Journal Sonntag, 18. November 2018 – Fahrt nach Bremen

Montag, 19. November 2018 um 7:11

Der gestrige Sonntag war geprägt von einer langen Zugfahrt nach Bremen, doch weil ich früh aufwachte, gab’s noch ein bisschen drumrum.

Jetzt ergeben sich auch Lärche und Heckenbuche dem Herbst.

Zum Beispiel hatte ich Zeit und endlich wieder Lust auf eine Stunde Kraftsport. Beim Heben und Hocken blickte ich in den sonnigen Morgen und sah auf einem für ihn untypischen Baum einen Sperber. Er hockte zwar mittelfern im Gegenlicht, doch mittlerweile kenne ich die Silhouette und das Verhalten gut genug, dass ich ahnte: So ruhig sitzt keine Krähe, außerdem hat die keinen solch geraden Schwanz. Ich hielt mein Sportprogramm bei Fitnessblender an und lief in Herrn Kaltmamsells Zimmer, um ihm Bescheid zu geben und das Fernglas zu holen. Richtig: Sperber.

Gemütliches Kofferpacken, ich puderzuckerte und alufolierte die Stollen, bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte.

Ereignislose ICE-Fahrt nach Bremen: einmal Eltern, deren Erziehungslautstärke die der zu erziehenden Kinder deutlich übertraf, einmal Trompetentelefoniererin, dafür Freude über zwei gar nicht mehr so junge Männer, die nebenan Quartett spielten, so richtig mit Einheitenvergleichen. Draußen Herbstsonne, die kahle Landschaft in verschiedenen Brauntönen beschien. Ich las die Wochenend-SZ, SZ-Magazin vom Freitag, J.G. Farrell, Troubles – und wunderte mich, wie es mir hatte passieren können, dass ich für fünfeinhalb Stunden Bahnfahrt keine Süßigkeiten eingesteckt hatte. Nach dem Frühstücksquark daheim und der Semmel mit gebratenem Gemüse vom Rischart im Bahnhof hatte ich nämlich durchaus wieder Hunger.

Im nächtlichen Bremen traf ich mit nur wenig Verspätung ein, bezog die Ferienwohnung von vor zwei Jahren und ging ums Eck Pizzaessen.

Die Tagespizza war eine mit Hokaido, roten Zwiebeln, Ziegenkäse und Kürbiskernen, sie machte mich sehr zufrieden.

§

„Schweden meiden Flüge
Auf Schiene verreisen – oder gar nicht“.

Viele NordeuropäerInnen haben wegen des Klimas „Flugscham“: Sie bleiben beim Reisen auf dem Boden. Bahnfahren wird immer beliebter.

Ich bin ja immer etwas misstrauisch, was aus dem Ausland diagnostizierte nationale Trends angeht (weil ich oft genug hanebüchenen Blödsinn in US-amerikanischen Medien über Deutschland gelesen habe), aber auch nur die sachteste Bewegung in diese Richtung klingt gut. Ein Anfang wäre bei uns, dass es im durchschnittlichen Berufsleben nicht mehr Prestigesache wäre zu fliegen. Ich erlebe bis heute, dass Menschen nicht mal in Betracht ziehen, dass eine Zugreise in konkreten Fällen auch noch bequemer und schneller sein könnte, weil in ihr berufliches Selbstbild ausschließlich Flüge passen.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu “Journal Sonntag, 18. November 2018 – Fahrt nach Bremen”

  1. Martje meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    ein Kommentar zum Flug- bzw. Bahnverhalten der Schweden (ich teile Ihre Skepsis „was aus dem Ausland diagnostizierte Trends angeht“. Aber hier bin ich quasi Insider, ich wohne seit 12 Jahren in Schweden, wenn auch nur ganz im Süden).
    Ich stimme dem Artikel weitgehend zu – ich merke das auch im Privaten, wo sowohl in meinem KollegInnenkreis als auch dem meines Mannes und bei befreundeten Eltern der KlassenkameradInnen der Kinder „plötzlich“ (so scheint es) eine neue Aufmerksamkeit fürs Zugfahren entstanden ist.
    Menschen, die in den 60-ern, 70-ern und 80-ern großgeworden sind, entdecken das Bahnfahren wieder neu, nachdem sie zwar Kindheitserinnerungen ans Bahnfahren haben, danach aber offenbar quasi kollektiv ausschließlich geflogen sind. Der Weihnachtsurlaub, der hier in ausreichend verdienenden Kreisen
    häufig nach Thailand geht, die Asienrundreise nach dem Abitur, der schnelle Abstecher nach Mallorca, Spanien überhaupt, die Shoppingtour übers Wochenende nach London – kenne ich alles aus nächstem Bekanntenkreis als Selbstverständlichkeit. In Schweden sind die Schulferien jenseits der Sommerferien (die für deutsche Verhältnise lang sind) ziemlich kurz, i.d.R. eine Woche – vielleicht mit ein Grund, weswegen Flugreisen so attraktiv erscheinen. Der Sommerurlaub wird aber relativ oft in Schweden (im eigenen Sommerhäuschen) verbracht.
    Ich habe in den letzten 1-2 Jahren mehrere Artikel in schwedischen Medien gelesen, die den Widerspruch von der in Schweden recht verbreiteten „Klima-Angst“ und dem ständigen Fliegen angeprangert haben.

    In den Nachtzügen von Hamburg nach Süden wurde allerdings schon immer sehr viel dänisch und schwedisch gesprochen – es muss immer einen „harten Kern“ von Bahnfahrern gegeben haben. Jetzt treffen wir dort häufiger Leute, für die es das erste Mal (längere Bahnreise, Nachtzug) ist und die tatsächlich alle über die im Artikel erwähnte Facebookgruppe auf die Idee gekommen sind, bzw. dort Hilfe bei der Umsetzung bekommen haben.

    Ich selber hege die Hoffnung, dass die ÖBB (wenn SJ es nicht tut) bald das Potenzial erkennt und Skandinavien wieder an das Nachtzugnetz anschließt – für Südschweden wäre es schon eine Verbesserung, wenn Kopenhagen Ausgangspunkt für Nachtzüge wäre, Nachtzüge nach Süden von Göteborg und Stockholm wären wunderbar. Im Moment muss man nach Hamburg oder München, wenn man per Bahn und Nachtzug in die Alpen oder ans Mittelmeer will.

    Ich nutze die Gelegenheit Ihnen mal wieder Danke für Ihren Blog zu sagen.
    Danke!!

    Martje

  2. Joe meint:

    Kein „berufliches Weltbild“. Es ist das Weltbild gerade von jungen Leuten, die mit der Billigflieferei aufgewachsen sind, die es seit rund 20 Jahren gibt. Die erste Fgare ist da immer „wie bekomme ich einen günstigen Flug“, nicht „wie komme ich überhaupt dort hin“.

  3. Kristin meint:

    Mögen Sie mir den Namen und Ort der Pizzeria verraten für meinen nächsten Bremen Besuch? Ich bin schon so lange weg, dass ich keinen Überblick mehr habe.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Gerne Kristin: Ist gar keine Pizzeria, sondern das Casa, Ostertorsteinweg 59.

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