Archiv für Juli 2019

Journal Donnerstag, 18. Juli 2019 – Reha-Entlassungsprogramm

Freitag, 19. Juli 2019

Früh aufgewacht nach einer Nacht mit wilden Träumen. Zumindest, glaube ich, habe ich niemanden darin umgebracht.

Der erste Termin war um 7 Uhr Rotlicht. Der Apparat war so schlampig an die Liege beschoben, dass ich 20 Zentimeter nach oben rutschen musste, bis ich die Wärme in der Lendenwirbelsäule spürte. Auch schon egal.

Um 7.30 Uhr trank ich im Speisesaal nur schnell ein Gläschen Hafermilch, um meine Aufgestandensein zu belegen. Ich beeilte mich, damit bis zum nächsten Termin genug Zeit für Crosstrainer war. Zu meiner Erleichterung war der Ausdauerraum offen und unbelegt, ich konnte eine Dreiviertelstunde strampeln.

Noch verschwitzt hatte ich um 8.30 Uhr die Abschlussuntersuchung im Stationszimmer (Schwesternzimmer). Eine andere Krankenpflegerin als bei der Eingangsuntersuchung wog mich, genauer: Sie wies mich an, mich auf die Waage zu stellen und ihr das Ergebnis durchzugeben. Wie schon in der Eingangsuntersuchung bat ich darum, das Ergebnis nicht kennen zu müssen. Die Pflegerin guckte verdutzt, las dann aber selbst ab und notierte. (Mein Gewicht und all die tausend Zwänge, die sich für mein verbeultes Gemüt daraus oder gar aus seiner Veränderung ergeben, tue ich mir in diesem Leben nur noch bei zwingender Notwendigkeit an.)

Immer noch schwitzend vom Crosstraining hatte ich einen Termin im Maschinenraum; ich spielte mein Programm durch.

Danach blieb gerade genug Zeit zum Wechsel in Badeanzug und Bademantel, damit schlappte ich zum Termin Bewegungsbad: Diesmal Wassergymnastik mit zwei Styroporscheiben (Durchmesser wie Ein-Kilo-Scheiben für Langhanteln), wieder nur mittellustig.

Nach dem Mittagessen Abschlusstermin bei der Stationsärztin. Sie konnte sich an keine meiner Erklärungen vor zwei Wochen erinnern, auch schon egal. Entsprechend spulte sie ihr Standardprogramm für das Ende der Reha ab, ermahnte mich, die hier begonnenen körperlichen Aktivitäten auch daheim weiterzuführen, außerdem sei die hier gelernte richtige Ernährung wichtig. Ich nickte einfach. Den Abschlussbogen hatte ich wahrheitsgemäß ausgefüllt. Die Ärztin stolperte über das Kreuzel „nicht erreicht“ beim Reha-Ziel „Flexibilität rechte Hüfte steigern“ und erkundigte sich nach dem Grund: Na, weil ich keine Anwendung dafür bekommen hatte. (Allerdings gibt es einen Physio-Einzeltermin am Freitag.) Und nein: Die mitgebrachten Schmerzen sind nicht besser geworden, dafür habe ich durch den Schlingentisch nach Langem mal wieder Rückenschmerzen.

Konstruktiv war der Hinweis der Ärztin auf die Nach-Reha. Ich rief beim nahe zur Arbeit gelegenen Reha-Zentrum an (10 Minuten zu Fuß) und versicherte mich, dass es dort in den nächsten drei Monaten Kapazitäten gibt. Die Adresse reichte ich anweisungsgemäß an die Klinikverwaltung hier weiter, damit die entsprechenden Unterlagen zusammengestellt werden können.

Blieb noch ein Termin für den Nachmittag: „Rückengerechtes Arbeiten/PC“. Wir übten Heben von Lasten, z.B. Biertragl aus Autokofferraum.

Zurück im Zimmer wurde ich über meiner Buchlektüre sehr müde und legte mich ein Stündchen hin. Nach dem Abendessen Spaziergang zum Supermarkt, Obst und Hüttenkäse für die kommenden Tage.

The Bonfire of the Vanities ausgelesen.

§

Jutta Pivecka, nur wenig älter als ich, hat über die Generation unserer Mütter nachgedacht:
„FRIEDENSMÜTTER. Ein Danke an ‚unsere Mütter'“.

Vieles davon passt auch auf meine Mutter. Was mich immer am meisten beeindruckt hat: Sie und viele ihrer Altersgenossinnen, die neue Wege beschritten haben, hatten ja keine Rollenvorbilder: Sie schufen diese neuen Wege ganz selbst.

Als ich über die Frauen aus der Generation meiner Mutter nachdachte, erkannte ich, wie unglaublich der Fortschritt ist, den sie „uns“, den Mädchen, die sie großzogen, ermöglichten. Ich benutze bewusst das Wort „Fortschritt“, wohlwissend, dass es ambivalent ist und dass jeder „Fortschritt“ in der Geschichte auch einen Preis hat (…). Die meisten Mütter meiner Freundinnen waren keine „68er“, auch wenn sie dieser Alterskohorte angehörten. Sie studierten nicht, sondern machten – im besten Fall – eine Lehre, viele blieben Ungelernte. Das Elternhaus verließen sie, wenn sie heirateten. Trotzdem kam der Kulturwandel, der Ende der 60er Jahre einsetzte, auch bei den meisten von ihnen an: nicht nur die Röcke wurden kürzer, sondern auch Autofahren gelernt, Volkshochschulen besucht, oft eine Teilzeiterwerbstätigkeit aufgenommen, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten“ raus waren. Die Emanzipation unserer Mütter vollzog sich häufig nicht laut, nicht revolutionär, sondern im Kleinen, im Alltag. Meine Mutter schaute sich bei einer amerikanischen Freundin ab, dass auch einmal die Frau sitzen bleiben kann, wenn der Tisch abgeräumt werden muss, dass Männer durchaus Abtrocknen und Staubsaugen können. Sie lernte Fremdsprachen, weil sie mehr von der Welt verstehen und reisen wollte. Die Volkshochschulen, die in jenen Jahren in vielen Städten ihr Programm erweiterten, machten Bildung auch in der Provinz für breite Schichten zugänglich. Es waren überwiegend Frauen, „unsere“ Mütter, die diese Kurse besuchten. In den evangelischen und katholischen Frauengruppen wurden in jenen Jahren über neue Erziehungsstile und -theorien, Feminismus und Matriarchat diskutiert. Meine Mutter las Alice Miller und Alice Schwarzer. Sie knüpfte Freundschaften mit Frauen außerhalb des dörflichen Zirkels, sie lebte mir vor, wie ich erst heute erkennen kann, dass Beziehungen zwischen Frauen frei gewählte sein können, jenseits von Verwandtschaft und Nachbarschaft. Das war neu. Das hatte ihr niemand vorgelebt.

Journal Mittwoch, 17. Juli 2019 – Der Abstand zwischen Erkenntnis und Umsetzung

Donnerstag, 18. Juli 2019

Früh aufgewacht nach gutem Schlaf. Zum Frühstück sogar Mueslihunger.

Mein erster Termin des Tages: Bewegungsbad. Diesmal Wassergymnastik mit Schwimmbrett, war nur mittellustig.

Gründliches Duschen, gefolgt von Abschlussterminen Schmerzbewältigung und Entspannungstraining. Bei Ersterem ging es um Stress und Selbstfürsorge; ich landete mal wieder an dem Punkt, dass zwischen Reflexion/Selbsterkenntnis und Umsetzung der Erkenntnisse mehrere Galaxien liegen. Und wie ich die überwinden soll, weiß ich nicht. Die PME-Geschichte nehme ich mir aber mit heim.

Mittagessen, Lesen (ich arbeite mich beherzt durch Bonfire of the Vanities, so ein dickes Buch ist doch genau das Richtige für einen Reha-Aufenthalt, da kann ich auch mal so richtig Schwung nehmen und länger am Stück lesen), Nickerchen.

Dann war immer noch Zeit bis zum nächsten Therapietermin, die nutzte ich für einen Cappuccino in einem Café der Kur-Hauptstraße (leider ziemlich greislich) und für einen Spaziergang im Kurpark.

Bereits der letzte Termin des Tages war nochmal eine Runde Qi Gong – wie könnte ich nicht auf eine Übung anspringen, die „Schwimmender Drache“ heißt?

Wieder beherztes Lesen, bis es Zeit fürs Abendessen war. Schichtwechsel: Drei neue Menschen am bislang so angenehm ruhigen Sechsertisch, ein recht junger Mann zeigte besorgniserregende Geselligkeit. Denn werden wir schon noch ruhiglächeln.

Weil ich es noch nicht getan hatte, sah ich mir die Patientenbibliothek an. Sie erfüllte alle meine Erwartungen: Simmel, Karl May, Angélique, aber auch Harry Potter.

Der gemischtwolkige Tag war sonnig geworden, ich spazierte nochmal ins Seifenbachtal und erkundete eine mögliche Laufrunde für Freitag. Als ich einen kleinen Ort durchquerte, überfiel mich eine Geräuscherinnerung aus Kindertagen: Ich hörte deutlich die Maschine, die auf dem Bauernhof frisch gemolkene Milch filtriert. Wenn ich als Kind zum Milchholen ging, lärmte sie immer im gekachelten Raum, in dem die Bäurin mir die Milch abfüllte.

Ich genoss den Spaziergang, allerdings diesmal mehrfach gestört durch Mountainbiker und E-Radelnde.

Die Ernte hat begonnen.

Journal Dienstag, 16. Juli 2019 – Morgenlauf und Reha-Freude am Theraband

Mittwoch, 17. Juli 2019

Die gestrige Maßnahme, um Ausdauersport unterzubringen: Früher aufstehen für Morgenlauf. Ich nahm dieselbe Strecke wie am Montag, wieder ein Stündchen mit einem ordentlichen Anstieg zum Pulshochbringen, war schön in der morgendlichen Kühle.

Die ersten beiden Reha-Termine waren nach einem Frühstückstee wieder Schmerzbewältigung und Entspannungstraining. Als auch diesmal für Ablenkung zur Bewältigung chronischer Schmerzen geworben wurde, wies ich dann doch mal darauf hin, dass manche (hüstel…) so gut im Ablenkungfinden von ihren Beschwerden sind, dass sie diese auch mal deutlich zu spät an sich heran lassen.

Mein Therapieplan sah als Nächstes Maschinenraum vor, ich hob, schob und zog mich wieder durch mein Programm. Diesmal musste ich an keinem Gerät warten, so blieb Zeit für meinen Morgenkaffee, bis ich zur Wirbelsäulengymnastik ging. Diesmal war das Spielzeug ein Theraband; ich war wieder sehr angetan von all den Tipps, die die Physiotherapeutin dazu gab, am überraschendsten der für Zugübungen von oben für daheim: Theraband in der Mitte um ein zusammengerolltes Handtuch wickeln, oben in einer geschlossenen Tür einklemmen. Nachdem mein heimisches Theraband vor kurzen zerbröselt ist, werde ich mir jetzt wieder eines kaufen. Auf Youtube gibt es ja unübersehbar viele Anleitungen zu Übungen – hat jemand von Ihnen einen Lieblingskanal?

Nach dem Mittagessen angenehm warmes Rotlicht auf die Lendenwirbelsäule, dann die vorletzte Einheit „Rückengerechtes Arbeiten/PC“: Heben und Tragen von Lasten, einschließlich Übungsstationen. Vorher schon hatten mehrere Patienten die Empfehlungen der ausgesprochen reizenden Ergotherapeutin zu Tastatur/Bildschirm konterkarierten, weil sie mit zwei Fingern tippen. Darauf konnte Frau Ergo nicht reagieren – Menschen, die mit zwei Fingern tippen und dabei sehr wahrscheinlich nicht auf ihren Bildschirm gucken, sondern auf die Tastatur, scheinen in der Ergonomieforschung noch nicht erfasst.

Erste Abschiedsvorboten: In meinem Zimmer lagen die Formulare für die Abschlussuntersuchung am Donnerstag.

Ich wechselte in Zivilkleidung und las bis zum Abendessen in der Sonne auf der Klinikwiese The Bonfire of the Vanities, keine Tratscherinnen störten mich dabei.

Ruhe später auch im Raucherpavillon: Die lauten Party People scheinen ihre Reha beendet zu haben – oder es hat sich dann doch jemand erfolgreich beschwert.

Mondaufgang beobachtet.

Journal Montag, 15. Juli 2019 – Sport trotz Reha, nicht einfach

Dienstag, 16. Juli 2019

Diesmal verzichtete ich sogar auf den Tee beim Frühstück, um möglichst schnell vor dem ersten Termin um 8.15 Uhr auf den Crosstrainer zu kommen. Doch vergeblich: Im Konditionsraum fand gerade eine Einführung statt, ich konnte nicht trainieren. Sehr schlecht für meine Laune.

Der erste Termin war einer mit Folgetermin: Erst einstündige Gruppensitzung „Schmerzbewältigung“, dann „Einführung Entspannungstraining“, beides geleitet von einer Psychologin. Das Entspannungstraining war sehr interessant: PME, also Progressive Muskelentspannung, auf sehr bequemen Sesseln brachte mich tatsächlich ein wenig zur Ruhe.

Jetzt hatte ich noch über eine Stunde bis zur Wirlbesäulengymnastik, das konnte ich doch für Ausdauertraining nutzen. Den Plan hatten offensichtlich andere Patientinnen und Patienten auch: Alle Geräte im Ausdauerraum waren besetzt. Jetzt reichte es mir: Dann würde ich halt jetzt und hier testen, wie Joggen funktionierte, wenn ich die Schmerzen einfach ignorierte. Ich wechselte in die Joggingschuhe bändigte meine Haare (ich brauche dringend einen Schnitt) mit einer Kappe und lief raus ins Seifenbachtal. Das ging recht gut, und nach einer halben Stunde kam ich auch in die ersehnte Laufruhe, die ich so vermisst hatte. Ich lief hinauf zur Frankenwarte, brachte meinen Puls endlich mal wieder richtig hoch. Mit einer Ehrenrunde schaffte ich es auf eine ganze Stunde Lauf.

Frankenwarte

Schnell geduscht, dann wieder Wirbelsäulengymnastik, diesmal mit Sitzball. Ich bin sehr positiv überrascht, in welch zahlreichen Schattierungen ich hier Wirbelsäulengymnastik kennenlerne. Das kommt auf jeden Fall auf die Nachsorgeliste, die ich ja zum Abschluss zusammenstellen muss.

Nach dem Mittagessen Massagestuhl, dann lange Pause, in der ich mich auch ein wenig hinlegte. Abschluss des Therapietags war Qi Gong, kommt auch auf die Nachsorgeliste.

Ich wechselte in Zivilkleidung und setzte mich mit Buch raus (es war sonnig und mild geworden), konnte mich allerdings schlecht auf die Lektüre konzentrieren, weil nebenan genau das Schauspiel an Kliniktratsch und Nichtigkeiten aufgeführt wurde, noch dazu lautstark, dem ich bislang erfolgreich ausgewichen war.

Zum Abendessen war ich sehr hungrig, genoss Käsesemmel, Salate, Frischkäse-gefüllte Pepperoni. Ich spazierte zum Supermarkt am Bahnhof und deckte mich wieder mit Obst, Joghurt und Süßigkeiten ein.

Abends nach einem neuen Schreibtischstuhl für Herrn Kaltmamsell recherchiert. Er braucht schon lange einen neuen, ich wurde in der Reha zum Thema geschult, also bat er mich, ihm einfach einen Link zu schicken, welchen er kaufen soll.

Währenddessen tobte im Raucherpavillon vor meinem Zimmer Party: Deutsche Schlager der 70er (zum Glück aus nicht sehr kräftigem Lautsprechern) mit lautstarkem Mitsingen. Ich hoffe sehr, dass der Patiententausch am Dienstag die Schreihälse nach Hause schickt.

Journal Sonntag, 14. Juli 2019 – Ruhetag mit Pizza

Montag, 15. Juli 2019

Sehr gut und ausgeschlafen. Nach dem Bloggen Tee und großes Muesli im Speisesaal. Um halb elf kam Herr Kaltmamsell und stellte sein Gepäck in der Klinik ab. Ich hatte ihn überredet, noch bis nach dem Mittagessen in Bad Steben zu bleiben, wie setzten uns in den Aufenthaltsraum und lasen traulich nebeneinander.

Zu diesem gemeinsamen Mittagessen gingen wir in eine Pizzeria.

Ich hatte eine Pizza mit gegrillten Zucchini und Auberginen, die mir sehr gut schmeckte (und die ich schon wieder nicht ganz schaffte, seltsam).

Nach einem guten Espresso brachte ich Herrn Kaltmamsell zum Bahnhof und spazierte zurück zur Klinik – mein einziger Spaziergang des Tages, ich schaffte es, meinen Plan eines echten Regenerations- und Ruhetags umzusetzen.

Mit meiner Sporkleidung war ich in den knapp zwei Wochen meines Aufenthalts nun doch durch, ich musste Wäsche waschen. Wie das geht, hatte ich mir am Freitag am Empfang erklären lassen, die erforderlichen Münzen für Waschmaschine und Trockner bei dieser Gelegenheit gleich gekauft. Waschpulver hatte ich von daheim mitgebracht. Jetzt fand ich den Waschraum mit nur einer Ehrensuchrunde, von den drei Waschmaschinen darin war eine bereits in Betrieb, die zweite defekt, aber mehr als die eine übrige brauchte ich ja nicht. Auch den Wäschetrockner bediente ich anschließend erfolgreich. (Die ganze langweilige Geschichte gibt es im Techniktagebuch.)

Das Abendessen in der Klinik kam für meinen Pizza-gefüllten Bauch zu früh, ich aß nur ein wenig Rohkost und Hering mit Roter Bete. Dafür bekam ich zur Tagesschau Hunger, dagegen hatte ich noch Banane und Hüttenkäse auf dem Zimmer.

§

Schon bald nach Start von „Fridays for Future“ fiel mir auf, dass immer nur von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hinter der Initiative die Rede zu sein schien. Ich fragte mich, wie es mit den jungen Menschen an anderen Schularten aussah: Im schlimmsten Fall nahmen sie die Demos als Eliteveranstaltung wahr, die sie – wie meist – nicht meinte oder gar ausschloss. Helena Ott ist dem erfreulicherweise für die Süddeutsche nachgegangen (zu lesen leider nur für 1,99 Euro):
„Unerhört“.

Jeden Freitag gehen Hunderttausende Schüler für den Klimaschutz auf die Straße. Auf der Suche nach denen, die nicht demonstrieren.

Ott war drei Tage lang in der 10. Klasse der Pestalozzischule in Karlsruhe. Sie sprach mit den 14 Mädchen und 12 Jungen der Klasse der Werkrealschule (so heißen in Baden-Württemberg die ehemaligen Hauptschulen). Sie fand heraus, dass die Schülerinnen und Schüler sehr wohl politisch interessiert sind, dass sie aber kein so verbindendes Anliegen wie „Fridays for Future“ haben. Der Artikel enthält auch Filmchen mit ihren Protestplakaten und den Erklärungen der jungen Leute.

Ihre Eltern sind nicht Anwälte, Ärztinnen und Musiker, sondern Krankenpfleger, Reinigungskräfte, Verkäuferinnen und Hausmeister. 70 Prozent der Schüler stammen aus Migrantenfamilien. Für die Schulart liegt das im Mittel, sagt Kühn. Manche leben erst seit drei oder fünf Jahren in Deutschland und mussten in der 7. Klasse lernen, den Unterrichtsstoff in einer neuen Sprache zu verstehen.

(…)

Fragt man die Zehntklässler, warum sie nicht demonstrieren, sagt eine Schülerin: „Wir dürfen ja noch nicht mal in der Pause zum Bäcker eine Straße weiter.“ Man merkt, dass viele in der Klasse nicht vertraut damit sind, sich politisch stärker einzubringen als mit dem Gang zur Wahlurne.

§

Ein Vater macht sich Sorgen, weil seine bewegungsfreudige Teenagertochter zunimmt und bitten Kummerkastentante Blair Braverman um Rat.
„How Not to Talk to Your Child About Body Image“.
via @stedtenh0pp1A

§

Es gibt DOCH Aufnahmen von mir bei der Wassergymnastik!

via @ankegroener

Journal SonntagSamstag, 13. Juli 2019 – Wanderung im Grünen Band und Erich Ludwig

Sonntag, 14. Juli 2019

Ein Wandertag mit Herrn Kaltmamsell, ordentlich Wetter, Tieren und kräftigem Abendessen.

Ich war früh aufgewacht, zum Frühstück hatte ich bereits Hunger auf Muesli. Mit Herrn Kaltmamsell war ich um 10 Uhr verabredet, in Wanderkleidung. Im einzigen Café am Ort, das am Samstag so früh schon öffnete, bekam ich meinen Morgenkaffee.

Für die Wanderung hatte ich meine Wasserflaschen extra leer mitgenommen: Ich wollte sie an den Heilquellen im Kurpark füllen. Am Vorabend hatten wir sie verkostet und festgestellt, dass das Wasser der „Wiesen-Quelle“, ein „Calcium-Magnesium-Hydrogencarbonat-Säuerling“ leicht moussierte und säuerlich erfrischend schmeckte.

(Bild von mir: Herr Kaltmamsell)

Unterwegs schmeckte das Wasser allerdings in erster Linie rostig und eher nicht gut.

Als Wanderung hatte ich uns die gut 18 Kilometer „Frankenwald Steigla Grenzer-Weg“ ausgesucht: Sie führt durch das „Grüne Band“, einen Biotopverbund entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Wir waren noch keine Stunde unterwegs, als heftiger Regen einsetzte – na gut, dafür hatten wir ja unsere superduper Wanderjacken dabei, und es war nicht kalt. In einer Senke blieb ich stehen, weil ich mir meines Blicks nur auf den Meter Weg vor mir bewusst geworden war. Ich wies Herrn Kaltmamsell darauf hin, dass wir nicht vergessen durften zu gucken, denn – eigentlich hatte ich sagen wollen, dass wir sonst am End‘ solch interessante Tiere wie einen Fuchs gar nicht sehen, sagte es aber nicht, denn 50 Meter vor mir auf der Wiese stand im Regen ein mächtiger Storch. Als auch Herr Kaltmamsell ihn sah, erhob er sich in die Luft: Eindeutig ein Schwarzstorch. Ich setzte nochmal zu meiner Aussage über möglicherweise übersehene Füchse an, als Herr Kaltmamsell hinter mich zeigte, wo gerade ein junger Fuchs gemächlich dieselbe Wiese kreuzte. Wir sahen ihm zu, bis er auf der gegenüberliegenden Seite im Wald verschwand.

Weitere Tiersichtungen auf der Wanderung: Ein mächtiger Greifvogel im tiefen Flug, Falke, Distelfink, Goldammer, Pferde, Ziegen, Hühner, Gänse, auf einer Wiese ein Alpaka, das von einer Frau mit Rufen irgendwohin getrieben wurde.

Der Regen dauerte zum Glück nicht lange. Unsere Wanderhosen waren zwar nass, trockneten aber schnell wieder, meine nassen Füße in den Joggingschuhen störten mich nicht (ich hatte Herrn Kaltmamsell nicht um den Transport meiner sperrigen Wanderstiefel bitten wollen).

Andere (Bundes-)Länder, andere Schilder.

Es regnete nochmal heftig – aber da machten wir zufällig gerade in dieser Schutzhütte Rast mit Nüsschen und Fruchtgummi. Dann halt ein bisschen länger als geplant, nämlich bis der Regen wieder aufgehört hatte.

Bereits auf der Thüringer Seite.

Gefräßiger Baum direkt vor Schlegel.

Schlegel.

Ex-Grenze.

Ich naschte wilde Himbeeren und fand auch wunderbare Walderdbeeren – von beidem versuchte mich Herr Kaltmamsell mit spitzen „Fuchsbandwurm!“-Rufen fernzuhalten. Vergeblich.

Nach 20 Kilometern in sechs Stunden mit einer langen Pause war ich sehr erschöpft, ich ließ mich in der Klinik sogar vom Aufzug in den vierten Stock fahren, in dem mein Zimmer liegt. Das wäre vergangenen Herbst noch eine ganz normale Tagesetappe einer Wanderwoche gewesen – ich kann doch nicht derart ruckartig gealtern sein!

Nach kurzem Frischmachen spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell in eine Traditionswirtschaft am Ort, die Samstagabend Schäufele anbietet.

Ich war sehr hungrig, neben dem Schäufele (war ok, aber ich bin seit einem legendären Schäufele vom befreundeten Franken in München verdorben für alle anderen), schmeckten mir sogar die Knödel (Kartoffelknödel, die hier Klöß heißen, sind eigentlich nicht so das meine), vor allem aber genoss ich das Bier, unfiltriertes der Hofer Brauerei Scherdel.

Auf instagram hatte mich @frau_enness darauf hingewiesen, dass es in der Gegend noch mehr Wanderkarten im Stil der in Bad Steben entdeckten gibt.

Dahinter steckt wohl Lithograf Erich Ludwig (1921-1992).

Gestern entdeckte ich weitere Spuren von ihm in Bad Steben:

Am Rathaus.

An einer Schmiede.

Den Stil ordne ich als Laiin dem Typ Genossenschaftsbau zu (für den ich ein besonderes Faible habe) – ungewöhnlich finde ich lediglich, dass es hier eine Signatur gibt.

Journal Freitag, 12. Juli 2019 – Besuch von Herrn Kaltmamsell und erste Reha-Erkenntnisse

Samstag, 13. Juli 2019

Nachts immer wieder Regen. Auch sonst war die Nacht unruhig: Unter den am Dienstag und Mittwoch eingetroffenen neuen Patienten und Patientinnen sind Party People, die im Raucherpavillon vorm Haus (und damit vor meinem Fenster) viel und lauten Spaß hatten, ein neuer Nachbar kennt die Funktion von Türklinken nicht und wirft seine Zimmertür ins Schloss. Zum ersten Mal benutzte ich zum Schlafen meine Ohrstöpsel.

Um 5 Uhr aufgewacht, gebloggt, Zeitung gelesen, draußen nasses Wetter.

Der erste Termin war ein freiwilliger, um 7.30 Uhr war offenes Qi Gong angeboten. Gefällt mir weiterhin sehr gut, fühlt sich gerade als Start in den Tag ideal an.

Fürs Frühstück blieb bis zum nächsten Therapietermin wenig Zeit, doch nachdem ich jetzt bereits drei Stunden wach war, hatte ich sogar Hunger. Die Schüssel Muesli mit Leinsamen und Kleie musste halt schnell gehen.

Schnell gehen musste dann auch das Umziehen für „Gruppe Bewegungsbad“, diesmal Wassergymnastik mit Schwimmnudel. Und meine Güte, hatte ich eine Gaudi! Dieses Schaumstoff-Vieh war ungemein schwer zu bändigen, ich fand mein ständiges Umkippen und Untertauchen ausgesprochen lustig. (Wasser ist einfach mein Element, Süßwasser wohlgemerkt, ich schiebe das auf den Säuglingsschwimmkurs, den meine Mutter seinerzeit mit mir absolvierte.) Bei einer Übung sollten wir die Gumminudel zwischen die Beine klemmen und uns draufsetzen (denkwürdiges Kommando der Trainerin: „Hände weg von der Nudel!“), dann in dieser Haltung radlfahren. Hahaha, ich bitte Sie: Sie hätten doch auch verschiedene Fahrradtypen durchgespielt, von Hollandrad (lockere Armhaltung nach vorne) über Bonanzaradl (Hände deutlich über Wasser) bis Rennrad (nach vorne untertauchen, fast von der Nudel kippen, halb tot lachen)?!

Anschließend im Zimmer gründliches Duschen und Körperpflege, bald war es Zeit für den Massagesessel. Wieder nett, erhöhte aber im Grunde nur die Sehnsucht nach einer medizinischen Menschenmassage.

Dann Nordic Walking, nach dem Einführungstermin jetzt eine ernsthafte Einheit. Wir marschierten unter Anleitung durch den Kurpark und ein Stückchen weiter (inklusive Querung einer Straße – Anlass für das eine Geschlechterklischee, das bislang unbewitzelt geblieben war: FRAU AM STEUER!). Die Sonne war herausgekommen, das frisch beregnete Grün quietschte vor Elan, grad schön war’s. Im Anschluss reality check: Einige aus der Gruppe konnten es nicht fassen, dass sie sich anscheinend gerade eine ganze Stunde am Stück bewegt hatten (mehrfacher Uhrencheck, wiederholtes Nachrechnen), ebensowenig dass sie dabei schwitzten – das war offensichtlich eine neue Erfahrung. So viel zur Jugend heutzutage, die sich ja (böse Computer, böse Handys) gar nicht mehr bewegt: Ein Großteil der definitiv nicht mehr Jugend hat’s wohl noch nie getan.

Ordentlich Mittagshunger, spätes Essen: Ich hatte mich für den Hering Hausfrauen Art entschieden. Schmeckte sehr gut, anschließend Espresso. Dann versucht ich schnell zu verdauen (kann man das beschleunigen?), denn nur 45 Minuten später hatte ich einen Termin im Maschinenraum. Obwohl ich überhaupt keine Lust darauf hatte, lief es ganz gut; auch wenn immer wieder betont wird, dass es hier um Kraft-Ausdauer geht, werde ich an der Beinpresse das Gewicht erhöhen müssen: Wenn ich auch im dritten Satz dreimal mal so viele Wiederholungen schaffe wie vereinbart und selbst dann noch weiter könnte, ist es zu wenig.

Jetzt war ich wieder verschwitzt, wusch mich ein wenig – und vertrieb mir die Zeit, bis ich Herrn Kaltmamsell vom Bahnhof abholen konnte, er besuchte mich übers Wochenende. (Sein erster Satz in meinen Armen nach „Hallo“: „Jetzt hast du zwei Tage Zeit, dich um mich zu kümmern.“ Genau so sah ich das auch.)

Ich brachte den Herrn in seine Unterkunft gleich bei der Reha-Klinik und wollte ihm dann eigentlich meine Entdeckungen in der alten Kuranlage zeigen. Doch jetzt krachten Gewitter mit Regengüssen, hielten uns eine ganze Zeit in der Wandelhalle fest. Nachdem wir die Touchscreen-Inhalte der Tourist Information erschöpfend gelesen hatten und der Regen gerade mal ein wenig nachgelassen hatte, verlegten wir das geplante Abendessen beim Italiener vor.

Wir wurden sehr freundlich und durchaus passabel bewirtet (Fischsuppe – eher Meeresfrüchtesuppe -, Calamari vom Grill / Auberginen Parmigiana , Panna cotta), vor allem bekam ich nach zwei Wochen endlich mal wieder Alkohol! Und ausgezeichneten Espresso!

Und endlich mal wieder Herrn Kaltmamsell. Erst im Gespräch mit ihm wurde mir klar, was die Reha bisher vor allem gebracht hat: Dass ich Tatsachen ins Auge sehe. Meine Bandscheiben induzierten Schmerzen sind ein chronisches Leiden, das wird nicht wieder gut.1 Ich kann aber lernen damit umzugehen – unter anderem indem ich mir eingestehe, dass ich nicht so leistungsfähig wie mit 20 oder 30 bin und dass es völlig in Ordnung ist, mir das Leben mit Hilfsmitteln zu erleichtern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass mir das Runterbeugen zum Boden auch künftig nur in Ausnahmen gedankenlos und schnell möglich ist. Also ist es zum Beispiel eine gute Idee, meine bisherigen Schaufel und Besen durch die Variante am langen Stecken zu ersetzen, wie sie zum Beispiel auch in der Gastronomie eingesetzt wird – aus guten Gründen. Nein, das ist kein Sich-gehen-lassen oder Kapitulation, sondern vernünftiges Haushalten mit Ressourcen. Sonst krähe ich doch auch ständig, dass ich mit dem Altern keine Probleme habe; doch Altern ist halt nicht nur weißes Haar, Falten, erschlafftes Gewebe und schwindende sexuelle Attraktivität, sondern auch körperliche Leistungsfähigkeit. Mögen andere über Botox und plastische Chirurgie nachdenken, damit muss ich mich auseinandersetzen.

Was ich auch gelernt habe: Nein, das ist nicht meine Schuld. Die einen klettern noch mit 70 so gut wie schmerzfrei am Watzmann, die anderen hinken schon mit 45 artrotisch – trotz Bewegung und weitgehend lasterfreiem Leben. Es gibt viele körperliche Aspekte, die man halt nur bedingt kontrollieren kann. (@ankegroener verlinkte den passenden Cartoon dazu.)

Die Nacht musste ich leider allein verbringen: Uns wurde im Einführungsvortrag zu Klinikdingen bedeutet, dass nach Torschluss um 22.30 Uhr zwar nicht nachgezählt werde, doch ein Fernbleiben über Nacht als Abbruch der Therapie angesehen werde.

  1. Wer mag als Erste auf die Unfehlbarkeit der Esoterik verweisen, der ich mich ja verweigere, sonst hätte ich längst wieder eine Lendenwirbelsäule wie mit 20, zwar von Geburt an verwachsen und schief, aber schmerzfrei? []

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