Journal Dienstag, 29. Januar 2019 – Berlin-München und Das deutsche Krokodil

Mittwoch, 30. Januar 2019 um 7:00

Ich habe den Eindruck, Sie wissen die Lebensweisheit, die den gestrigen Text abschloss, nicht ausreichend zu würdigen. Auch auf Twitter war das Echo eher verhalten. Wenn Sie bitte nochmal nachlesen, ich warte so lange.

Immer noch nicht?
Andere würden 200-seitige Lebenshilfe-Bestseller drumrum schreiben! Und eine Netflix-Serie!

§

Der Dornröschenschlosszauber wirkte kein zweites Mal, nach einer unruhigen Nacht wachte ich gestern früh auf. Das gab mir aber Gelegenheit für eine Plauderei über Morgenkaffee mit der Gastgeberin, von ihrer Tochter ließ ich mich über die Mathematikerin Sophie Germain informieren (Schulprojekt).

Zum Bahnhof rollkofferte ich wieder zu Fuß (frische Luft! die Sehnsucht danach ist möglicherweise das ultimative Erwachsenenkriterium). Es war frostig und glatt geworden, zum Glück hatte ich reichlich Zeit für den Weg einkalkuliert.

Ereignislose ICE-Fahrt, wir erreichten München fast pünktlich (können Sie eine Autofahrt von Berlin nach München auf zehn Minuten genau planen? eben). Dank funktionierendem WLAN konnte ich bloggen, dann las ich Mangolds Das deutsche Krokodil aus. Ich hatte es gern gelesen, verfolgte interessiert die Lebensschilderung des Heidelberger Feuilletonisten, dessen nigerianischer Vater (der allerdings erst in sein Leben trat, als Mangold bereits 22 war) ihm zu einem bunten Hintergrund verholfen hat. Und doch ist die zentrale Figur des Buches seine auf vielfältige, leise und eindringliche Weise unkonventionelle Mutter, die ihn stärker prägte, als es ihm lang bewusst war. Sehr gut nachvollziehen konnte ich das Spiel mit Identitäten, das Ijoma Mangold genießt – weil auch ich es mit meinem spanischen Namen früh zu genießen gelernt habe. Bei mir ist es halt das Spiel mit u.a. deutsch, Ingolstädterin, Bildungsbürgertum, Feministin, Griechischabiturientin, Gastarbeiterkind, Anglistin, Frau, Literaturwissenschaftlerin, Technikoptimistin. Und ich bilde mir ein, dass uns die reflexhafte Gegenwehr bei Vereinnahmungsversuchen verbindet. Ich mochte auch die persönliche und manchmal sehr eigene Sprache der Autobiographie, die Mangold mindestens so erlebbar macht wie der Inhalt seiner Geschichten.

Daheim ruhte ich mich aus (für die Siesta, auf die ich mich im Zug noch gefreut hatte, war ich dann doch zu wenig bettschwer), bis Herr Kaltmamsell aus der Arbeit kam. Er hatte noch am Schreibtisch zu tun, ich nutzte den Urlaubsnachmittag für eine Runde Sport: Crosstrainer und Rumpftraining – beides strengte mich an.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell einen Lauchauflauf.

In einer Wohnung über uns wurde menschenreich ein Fest gefeiert, ich ging mit Ohrstöpsel ins Bett.

§

Die Tagesschau erklärt mit einem kurzen, praktischen Film:
Wann ist Israelkritik antisemitisch?

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Wie so Vieles (…) ist auch das Wegerecht in England sehr eigen gelöst: Zwar ist fast der gesamte Grund und Boden in privater Hand, doch wenn ein Weg hindurch von der Öffentlichkeit belegbar genutzt wird, darf er genutzt werden. Bis 2026 sollen nun alle erfasst werden, danach gelten nur noch diese. Darüber schreibt der New Yorker: „The Search for England’s Forgotten Footpaths“.

In England, public paths are made by walking them. You can make a new, legally recognized footpath by simply treading up and down it, with a few friends, for a period of twenty years.

(…)

Until 2026, any public path can be reinstated, as long as there is documentary evidence that it used to exist. But, after the deadline, old maps and memories won’t matter any more. “This is a one-shot thing, really,” Cornish said. “So we need to make sure we do it right.”

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Dienstag, 29. Januar 2019 – Berlin-München und Das deutsche Krokodil

  1. Frau Klugscheisser meint:

    Ich fürchte, diese Lebensweisheit ist zu offensichtlich als dass sie gebührend gewürdigt würde. Das wird auch kein Bestseller unter den Ratgebern. Maximal eine Preisverleihung in der Kategorie Lebenswerk.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Aber Lebenshilfe-Ratgeber leben doch von Offensichtlichkeit, Frau Klugscheisser, die sie in scheinbar völlig neue Schläuche packen. In diesem Fall würden sich die Kapitel darum drehen, wie man
    – sich den richtigen Ort/das richtige Thema sucht, um lang genug einfach anwesend sein zu können
    – anwesend bleibt, ohne sich zu sehr anzustrengen
    – seine Anwesenheit bemerkbar macht
    – die Früchte der Anwesenheit erntet.

  3. Frau Klugscheisser meint:

    Dann auf, auf zur Feder, Frau Kaltmamsell!

  4. die Kaltmamsell meint:

    Wichtig auch, Frau Klugscheisser: Es müssen genug knackige Kalendersprüche auftauchen, die man über Facebook verteilen kann.
    Da ich nicht die nötige Zeit und Schamlosigkeit für solch ein Projekt habe, überlasse ich es gerne den erwähnten anderen.

  5. Nina meint:

    Sie jedenfalls hängen schon lange genug hier in diesem Internet herum, um für mich eine echte Legende zu sein!
    (Und immer, wenn ich in München bin, kucke ich, ob es Sie in echt gibt und ich Sie vielleicht mal treffe. Hat bisher aber noch nicht hingehauen.)

  6. FrauC meint:

    Frische Luft als Kriterium fürs Erwachsensein! Ich wäre nie drauf gekommen, aber Sie haben so Recht.

  7. Sebastian meint:

    Oder auch eine Autobiographie? „Die Alte muss an die frische Luft“

    (Ich habs still gewürdigt. Wie auch das Nachdenken über Fotografie. Und fast die Weltstadtfrage. Und die Berliner Luftsprünge. Und… ach.)

  8. Eva meint:

    Frische Luft, hihi! Sie haben sowas von Recht!

  9. Susanne meint:

    Will Sie in Bezug auf die Lebensweisheit wissen lassen, dass ich immer noch nicht aufgehört habe, darüber nachzudenken. Und mich etwas ertappt fühle. Dinosaurierinnengefühle – in meiner bezahlten wie ehrenamtlichen Arbeit.

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