Journal Samstag, 16. September 2017 – Wahlhilfeschulung

Sonntag, 17. September 2017 um 8:19

Auch am gestrigen Samstag klingelte der Wecker früh, denn ab 8:30 Uhr war ich auf Wahlhilfeschulung. Bislang habe ich ja nur bei einer Europawahl geholfen, das war sehr einfach und ich war lediglich Beisitzerin (das sind die, die nur Anweisungen ausführen). Nächsten Sonntag aber helfe ich Bundestag wählen, und das ist ein bisschen aufwändiger (Königsklasse: Landtagswahl), außerdem wurde ja eine computer-gestützte Übermittlung der Zählergebnisse eingeführt, die geschult werden muss.

Ich spazierte im Regen zum Münchner KVR. Die ganze Sache war recht aufregend: Es ist einfach erstaunlich und erhebend, welcher Aufwand betrieben wird, damit diese Wahlen demokratisch und rechtskonform ablaufen. Ich bin versucht vorzuschlagen, dass Verschwörungstheoretiker einfach mal eine Wahl als Wahlhelfer mitmachen – doch das basiert schon wieder auf der Fehlannahme, dass sie Vernunftargumenten zugänglich sind. Unter anderem machte mir die Schulung klar, wie viel Verantwortung ich nächsten Sonntag trage, ich fühlte mich richtig staatsbürgerlich.

Schön ist die Transparenz des neuen Systems: Alle Unterlagen zur gestrigen Schulung, inklusive Screenshots des neuen Erfassungssystems auf Notebooks, sind hier öffentlich einsehbar.

Da ich bislang noch keine Wahlschulung hatte, war ich dankbar für die Auffrischung von Grundsätzlichem, unter anderem:
– Wahl und Auszählung sind öffentlich: Wenn Sie sich persönlich davon überzeugen wollen, dass bei der Stimmabgabe und bei der Auszählung alles mit rechten Dingen zugeht – in ihrem eigenen Wahlbezirk oder in einem, den Sie schon immer der Mauscheleien verdächtigten -, gehen Sie einfach hin und schauen zu. Überprüfen Sie, ob wirklich nur wählt, wer wahlberechtigt ist. Ob sie das auch wirklich geheim tun. Wie ausgezählt wird, wie über strittige Wahlzettel diskutiert wird und was das Ergebnis ist.
– Der Wahlzettel dient nur der Stimmabgabe. Jede Veränderung des Wahlzettels (Rumschmieren, Durchstreichen, Kommentare) macht die Stimme ungültig.

Wichtigster Schulungsinhalt für mich war allerdings das Trainieren des Umgangs mit einer bestimmten Art von G’schaftlhubern, die die Schulung störten und deutlich verzögerten: Es existiert die Möglichkeit, dass ich am Wahltag mit solch einem Typ Mensch zusammenarbeiten muss; gestern konnte ich schon mal üben, ihm nicht an die Gurgel zu gehen.

Wenn ich Sie an dieser Stelle bitten dürfte, nächsten Sonntag zur Bundestagswahl zu gehen? Sollten Sie überzeugte Nichtwählerin sein, werden ich Sie nicht ohne ausführliches Gespräch umstimmen können. Sollten Sie aber lediglich eine gewissen Trägheit verspüren oder zögern, weil Sie nicht recht wissen, welche Partei Sie wählen sollen: Bitte, bitte gehen Sie wählen. Jede nicht abgegebene Stimme ist eine für die anderen. Unsere Demokratie gehört zu den größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte, so viel man daran auch verbessern könnte. Doch sie ist nichts ohne Demos, das Volk – Wählengehen ist „Wir sind das Volk“.1

Sollte Ihnen die Entscheidungsfindung mühsam erscheinen, hilft Ihnen ja vielleicht diese Übersicht: Die Süddeutsche hat dankenswerterweise die Kernaussagen der Wahlprogramme zu einigen wichtigen Themen zusammengefasst. Und zum Thema Bildung empfehle ich in brandeins diese Zusammenfassung der Parteiaussagen in leichter Sprache. Beides hat zumindest mir bei der Entscheidung deutlich mehr geholfen als jeder Wahlomat.

§

Auf dem (wegen G’schaftelei um eine halbe Stunde verspäteten) Heimweg besorgte ich Obst und Semmeln fürs Frühstück, es regnete immer noch.

Fürs Techniktagebuch aufgeschrieben:
„Fernwandern verbessern mit elektronischen Karten und Ortung“.

Nachmittags ausführliches Bügeln, dabei hörte ich unter anderem das Radiofeature von Johannes Nichelmann
„Rückkehr in die Provinz
No Land Called Home“.

Recht gruslig. Mich verletzte geradezu, dass die Bewohner und Bewohnerinnen dieses bayerisch-schwäbischen Dorfs behaupteten, für Bayern zu sprechen. Und ich dachte darüber nach, wie viel richtiges Leben es im falschen geben kann – wie einverstanden man mit einer Gesellschaft sein kann, in die man selbst problemlos passt, die aber die meisten Bevölkerungsgruppen ausgrenzt.

Mir gefiel die Struktur des Radiofeatures, in dem die Situation des Aufnehmens der Gespräche immer wieder thematisiert wird, in dem man immer wieder den Autor mit Kopfhörern und Mikrophon vor sich sieht.

§

Was ganz Anderes: Künstliche Wimpern.
Nachdem ich mich über die vergangenen Jahre langsam an die hingemalten Manga-Augenbrauen bei Frauen gewöhnt habe, stehe ich jetzt vor einer neuen Herausforderung: Junge Frauen mit aufgeklebten Wimpern – gerne von einer Künstlichkeit, dass sie wie ein Streifen schwarzen Papiers aussehen (vielleicht sogar genau das sind?), in einer Länge und Dichtheit, wie ich sie bis dato nur von Drag Queens kannte. Vermutlich ist das wie Tätowierungen und Piercings eher als Körperschmuck einzuordnen denn als Kosmetik. Ganz erstaunlich.

  1. Auch wenn Parteiendemokratie heißt, dass das Ergebnis trotzdem nicht in jedem Detail darauf ausgerichtet ist, was Sie ganz persönlich gerne hätten. []
die Kaltmamsell

11 Kommentare zu “Journal Samstag, 16. September 2017 – Wahlhilfeschulung”

  1. MissJanet meint:

    Meine ganze Familie wählt, immer, schon immer. Dieses Mal bin ich so schrecklich unentschlossen, ich werde mir Ihre Links in Ruhe ansehen, vielen Dank dafür.

    Diese Wimpernsache, das stört mich auch. Kein Mensch hat 1,2 cm lange Wimpern, ich kann nicht fassen, dass mir das Gekräusel als echt verkauft werden soll, mit dem ganzen Gewicht von Plastikhaaren und Kleber. Dann noch fett Eyeliner drauf und spermaförmige schwarze Augenbrauen. Ich weiß ja nicht, wozu das gut sein soll. Aber – ich bin auch in einem Alter, in dem ich viele Verbesserungen durch die Emanzipation gemerkt habe, die heutzutage als selbstverständliche Rechte angesehen werden, für mich gilt Natürlichkeit als Zeichen dafür, dass Frauen sich nicht mit Make-Up und anderen „Enhancements“ verkleiden, um dem Herrn gefällig zu erscheinen (womit ich die freie Entscheidung der Frauen natürlich nicht in Abrede stellen möchte, ich schildere nur mein subjektives Empfinden).

    Letztens traf ich eine Dame, die sich Einzelwimpern hat einkleben lassen, auch über 1 cm lang. Das sah theoretisch ganz natürlich aus, praktisch jedoch so, als hätte sie Raupen auf den Augen, ich habe das dann mal beobachtet, Erwachsene wie Kinder starrten sie an, um herauszufinden, was mit ihren Augen nicht stimmt. Mehrere Kinder haben sich richtig erschreckt. Sie trug die Teile dann auch nur wenige Tage, sieht seitdem wieder normal und viel besser aus.

  2. Pixelpu meint:

    In England hatten wir beim Wandern offline Karten vom Veranstalter, wo auch schon der Weg eingezeichnet war. Man konnte sich über eine App diese Karten auch noch runter laden und hat ebenfalls vom Veranstalter die GPS Daten der Tour bekommen. Da man diese App dann auch offline nutzen konnte und überall Empfang war, hatte man gar keine Chance sich zu verlaufen. Ich fand es großartig und sehr praktisch, da die Beschreibung in Textform oft sehr missverständlich war.

  3. arboretum meint:

    Ich mochte auch die Lilteraturanalysen der Wahlprogramme, die der Deutschlandfunk Kultur brachte:

    AfD Spröde Sprachstanzen wie aus Sodom und Gomorra von Thorsten Jantschek (13.09.2017)

    CDU/CSU: Der Leersprech der satten Sieger von Sieglinde Geisel (15.09.2017)

    Die Linke: Wahlen als verkapptes Rachedrama? von Florian Werner (11.09.2017)

    FDP: Auf der Suche nach vier verlorenen Jahren von Ursula März (12.09.2017)

    Grüne: Melange aus Werbe- und Krimi-Ästhetik von Paul Stänner (16.09.2017)

    SPD: Wie im Katalog – für jeden was dabei von Mathias Greffrath (14.09.2017)

    Auch inhaltlich war das durchaus erhellend.

    Ich habe bereits per Briefwahl gewählt, tat mich aber diesmal sehr schwer mit der Entscheidung, was ich mit meiner Erststimme mache. Ich kenne viele, denen das genauso geht.

  4. Nina meint:

    Ich finde diese ganze Make up-Übertreibungen großartig! Sie entsprechen überhaupt nicht meinem persönlichen Stil und Geschmack und ich würde das alles nie tragen. Aber sie führen eben so wunderbar vor, dass, wie Sie auch schreiben, eben alles Drag ist. Es geht da nicht darum, „natürlich schön“ auszusehen. Was von Frauen ja immer erwartet wird: wir sollen bitte adrett und natürlich ästhetisch aussehen, man soll also nicht merken, wieviel Arbeit (und Kosten) damit verbunden ist, so „natürlich“ auszusehen. Und bei diesem dicken make-up sieht man jetzt, dass es eben nicht natürlich ist. Es ist so sehr „in your face“, dass es diese unausgesprochenen Schönheitsstandards frontal vorführt und ad absurdum führt. Und es bestätigt den alten queeren Spruch „we are all
    born naked, the rest is drag“.

  5. Croco meint:

    Vielen Dank für die Einführung in die Wahlhilfe. Ich hätte nicht gedacht, dass das so aufwändig ist.
    Und wie macht man das mit dem „Nicht an die Gurgel gehen“? Ich brauche das diese Woche noch.
    Ein bißchen gnädig bin ich mit den Gheishas, die mir täglich gegenüber sitzen. Meine Schminkwelle hatte ich zwischen 14 und 18, vor lauter Lila habe ich fast die Augen nicht auf bekommen. Mittlerweile denke ich, dass es so ne Art Kriegsbemalung ist, mit Männern hatte das nichts zu tun.

  6. arboretum meint:

    @ croco: Vor zwölf Jahren, als ich mal Wahlhelferin bei einer Bundestagswahl war, wurde noch kein so großer Aufwand betrieben, damals gab es allerdings auch noch keine computergestützte Übermittlung.

  7. berit meint:

    Vielen Dank für den Link zu den Wahlprogrammen :)

    Ich bin immer noch leicht amüsiert wie viel Aufmerksamkeit der Bemalung von Frauen geschenkt wird und warum immer noch angenommen wird, man macht das für Männer.

  8. Modeste meint:

    Wimpern. Auch so ein Ding. Ich habe wie viele Asiatinnen keine schönen, weil die innenliegenden Lider sie zum größten Teil verdecken. Mit künstlichen Wimpern sehe ich aber auch ganz merkwürdig aus.

  9. fxf meint:

    Einspruch: die Königsklasse in puncto Auszählen sind die Kommunalwahlen in Bayern (Stichwort: Kumulieren und Panaschieren). Das mit der Schulung muss tatsächlich neu sein, das gab es früher nur für die Wahlvorstände; das „Fußvolk“ wurde dann vom Wahlvorstand morgens eingewiesen.

  10. Rob meint:

    Woher kommt diese plötzliche Begeisterung für die Wahlhelferei? Manche sind ja richtig traurig, nicht genommen zu werden.

    Es ist keine zehn Jahre her, dass der Bürgermeister hier um Vorschläge bat, wen man noch shanghaien könnte.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Ihr Eindruck trügt, Rob: In ganz Deutschland sinkt die Bereitschaft, viele Städte müssen Staatbedienstete zwangsverpflichen.
    http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestagswahl-rekruten-an-die-urnen-1.3672954

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