Journal Dienstag, 14. August 2018 – Reise an einen vergangenen Balkan

Mittwoch, 15. August 2018 um 8:49

Frischer Morgen, doch der Regen hatte aufgehört.

Da der Mittwoch einer der abwegigen bayerischen katholischen Feiertage ist, hatte ich mich für den Abend davor mit Herrn Kaltmamsell zum aushäusigen Essen verabredet.

Seit ich ihn kenne, schwärmt er mir von einem damals noch jugoslawischen Lokal seiner Jugend vor, der Sternklause in Augsburg. Dort habe es eine Balkan-Platte von legendärem Umfang gegeben, mit der er und seine Rollenspielfreunde sich ins Fresskoma gefuttert hätten. Jugoslawien versank in einem entsetzlichen Bürgerkrieg, damit verschwand nach und nach auch der klassische „Jugo“, der zur gastronomischen Ausstattung jeder deutschsprachigen Stadt gehört hatte.

Doch es bleiben Spuren. Eine in München entdeckte ich auf den instagram-Bildern von @sammykuffour: Den Damatinergrill beim Prinzregentenplatz. Dorthin führte ich Herrn Kaltmamsell gestern Abend aus.

Die Balkanplatte hieß Dalmatiner-Platte und war eigentlich das langweiligste auf der Speisenkarte. Aber dafür waren wir nunmal gekommen, also bestellten wir sie.

Wir saßen wie alle Gäste des Abends auf der Terasse hinterm Haus, dafür war es warm genug, und tafelten die Platte nieder (bis auf den Tomatenreisbrei „Djuvec-Reis“).

Das Lokal ist komplett aus der Zeit gefallen (wie die Süddeutsche schon 2014 konstatierte) und sieht noch exakt so aus wie die Jugos der 70er und 80er, fast alle Gäste wirkten ähnlich anachronistisch: Als wir eintrafen, herrschten Rentner Marke Kegelklub vor (dass man die in München überhaupt sieht!), erst später kamen jüngere Leute der Generation Undercut plus langer Vollbart. Herrlich.

Fleisch und Ajvar waren sehr gut, die Deko etwas vorgestrig angetrocknet. Am Nebentisch wurde Mokka serviert, vom launigen (freundlichen und flinken) Kellner mit tagespolitischen Kommentaren zur türkischen Lira und Trump begleitet. Den bestellten auch wir.

Auf dem Weg zurück zur U-Bahn bemerkte ich, dass ich diesen sehr hübschen Teil Münchens (und im Grunde ganz Bogenhausen) überhaupt nicht kenne; da werde ich wohl mal gezielt spazieren gehen.

§

Richard C. Schneider erlebt den Nahen Osten in Berlin:
„So kann ein Tag beginnen“.

§

Doch nochmal das leidige Thema Brexit – es geht ja nicht weg vom Beschweigen. Diesmal im Economist:
„No deal is often better than a bad deal. Not with Brexit“.

Even with extensive (and expensive) planning, leaving the EU without a deal would have been difficult. As things stand, almost no work has been done to prepare for such an eventuality. Lately, Britain has taken to outlining desperate-sounding plans to stockpile medicine and set up electricity generators. Chaos would be hard to avoid.

via @Christiane

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Journal Dienstag, 14. August 2018 – Reise an einen vergangenen Balkan“

  1. Trulla meint:

    So kann ein Tag beginnen: Glücksgefühl (Gänsehaut) beim Lesen. Danke für den Link

  2. Joël meint:

    Die Tischdecke! Die Kaffeetasse!
    Aber vor allem die Tischdecke!!!
    Das ist ja so altmodisch dass es schon fast wieder modern ist. :-)

  3. Norman meint:

    Fürchterlicher Fleischberg.

  4. Sandra meint:

    Selten kriegt man soviel Ajvar, wie man zu dem Fleischberg bräuchte- das sieht hier wirklich nach einem guten Verhältnis aus.
    Schlimmer, als zu wenig Ajvar, finde ich, wenn der Grieche zum Gyros nur einen Klecks Zaziki liefert.
    Und ja. Schöne Taxigeschichte.

  5. Nathalie meint:

    Die Sternklause! Ich hatte sie verdrängt. Herrje.

  6. Elfe meint:

    Was steht denn da neben der Mokkatasse?

  7. loosy meint:

    In jeder deutschsprachigen Stadt? Nee, in jeder westlichen deutschsprachigen Stadt vielleicht. Zwischen Wende und Balkankriegen blieb nicht genug Zeit dafür im Osten…

  8. Hauptschulblues meint:

    @Elfe: Ein Mokkakännchen. H.s Putzperle aus Ex-Jugoslawien bereitet den Kaffee zum Kuchen auch so vor. Reste der türkischen Tradition auf dem Balkan.

  9. Trulla meint:

    In den Endsechzigern des vergangenen Jahrhunderts ist Trulla mit Mann mehrmals durch Titos Jugoslawien gereist. In Sarajewo haben wir aus solchen Kännchen den besten Mokka ever serviert bekommen. Fleischberge der fotografierten Art wurden uns in den abgelegensten Winkeln, auch wenn wir die einzigen Gäste waren, vorgelegt. Die Gastfreundschaft war legendär. Eine Autopanne hat uns eine Übernachtung und Bewirtung beim Bürgermeister im winzigen Küstendorf kurz vor Dubrovnik beschert. Als selbstverständliche Hilfe, nur für ein Dankeschön.

    Vieles was später durch Erdbeben (Bucht von Kotor, Mostar, Skopje) ganz zu schweigen vom folgendem Krieg, zerstört wurde, haben wir in aller Schönheit erleben dürfen. Nie hätte ich mir damals vorstellen können, dass ein so grausamer Krieg sich entwickeln könnte in diesem Vielvölkerstaat, der bildungsmäßig teilweise schon sehr fortschrittlich war. Aber als der starke, allseits anerkannte Tito als Bindeglied starb, brachen leider die alten Gräben wieder auf.

  10. Chris Kurbjuhn meint:

    Sollten Sie in Berlin mal Lust auf eine ähnliche Zeitreise verspüren, möchte ich Ihnen den Makarska Grill ans Herz legen: https://www.yelp.de/biz/makarska-grill-berlin

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