Journal Freitag, 28. Dezember 2018 – Isarsonne, Provenienzdunkelheit

Samstag, 29. Dezember 2018 um 7:40

Immer noch Ferien, sie waren mir sehr bewusst und ich genoss sie ebenso wie das Ausschlafen.

Frostiger Morgen, strahlende Sonne. Ich hatte genug Ruhe, nach dem Bloggen und vor dem Sport die Süddeutsche vom Tag zu lesen (nicht das Magazin, das mit dem Titel „Das Jahr 2018 als Quiz in 86 Fragen“ ohnehin wenig attraktiv aussah).

Sport hieß gestern: Isarlauf von daheim weg nach Thalkirchen. Ich nahm die seltenere Route auf der Westseite der Isar. Leichtes Laufen in guter und nicht zu eisiger Luft, erst das letzte Drittel strengte an.

Leider sah ich, dass die Isar wieder so niedrig steht wie vor Weihnachten: Der Regenguss vergangenes Wochenende war lange nicht genug.

An der Brudermühlbrücke Malerei, die ich noch nicht kannte:

Zum Frühstück Obst und das am Vortag gebackene Brot – schmeckte nicht so gut, wie ich es in Erinnerung hatte. Ziemlich brutale Bandscheibenschmerzen (beim Laufen selbst nichts davon), ich griff zu Ibu.

Nachmittags besuchte ich mit Herrn Kaltmamsell die kleine Sonderausstellung „‚Ehem. jüdischer Besitz‘ – Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus“, die mir meine Mutter empfohlen hatte. Am eigenen Beispiel und mit ganz konkreten Fällen zeichnet darin das Stadtmuseum nicht nur nach, wie die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden in München im Dritten Reich durchorganisiert war, sondern wie Museumsleitungen sie für ihre Belange ausnutzten (in den – wieder nicht endkorrigierten – Erläuterungstexten tauchte auffallend häufig das Wort „skrupellos“ auf). Das blieb mir am intensivsten hängen: Wie sehr die Verwaltungen im Dritten Reich sich anstrengten, die Diktatur auf eine legale Basis zu stellen. Rassengesetze, Enteignungen, Arisierung hatten eine ausgeklügelte und konsistente Bürokratie hinter sich: Erfassung des Besitzes von Juden, Aufforderung zur Übergabe, Festhalten von Einzelposten und Wert, der Verwaltungsaufwand war von den enteigneten Juden zu bezahlen, Überweisung des Werts auf Sonderkonten, von denen die Besitzer nichts abheben konnte.

Abends begann ich eine Häkelarbeit (Geschenk für eine möglicherweise mitlesende, Details deshalb später), nach mindestens zehn Jahren Pause. Ich fand es hochspannend, was meine Finger alles noch wussten – mein Hirn kam erst langsam hinterher und holte hervor, warum sie machten, was sie machten.

Zum Nachtmahl hatte ich Salat und rote Paprika besorgt, ich brauchte dringend etwas Frisches. Dazu Käse und Brot, zum Nachtisch Weihnachtssüßigkeiten.

§

Peter Unfried schreibt in der taz:
„Abschied von einem liberalen Traum
California Albdreaming“.

Ein Versuch der Erforschung, wie ausgerechnet ehrgeizige Weltverbesserer, Macherinnen und Ideenhaber die Spaltung der Gesellschaft verstärkt haben. Schmerzliche Einsichten, keine Lösungen.

via @kittykoma

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Freitag, 28. Dezember 2018 – Isarsonne, Provenienzdunkelheit“

  1. Franziska meint:

    Ich wage mal einen Überfall, Frau Kaltmamsell. Was die SZ bringt, gibt es bei der ZEIT ebenso. Nur das diese feststellten, bedauerlicherweise aus technischen Gründen blablabla…und man solle es bitte in sozialen Medien austoben.
    Kalkül?
    Was das Judentum angeht: Wer spricht denn mal über Roma und Sinti, die Homosexuellen, die aufgeschlitzt wurden?? Ich finde diese Einäugigkeit sehr einseitig! Also entweder alle (inkl. mir als Siebenbürger) oder keiner.
    Tut mir leid, wenn Sie das jetzt „doof“ finden, ich bin ehemaliges Mitglied von MUN = Model United Nations. Da kam von New Zealand bis Russia alles zusammen. Ich erwarte von Erwachsenen, daß diese nicht nur sich sehen! Ich weiß, was Rechtsradikalität bedeutet, weil meine Eltern jede verdammte Woche mit den Hirnlosen zu tun hatten und unsere Regenrinnen mit den NPD-Aufklebern säuberten!
    Sie können sich jetzt gerne aufregen, oder mal nachdenken über Ihre Eindimensionalität!

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ich verstehe nicht, Franziska, worauf in der SZ oder in der Zeit Sie sich beziehen.
    In meiner Welt wird viel über die Nazi-Verfolgung der Roma, der Sinti, der Homosexuellen, der Kommunisten und anderer Unliebsamer gesprochen. Doch sechs Millionen ermordete Juden und dieser gezielte Genozid stehen historisch allein und sind nicht durch das Leid anderer Menschen relativierbar.
    Ich weiß auch nicht, ein Argument wofür Ihre Mitgliedschaft in der Model UN ist.
    Wie würden Sie denn Rechtsradikalität auf der Basis der Erfahrung Ihrer Eltern definieren?
    Einseitigkeit ist eine menschliche Neigung, die es immer gilt zu reflektieren.

  3. berit meint:

    Es gibt Kommentare, da wunder ich mich nur, ob der geschriebene Text wirklich gelesen wurde. Ein Chapeau auf eine solch sachliche Antwort liebe Fr Kaltmamsell.

  4. Hauptschulblues meint:

    @Franziska:
    Wieso sollen denn alle aufgezählt werden, die dem 3. Reich zum Opfer fielen? Der Genozid an den Juden war das Schrecklichste, dann waren auch noch FremdarbeiterInnen, Kriegsgefangene, Deportierte, Sinti&Roma, andere fahrende Völkchen, Schwule, Politische usw. Opfer.
    Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten gehört in eine andere Kategorie. Die meisten kamen mit dem Leben davon.
    Das Wort „aufgeschl…“ ist sehr unpassend in diesem Zusammenhang.
    Letzteren kann H. zwischen Beitrag und Kommentar ohnehin nicht erkennen.

  5. Defne meint:

    Das SZ-Magazin fand ich Klasse weil die 4 möglichen Antworten auf die jeweilige Frage alle so absurd klangen und man kaum glauben kann dass eine Antwort richtig ist.

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