Journal Montag, 8. Mai 2017 – re:publica 2017 Tag 1

Dienstag, 9. Mai 2017 um 8:30

Sehr ertragreicher Konferenztag, allein für diesen lohnte sich das Gesamtticket. Auch wenn sich meine sensationelle Aufmerksamkeitsausdauer und Konzentrationsfähigkeit von vergangenem Jahr nicht wiederholte. Das Wetter war kalt und regnerisch, es gab also kein Herumlungern im Hof oder in der Grünanlage hinten raus.

Ich war wenig nach neun an der Station, um Schlangen am Registrierungsschalter zu vermeiden und hatte damit Erfolg. Im Gebäude gleich mal in die ersten kleinen Freunde aus dem Internet gelaufen.

Die Keynote nach der Eröffnung sah ich mir eigentlich nur an, um für den anschließenden Vortrag von Carolin Emcke einen guten Platz zu haben (Keynote ist ja meist etwas elend Langweiliges vom Hauptsponsor). Doch ich war sehr froh um die Vorträge zur schwindenden Pressefreiheit.

Can Dündar erzählte detailliert und bewegend, warum und wie er als Chefredakteur von Cumhuryet verhaftet und mundtot gemacht wurde (er lebt inzwischen in Deutschland). Aus Ungarn berichtete Márton Gergely, wie Ungarns größte politische Tageszeitung dicht gemacht wurde – und woran er und seine Kollegen das hätten kommen sehen können. Aus Polen war Katarzyna Szymielewicz, die sich seit Jahren politisch für Datensicherheit engagiert – und nun nicht nur keinen Zugang zu Politikern mehr bekommt, sondern durch ihr Engagement zur Zielscheibe wird.

Carolin Emckes “Reflexion: Love out Loud” war genau so bedacht und klug, wie ich sie erhofft hatte – und ist vor allem wegen Emckes berühmt sorgfältiger Wortwahl schwer zusammenzufassen. Sie bewies wieder, dass auch ein ausformulierter, abgelesener Vortrag fesselnd sein kann.

Mittagssnack: Breze (gekauft), Apfel (mitgebracht).

Auf einer anderen Bühne gab es ein hochspannendes Podiumsgespräch über “Darknet – das Internet der Zukunft?”. Julia Eikmann hatte auf die Bühne gebracht:
– Daniel Moßbrucker, der für die ARD eine ausgezeichnete Doku über das Darknet gemacht hat. Er erklärte diesen Teil des Web und wie man sich darin bewegt.
– Ahmad Alrifaee, der bis Ende 2014 als Journalist in Syrien über das Darknet kommunizierte und detailliert beschrieb, wie er das tat.
– Andreas May, Oberstaatsanwalt der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, der die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Gießen leitet und überraschend offen transparent machte, wie seine Behörde im Darknet vorgeht. Seine Ausführungen fand ich am spannendsten: Der Erfolg ist überschaubar (“Wir fangen nur die Doofen.”), die US-Ermittlungsbehörden haben so viel bessere Technik (und mehr rechtliche Möglichkeiten), dass sie ganze Plattformen im Darknet an sich ziehen, selbst betreiben und dadurch Straftäter fangen. (Nein, May fordert keineswegs Gesetzesänderungen zu weiter reichenden Ermittlungsmöglichkeiten.)

Von Markus Beckedahl ließ ich mir auch dieses Jahr die vergangenen zwölf Monate Netzpolitik zusammenfassen: “LOL, rights?!” (*löscht alle noch ungelesenen Netzpolitik.org-Artikel aus dem Feedreader*)

Das Streitgespräch “Recht oder Liebe? Wie man bei jeder Auseinandersetzung im Web garantiert gewinnt.” zwischen Anwalt und PRlerin musste ich leider wegen Komplettüberfüllung des Vortragsraums ausfallen lassen. Machte ich halt Plauderpause mit der Luxemburger Blogabordnung.

Ja, das ist Garry Kasparov. Er war Gast zum Thema “‘Hacking Democracy’: Power and Propaganda in the Digital Age” und legte einen sehr beeindruckenden Auftritt hin. Kasparov ist offensichtlich mit einer Menge Wassern gewaschen. Seiner Beobachtung nach unterscheidet sich die derzeitige Propaganda Russlands fundamental von der Sowjetrusslands: Früher ging es um Indoktrination, heute um reine Verwirrung und Zerstörung (er hatte schöne Belege für Bot-Aktivitäten dabei). Kasparov verwies mehrfach darauf, dass Putin international keine wirkliche Macht habe und genau deshalb wild um sich schlage. Bedenkenswert fand ich auch seinen Hinweis, dass die Verbreitung des Internetzugangs – eigentlich doch mehr Redefreiheit – mit steigender Einschränkung der freien Meinungsäußerung koinzidiert: Weil, so Kasparov, tatsächlich das Internet schnell zur effizienteren Verfolgung von Dissidenten genutzt wurde.

Damit war meine Aufnahmefähigkeit leider erschöpft, ich machte Feierabend. Auf dem Heimweg gönnte ich mir eine köstliche vietnamesische Suppe bei 3moms, dann war mir endlich wieder warm.

Sascha Lobos “Vom Reden im Netz” sah ich mir live im Hotelzimmer auf dem Laptop an. Dabei den Duft der vietnamesischen Suppe in der Nase: Ich hatte versehentlich mein re:publica-Bändel reingetunkt.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Montag, 8. Mai 2017 – re:publica 2017 Tag 1“

  1. Lotte meint:

    Wissen Sie, es ist sehr, sehr schön, Sie so glücklich angeregt zu lesen. Bei all dem Alltags-Schlick – es lohnt sich doch, dieses Leben. (Und so cheerleade ich mir selbst vom Spielfeldrand zu …)

  2. Anke meint:

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    Gerne gelesen

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  3. Joel meint:

    Ich fände luxembuger Blogdelegation schöner ;-)

  4. Michael meint:

    Merci! So bekomme ich doch noch etwas mit.

  5. Tanja meint:

    Merci beaucoup für diese für mich alle Jahre allerbeste Berichterstattung. Ich war noch nie an der re:publica und werde das vermutlich auch nie schaffen. Dank der Vorspeiseplatte weiss ich aber dann doch viel drüber und kann mir einfacher noch mehr dazusuchen.

  6. Micha meint:

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    Gerne gelesen

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