Journal Montag, 24. Dezember 2018 – Ich habe frei!

Dienstag, 25. Dezember 2018 um 8:59

Das war ein angenehmer Heilig Abend.

Wir hatten schon früh beschlossen, auch dieses Jahr zu zweit in aller Gemütlichkeit zu feiern, und das klappte.

Ausgeschlafen aufgewacht, mich sehr gefreut, dass neben mir genau dieser eine Mensch lag. Draußen prasselte der Regen. Nachdem ich zwei Waschmaschinen Bettwäsche und Handtücher versorgt hatte, machte ich mich also nicht für einen Lauf an der Isar fertig, sondern für eine Runde Strampeln auf dem Crosstrainer mit Kopfhörermusik. Das war genau richtig, ich genoss sowohl anderthalb Stunden Bewegung mit Schwitzen bei gekipptem Fenster als auch die Musik (der Shuffle-Modus erinnert mich immer wieder an Stücke, die ich vergessen hatte). Während dessen erledigte Herr Kaltmamsell die letzten Einkäufe.

Schon beim Frühstück um eins (Käsebrot, Granatapfel-Orangen-Joghurt mit Mohn, Plätzchen) war der Regen versiegt und kam den Tag über nur in vereinzelten Spritzern zurück. Ich schmökerte Internet – und hatte auch innerlich endlich frei.

Zwar hatte Herr Kaltmamsell Andeutungen gemacht, dass er den Dämmerungsspaziergang „Wir suchen das Christkind“ nicht vermissen würde, doch diese Sperenzchen fangen wir gar nicht erst an, weil: Untergang der abendländischen Zivilisation.

Ich hatte herausgefunden, dass ab 16 Uhr im Alten Südfriedhof wieder Blechbläser Weihnachtslieder spielen würden, dorthin gingen wir zuerst. Es waren noch mehr Menschen gekommen als vergangenes Jahr, die mittlerweile recht respektlos die Gräber vorm Kircherl St. Stephan zertrampelten und mit Kinderwagen zerfuhren. Die Musik war wieder sehr schön, aber vielleicht sollte man das Weihnachtsanblasen vors Lapidarium verlegen, an das sich ein größerer befestigter Platz anschließt.

Wir spazierten auf die Wittelsbacherbrücke.

Die Isar hatte plötzlich ordentlich Wasser – und das in der Hochwasser-Schlammfarbe, die mir im Glockenbachviertel bereits am Westermühlbach aufgefallen war.

In den Auen am Ufer gegenüber ließ sich direkt vor uns ein Vogel nieder, den Herr Kaltmamsell sofort mit „Das ist aber keine Krähe“ kommentierte. Wir näherten uns vorsichtig: Da war ein Sperber gelandet – der erste, den ich neben denen vor unserer Wohnung in München gesehen habe.

Das festliche Abendessen:

Eggnog, diesmal nach einem anderen Rezept (wohlschmeckend, doch die klassische Variante mit Bourbon und Rum ist mir dann doch lieber).

Buttergarnelen nach Ottolenghi.

Und dann hatte Herr Kaltmamsell über die Vortage eine Entenpastete vorbereitet, die nun feierlich aus der Form geholt und serviert wurde.

Dazu ein Tement Sauvigon Blanc, der sich blendend mit Garnelen und Pastete verstand.

Nachtisch: Plätzchen und spanischer Turrón – Letzteres ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders.

§

Im Münchner Lokalteil der Süddeutschen fand ich gestern das liebevolle Portrait einer beeindruckende Frau: Die 83-jährige Luise Ertl hat sich aus einer Hungerkindheit in Niederbayern hochgearbeitet.
„Wie aus der Spagl Luise die bayerische Kantinenpräsidentin wurde“.

Früher waren für sie alle mit Krawatte noble Herren, jetzt sagt sie: „Die san zwar gscheida, aber arbeiten miassns aa.“

Oh ja: Ein Upstairs, downstairs in solcher Kulisse sähe ich gern.

§

Guter investigativer Journalismus taugt wirklich nicht immer zur Heldengeschichte:
„‚Diese kleine innere Stimme, die dir sagt, was du tun sollst'“.

Ronan Farrow hat den Weinstein-Skandal aufgedeckt. Der Preis dafür war hoch. Davon erzählt er in seiner Dankesrede zum Deutschen Reporterpreis.

Mir fiel gestern meine erste Bekanntschaft mit investigativem Journalismus ein: Das war während meines Volontariats, das ich ja gleich nach dem Abitur angetreten hatte. Ein Mitvolontär recherchierte damals, Mitte der 1980er, hartnäckig und aus guten Gründen sehr diskret über den eigenen Verleger; er hatte einen Hefter mit kopierten Quellen und einer Schreibmaschinen-getippten Zusammenfassung der Ergebnisse.

Als ich gestern diesen ehemaligen Mitvolontär Thomas Schuler nachschlug (den ich bereits als Schülerin von gemeinsamen Pfadfinder-Unternehmungen kannte, weswegen er für mich „der Schuler Tom“ ist), stellte ich fest, dass er zumindest Details aus den damaligen Recherchen in einem 19999 veröffentlichten Artikel verwertet hat:
„Der Pate vom ‚Donau Kurier'“.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Montag, 24. Dezember 2018 – Ich habe frei!“

  1. Elfe meint:

    Gern gelesen von Ihrem geruhsamen Tag, genießen Sie (beide) die freie Zeit.

  2. Margrit meint:

    Ich liebe 19999. Wunderbar.

    Weiterhin fröhliche und erholsame Weihnachten!

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