Archiv für Juni 2017

Journal Dienstag, 20. Juni 2017 – Beifang aus dem Internetz

Mittwoch, 21. Juni 2017

Morgens Langhanteltraining. Ich stellte mir vor, dass wir 15 Amazonen (Frauenstudio) gerade auf der Insel Themyscira ein wenig Frühsport machten. Und will jetzt dringend Sportkleidung im Amazonen-Look. An der Studiotheke entdeckte ich, dass ich eine Namensvetterin unter den Mitturnerinnen habe. Wir nervten die Umkleidenden, indem wir einander ständig mit Namen ansprachen.

Ein sehr warmer Tag, der immer heißer und schwüler wurde.

Abends war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet. Wir steuerten das nahe gelegene Griechischrestaurant Molos an, doch das war geschlossen – anscheinend dauerhaft. Nun gut, der Paulaner Biergarten lag ja ums Eck – in den wir nicht reinkamen wegen geschlossener Gesellschaft. Wir beschlossen, dass es draußen eh zu warm war und probierten das Olé Madrid aus, an dem ich regelmäßig vorbei radle: Sättigende Kleinigkeiten, am besten waren die frittierten Sardellen und Tintenfischringe, saftig und frisch.

Immer noch hadere ich ein wenig mit meinem neuen Telefon (iphone 6s): Die Stand-by-Taste ist seitlich rechts oben statt auf der Oberseite. Eine Folge: Ich verstellt ständig die Lautstärke des Klingeltons, weil ich beim Drücken der Stand-by-Taste irgendwo gegenhalten muss.

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Auch sonst geht mir der Film Wonder Woman weiter im Kopf herum. Kathleen Hildebrand schrieb in der Süddeutschen:
„Warum weinen Frauen bei ‚Wonder Woman‘?“

Ein Dutzend attraktiver Frauen, das sich gekonnt bewegt, dabei einigermaßen knapp bekleidet ist – und trotzdem sieht keine nach Sex-Symbol aus. Diese Frauen sind Subjekte, nicht Objekte einer lüsternen Kamera. Und von nirgendwoher fällt ein Blick auf sie, der etwas anderes in ihnen sieht als edle Kämpferinnen für das Gute.

Jede Einstellung scheint diese Frauen zu bewundern. Aber nicht, weil sie erotisch sind. Sondern weil sie stark sind. Und weil sie gut sind in dem, was sie tun. Vor allem aber, und vielleicht ist das wirklich nur auf einer mythischen Insel ohne einen einzigen Mann möglich, weil sie die unangefochtenen Hauptrollen spielen. Nirgends ist da ein Batman in Sicht, oder ein Tony Stark, in dessen Team auch mal eine Frau mitkämpfen darf. Es geht um sie. Man muss darauf nicht bewusst gewartet haben, um zu fühlen, dass es gefehlt hat.

Geweint habe ich zwar nicht, war aber schwer ergriffen aus genau den angeführten Gründen. Ich weiß nicht, ob ein Superheldenfilm-affiner Mann nachvollziehen kann, wie bewegend es sein kann, wenn die weibliche Hauptfigur sagt: „I’m going in.“ Und dann das Dorf rettet, unterstützt von ihren Kumpels („Diana! Shield!“). Es gibt mir die Ahnung einer Ahnung, wie es sein muss, zu einer wirklich marginalisierten Bevölkerungsgruppe zu gehören und sich endlich mal im Zentrum einer Mainstream-Geschichte zu sehen.

Ich glaube, ich schau mir den Film nochmal an. (Und sei es, um Etta Candy noch Mal sagen zu hören: „Fight? I myself aren’t opposed to some fistycuffs, should the occasion arise.“) Im nächsten Teil lassen wir dann bitte auch die Keilabsätze von Dianas Sandalen weg, ja? Sind zum Rennen bescheuert, und Gal Gadot (die möglicherweise ziemlich cool ist) hat eh Beine bis zum Hals, die selbst für Hollywood nicht optisch verlängert werden müssen.

Auch wenn er seinerzeit nicht so viel Lärm gemacht hat: Spy liebte ich aus denselben Gründen. Gute Frauen, böse Frauen, starke Frauen, lustige Frauen, doofe Frauen. Und halt nicht nur die eine weibliche Figur, die man problemlos durch eine Stehlampe ersetzen könnte. Oder durch einen Muskelmann.

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Vox nimmt sich die Computer Generated Imagery (CGI) in Wonder Woman vor – ich lernte daraus eine Menge:
„Wonder Woman’s battle scenes show how to use — and not use — CGI in super-movies“.

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In seinem Notizblog fasst Torsten zusammen, was auch mir zum Bedingungslosen Grundeinkommen durch den Kopf geht:

„Missverständnisse zum Bedingungslosen Grundeinkommen — ein Rant“.

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Im Philosophie Magazin unterhalten sich Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston und der Investigativjournalist Georg Mascolo über:
„Welchen Fakten können wir trauen?“

Daston: Besonders das deutsche Wort macht deutlich, dass es sich bei Tatsachen um Taten handelt. Wie wir an Redewendungen wie ex post facto oder an der Unterscheidung von de facto und de jure bis heute ablesen können, waren Fakten ursprünglich eine juridische Kategorie. Descartes’ Zeitgenosse Francis Bacon forderte im frühen 17. Jahrhundert eine Reform der Naturphilosophie. Wenn er von Fakten redet, klingt das meistens, als ob er von Verbrechen spricht. Bei einem Juristen wie Bacon sollte einen das nicht wundern. Das matter of fact, wie man auf Englisch sagt, verwandelte sich damals von einem juridischen in einen wissenschaftlichen Begriff. Zum Beispiel behauptete Isaac Newton in „The New Theory of Light and Colours“ von 1672, dass sich das weiße Licht aus einem farbigen Spektrum zusammensetzt. Die Wissenschaftler stritten über seine Theorie – und sogar über die Ergebnisse seiner Experimente. Ähnlich wie ein Gericht beschränkte sich die Royal Society of London, die 1660 gegründete englische Akademie der Wissenschaften, in dieser Situation darauf, die Tatsachen festzustellen und von den theoretischen Spekulationen und Deutungen zu trennen, um einen Konsens herzustellen. Das gelingt nie hundertprozentig. Das ist ein Ideal. In einem jahrhundertelangen Prozess haben sich seither Verfahren wie das Laborexperiment und Institutionen wie die wissenschaftlichen Akademien herausgebildet, die diesem Ideal verpflichtet sind.

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Für das, was wir als post truth bezeichnen, halte ich weniger das Klima an amerikanischen Universitäten als eine Veränderung im Stil der Berichterstattung verantwortlich, die man selbst bei so respektablen Medien wie der New York Times und in Deutschland genauso wie in den USA beobachten kann: Ich meine den Trend, immer weniger von Gründen und immer mehr von Gefühlen zu sprechen. Soweit ich sehe, ging das im Sportjournalismus los. Die Idee, dass Emotionen die verlässlichste Wahrheit, nämlich Authentizität, darstellen, kann man bis Rousseau zurückverfolgen. Weil Gefühle dazu geeignet sind, Geschichten farbiger und anschaulicher zu machen, hat sich dieses Muster auch in der politischen Berichterstattung durchgesetzt.

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Die Viel- und auch beruflich Fotografiererin Andrea Diener denkt darüber nach, welche Sorte selbst aufgenommene Fotos wir auch viele Jahre später noch mit Interesse ansehen, weil sie Erinnerungen und Gefühle evozieren:
„Wir Urlaubsknipser“.

Journal Montag, 19. Juni 2017 – Interviewt

Dienstag, 20. Juni 2017

Wie wunderbar, dass gerade das Wetter so schön ist: So erlebe ich die längsten Tage des Jahres so richtig. Selbst wenn ich erst kurz vor elf in Bett gehe (das ist für mich spät), ist der Himmel noch nicht dunkel.

Gestern wurde über den Tag wieder Hochsommer, doch noch war die Hitze auf auf dem Heimweg erträglich – vor allem da ich wusste, dass eine eine kühle Wohnung auf mich wartete.

Tanja Praske bloggt Kultur – Museum – Talk. Eine ihrer Rubriken ist das Montagsinterview, für das gestern veröffentlichte hat sie mich interviewt:
„Kaltmamsell von Vorspeisenplatte übers Bloggen, Digitalisierung & Kultur“.

Journal Sonntag, 18. Juni 2017 – Arbeitssonntag und Wonder Woman

Montag, 19. Juni 2017

Wecker gestellt, da ich einiges vorhatte.
Beim Morgenkaffee rechnete ich durch, wie viel Zeit ich in der kommenden Arbeitswoche für Nicht-Arbeitsdinge haben würde – und blies dann doch die geplante Schwimmrunde ab: Wenn ich ein paar Dinge nicht an diesem Sonntag erledigte, würde ich bis zum nächsten Wochenende nicht dazu kommen. Zumal ich nachmittags Wonder Women sehen wollte.

Also las ich bis zum Nachmittag Korrektur, unterbrochen von einmal Semmelholen für Frühstück und vom Hobeln von Krautsalat fürs Abendessen.

Wonder Woman im Cinema: Weil es sich um eine DC-Figur handelt, konnte der Fanboy an meiner Seite deutlich weniger Hintergrundinfo und Publikationsgeschichte als bei Marvel-Verfilmungen liefern. Ich mochte den eigentlich konventionell strukturierten und aufgenommenen Film: Wie einfach es ist, durch Aufheben der gewohnten Gender-Verteilung und von ein paar erwarteten Gender-Stereotypen originell zu sein. Allein schon, dass die Amazonen wie richtige Haudegen aussehen durften, mit den Falten und Versehrungen von nicht mehr jungen Frauen (Robin Wright!). Gal Gadot in der Hauptrolle war ein Glücksfall (die Stimme!), eine überraschende Freude Lucy Davis als lustiger Sidekick Sekretärin Edda. Enttäuschung allerdings, als nach dem Abspann nichts mehr kam, kein Outtake, kein Verweis auf den Fortgang der Handlung. Wie meinte der Kinobegleiter: „Damit machen sie sich keine Freunde.“

Daheim die nächste Erledigung: Eine Runde Bügeln, dabei hörte ich von BBC Radio 3 ein schon älteres Interview mit Margaret Atwood und Naomi Alderman.

Zum Abendbrot gab es Kraut- und Wurstsalat, auf Arte lief Mamma mia – immer wieder herzerfrischend.

Abends vor dem Zu-Bett-Gehen merkte ich, dass ich ein wenig beleidigt war: Ich fühlte mich um das lange Wochenende betrogen, vor allem durch die körperlichen Unpässlichkeiten.

Journal Samstag, 17. Juni 2017 – Bauchgerumpel

Sonntag, 18. Juni 2017

Nachts ein paar Mal von Übelkeit und schmerzhaftem Gerumpel im Bauch geweckt worden. Jetzt langt’s aber mal mit Körperlichkeiten! Das Gerumpel (ein Infekt? Überforderung durch eine sehr große Menge Salat?) vermieste mir leider diesen dritten Ferientag.

Zum Laufen radelte ich trotzdem, einfach weil Laufen meiner Seele gut tut und ich ohne sehr traurig gewesen wäre. Das Gerumpel zwang mich zu einem Zwischenstopp am Klo der Waldwirtschaft, doch Kreislauf und Muskulatur waren unbeeinträchtigt. Kurze Verzweiflung, als am Ende meines Laufs die öffentlichen Klos am U-Bahnhof Thalkirchen erklärungslos verschlossen waren. Aber all die Beckenbodengymnastik war ja dann doch zu was gut.

Es hatte schon am Vorabend aufgefrischt, das führte zu idealen Lauftemperaturen.

Konsumopfer 2: Wenn ich schon so viel Porto für die Ringelhose zahlte, hatte ich mir gleich noch ein Oberteil dazu stecken lassen.

Von der Brücke Maria Einsiedel aus sah ich unzählige Forellen in der Isar schwimmen.

Nachmittags wegen Magenknurrens (nicht zu verwechseln mit Darmgerumpel) einen Laugenzopf und Pfirsiche gegessen, mich ansonsten an Wasser gehalten. Gesund fühlte ich mich nicht, legte mich auch noch ein wenig ins Bett.

Trotzdem abends den Red and Black getrunken, den Herr Kaltmamsell auf meine Bitte zubereitet hatte: grundsätzlich gut, aber unerwartet süß – ein Verlängern mit Wasser machte es nicht besser.

Granta 139, The best of young American novelists 3 ausgelesen: Spektakulär, welches Stil- und Themenspektrum die Geschichten umfassen, und alle ganz ausgezeichnet. Das ging von einer phantastischen Geschichte, die mit Typografie spielte, über dunkelgrauen Selbstbetrug (von einer Autorin, deren erster Roman „was called the ‚feeld-bad book of the year‘ by the Chicago Tribune˝) oder manieriertes Englisch wie aus dem 19. Jahrhundert (passte zur zentralen Hochstapler-Figur) bis zum Gedankenstrom über den Tod des Ex-Freunds, den die Erzählerin auf Myspace erfährt. Manche gefielen mir besser als andere, manche strengten mehr an als andere, doch alle waren sie sehr, sehr gut ausgedacht und geschrieben. Zumindest in der englischsprachigen Welt mache ich mir überhaupt keine Sorgen um die Zukunft der erzählenden Literatur.

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Beim Zeitunglesen auf dem Balkon wieder den Vogerln am Meisenknödel zugesehen.

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https://youtu.be/ueuA-9pqRok

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Antje Schrupp hat zehn Vorschläge, um die Streitkultur zu retten.
„Konfliktmanagement:
Nicht nach Mutti rufen“.

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Gabriel Yoran erzählt auf Twitter von einem Zahnarztbesuch in USA und überhaupt vom Gesundheitswesen dort aus seiner Sicht.

(Früher gab’s dafür Blogs. Aber interessant, dass mittlerweile jede Plattform für alles genutzt werden kann und wird – Direkte Kommunikation mit anderen, Bilder, Geschichten.)

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Und dann doch noch ein Nachruf auf Helmut Kohl – der für meine politische Bewusstwerdung und meine Erinnerungen eine überraschend kleine Rolle spielt.

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https://youtu.be/dnqKwGetjz4

Journal Donnerstag/Freitag, 15./16. Juni 2017 – Fronleichnam und gemischte G’schichtln

Samstag, 17. Juni 2017

Der Fronleichnamsdonnerstag mit Hochsommerwetter. „Und? Auf welche Prozession gehst’n?“ scherzt meine Mutter, als ich am Telefon abendliches Abholen vom Bahnhof und Übernachtung im Elternhaus verabrede.

Schwimmen gehe ich, Fronleichnamsprozessionen habe ich selbst in meiner religiösen Kindheit und Jugend nur verpflichtet als Kommionskind mitgemacht.
Das Becken des Schyrenbads ist um 11 Uhr bereits dicht beschwommen, ich mache mich bereits auf Gereiztheit und Ärger gefasst, rolle bereits Augen über meine mangelnde Gelassenheit. Doch die Schwimmerinnen und Schwimmer ziehen konfliktfrei aneinander und hintereinander vorbei, die 3.000 Meter sind ein Genuss.

Beim Aufwärmen in der Sonne esse ich saftige Pfirsiche und höre den Soundtrack zu Billy Elliot.

Abends in einer ungekühlten Regionalbahn nach Ingolstadt gefahren, bei Brüderchen in seinen Geburtstag hineingefeiert.

Gespräch unter anderem mit einer erfahrenen Grundschullehrerin, die nun in einer Brennpunktschule unterrichtet und erzählt, wie viel lieber sie sich um ein Klasse kümmere, in der nur zwei Deutsch-Mittersprachler sitzen, aber in der die Kinder auf ihre Einfälle und Projekte mit Staunen und Begeisterung reagieren, statt wie früher jeden Morgen ein Elternteil vor ihrem Klassenzimmer stehen zu haben, das ihr erklärt, wie sie ihren Unterricht, den Lehrplan und das Bildungssystem so umzukrempeln habe, dass der respektive Sprössling für einen steilen Karriereweg vorbereitet werde.

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Blütenpracht im Elterngarten. Den (überschaubaren) Alkoholgenuss der Geburtstagsfeier bezahle ich mit der mittlerweile wöchentlichen Migräne, ich komme erst um zehn aus dem Bett.

Im Treppenhaus der Eltern hängt unter anderem das Hochzeitsfoto meiner spanischen Großeltern, aufgenommen in Madrid Anfang der 1940er. Soweit ich weiß, war der Blumenstrauß ein Dekogegenstand des Fotografen und nur geliehen.
Überm Morgenkaffee erzählt meine Mutter neueste Familiengeschichten aus Spanien, eher unangenehm. Heute halte ich für das bezeichendste Merkmal dieser spanischen Familienseite, dass keine Geschichten erzählt wurden: Diese Sippe hat kein Gedächtnis, webt einander nicht in einen gemeinsamen Mythos, es herrschen Abgrenzung, Missgunst, Bitterniss und Neid. Ich bin froh, dass ich über Herrn Kaltmamsell und Freundeskreis auch schöne, turbulente, lustige erweiterte Familiendynamik erleben darf. (Und habe Angst, dass meine nagende innere Missgunst mich zum typischen Mitglied meiner Familie macht.)

Heimfahrt im ausgebuchten Regionalexpress von Nürnberg: Ein benachbarter Vierersitz wird von einer Bilderbuchfamilie (Vater, Mutter, zwei Kinder) besessen, wie sie sich die Bahnwerbung hätte ausdenken können. Sie unterhält sich in muttersprachlich klingendem Englisch, darin deutsche Einsprengsel, die besonders deutlich ausgesprochen werden. Die beiden Kinder sind ganz klein, die Eltern beschäftigen sich mit ihnen ausschließlich, aber lässig und freundlich. Das etwas ältere kleine Kind ist sehr fröhlich und lebendig, dabei durchaus laut. Auch das sehr kleine Kind, das wohl gerade mal laufen kann, ist sehr agil; ich beobachte aus dem Augenwinkel den Vater, der ihm gegenüber sitzt und ständig in Bewegung ist, um das Kleine vor Verletzungen zu schützen, ohne es in seinen Aktionen einzuschränken: Sich über den Tisch beugt und mit seinen Händen die Kanten abdeckt, damit das Kleine sich nicht stößt, gelassen zur Seite greift, um einen Sturz zu verhindern. Und dann beginnt die Mutter leise zu singen, tonsicher und melodisch, der Vater stimmt leise passagenweise ein, sie bringen den Kindern ein Lied bei. Beim Aussteigen am Münchner Hauptbahnhof lächeln alle vier; ich bin nicht die einzige Passagierin, die mitlächelt.

Wir gehen direkt zum Mittagessen zu Marietta. Mein Schwertfisch auf Couscous ist sensationell saftig.

Zuhause Häuslichkeiten. Ich nehme Abschied von den Pfingsrosensträußen, verräume getrocknete Wäsche und die Freibadausstattung vom Vortag, räume den Geschirrspüler aus, hole und verräume den Ernteanteil.

Aus Letzterem (Salat, junge Zucchini, junger Knoblauch) wird das Abendessen, dazu brät Herr Kaltmamsell Halloumi nach einem Rezept von Delia Smith.

§

Goncourt walks down memory lane, lässt ein eigenes Leben hinter sich, aber auch das seiner Eltern und weiterer Vorfahren.
„16 Tons“.

[Das für mich selbst dann doch überraschend stärkere Hängenbleiben an Memorabilia, das ich jetzt nicht überwinde: Könnte man die Armbanduhr nicht reparieren? Das Miniaturengedöns und das gläserne Schachspiel, das sie mir geschenkt hat, das mir nie wirklich gefallen hat, kann ich nicht wegwerfen. Sein Mantel, über den ich mich kurz vor seinem Tod noch mit ihm unterhalten habe. Dinge als Staffellauf: In einem fortlaufenden Text zieht ein Wort von einem Absatz in den nächsten, als zum Passieren übergebene Münze, um so wenigstens in der Bewegungsform zum Curriculum zu werden.]

Gastarbeitergeschichte. Helmut Kohl, gestern verstorben, kommt auch drin vor.

Ich fürchte mich sehr vor dem Moment, wenn auch ich Leben wegräumen muss.

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Smilla Dankert macht Bekanntschaften auf ihrer Reise durch Istanbul.
„50 ccm, 3l Vernel-Tank“.

Zuerst sehe ich das Moped; es steht an der Küstenpromenade in Arnavutköy und sieht aus wie ein umgebautes Bonanza-Fahrrad. Chopper-Lenker, Doppelspiegel, Fransen-Pompons, chices blaues Täschchen, aus dem irgendein Werkzeug hervorguckt.

Triggerwarnung: TÜV-Angestellte sollten sich die Bilder nur in einer geschützten Umgebung ansehen.

Journal Mittwoch, 14. Juni 2017 – Es sommert

Donnerstag, 15. Juni 2017

Ein sehr sommerlicher Tag, das Schwitzen am Arbeitsplatz vermittelte mir, wie heiß es dort bei richtiger und tagelanger Außenhitze wird – dort kann ich ja nicht nachts durch offene Fenster runterkühlen.

Heimweg mit großer Freude über die bevorstehenden vier freien Tage. Ich spazierte erst mal ins Stadtzentrum, um nach einem Geburtstagsgeschenk für meinen Bruder zu sehen. Überall Menschen mit sommerlich sehr wenig Kleidung und Schuhwerk (interessant, wie wenig Befestigung am Fuß Sandalen benötigen).

Zum Abendbrot hatte Herr Kaltmamsell den sterbenden Basilikumbusch (in dem Moment, indem ich nach ihm greife, beginnt jeder Basilikum zu sterben) zu Pesto verarbeitet und servierte ihn mit Spaghetti. Ich wiederum steuerte Erdbeeren mit Sahne als Nachtisch bei. Wegen kompletter Kopfschmerzfreiheit traute ich mich sogar ein Glas Rum Punch.

§

Eine sehr schöne Geschichte auf Twitter – wenn sie erfunden ist, ist sie gut erfunden.

via @anneschuessler

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In der Süddeutschen denkt Julian Dürr nach über
„Der Mann in der Krise“.

Der Mann, so lassen sich diese Zahlen lesen, ist in der Krise. Und er verträgt diese Krise gar nicht gut. Sie macht ihn zum Extremisten, zum Fanatiker, Gewalttäter, vielleicht sogar zum Terroristen, mindestens aber zum Trump-Wähler. Der Mann ist ein gesellschaftlicher Problemfall. Und wie so oft, wenn es Probleme gibt, muss jemand schuld sein. Im Idealfall nicht man selbst. Deshalb ist die Interpretation dieser Zahlen – das, was der Problemfall selbst aus ihnen herausliest – so interessant. Etwas verkürzt lautet die Interpretation: Der Mann ist jetzt Opfer. Von Globalisierung, Feminismus und der bösen neuen Welt.

Es geht um toxische Männlichkeit, Remaskulinisierung und warum Gender-Stereotypen den Weg in die Zukunft versperren.

Journal Dienstag, 13. Juni 2017 – Sommersportstudio

Mittwoch, 14. Juni 2017

Lange Schlafunterbrechung in der Nacht – nicht wirklich unangenehm, nur dass mir halt bewusst war, dass ich nicht schlafe. Und mein Gehirn die Gelegenheit nutzte, lustig Sorgen hervorzuholen und Ideen auszuwerfen (von der Preisklasse, dass ich doch bei diesem warmen Wetter morgens gleich in Turnkleidung zum Sport gehen könnte – die Weltformel bleibt weiter unaufgestellt).

Endlich mal wieder Langhanteltraining, noch dazu in der schönsten Turnhose der Welt. Na gut, zumindest des Turnsaals (die ich Konsumopfer unbedingt haben musste, noch dazu für teuer Geld direkt aus USA, als hätte ich nicht bereits vier Gymnastikhosen (aber doch alle schwarz!)).

Körperpflege geht nach einer Turnstunde im Sommer sehr schnell: Die Haare trocknen von selbst, Eincremen wäre nutzlos, weil umgehend vom Nachschwitzen fortgespült.

Am Untergeschoß-Eingang zur U5 am Hauptbahnhof ein Dutzend Polizisten in Grün und Blau, die Fahrgäste scannten: Ich las später bei Twitter, dass es morgens am Bahnhof Unterföhring eine Schießerei gegeben hatte.

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Auf dem Heimweg im Elektronikkaufhaus eine Schutzhülle fürs neue Telefon gekauft, Armhalterung fürs Musikhören auf dem Crosstrainer fand ich nicht (und hatte keine Zeit, Personal zum Fragen zu jagen), werde ich wohl im Internet kaufen.

Die Linden blühen. Vergangenen Freitag hatte ich zum ersten Mal eine in der Nase, gestern waberte mir der herrliche Duft an vielen Ecken entgegen.

Ein spontaner lieber Abendbrotgast, Herr Kaltmamsell hatte gekocht: Splattered Egg Curry. Ich hätte sehr gerne einen Schluck Wein dazu getrunken, wollte aber keine Migräne riskieren (beim letzten Einkauf hatte ich die Apothekerin nach dem Preis für das Migräne-Medikament gefragt: Huiuiui!).

Vorm Schlafengehen weiteres Gefrickel am neuen Handy, ein paar Inhalte fehlen mir immer noch.

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Vielschichtige Momentaufnahme von Croco:
„Ein Bauer geht“.

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Zwei Geschichten aus dem Techniktagebuch, die ich besonders gern gelesen habe:

Geschichten aus der Sternwarte finde ich immer superspannend, je mehr Details, desto besser. In dieser geht es im menschliche Biologie und ihren Umgang mit der Dunkelheit:
„Der Rotlicht-Hack“.

Auch über Eltern, die keine Angst vor Kind und Technik haben, lese ich interessiert. Hier begleitet ein Vater sein Kind in ein Computerspiel:
„Mein Kind klettert in den Fernseher“.


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