Elemente einer Tragödie

Mittwoch, 31. Juli 2019 um 6:16

Ein sehr kranker Mensch, der nicht zwischen ausgedachtem Leben und der Wirklichkeit unterscheiden kann.

Eine glitzernd intelligente, kreative und umfassend belesene Frau.

Eine Autorin, die sehr gut erzählen und berührend schreiben kann.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt, aus indischen Kliniken, von Berliner Straßen, aus nordafrikanischer Jugend, aus kleinen irischen Dörfern, aus Jerusalemer Wohnungen, über harte Schicksale, menschliche Begegnungen, oft über sonst Übersehene, aber auch Geschichten über sentimentalische Literatur vergangener Epochen, Beschreibungen von Jahreszeiten mit ihren Blüten, Düften, Farben. Das beherrschende Thema dieses ausgedachten Lebens: Die Abstammung von einer jüdischen Familie, die zum größten Teil im Holocaust umgebracht wurde.

Ein öffentliches Schreiben und Erzählen, im Internet, in großen Zeitungen, bis hin zu Vorträgen in Konferenzen.

Zuwendung, Bewunderung und Anerkennung für diese Geschichten, sie ernten Preise.

Nur eine Frage der Zeit, bis aufgedeckt wird, dass diese Geschichten nicht der Wirklichkeit entsprechen. Und weil das Thema Holocaust und Judentum so heikel, belastet und sensibel ist, geschieht die Aufdeckung sehr laut und sehr öffentlich.

Eine Frau, die berührbar ist, umgehend zu Hilfe eilt, wenn sie Not spürt.

Ein überdurchschnittlich emphatischer Mensch, der Leid tief mitempfindet.

Ich weiß nicht, wie viele außer mir von ihr kleine und große Aufmunterungspakete bekamen, hier ein Zeitungsartikel, dort irische Süßigkeiten. Sie organisiert spontane Hilfsaktionen, für eine fliegt sie eigens ein, sie reißt andere zum Helfen mit.

Die letzten Worte, die ich von Sophie lese, am 31. Mai: „Ich bin nicht mehr.“

Eine Frau, die nicht zwischen Erfundenem und der Wirklichkeit unterscheiden kann, muss durch Entzug ihrer Wirklichkeiten ins Bodenlose fallen: Menschen, die helfende Hände ausstrecken, können ihr plötzlich genauso unwirklich erscheinen wie die Geschichten, die gerade zerschmettert wurden.

Und jetzt ist ein Mensch tot. Was für eine furchtbare Verschwendung.

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die Kaltmamsell

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