Journal Samstag, 15. Dezember 2018 – Kälte, Chai, Schneeflocken, Schäuferl und die heilsame Wirkung einer Freundesrunde

Sonntag, 16. Dezember 2018 um 10:31

Ausgeschlafen.

Nachdem ich für weitere Weihnachtsbäckerei drei Packungen Mandeln blanchiert und geschält hatte, war es halb zehn und unter Schneehimmel immer noch so dunkel, dass man überall in der Wohnung Lampenlicht brauchte. Es sah nicht danach aus, als würde es noch spürbar heller (sind wir im Berliner Winter oder was?), ich machte mich auf zum Laufen.

U-Bahn zur Universität, von dort durch den Englischen Garten an die Isar. Es fühlte sich saukalt an, obwohl die Apothekenthermometer Temperaturen nur wenig unter dem Gefrierpunkt anzeigten. Dass das stimmte, merkte ich beim Laufen: Erst wenn’s deutlich unter Null kalt wird, schmerzen meine Bronchien.

Diese Kiesbänke liegen in dem niedrigen Wasserstand nun schon seit so vielen Monaten frei, dass sie zuwachsen.

Das Laufen ging gut, mich plagten keine Schmerzen. Allerdings hatte ich gestern einen sehr dummen Tag: Manchmal ist man physisch einfach nicht gut in Form, manchmal geht es mir so halt auch mit dem Hirn. So sah ich am Boden der klaren, niedrigen Isar einen Gullideckel und brauchte peinlich viele Momente, bis ich vom Grübeln, welche Funktion ein Gulli in einem Flussbett haben könnte, auf die Idee kam, dass jemand halt einen Gullideckel in die Isar geworfen hat. Das sind die Momente, in denen ich mich frage, wie ich es überhaupt durchs Abitur geschafft habe.

Auf dem Heimweg beim Umsteigen am U-Bahnhof Giselastraße Semmeln zum Frühstück gekauft.

Kuriosität: Auf beiden U-Bahn-Fahrten hin und zurück wurde meine Fahrkarte kontrolliert – vom selben jungen Mann. Beim zweiten Mal grüßte ich ihn lachend und er winkte freundlich sofort ab, als ich wieder nach meiner Tageskarte kramte: „Hab‘ ich schon gesehen.“

Zum Frühstück kochte ich aus dem Chai-Gewürz, das mir eine liebe Kollegin mitgebracht hatte, Chai. Meine wiederholte Frage nach Mengen und Zubereitungsart hatte sie hartnäckig lediglich mit: „Boil it!“ beantwortet. Ich recherchierte natürlich (so kann ich nicht arbeiten! ich brauche präzise Angaben!) und stieß auf diesen schönen Blogpost:
„How to Make [the best] Chai [ever]“.

Autorin Tanvi gibt nicht nur ihr Familienrezept weiter, sondern erzählt auch die Ursprünge von Chai (die Briten waren’s mal wieder) sowie ein bisschen wissenschaftlichen Geschmackshintergrund.

Das war schon mal nicht schlecht, das nächste Mal nehme ich aber auf die 200 ml Wasser und 200 ml Milch nur einen Teelöffel Tee und nur einen gestrichenen Teelöffel Gewürz. Die zwei Teelöffel Zucker können so bleiben. Boil it!

Kleine Einkaufsrunde. Fast hätte ich auch eine Plätzchendose gekauft, die ich vergangene Woche im Vorbeigehen gesehen hatte. Aber bei näherer Begutachtung war sie mir doch zu windig und schlecht verarbeitet für 20 Euro.

Daheim Weihnachtsbäckerei: Schneeflocken nach Frau Mutti.

Eine sehr kuriose Teigkonsistenz durch Stärke/Puderzucker, an die ich mich erst gewöhnen musste.

Abends war ich mit Herrn Kaltmamsell bei lieben Freunden eingeladen: Es gab direkt importiertes fränkisches Schäuferl, zubereitet vom fränkischen Gastgeber. Außerdem war uns die Verkostung einer Wermuth-Entdeckung angekündigt worden, worauf ich sofort beschloss, meine eigene Wermuth-Entdeckung vom Meatingroom-Abendessen mitzubringen – zum Danebenprobieren. Zum Besorgen war ich ja am Freitagabend eigens nach Haidhausen gefahren.

Allerdings stolrperte ich dann über meine Tagesdummheit. Zum einen kamen wir gehörig zu spät zum Essen – ich hatte uns in die falsche U-Bahn gesetzt (weil ich nur einmal auf die Anzeige der nächsten U-Bahnen geschaut hatte und die einfahrende U-Bahn selbst nicht gecheckt) und das erst auf weit fortgeschrittener Fahrt gemerkt. Zum anderen stellte ich fest, dass die angekündigte Wermuth-Entdeckung mit meiner identisch war. Die lieben Freunde wären keine lieben Freunde, wenn sie mir das eine oder das andere irgendwie übel genommen hätten, außerdem war die Tischrunde solch eine fröhliche, dass ich schnell vergaß, mich über mich zu ärgern.

Wir bekamen nach wundervoller Maronisuppe sensationelles Schäuferl – die Kruste habe ich auch in Restaurants noch nie so perfekt rösch gegessen. Dazu vielfältigste Gespräche, in denen ich unter anderem Unangenehmes über die Münchner Ausländerbehörden erfuhr, einen Briten als neuen deutschen Landsmann begrüßte, Gepflogenheiten griechischer Expats in München zu Ostern lernte, große Lust auf Silvester in Athen bekam (zu Mitternacht tuten alle Schiffe in Priäus!), wir uns Gedanken über den Einfluss von Herkunft auf individuellen Charakter machten. (Ich möchte die Antwort auf Frage 394. ergänzen: den von P (griechisch).)

§

Sehr bewegt hat mich diese Geschichte auf Zeit onlie über ein muslimisches Seelsorgetelefon.
„Bin ich reif für die Ehe? Ist der Islam zu groß für mich? Was trieb meine Schwester zum IS?“

via Readonmydear

§

Ein flammender, fachlich fundierter und sehr unterhaltsam zu lesender Text der Juramama:
„Raus aus meinem Uterus. Der § 219a und seine Freunde.“

Man stelle sich mal ein staatliches Programm vor, das an die verpflichtende Konfliktberatung für ungewollt Schwangere ein Antragsrecht auf finanzielle Absicherung knüpfen würde. Ein Programm, dass diese Frauen mit 1500 Euro monatlich bei der Kinderaufzucht staatlich unterstützt, wenn sie das Kind nach einer Beratung dann tatsächlich bekommen. Freilich zusätzlich zum rentenrelevanten Erwerbseinkommen.

(…)

Es gibt kein einziges Gesetz in Deutschland, das exklusiv in den Körper von Männern eingreift.

Kein Gesetz „schützt“ den Mann vor etwas, zu dem sein männlicher Körper biologisch exklusiv in der Lage ist. Kein Gesetz knüpft eine Entscheidung über etwas, was nur ein männlicher Körper kann, an Strafbarkeiten oder Beratungen.

Inklusive Ausflug in die Rechtsgeschichte der Abtreibung, eng verbunden mit der Rechtsgeschichte unehelicher Schwangerschaften und Kinder.

via @widenka

Der Fairness halber weise ich auf eine argumentative Unsauberkeit hin: Bloß weil etwas nachweisbar bis vor Kurzem nicht bedacht wurde (ab wann ist die befruchtete Eizelle ein Mensch?), muss es nicht irrelevant sein. Auf die Antwort müssen wir uns als Gesellschaft halt einigen.

§

In der Reihe „Militärs mit Humor“ (ahem…): der diesjährige Weihnachtsgruß der niederländischen Marine (bis zum Schluss gucken).

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/xwlSSYaghoA

via @AugenGeradeaus (eh klar)

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Samstag, 15. Dezember 2018 – Kälte, Chai, Schneeflocken, Schäuferl und die heilsame Wirkung einer Freundesrunde“

  1. Ulrike meint:

    Bei dem Lichterstrahlen braucht man dann schon ein eigenes AKW, damit bei allen anderen der Strom nicht ausfällt.

  2. Joël meint:

    Vielleicht beruhigt es sie zu hören dass Sie mit Geschichten wie die mit dem Gullideckel nicht alleine sind. So oder so ähnlich geht es mir ständig.

  3. iv meint:

    Nach beinahe einem Jahr in den Niederlanden finde ich dieses Filmchen besonders lekker.

  4. Elisabeth meint:

    Da hab ich mir gedacht: „den Link zu Juramamas Text muss ich mal der Frau Kaltmamsell dalassen“ und natürlich haben Sie’s schon gelesen;-).

    Danke für den Link zum muslimischen Seelsorgetelefon, der Artikel wird nach hoffentlich baldiger Genesung meinerseits in den Ethikgruppen eingesetzt und diskutiert. Wird sicher spannend, weil die Bandbreite der Ausübung des islamischen Glaubens auch bei uns aufm Dorf viel höher ist (und oft viel liberaler), als das allgemein so wahrgenommen wird.

  5. Trulla meint:

    Ein sensationell guter Text der Juramama, danke für den Link

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