Journal Sonntag, 25. Februar 2018 – Rückreise von Bonn

Montag, 26. Februar 2018 um 6:40

Ausgeschlafen, wegen bewusst wenig Alkohol auf dem Fest keine Migränegefahr.
Gebloggt, dann machten wir uns in eisiger Sonne auf den Weg zur Tramstation. Auf dem sich direkt vor uns die Bahnschranke senkte. Ich hatte meinen Begleiter gerade dazu überredet, einen Umweg zur Fußgängerunterführung zu machsen (bei dieser Kälte werden bereits fünf bis zehn Minuten Rumstehen sehr ungemütlich), als sich die Schranke nach dem ersten durchgefahrenen Zug wieder hob.

Tramfahrt eine halbe Stunde bis Siegburg (diese Gegend ist Öffi-technisch verwirrend), wo wir noch Zeit für einen Frühstückskaffee und Brotzeiteinkäufe hatten, bevor wir uns in den ICE nach München setzten. Die meiste Zeit der Strecke waren wir umgeben von US-amerikanischen Teenagern, deren Gespräche über Gastfamilien, Bürokratie ihres Aufenthalts und Unterschiede Deutschland/USA hochinteressant waren (immer noch bestehen 25% der Sätze dieser Bevölkerungsgruppe aus „like“ – geht das mal weg?). Während des Lauschens las ich die Wochenend-SZ – gekauft am Bahnhof in Siegburg, weil mir mein abonniertes Exemplar sicher geliefert worden war, allerdings vor der Wohnungstür in München lag, und ich wollte sie halt jetzt lesen.

Kurz vor Stuttgart schloss sich die Schneedecke. Daheim erst mal alle Heizkörper aufgedreht, ich war sehr froh über moderne Technik.

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Im Hamburger Abendblatt befasst sich ein Essay mit den Problemen, die der Individualverkehr mit Privatautos dadurch verursacht, dass die Riesendinger die weitaus meiste Zeit ungenutzt herumstehen:
„Es gibt kein Recht auf Parkplätze“.

Folgerichtiger Vorschlag:

Kaum etwas ist in Städten wie Hamburg so knapp und kostbar wie Platz. Müssten Autobesitzer eine marktkonforme Grundstückspacht für die zum Parken genutzten zwölf bis 20 Quadratmeter öffentlicher Fläche zahlen, würde das Autofahren in Metropolen schlagartig viel teurer. Weil es einen realistischen Preis bekäme.

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Sandra Wiegard hat einen schönen Artikel aus der Süddeutschen von 2005 ausgegraben:
„Blogs
Die große Bühne der Einsamen“.

2005 schrieb Helmut-Martin Jung:

Im Ozean der Banalitäten

Sieben Millionen Menschen sind es einer im Januar veröffentlichten Studie zufolge allein in den USA, die mehr oder weniger regelmäßig aufschreiben, was sie bewegt: Privates wie Politisches, Intimes und Irritierendes, Bedeutsames und Banales.

Jeden Tag entstehen weltweit Tausende neue Blogs. Doch die meisten dieser Internet-Tagebücher fristen ein eher trauriges Dasein irgendwo auf den Abstellgleisen des Webs, und: Selbst von den Internet-Benutzern in den USA wissen zwei Drittel gar nicht, was das sein soll, ein Blog.

(…)

Viele tun sich schwer, sehr schwer, wieder aufzutauchen aus der Blogosphäre: „Die Suchtgefahr ist nicht zu leugnen“, sagt Gabriele Farke, Autorin eines Buches über Online-Abhängigkeit, die zugleich die Internetseite onlinesucht.de betreibt.

„Es ist gnadenlos, was da in den Geständnissen rüberkommt.“ Schon früher öffneten viele in Foren schonungslos ihre Herzen, aber anonym, „das hat ja nie jemand gesehen“. Nun aber, bei den Blogs, „wünschen sich die Leute das“.

(…)

„Ist es bedenklich, wenn man von jedem neuen Hotel schon den Katalog auf INet-Anschluss checkt und auf dem Zimmer als erstes Ausschau hält, ob es einen LAN-Anschluss gibt?“, fragt sich der Blogger Stefan Nagelschmitt – auf seinem Blog.

„Oder fängt es erst wirklich an, gefährlich zu werden, wenn man nachts 2,5 Stunden in der Kälte auf einer Biergarnitur vor einem geschlossenen Kiosk sitzt, um den Access Point eines ebenfalls geschlossenen Jazz Cafés auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu nutzen?“

Wer kann das schon genau sagen? Sicher ist, das zeigen Gabriele Farkes Erfahrungen mit Online-Süchtigen, dass viele Menschen sich völlig abkapseln von ihrem früheren Leben und einfach kein Interesse mehr daran aufbringen, sich mit realen Menschen an realen Orten zu treffen.

Leben in der eigenen Welt

Besuch wird ihnen lästig, Partnerschaft und Job leiden unter dem ständigen Zwang, nur ja nichts zu verpassen, auch an dem unvermeidlichen Schlafmangel. Und in der Familie fühlen sich Süchtige als Außenseiter, die in ihrer eigenen Welt leben.

Natürlich ist es billig, sich 13 Jahre später über diese Aussagen lustig zu machen: Der Mensch ist nun mal beweisbar schlecht in Prognosen über die Auswirkung technischer Entwicklungen. Aber leider: Es wäre billig, läsen sich die meisten Einschätzungen von Online-Medien nicht heute praktisch noch genauso.

Auf der riesigen Geburtstagsfeier am Samstagaben übrigens hatte die Gastgeberin mehrere Dutzende Menschen eingeladen, mit denen sie über folgende Schnittpunkte befreundet war: Blogs, Gemeinschaftsblog, Familie, Online-Forum, Chor, Ferienhaus im Süden. Ganz offensichtlich eine Süchtige und Außenseiterin.

(Und wegen dieser Einladung musste ich das zweite #rpmuc absagen, zu dem Cucina casalinga Bloggerinnen und Twitterinnen zusammengerufen hatte.)

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Sonntag, 25. Februar 2018 – Rückreise von Bonn“

  1. ellebil meint:

    Ja, der Bonner ÖPNV, da kann man nur anfangen zu starren. Ich habe beschlossen, dass Siegburg nur ein Euphemismus für „Bonn (tief)“ ist.

  2. kid37 meint:

    Auch wenn es mich ungeheuer nervt, mit welcher Selbstverständlichkeit heute z.B. im Restaurant das Smartphone neben die Gabel auf den Tisch gelegt und beglotzt wird, so bleibt es doch festzuhalten: das Internet und vor allem Blogs bingen Menschen ja wirklich zusammen. Also, so in echt. Das möchte ich dann doch nicht missen, zumal großartige Begegnungen für mich darunter waren.

  3. Brigitte Novacek meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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