Archiv für Juli 2019

Elemente einer Tragödie

Mittwoch, 31. Juli 2019

Ein sehr kranker Mensch, der nicht zwischen ausgedachtem Leben und der Wirklichkeit unterscheiden kann.

Eine glitzernd intelligente, kreative und umfassend belesene Frau.

Eine Autorin, die sehr gut erzählen und berührend schreiben kann.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt, aus indischen Kliniken, von Berliner Straßen, aus nordafrikanischer Jugend, aus kleinen irischen Dörfern, aus Jerusalemer Wohnungen, über harte Schicksale, menschliche Begegnungen, oft über sonst Übersehene, aber auch Geschichten über sentimentalische Literatur vergangener Epochen, Beschreibungen von Jahreszeiten mit ihren Blüten, Düften, Farben. Das beherrschende Thema dieses ausgedachten Lebens: Die Abstammung von einer jüdischen Familie, die zum größten Teil im Holocaust umgebracht wurde.

Ein öffentliches Schreiben und Erzählen, im Internet, in großen Zeitungen, bis hin zu Vorträgen in Konferenzen.

Zuwendung, Bewunderung und Anerkennung für diese Geschichten, sie ernten Preise.

Nur eine Frage der Zeit, bis aufgedeckt wird, dass diese Geschichten nicht der Wirklichkeit entsprechen. Und weil das Thema Holocaust und Judentum so heikel, belastet und sensibel ist, geschieht die Aufdeckung sehr laut und sehr öffentlich.

Eine Frau, die berührbar ist, umgehend zu Hilfe eilt, wenn sie Not spürt.

Ein überdurchschnittlich emphatischer Mensch, der Leid tief mitempfindet.

Ich weiß nicht, wie viele außer mir von ihr kleine und große Aufmunterungspakete bekamen, hier ein Zeitungsartikel, dort irische Süßigkeiten. Sie organisiert spontane Hilfsaktionen, für eine fliegt sie eigens ein, sie reißt andere zum Helfen mit.

Die letzten Worte, die ich von Sophie lese, am 31. Mai: „Ich bin nicht mehr.“

Eine Frau, die nicht zwischen Erfundenem und der Wirklichkeit unterscheiden kann, muss durch Entzug ihrer Wirklichkeiten ins Bodenlose fallen: Menschen, die helfende Hände ausstrecken, können ihr plötzlich genauso unwirklich erscheinen wie die Geschichten, die gerade zerschmettert wurden.

Und jetzt ist ein Mensch tot. Was für eine furchtbare Verschwendung.

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Sophie ist tot

Samstag, 27. Juli 2019

Marie Sophie Hingst wurde am 17. Juli 2019 in Dublin tot aufgefunden.
„The life and tragic death of Trinity graduate and writer Sophie Hingst“.

Journal Donnerstag, 25. Juli 2019 – Hitzeprügel und Jakob Arjouni, Kismet

Freitag, 26. Juli 2019

Noch größere Hitze, jetzt wurde es unangenehm.

Dass ich schlecht geschlafen hatte, lag aber nicht daran, mein Schlafzimmer hat angenehme 24 Grad. Und der Morgenkaffee auf dem Balkon war von einer sanften Brise umweht.

Unangenehm war die Hitze auch, weil in der Arbeit irgendwas ist in der Tat anders geworden war: Selbst in den sehr heißen Sommern der vergangenen Jahre war mir nie im Büro beim reinen Rumsitzen der Schweiß über die Schläfen und den Rücken hinunter gelaufen. Gestern schon. Zudem protestierte meine LWS gegen das Sitzen, ich humple schon wieder deutlich weniger souverän als direkt nach der Reha.

Mich telefonisch um Nach-Reha und Faszienmassage gekümmert. Noch trägt der Schwung der guten Vorsätze, der mich auch morgens fünf Minuten früher aufstehen lässt, damit ich den Tag mit ein paar Gymnastikübungen zur Mobilisierung beginnen kann.

Wieder eine große Arbeitsfeier ausgelassen. Es ist ein so schönes Gefühl von Freiheit, einfach nicht hinzugehen.

Auf dem Heimweg fühlte sich die Sonne wie eine Tracht Prügel an. Da ich Richtung Osten ging, kam ich einige Male durch völlig schattenfreie Straßen – es fühlte sich an wie im Madrid meiner Kinderferiensommer.

Ich radelte mit Herrn Kaltmamsell rauf nach Obergiesing zu unserer Leserunde: Wir sprachen über Jakob Arjouni, Kismet. Als Zeitzeugnis ganz niedlich, schön erkennbare Topoi des hard boiled Detektivromans, aber der vierte Krimi um Detektiv Kemal Kayankaya ist schwach. Zum einen schon mal eher ein Actionfilm mit seinen vielen Explosionen und spektakulären Todesfällen, zum anderen mochte ich so manche Milieubeschreibung einfach nicht glauben, z.B. die des Museumspersonals. Bedrückend zeitlos allerdings alles, was unter den Flüchtlingen und in Flüchtlingsunterkünften spielte, damals halt mit Menschen aus dem Bürgerkriegs-gebeutelten Ex-Jugoslawien.

Heimradeln im letzten Abendrot und durch immer noch unangenehm warme Luft, vorsichtig ob der Radel- und Elektrorollermassen, die die Straßenverkehrsordnung nicht auf sich bezogen.

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Das hatte ich mich ja schon gefragt, nachdem in Madrid die Kommunalwahl im Mai ein konservativ-rechtes Ergebnis gehabt hatte: Was jetzt wohl aus dem Autofahrverbot in einigen Innenstadtgebieten wird. Und siehe da: Das Versprechen der neuen Entscheider, das Fahrverbot aufzuheben, stieß auf massive Bürgerproteste.
„In Madrid, a Car Ban Proves Stronger Than Partisan Politics“.

Journal Mittwoch, 24. Juli 2019 – Zurück in der Ereignislosigkeit

Donnerstag, 25. Juli 2019

Herzlich willkommen zurück in den langweiligen Arbeitstagen – und Blogposts.

Die Reha scheint mich dann doch entspannt zu haben: Ich habe Dienstagabend nicht in meine Arbeitsmails geguckt und dennoch recht gut geschlafen.

Endlich wieder Balkonkaffee (mit zwei dunkelbraunen Eichhörnchen in Jagd umeinander auf den Kastanien davor), endlich wieder guter Morgenkaffee.

Der Tag wurde prügelheiß, mein Büro ließ sich nicht so gut temperieren, wie ich es gewohnt war. Viel Arbeit, aber machbar und selbst nach drei Wochen Abwesenheit ohne Stressanfälle abzuarbeiten. Ich merkte schon gestern, dass ich die viele Bewegung über den ganzen Tag vermisste, die mir der Rhythmus der drei Wochen zuvor möglich gemacht hatte.

Heimweg über die Theresienwiese, in noch größerem Bogen um den wuchernden Oktoberfestaufbau als im vergangenen Jahr: Das Oktoberfest beansprucht heuer ein noch größeres Stück der Fläche für über fünf Monate – in der sengenden Sonne hasste ich es inbrünstig (und werde dieses Jahr wohl während der zweieinhalb Wochen Oktoberfestarmageddon keine Möglichkeit zur Flucht haben).

Brotzeiteinkäufe beim Basitsch für die nächsten beiden Arbeitstage. In der gekühlten Gemüseabteilung hätte ich mich am liebsten mit einem Buch niedergelassen.

Die Wohnung war zum Glück angenehm temperiert, Herr Kaltmamsell und ich hatten keine Lust, sie für ein Abendessen zu verlassen. Der Herr servierte gebratenen Haloumi mit Kapern und Cedri-Zitrone, außerdem gehackter Salzzitrone, die er vor einigen Wochen angesetzt hatte (und der übrigen Ernteanteil-Paprika).

Beim Zu-Bett-Gehen war es draußen noch zu warm, als dass ich die Fenster hätte öffnen können.

Alles über orthopädische Reha heutzutage

Donnerstag, 25. Juli 2019

Ein echtes Fazit der drei Reha-Wochen ist ja erst in einigen weiteren Wochen sinnvoll. Hier aber ein paar Dinge, die ich dort gelernt habe:

  • Medizinisches Personal trägt keine Birkenstocks mehr, sondern Croqus.
  • Die Patienten und Patientinnen in solch einer Reha sind sehr divers: In Alter (natürlich tendenziell eher ältere), in Körperform, in Herkunft. Sie verbindet wirklich nur, dass sie Mitglieder der Deutschen Rentenversicherung sind.
  • Ob und wie sportlich fit sie sind, sieht man an keinem der obigen Faktoren, sondern erst, wenn sie sporteln (wie halt im sonstigen Leben auch).
  • Rehas sind auf einen angenommenen Durchschnittpatienten ausgerichtet, der zum ersten Mal im Leben mit sportlicher Bewegung Bekanntschaft macht und Hintergründe zu Ernährung erfährt. Wer nicht diesem Profil entspricht, geht unter.
  • Reha-Verpflegung mag zwar nicht lukullisch sein, ist aber wunderbar gemüselastig.
  • Bayern 1 klingt heute wie Bayern 3 vor 15 Jahren – inklusive teilweise interessanter Wortbeiträge, Bayern 3 klingt wie Antenne Bayern vor zehn Jahren – inklusive tödlich launiger Mehrfachmoderation. (In fast allen Räumen außer den Einzelzimmern dudelte einer dieser beiden Sender.)

Was ich gerne vorher gewusst hätte: Als Reha-Patientin oder -Patient braucht man eine kleine Tasche, in der man Therapieplan, Handtuch, Zimmerschlüssel, Wasserflasche, Telefon bei sich führt und von Termin zu Termin trägt. Da ich mir nicht eigens eine zulegen wollten (bitte nicht mehr Zeug!), war ich mit meiner riesigen Standardtasche unterwegs, die auch ein paar Kilo Einkäufe fasst.

Journal Dienstag, 23. Juli 2019 – Längere Reha-Rückfahrt

Mittwoch, 24. Juli 2019

Gestern fuhr ich einmal quer durchs Ingolstädter Audi-Werk. Im ICE. Kennerinnen wissen: Das ist keine gute Nachricht.

Dabei war bis Nürnberg alles gut gegangen: Früh zu einem Hochsommertag aufgestanden, gepackt in „brauche ich gleich bis bald“ (Koffer, den ich selbst mitnahm) und „würde mir bei Verlust nicht das Herz brechen“ (Koffer, der vom Transportdienst mitgenommen wurde). Unterlagen und Schlüssel gab ich im Stationszimmer ab, im Speisesaal trank ich Tee und frühstückte Muesli, plauderte nochmal mit einer besonders interessanten Mitpatientin aus Erfurt.

Wie schon bei der Ankunft verzichtete ich auch jetzt für den Weg zum Bahnhof auf den Shuttle-Service, ich ging lieber zu Fuß, bevor ich einige Stunden sitzen würde. Dass es dann so viele Stunden würden, war nicht geplant. Beim Umstieg in Hof hatte ich sogar noch Zeit für einen Cappuccino, in Nürnberg kam ich pünktlich an.

Während ich mir im Nürnberger Bahnhof ein Mittagessen holte (Stück Fladenbrot mit Grillgemüse und eine Nussschnecke), bekam ich mit, dass andere Züge nach München Verspätung hatten. Meine Verbindung war sogar noch als pünktlich angezeigt, als ich vespernd am Bahnsteig wartete. Doch dann hieß es fünf Minuten Verspätung, als die verstrichen waren zehn, tatsächlich kam der Zug mit 20 Minuten Verspätung an, wegen technischer Probleme. Die präzisierte im Zug die Schaffnerin: „Wir müssen einen Umweg fahren, weil unser Triebwagen nicht mehr genügend Leistung hat.“ (Ich nehme an, dass die extra gebaute ICE-Strecke Nürnberg-München über Ingolstadt nur unter bestimmten Bedingungen befahren werden darf.)

Und so sah ich Schwabach und Weißenburg, ab Treuchtlingen kannte ich mich sogar wieder aus, weil ich hier mal gearbeitet hatte. Wir bummelten durchs Altmühltal, ich sah viele, viele Paddlerinnen und Padler in gleißendem Licht auf dem Flüsschen, wir fuhren hinüber ins Donautal. Jetzt war der ICE endlich die 60 Minuten verspätet, die das Verteilen von Fahrgastrechte-Formularen und Freigetränken auslöste. Und wir fuhren einmal quer durchs Audiwerk, das mit seinem enormem Wachstum in den vergangenen 20 Jahren die Bahntrasse verschlungen hat – ebenso wie zahlreiche kleinere Straßen, auf denen ich noch als Kind und Jugendliche geradelt bin, die allerdings im Gegensatz zu den Gleisen nicht mehr für Durchgangsverkehr frei sind. Jetzt sah ich sie wieder.

Die Stimmung im wenig besetzten Großraumabteil war gelassen, das alte Paar vor mir amüsierte sich von Herzen über die Unbillen: „Solange er nicht steht, simmer ja schon ganz zufrieden.“ Lautes Kichern, als auch noch die Schließung des Speisewagens durchgesagt wurde. (Aber hey: Klo, WLAN und Klimaanlage funktionierten.) Ich fragte die freundliche und gelassene Zugchefin, ob das jetzt ein elend langer Arbeitstag für sie würde? Wohl erst mal nicht: „Ist ja erst die Hinfahrt.“

München empfing mich mit Hitze, aber noch erträglicher. Daheim schloss ich Herrn Kaltmamsell in die Arme. Kofferauspacken, Waschmaschine füllen und einschalten, dann ging ich auf eine Einkaufsrunde: Vor allem brauchte ich eine neue externe Festplatte, die bisherige fürs Back-up erkannte mein Rechner nicht mehr – und nun hatte ich seit über drei Wochen kein Back-up mehr gemacht.

Daheim gab’s Wäschaufhängen, während das Back-up lief, bald Pink Gin & Tonic und dann ließ ich mich feierlich von Herrn Kaltmamsell bekochen: Ich hatte mir Shakshuka gewünscht.

Journal Montag, 22. Juli 2019 – Letzte Reha-Male

Dienstag, 23. Juli 2019

Sehr schlecht eingeschlafen, beim frühen Aufwachen fühlte ich mich dann eigentlich fit.

Doch schon während des ersten Reha-Termins Rotlicht (das wieder gut tat), sah ich ein, dass ich an diesem Tag eher langsam tun sollte. Eigentlich hatte ich vormittags zwischen zwei Terminen eine letzte Laufrunde geplant – sonst würde ich bis zum Wochenende nicht zu Sport kommen -, doch ich musste einsehen, dass es mir dafür zu schwächlich war. Am Frühstückstisch hatte ich nur Lust auf süßen Schwarztee, mochte nicht mal das sonstige Glas Hafermilch.

Also folgte ich nur dem Tagesplan. Es sah bald eine Runde im Maschinenraum vor; wenn ich schon die Laufrunde wegließ, verbrachte ich zumindest auf dem Crosstrainer mehr Zeit als nur das Warmstrampeln. Die Geräteübungen waren kein Problem.

Fast gleich im Anschluss letzte Wirbelsäulengymnastik: Faszienrolle. Wie schon durch Ihre Kommentare von Patienten- und Patientinnenseite verstärkte sich hier der Eindruck, dass auch auf Therapieseite keine Einigkeit über das ob und wie der Fazienlockerung besteht: Die einen sagen so, die anderen so. Gemeinsame Basis scheint die Erkenntnis, dass den Faszien sehr viel mehr Bedeutung zukommt, als man bis vor Kurzem wusste. Doch die genauen Auswirkungen welchen Umgangs damit sind wohl noch nicht systematisch erforscht. Diese Frau Physio zeigte uns Übungen mit einer verhältnismäßig dünnen, dafür besonders langen glatten Faszienrolle. Ihr Rat zur Einsatzhäufigkeit: Zweimal die Woche, und zwar überall dort, wo sie schmerzt. Stoße man dabei auf eine Partie, die besonders schmerze, konstanten Druck darauf ausüben, bis sich die Verhärtung löst. Besonders spannend fand ich ihre Anleitung für den Einsatz der Rolle im Nacken – ich kann mir durchaus vorstellen, dass man damit Kopfweh-induzierende Verspannungen lindern kann. Ich habe den festen Vorsatz, damit zu arbeiten, parallel meine Anfasserin zu fragen, ob sie auch Faszienmassagen kann.

Nach einem letzten Cappuccino in der Cafeteria duschte und pflegte ich mich. Letztes Mittagessen (Bohneneintopf mit getrockneten und frischen Bohnen, dazu Salat vom Buffet), letzte Kurzsiesta, letztes Mal Massagesessel.

Vor dem letzten Vortragstermin ging ich meinem Verdacht nach, dass es im Eissalon, in dem ich am Samstag den Bombenbecher gegessen hatte, handgemachten Cappuccino geben könnte. Ich spazierte hinüber – und tatsächlich, gibt es. Er schmeckte auch noch.

„Leistungen der Sozialversicherungen“ lautete der Vortragstitel, es ging tatsächlich um das Bundesdeutsche System an Kranken-, Pflege, Renten- und sonstigen Sozialversicherungen. Ich nahm die Infos als politische Bildung mit.

Die eigentlich geplante Joggingstrecke spazierte ich jetzt. Es war schwülwarm und diesig-sonnig, Spazieren tat mir deutlich besser als es ein Lauf gewesen wäre. Snack zwischendurch: Waldhimbeeren.

Sonst kenne ich auf Wanderungen Erdbeerchen und im Spätsommer Brombeeren (die jetzt noch lange nicht reif sind), aber hier im Frankenwald ist alles voll kleiner, köstlicher Himbeeren. Ich bekam Lust, demnächst eine Himbeertorte zuzubereiten.

Letztes Abendessen, ich aß mit Hunger und Appetit. Zwei Stunden später hatte ich schon wieder Hunger, genau dafür hatte ich einen Becher Hüttenkäse, eine Nektarine und Schokolade in der Schublade.

Letztes Mal Abendrot über den Hügeln des Frankenwalds.

Neues Buch begonnen: Min Jin Lee, Susanne Höbel (Übers.), Ein einfaches Leben. Nach sehr Langem mal wieder die deutsche Übersetzung eines englischsprachigen Orignals – noch lenkt mich ab, dass ich mich bei Formulierungen immer wieder frage, wie wohl die englische Ausgangsformulierung lautete.

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Ich finde das nicht nur in zwanzig Jahren nicht langweilig, sondern schon jetzt:
„Ohne Fleisch kein Preis – Bahnreisen, Europa 2019“.

Oder: Warum es nichts nützt, die klimafreundliche Verringerung von Flugreisen (die übrigens bis zum Moment stetig mehr werden) innerhalb nationaler Grenzen zu denken.

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Die verehrte Carolin Emcke hat lange gebraucht, bis sie ihre Gedanken zu #metoo formuliert hat. Dadurch hatte sie dafür bereits einen Überblick, der eine sachliche Analyse der Debatte möglich macht. Teresa Buecker hat sie für Edition F zum resultierenden Buch Ja heißt ja und… interviewt:
„Carolin Emcke: ‚Ich denke die ganze Zeit darüber nach, ob etwas, das ich tue, falsch verstanden werden kann oder übergriffig wirkt'“.

Der Fokus lag zunächst auf einzelnen Fällen und dem Versuch des Nachweisens, dass eine bestimmte Person die eigene Macht missbraucht hat, Frauen missbraucht hat, genötigt hat. Darüber wurden dann zum einen die Personen und ihre Verhaltensweisen genauer angeschaut, zum anderen auch der direkte Kontext, diese komplizitäre Kultur in bestimmten Branchen. Ich habe diese Einzelfälle auch verfolgt und manche erscheinen einem dann noch widerlicher als andere. Aber diese einzelnen Fälle haben mich nicht so umgetrieben. Was ich wirklich interessant fand, war die Abwehr des Diskurses durch Frauen, die suggerierten haben, es ginge bei dieser Debatte um eine Einschränkung von Lust und eine Einschränkung von Sexualität. Da habe ich dann gedacht: Jetzt lohnt es sich doch, noch etwas dazu zu schreiben.

(…)

… da gab es mitunter auch so eine Härte im Diskurs. Da gab es Auftritte von Frauen, die mit erstaunlicher Selbstzufriedenheit herumposaunten, sie verstünden gar nicht, was das Problem wäre. Wenn irgendjemand sie belästigen würde, dann könnten sie sich doch einfach wehren, einfach ,nein‘ sagen. Da wurden Machtfragen komplett ausgeblendet, denn es gibt eben Hierarchien, es gibt unterschiedliche Privilegien, es gibt unterschiedliche Statusformen, die eben auch drohen und bedrohen können. Aber es gibt auch unterschiedliche soziale, kulturelle, übrigens auch physische Kompetenzen, die es der einen leichter und der anderen schwerer machen, sich zu wehren. Die rücksichtslose Härte, mit der da unterstellt wurde, alle müssten gleich angstfrei, gleich wortgewandt, gleich kraftvoll genug sein – die hat mich wirklich befremdet.


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