Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims

Dienstag, 10. April 2018 um 5:35

Ich hatte französisch-intellektuelles Theoretisieren befürchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lektüre wartete), tatsächlich bekam ich eine sehr interessante Erzählung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen über Didier Eribons Rückkehr nach Reims, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute zu akademischen Ehren gebracht hatte um den Preis des Bruchs mit seiner Herkunft.

Das Buch erzählt in Fragmenten, ich bespreche es in Fragmenten.

Unter den vielen Dingen, die ich aus der Lektüre lernte: Zwischen Soziologen und Psychologen besteht wohl eine Erzfeindschaft um die Deutung der Welt. Die einen sehen gesellschaftliche Strukturen als Haupteinfluss des Lebensverlaufs, die anderen Charakter und Gefühle, geformt von individuellen Erlebnissen.

Die berühmten Namen, die Eribon zu seiner intellektuellen Entwicklung aufführt, von Sartre über Foucault bis Barthes und Bourdieu sagten mir schon alle was, gelesen hatte ich von ihnen kaum etwas (nur im Studium, Zusammenhang Literaturtheorie). Zu Beginn des Buchs befremdete mich Eribons wissenschaftliches Fachvokabular beim Beschreiben persönlicher Erinnerungen und Erlebnisse, zwar gewöhnte ich mich daran, fand es bis zum Schluss ein wenig albern.

Am bereicherndsten fand ich Eribons Ausführungen, warum die kleinen Leute in Frankreich heutzutage Front National wählen. Meine Zusammenfassung: Weil die Linken den Klassenkampf zugunsten des Neoliberalismus aufgegeben und die kleinen Leute damit im Stich gelassen haben – mir fiel sofort die verheerende Agenda 2010 ein. Ganz sind die beschriebenen Mechanismen aber nicht auf Deutschland übertragbar, bei uns ist es ja eher der beleidigte Mittelstand, der AfD wählt, nicht die Schicht, die mit einem Vollzeitjob nicht den Lebensunterhalt sichern kann. Letzteres ist übrigens meiner Ansicht nach eine auch heute funktionierende Definition der Arbeiterklasse, die schon lange nichts mehr mit Fabrik und Produktion zu tun hat: Heute sind es die Regaleinräumerinnen, die Putzfrauen, die Sicherheitskräfte, die auf Zweitjobs angewiesen sind. Früher (TM) hielten Arbeiter Hasen und Hühner, bauten Obst und Gemüse an, um den Lebensunterhalt zu sichern – das war durchaus auch ein Zweitjob.

In diesem Zeit-Interview von 2016 führt Eribon seine Erklärung des Rechtsrutschs der Arbeiterschicht aus:
„‚Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk'“.

Den letzten Anstoß, dass ich das Buch trotz befürchteter Anstrengung lesen wollte, war die Rezeption des girls from the trailer park:

Was mich dann aber doch dafür eingenommen hat, ist, wie der Autor auch nach Jahrzehnten von Arriviertheitsübungen diesen Status kontinuierlich von verschiedenen Seiten aus auseinandernimmt, wie er ohne Mitleid mit sich selbst und anderen schildert, was ihn das gekostet hat und welche Überraschungen eine solche Grenzüberschreitung mit sich bringt

Was mich befremdete: dass Eribon sich seiner Herkunft schämt und sie lange verheimlichte (dass er seine Eltern 30 Jahre nicht besuchte, stieß mich in seiner Härte ab). Ich als Gastarbeiterkind ging mit meiner Herkunft immer eher hausieren – doch schon wenig Überlegen macht mir klar, dass sie nicht vergleichbar ist: Die Ausbrecher aus Abstammung und vorgezeichnetem Lebensweg waren meine Eltern und war nicht ich, ich habe ihren Aus- und Aufstieg lediglich fortgesetzt. Und im Gegensatz zur Bloggerin oben hatten beide gute Feen, die ihren Aufstieg wollten und erleichterten: Die meines Vaters war ein Onkel, der ihn und seinen Bruder in Madrid förderte und den beiden zu raren Plätzen erst in einer guten Salesianerschule, dann in einer Berufsschule verhalf. Die meiner Mutter war eine Grundschullehrerin bei den Franziskanerinnen, die nicht nur dafür sorgte, dass sie Deutsch lernte, sondern ihr sogar den Besuch des Gymnasiums ermöglicht hätte – da aber verweigerte sich meine polnische Großmutter (angeblich weil sie befürchtete, meine Mutter würde dann ins Kloster gehen).

Dieses Nutzen von Chancen für Leistung und Erfolg verlangten meine Eltern auch von mir – es stand jederzeit außer Zweifel, dass ich gesellschaftlich jedes Recht darauf hatte. Mit dieser Haltung ging ich durchs Leben – und fühlte mich den Notars-, Apothekers-, Lehrerinnen- und Architektenkindern in meiner Schulklasse nie unterlegen (ich war auch keineswegs die einzige Schülerin aus der Arbeiterklasse). Im Studium beneidete ich Kommilitonen wohl um Elternhäuser mit Bibliotheken und Zeitungsabos – weil ich mir das auch wünschte. Und klar musste ich viel Habitus an der Uni erst mal lernen – doch das musste ich in der Fabrik bei Ferienjobs genauso („Mahlzeit!“). Wenn der Professor aus sehr gutem Hause, an dessen Lehrstuhl ich als Hiwi arbeitete, mich am Semesterende schon wieder nach meinen Urlaubsplänen fragte und ich ihm schon wieder erklären musste, dass ich die vorlesungsfreie Zeit zum Geldverdienen brauchte statt für Urlaub – dann sah ich das als peinliche Wissenslücke auf seiner Seite: Lebensumstände anderer Schichten zu kennen, forderte ich in alle Richtungen als Allgemeinbildung ein. (Ein Ansinnen, mit dem ich mich in den Augen einer Soziologin vermutlich lächerlich machte.)

Im Zuge meines Fortkommens gab es zwar auch den einen oder anderen Bruch in Prioritäten und Lebensstil im Vergleich zu meiner Herkunft, doch ich war immer sehr stolz auf das, was meine Eltern geschafft hatten (unterlegen fühlte ich mich am ehesten noch ihnen).

Ganz anders Eribons Hintergrund: Seine Brüder verblieben in der Arbeiterschicht, unter allen Verwandten, von denen er erzählt, ist er der einzige Wechsler. Seltsam fand ich Eribons Verweigerung jeglicher psychologischer Erklärungen – was mir vor allem bei der Beschreibung der Rolle seines Schwulseins auffiel: Selbst die Ausgrenzung, Gewalt und die Verachtung, die er als Schwuler erfahren hat, beschreibt er mit gesellschaftlichen Mechanismen, nicht mit Gefühlen. (Was durchaus interessant ist und mir Lust auf Eribons soziologische Werke über das Thema macht.)

Übrigens gibt es ein Detail an dem Buch, das mir das Lesen auffällig erleichtert hat: Der Satzspiegel. Das schmale Format, die Schriftart und -größe, viele Absätze – ich las den Text doppelt so schnell wie derzeit Stanisław Lems Sterntagebücher mit ihren kleinen Buchstaben, die mit wenig Zeilenabstand über extrabreite Seiten laufen.

§

Ein milder Tag, allerdings mit vielen Wolken.

Ich machte wieder so Feierabend, dass ich anschließend noch etwas erledigen konnte, und zwar holte ich den eigentlich für vorherigen Samstag geplanten Hosenkauf nach. Der Einfachheit halber ging ich zum Konen, wo ich ja gewohnt bin, einer ausgebildeten Verkäuferin meinen Wunsch zu schildern und mir dann Kleidung anreichen zu lassen. Doch leider gibt es diesen Konen nicht mehr. Es kümmerte sich niemand um mich, ich sah praktisch kein Personal. Und auch beim Konen ist die Waren nicht mehr nach Art der Kleidung (Hose, Bluse, Kleid) sortiert, sondern nach Herstellern. Wenn ich also wie gestern eine weiße, 3/4 lange Hose suchte, musste ich bei allen Herstellern einzeln nachsehen – die gerne mal auch noch verschiedene Konfektionsgrößensysteme haben von Damengrößen über Jeansgrößen bis S/L/M etc. Ehrlicherweise hatte das mit den Fachverkäuferinnen schon beim letzten Einkauf vor einem Jahr nicht mehr geklappt – auch Herr Kaltmamsell traf bei seinen jüngsten Einkäufen in der Herrenabteilung nicht mehr den einst gewohnten Service an. Ich bekam eine Hose, die auch passte – glaube ich, schließlich stand keine Fachfrau neben mir, die das wirklich einschätzen und im Zweifelsfall eine Alternative empfehlen konnte. Jetzt gibt es leider keinen Grund mehr, zum Konen zu gehen.

die Kaltmamsell

10 mal Beifall zu “Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims

  1. Hauptschulblues meint:

    Beck, Konen, Hirmer, das waren die Geschäfte, in denen man/frau gut einkaufen konnte, bei bester Beratung. Beck war vor 20 Jahren der erste, der nach Herstellern umsortierte. Seitdem wird er gemieden, ebenso wie Konen. Am ehesten klappte es noch bei Hirmer, da hängen die Herrenhosen und die Sakkos noch beieinander – es gibt allerdings schon Herstellernischen. Aber H. braucht nur noch sehr wenig und trägt seine Kleiderschränke auf.

  2. Sewwi meint:

    Ich muss jetzt Konen ein wenig in Schutz nehmen: Es stimmt zwar, dass dort auch diese (in meinen Augen) Unsitte der Markenaufteilung herrscht, aber ich habe noch immer eine kompetente Verkäuferin oder einen Verkäufer gehabt. Erst letzten Freitag war ich dort zum Kleiderkauf – die Verkäuferin schleppte eines nach dem anderen an und hatte wirklich einen guten Blick dafür, was mir steht.
    Vielelicht sieht man mir aber auch an, dass ich ohne Beratung nichts kaufen würde?

  3. Roland B. meint:

    Kommt die Unsitte mit der Sortierung nach Marken daher, daß das schneller geht und auch vom dümmsten Mitarbeiter auszuführen ist, oder weil große Teile der Kundschaft von vorneherein nach bestimmten Marken suchen?

  4. Sabine meint:

    Großartige Rezension die Du da geschrieben hast. Mich hat das Buch sehr beschäftigt, insbesondere da ich selbst Arbeiterkind aus ziemlich kaputten Verhältnissen bin.
    Falls es interessiert, meine Rezension dazu ist hier:
    https://bingereader.org/2017/08/30/double-francais/

  5. Sabine meint:

    Ich hatte letzten Herbst das große Glück, Eribon und seinen noch viel beeindruckenderen Mitstreiter Édouard Louis (und ihren umwerfenden Übersetzer) in den Kammerspielen bei einem Gespräch zu erleben, und selten hat mir so viel Klugheit das Hirn durchgepustet. Louis hat eine ähnliche Geschichte, sein Buch “Das Ende von Eddy” ist ganz schön hart, aber von gleicher Klarheit und gleichem Mängel an Selbstmitleid. Leseempfehlung, vielleicht? Die beiden haben wirklich viel über die europäische Linke zu sagen.
    In meiner Herkunftsfamilie ist der letzte Fall von Abschied aus der Arbeiterklasse gut und gerne 90 Jahre her. Mein blitzgescheiter Großvater fand als Bub einen väterlichen Mentor mit Klavier und Bibliothek in der Beletage des Mietshauses, der dafür sorgte, dass er aufs Gymnasium kam, mit dem er sich dann aber dann zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft überwarf, als der alte Herr die vermeintliche Größe der neuen Zeit starrsinnig ablehnte… Sonst ist alles eher klein- bis bildungsbürgerlich; Geschichten wie die Eribons, Louis‘ oder deine finde ich deswegen aber nicht weniger interessant, ganz im Gegenteil.

  6. Trolleira meint:

    Ahh wie ich diese ModeGeschäfte hasse, die alles nach Marken sortiert haben. Ich gehe einmal im Jahr in Deutschland einkaufen und suche dann bestimmte Kleidungsstücke. Ich laufe dann die kompletten Geschäfte ab, denn Arm voll mit den jeweiligen Sachen und am Fluchen in der Kabine, wenn das Stück, das ich in einer anderen Größe brauche am anderen Ende des Ladens ist. Wenigstens bin ich mit dem Ärger nicht allein! Was das Zeit kostet! wenn ich eine bestimmte Marke will kann ich ja sowieso in den Laden der Marke gehen der bestimmt ums Eck liegt.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ich glaube, diese Ladenstruktur heutzutage, Roland B., Trolleira, ist eben nicht für Menschen gedacht, die bestimmte Kleidungsstücke suchen, sondern fürs „Shoppen“: Menschen, die sich umsehen und von den Auslagen auf Einkaufsideen bringen lassen. Das nennen sehr viele, vor allem Frauen, als beliebte Freizeitbeschäftigung; das heutige Ladenkonzept soll sie schlicht dazu verführen, mehr zu kaufen, als sie eigentlich wollten (oder gar brauchen).

  8. Nina Grube meint:

    Ich mag ja die Einteilung nach Marken in Kaufhäusern und ich „shoppe“ nicht, sondern kaufe nur gezielt ein. Ich präferiere einfach bestimmte Marken, weil ich z. B. weiß, dass mir ihre Schnitte stehen und die Größen passen. Bei den angeblich genormten Kleidergrößen bestehen meiner Erfahrung nach solche himmelweiten Differenzen, dass ich mich auf Größenangaben nicht verlassen kann. Wenn ich aber weiß, dass mir die Größen einer bestimmten Marke passen, ich bei einer anderen allerdings gar nicht erst anzuprobieren brauche, weil sie eh nicht passt, dann kaufe ich die passende auch schon mal ohne anzuprobieren. es ist doch nichts grässlicher als in einer heißen, engen, schlecht ausgeleuchteten Umkleidekabine mit winterlich weißer Haut Kleidung anzuprobieren. Ich gehöre aber auch zu denjenigen, die froh sind, wenn sie nicht von Verkaufspersonal angesprochen werden und so viel wie möglich online bestellt, eben, weil sie Shopping hasst.

  9. Frau Klugscheisser meint:

    Bei Konen war ich im Februar positiv von der Serviceleistung der Verkäuferin angetan, da ich etwas bestimmtes suchte und deswegen dort hin bin.
    In Amerika betritt im Gegensatz zu Deutschland niemand unbeachtet einen Laden, und diese Art der Aufmerksamkeit des Personals ist mir unangenehm, wenn ich nur mal schauen will.

  10. Trulla meint:

    @ Nina Grube: Ich kann jeden Satz unterschreiben!

    Allerdings habe ich eine Schwäche für Schuhe (doll) und Taschen. An solchen Geschäften komme ich kaum vorbei und probiere sogar gern.

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