Journal Samstag, 17. November 2018 – Schwimmen und erster Stollen

Sonntag, 18. November 2018 um 8:04

Nach zehn Stunden Schlaf aufgewacht, das hatte es offensichtlich gebraucht: Ich war zum ersten Mal seit Langem den ganzen Tag aufs Angenehmste wach. Und obwohl ich mir das eine oder andere vorgenommen hatte, stresste mich nichts davon

Ein wolkenlos sonniger, kalter, windiger Tag (es ist immer noch viel zu trocken!). Am Vormittag radelte ich hinaus zum Olympiapark, um eine Runde zu schwimmen.

Dreimal musste ich um Autos, die die Fahrradspur besetzten, auf dicht befahrene Autofahrbahnen ausweichen. Ich verfluchte die Fahrer/Fahrerinnen halblaut und rituell. Auch wenn ich an die Wirkung nicht eigentlich glaube, pufferte das meinen Zorn. Ich muss mir merken, auf der nächsten Bürgerversammlung Mäuerchen wie in Madrid an einigen Stellen zwischen Radspur und Autospur zu beantragen.

Etwas verdutzt war ich, als im Trainigsbecken des Olympiabads (große Halle wird immer noch renoviert) nur zwei Bahnen zum Schwimmen freigegeben waren, im restlichen Becken fanden Schwimmkurse für Kinder statt. Entsprechend dicht beschwommen waren die Bahnen, umso mehr ärgerte ich mich über die vielen Spielzeugschwimmer mit schwerem Gerät, deren Zahl die der schlichten Schwimmerinnen und Schwimmer übertraf. Zwar schwamm ich immer so weit rechts wie möglich, um mich verletzungsfrei überholbar zu machen (und werde wieder einige wenig kleidsame blaue Flecken an rechter Hand, rechtem Handgelenk und rechtem Unterarm davon tragen vom Aufdonnern am Bahnentrenner). Doch war ich offensichtlich dennoch einer anderen, spielzeugfreien Schwimmerin im Weg: Als ich sie an der Wende vorlassen wollte, pampte sie mich verärgert an.

Schlagartig sah ich in einen Spiegel meines eigenen Zorns und schämte mich umgehend: Ich lebe in einem so reichen Land, das sich gepflegte, beheizte Schwimmbäder leisten kann, bin selbst so reich, dass ich mir ohne nachzudenken die 4,80 Euro Eintritt leisten kann, bin so gesund und fit, dass ich problemlos 3.000 Meter kraule – und weiß das so wenig zu schätzen, dass mir gedankenlose Mitschwimmer den Spaß verderben können? (Trotzdem: Gibt es vielleicht inzwischen Wettbewerbe im Geräteschwimmen? Bis 20cm-Flossen / bis 30cm-Flossen? Bis 15cm-Paddel / bis 20cm-Paddel? Jeweils mit Schenkelpolster und ohne?)

Daheim gefrühstückt und geräumt, so lange im sonnendurchfluteten Wohnzimmer lesend getrödelt, bis die Sonne weg war (16 Uhr). Erst dann wechselte ich in die fensterlose Küche zum Stollenbacken. Living the life!

Die nächsten Stunden bestanden aus Stollenbacken verschränkt mit Bügeln, beim Bügeln hörte ich Holger Kleins WRINT: „WR878 Frau Diener verreist mit dem Kreuzfahrtschiff“.
(Zu Schiffsantrieben und den verwendeten Kraftstoffen mag sie sich vor der nächsten Gesprächsrunde über Schiffahrt vielleicht noch von Fachleuten informieren lassen, um nicht ganz so sehr daneben zu liegen?)

Erste Lage Stollen für die italienische Verwandtschaft ist gebacken. Tante und Kusinen möchten lieber kleine Stollen, soll sein.

Abends kam Herr Kaltmamsell von einer beruflichen Verpflichtung zurück, es gab Pak Choy mit Chilis aus der Pfanne und Rosenkohl aus dem Ofen, alles aus unserem Ernteanteil.

Fetter Chlorschnupfen, ich brauchte Nasenspray zum Schlafen.

§

Ist es Größenwahn oder erwachsenes Selbstvertrauen, dass ich privat immer wieder gerne mit Anfängern zusammenarbeite? Auch in Fachbereichen, von denen ich keine Ahnung habe? So gehe ich gerne in die Ambulanzen universitärer Fachkliniken und lasse mich von quietschjungen Ärztinnen und Ärzten untersuchen und behandeln, mit all ihren Unsicherheiten, Nachfragen beim Chef, ihrem lauten Überlegen – an irgendjemandem müssen sie ja lernen, warum nicht an mir?

Und gestern haben Herr Kaltmamsell und ich uns auch bei einer anderen Dienstleistung für die Anfängerinnen entschieden statt für die umfassenden Vollprofis: Sie sind sympathisch, supermotiviert – und irgendwo müssen sie ja Erfahrung sammeln, warum nicht mit uns?

§

Am Freitag wurde bekannt, dass William Goldman gestorben ist, der Mann, der so reflektiert und intellektuell war, dass er mir mit seinem Buch Adventures in the Screen Trade Hollywood von hinten nahebringen konnte (große Leseempfehlung). Hier ein fast zehn Jahre altes Portrait im Guardian:
„Newman, Hoffman, Redford and me“.

Goldman is the classic case of the creative genius who respects the rules, but has lived his entire life as if the rules do not apply to him. He encourages young writers to go to Hollywood, but has lived most of his adult life in New York. He knows that stars dominate the industry, but has not been the least bit reluctant to disparage them. He has often been disappointed by the craven stupidity of studio executives, but retains an odd compassion for them.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu “Journal Samstag, 17. November 2018 – Schwimmen und erster Stollen”

  1. Chris Kurbjuhn meint:

    Was hierzulande wenig bekannt ist, weil das Buch nie in deutscher Übersetzung erschienen ist: Goldman hat auch das beste Buch über das Theater geschrieben. Für „The Season – A Candid Look on Broadway“ hat er ein Jahr lang jede Produktion besucht und analysiert, die am Broadway gelaufen ist. Auch wenn diese Saison schon 50 Jahre her ist, das ist spannend, stellenweise sehr komisch und enthält jede Menge grundlegende Einsichten in die Theaterwelt.

  2. Evi meint:

    So als brutaler nicht-Schwimmer: Gibt es medizinische Gründe, warum man als Schwimmer auf Gerät ausweichen wollen würde?

  3. Indica meint:

    Das Phänomen der Spielzeug- und Geräteschwimmer*innen scheint bei Ihnen da unten deutlich verbreiteter zu sein. Ich gerate mir kaum je mit „Rasern“, geschweige denn mit überausgestatteten, ins Gehege. Muss aber vielleicht mal wieder die Lage im SSE mit ausschließlich 50-Meter-Bahnen checken.

    Oh, ich gehe auch gern zu „frischen“ Ärzten, etc… Ich finde, junge , gerade gestartete Menschen bringen häufig neues Wissen und Erkenntnisse mit, die einem vor dem „das haben wir schon immer so gemacht“ bewahren. Und ja: Wo sonst sollen sie denn mal anfangen mit dem Erfahrungen-Sammeln?

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ich weiß es nicht, Evi, kann mir medizinischen Gründe aber nur bei den Kissen zwischen den Oberschenkeln vorstellen: Die geben Auftrieb, könnten die Lendewirbelsäule entlasten. Doch Flossen und Paddel erfordern ja sogar mehr Anstrengung.

    Dieses frische Wissen genieße ich auch sehr, Indica.

  5. Sandra meint:

    Tolle Stollen! Ich muss noch üben- vielleicht liegt’s am Rezept? Werde mal Ihres austesten. Selbst mit Stollenhaube erreiche ich irgendwie nicht das gewünschte Ergebnis (zu hart).
    Finde ich toll, dass Sie Berufsanfängern so offen gegenüber sind. Es passiert mir nach 10Jahren am selben Arbeitsplatz noch, dass gezielt nach meiner Kollegin gefragt wird, die schon 25Jahre dieselbe Arbeit macht.
    Dass ich noch brenne, im Gegensatz zu ihr, wird da leider oft nicht gesehen. So ist es leider häufig, stelle ich fest.

  6. kecks meint:

    naja, die geräte werden halt jeweils spezifische trainingseffekte haben, was ja nicht ganz unwichtig ist, sobald jemand leistungsorientiert nach plan sportelt. im grunde ist das in vielen sportarten eine verbreitete taktik: mach das, was du eh machst, aber einen tick schwerer. boxer machen manchmal schattenboxen mit kleinen gewichten, sprinter laufen unterdistanzen mit schlitten im schlepptau (und da drauf gewichtsscheiben) usw. da im wasser die sonst bei solchen aktionen zumindest in ausdauersportarten mit ihren langen belastungszeiten oft nicht dafür stehende extrabelastung des passiven apparats wegfällt, ist die popularität kein wunder: spezifischstes krafttraining, das hat tolle effekte (ist aber auch das letzte, was man vor dopingeinnahme für die eigene leistung noch tun kann, insofern wäre allgemeines athletiktraining im vorfeld ein paar jahre anzuraten, wenn man sich kontinuierlich zu steigern gedenkt), solange man es nicht übertreibt (dann kann es langsam machen, sagen manche sportwissenschaftler, weil es dem zns eine ein bisschen langsamere ausführung der zielbewegung eintrainiert, was nicht gewollt ist, man will ja maximal schnell sein).

  7. Anne meint:

    Vielleicht würde Ihnen ja eine Nasenklammer gegen den Chlorschnuppen helfen. Hat es zumindest bei mir. Man sieht zwar etwas komisch aus und spricht auch etwas nasal, aber da muss man einfach drüberstehen.

  8. Carom meint:

    Anne:
    Wie lange tragen Sie die Nasenklemme nach dem Schwimmen denn noch, dass Sie diese Erfahrung gemacht haben? o_0

  9. Sigourney meint:

    „The Princess Bride“ ist eines meiner Lieblingsbücher (die Verfilmung ist auch toll). Habe sogar hingeschrieben und um die fehlende Kuss-Szene gebeten. Und einen Antwortbrief erhalten (damals machte man das alles noch auf Papier…), den ich wie einen Schatz hüte.

  10. Anne meint:

    Carom:
    Uih, neee, nach dem Schwimmen kommt die immer (!) ab. Aber ab und zu muss man sich ja auch mal verbal verständigen beim Pause machen am Beckenrand. Daher weiß ich um meine Lächerlichkeit. Habe dafür aber keinen Chlorschnuppen mehr. Der dauerte bei mir immer drei Tage.

  11. Lexi meint:

    Ich möchte auch immer wieder an den Gewohnheiten meiner Mittschwimmer verzweifeln, es erschließt sich mir überhaupt nicht, warum man bei einer geteilten Bahn nicht an der Wende schauen kann, was hinter einem passiert und ggf. die schnelleren Schwimmer vorlässt. Heute früh hatte ich fast den Fuß so eines Geräteschwimmers von der Nachbarbahn im Gesicht.
    Aber Du hast Recht, man muss das eigentlich viel mehr wertschätzen (also, nicht den Fuß im Gesicht, sondern die Möglichkeit). Mich sprach heute eine ältere Dame nach dem Duschen an, dass ich eine gute Schwimmerin wäre, und nachdem ich meine Irritation darüber veratmet hatte, habe ich mich sehr gefreut und mal wieder festgestellt, dass die netten Situationen doch eigentlich auch überwiegen, man sich über die doofen nur immer so nachhaltig ärgert und alles andere vergisst.

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