Journal Sonntag, 29. April 2018 – Eine Erstkommion

Montag, 30. April 2018 um 6:17

Die gestrige Familienfeier war eine Erstkommion in der Verwandtschaft von Herrn Kaltmamsell. Ich lernte eine Menge.

Als einst sehr aktiver Ex-Katholikin war mir das Grundprinzip vertraut, doch da mich meine katholische Erziehung ziemlich beschädigt hat, kosteten mich freundliche Gefühle dabei Anstrengung. Ich bemühte mich um eine ethnologische Perspektive, die ich für religiöse Rituale in einem japanischen Shintō-Schrein automatisch hätte.

Heutzutage, so lernte ich unter anderem, wird Erstkommion in kleinen Kindergruppen über zahlreiche Wochenenden hinweg gefeiert. Zu meiner Zeit waren wir ein großer Haufen Kinder gewesen, der das an den beiden Wochenenden nach Ostern machte; der erste Sonntag nach Ostern hieß „Weißer Sonntag“. Die gestrigen Kommionkinder saßen im Halbrund auf Stühlen im Altarraum, mit dem Rücken zur Gemeinde; wir hatten damals die ersten paar Kirchenbänke besetzt. Die Kinder waren auch sehr aktiv an den Aktionen im Gottesdienst beteiligt.

Die Kirchenlieder haben sich verändert. Das Gotteslob (Buch mit Sammlung von Liedern, das in großer Zahl von der Kirche zur Verfügung gestellt wird) enthält deutlich andere Lieder. Dass die gestern daraus gesungenen eine deutliche Rolf-Zuckowski-Schmissigkeit aufwiesen, war wahrscheinlich dem Anlass geschuldet, aber früher stand diese Art Lieder ebeso wenig im Gotteslob wie die Happy Clappy Songs, mit denen ich an zahlreichen Jugendgottestdiensten mitwirkte.

Durch den distanzierten Blick musste ich sehr an die Kollegin aus Vietnam denken, mit der ich mich mal vor Weihnachten über Weihnachtszeit in Vietnam unterhalten hatte. Sie hatte die christlichen Feiern in Kirchen dort sehr gemocht: „Singe, esse Keks.“ Das fasst eine christliche Abendmahlfeier gut zusammen. Die Liturgie (Reihenfolge der Gottesdienstbestandteile samt Choreografie) habe ich immer noch in den Knochen. Immerhin muss bei einer Erstkommion, anders als bei einer katholischen Taufe, nicht dem Teufel widersagt werden.

Die Kleidung der Kommionkinder war eine Betrachtung wert. In vielen Gemeinden, so habe ich mir sagen lassen, sind seit Jahrzehnten Einheitskutten üblich, um die ausufernde Materialschlacht zu bändigen. Die Kinder gestern waren individuell ausgestattet, die Mädchen erwartbar, doch die Buben sehr unterschiedlich: Zur Mehrheit mit Erwachsenenanzügen in Kindergrößen kamen Abwandlungen von weißem Dinner Jacket bis Bayernverkleidung.

Der strahlende Sommertag war perfekt für den Anlass. Nach der Kirche fuhr unsere Festgemeinde zum Gut Schloss Sulzemoos, dortselbst sehr gutes Essen als Buffet serviert, allgemeines Mischen und Kennenlernen/Wiederkennenlernen verschiedener Verwandtschaftsstränge. Teile davon fanden sich am Nachmittag nochmal im Elternhaus des Kommionkinds zusammen: Kaffee und Kuchen. Noch vor der Abendandacht, zu der die Erstkommionkinder nochmal in die Kirche gingen, verabschiedeten sich Herr Kaltmamsell und ich; den Rest des Nachmittags verbrachte ich auf unserem Balkon in einem Sessel und las die Wochenendzeitung.

Dorfidyll am S-Bahnhof. Vor allem wollte ich festhalten, dass dieses Jahr Flieder und Kastanien gleichzeitig blühen – ungewöhnlich, sonst blüht der Flieder im ersten grünen Hauch der Bäume, deutlich später im Mai kommen die Kastanien dran.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Sonntag, 29. April 2018 – Eine Erstkommion“

  1. Elfe meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  2. Marie Bodenlang meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    heisst das wirklich „Kommion“ bei Ihnen unten in MUC? Ich kenne die beschriebene Zeremonie nur als „Erstkommunion“.

    Feühlingshafte Grüße aus Preußen

    Marie

  3. die Kaltmamsell meint:

    Nein, Marie, aber meiner Meinung nach sollte es das. Ich arbeite an einer Sprachänderung.

  4. Frau Emscher meint:

    Ich bin sehr dafür! Wo kann ich unterschreiben?

  5. Thea meint:

    Meine Erstkommion und die Ihre sind wie Zwillinge. Mit Grausen erinnere ich mich daran.
    Trotzdem: Gerne gelesen.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Einfach konsequent verwenden, Frau Emscher!

  7. Sibylle meint:

    Also die katholischen Westfalen hier sagen alle Kommion :-)

  8. Julia meint:

    „Singe, esse Keks“ made my day!! Danke dafür.
    Ach, und ich bin als ehemalige Protestantin davon überzeugt, dass die Katholen das mit der Kommion ganz schlau machen: In dem Alter kann man sich noch nicht so wehren. Wir pubertierenden Konfirmanten wollten ständig rebellieren – und wurden dafür mit Dauerwelle und Perlenkette bestraft (es waren die 80er). Wirklich ethnologisch oder kulturanthropologisch untersuchenswert…


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