sander to Dior and now to Calvin Klein. He could identify on sight the designers of countless individual articles of men’s clothing—sneakers, shirts, jackets, pants—and when he didn’t know for sure, the guesses he made were informed, reasoned, and often correct. He seemed to have memorized a dense tidal chart of recent fashion trends as they ebbed and flooded, witheringly dismissing a runway offering as “fine, for 2014” or “already kind of played out last year.” His taste as reflected in the clothes he wore was impeccable, interesting, and, in its way, fearless.

(…)

From the moment he became himself, what made Abe different—from his siblings, from classmates, from most of the children who have ever lived—was the degree of comfort he felt with being different. Everybody wants to stand out from the crowd, but so few of us have the knack, and fewer still the stomach for bearing up under the crush of conformity. It was always Abe’s rare gift not just to stand out, and bear up, but to do those things with panache. And the way in which he expressed his difference most reliably, and with the greatest panache, was through dressing up.

via @fragmente

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Sonntag, 4. Dezember 2016 – Gib meinen Turnübungen Tiernamen!“

  1. Joel meint:

    Kennen Sie das Erstlingswerk von Chabon? “Die Geheimnisse von Pittsburgh” Das hatte mich bei seinem Erscheinen sehr beeindruckt.

    Vielen Dank für den tollen Schweinsbraten, den Wein, und und und… Es hat großartig geschmeckt. Ich war so pappsatt. Frühstück ging heute morgen gar nicht.

  2. Defne meint:

    Der süße Granatapfel ist äußerlich und innerlich eher blond. Da die gewohnte Säure fehlt schmeckt er für mich auch ziemlich fad.

  3. Anne meint:

    Ich habe hier noch nie kommentiert (und lese doch schon soo lang und gern bei Ihnen), aber heute musste ich als Dresdnerin so herzhaft über meinen eigenen Verleser (oder viel mehr beim stillen Lesen innerlich Falschbetoner) lachen:
    besorgte Semmeln!!

  4. Julia meint:

    Ich musste ebenfalls kurz über die besorgten Semmeln sinnieren, bis ich darauf kam, dass ich keine Bäckereiprodukt-Bildungslücke habe. Habe sehr gelacht.

  5. jennifer-heart meint:

    Ja, da musste ich auch lachen. Welcher Kummer, welche Sorgen belasten die Brötchen wohl?

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