Journal Freitag, 9. August 2019 – Gemüstag, mit Stern im Tian

Samstag, 10. August 2019 um 10:03

Am Vorabend war es mir zu spät dafür gewesen, jetzt stellte sich Herr Kaltmamsell in aller Herrgottfrüh in die Küche und schnippelte meine Brotzeit nach Wunsch: Fenchel aus Ernteanteil, grüne lange Paprika vom Verdi (leicht scharf), Salzzitronen, Pfeffer, Salz, Rapsöl.

Schmeckte hervorragend – ich beginne Menschen zu verstehen, die Salzzitrone erst mal an alles tun.

Vier Monate im Jahr muss ich ja wegen Oktoberfest einen Umweg um die Theresienwiese machen. Das bringt mich um den weiten Blick, den ich sonst so genieße, hat aber einen enormen Vorteil: Ich gehe an der Feuerwache 3 – Westend vorbei, meine innere Achtjährige bekommt immer wieder etwas geboten. In den vergangenen Tagen stand mehrfach ein Feuerwehrauto vor dem Gebäude, die eine oder andere Klappe geöffnet, Feuerwehrmänner taten Dinge daran. Am Donnerstagabend saß eine Gruppe Feuerwehrler davor in der Abendsonne, Tore zum spannenden Gebäudeinneren offen. Und gestern war gerade ein Leiterwagen vor dem Gebäude in Betrieb, ein Feuerwehrmann mit Helm fuhr im Korb hoch, ein anderer saß unten in der Steuerkanzel und betätigte die Leiter. Ein entgegenkommender Herr, der auch fasziniert nach oben guckte, und ich lächelten einander dämlich vor Begeisterung an.

Der Tag war schnell und überraschend heiß geworden. Auf dem deshalb langsamen Heimweg ging ich bei Bank und Obsthändler vorbei, wir haben jetzt die reichste Obstsaison.

Am Abend war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet: Ich hatte einen Tisch im mittlerweile sternbekrönten Tian am Viktualienmarkt reserviert.

An die Einrichtung des Restaurants musste ich mich erst mal gewöhnen, diese Polster-und-Bronze-Opulenz kommt bei mir als eher unangenehm neureich an.

Wir entschieden uns für alle sieben Gänge, doch gestern hätte mich die sonst so geschätzte Weinbegleitung überfordert – allein schon die Menge von insgesamt einer Flasche. Also bekam ich die Weinkarte. Die eher übersichtliche Karte war stark österreichisch ausgerichtet und hier auf Gols am Neusiedlersee. Ich hatte noch nie eine Weinkarte in der Hand (besser: vorm Körper – sie war so groß, dass ich mich dahinter hätte umziehen können), in der ich so viele Winzer und Lagen kannte und sogar schon probiert hatte. Ich entschied uns1 gegen einen Orange Wine, da Herr Sommelier bei allen seinen Vorschlägen eine mostige Note zugeben musste, die ich nicht mag. Wir ließen uns einen katalanischen Enric Soler Improvisació empfehlen, der uns sehr gut schmeckte, aber, wie sich herausstellte, sich mit den Gerichten nichts zu sagen hatte.

Der erste Gruß aus der Küche stand schon in einer Vase auf dem Tisch, dunkelgrüne Teigstangen mit Majonese und Blütenblättern. Dazu gab es Champagner De Sousa: Weiß für ihn, rosé für mich.

Der zweite Küchengruß: ein Maissüppchen, sehr angenehm.

Der erste richtige Gang: „Kohlrabi: Radieschen, Buttermilch“. Der Kohlrabi war laut Erklärung die beige Puddingscheibe, darin Tomaten, darüber Radieschen, dazu Schnittlauch-Buttermilch-Soße geträufelt. Nur: Nach Kohlrabi schmeckte hier nichts, Geschmack kam von den Tomaten und Radieserln. Der Pudding schmeckte generisch umami und war cremig, während ich mit Kohlrabi Frische und Knackigkeit verbinde (ich erinnere mich mit Speichelfluss an den kleinen, Frischkäse-gefüllten im Berliner Cordobar).

„Vichyssoise: Queller, Burrata“ war eine ansprechende Kombination, aus dem kalten Klassiker war die Kartoffel deutlich zu schmecken.

„Junger Lauch: Spargel, Pfifferlinge“. Intensiv schmeckten hier die Pfifferlinge, unterstrichen durch Estragon. Der Spargel ging unter, der Lauch brachte Röstaromen mit.

Die „Alternative Ratatouille: Paprika, Tomate, Aubergine“ von der Karte wurde uns als „unsere Interpretation“ vorgestellt. Interessant war hier der klare Tomatensaft, schön herzhaft, auch die sauer eingelegten Einzeltomaten. Und was unter der schimmernden Kuppel hervor kam, schmeckte wie eine sehr, sehr stark eingeschmurgelte Ratatouille. Wie schon beim Kohlrabigang fragte ich mich, was wohl das Ziel einer Küche ist, die ihre Zutaten hinter der Zubereitung versteckt. Artistik? Aber die Frage mag mal wieder vor allem meine persönlichen Vorlieben verraten.

Zur Entschädigung gab es deutlich nach sich schmeckend „Spitzkohl: Pasta, Kümmel“. Wir hatten Krautfleckerl erwartet, deren zentrale Zutaten hier aufgezählt waren, bekamen aber Krautkrapfen. (Die Servicekraft – eine von fünfen, die uns umsorgten – verstand nicht, wovon wir sprachen, das Gericht ist vielleicht zu regional).

Der Käsegang war ein geschmolzener: „Cathare von Maître Anthony: Olive, Zwiebel, Rucola“, sehr gut, vor allem durch die geschmorten roten Paprika.

Dazwischen gab es einen Melonen-Shot mit Ingwerschaum, schön saisonal und wohltuend.

Den Nachtisch mochte ich sehr, weil er sich auf Schokolade, Himbeere, Rose konzentrierte. Die winzigen Küchlein waren aus Mandelteig.

Zum Abschluss ließ ich mir einen Espresso bringen (anständig), dazu gab es Zitronen-Madeleines.

Draußen traf uns mit Wucht eine schwüle Nacht, wir spazierten über den emsigen Gärtnerplatz und durch viele Wochenendeinläuter auf allen Draußensitzplätzen nach Hause.

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Frau Klugscheißer erzählt am eigenen Beispiel, wie gerade starke Menschen durch traumatische Erlebnisse nachhaltig aus der Bahn geworfen werden können. Und wie sie zurück finden.
„Trauma my ass!“.

§

Für Hispanohablantes:
„Esta jienense puede leer su agenda telefónica gracias a los dibujos de su nieto“.

(Ja, das ist die Schlagzeile. Zu den Merkwürdigkeiten spanischer Kultur gehört, dass die Schlagzeile, wie wir sie kennen, nicht gebräuchlich ist – am ehesten noch auf den Titelseiten von Klatschmagazinen -, sondern als Überschrift etwas dient, was bei uns der Vorspann wäre.)

Zusammenfassung: Die 74-jährige Encarna Alés telefoniert gerne. Weil sie nicht lesen kann, hat ihr Enkel ihr ein Telefonbuch mit Symbolen statt Buchstaben gemalt, das er kontinuierlich aktualisiert. Kürzlich twitterte er Fotos von ein paar Seiten daraus – die Tweets gingen viral.

Darin ist so viel bemerkenswert (neben den seltsamen Überschriftgepflogenheiten):
– Der Spanier hispanifiziert Fremdwörter bis heute völlig ungerührt, retweeten heißt „retuitear“ wie in „Ha sido retuiteado más de 15.000 veces en un día.“.
– Es gibt bis heute ganze Generationen von Analphabeten in Spanien. Das war bei meiner spanischen Yaya so (die jetzt 105 Jahre alt wäre), aber eben auch bei der beschriebenen Encarna Alés. „Encarna Alés tuvo que dejar el colegio para trabajar con ocho años“ – sie musste mit acht Jahren die Schule verlassen um zu arbeiten. War halt so.
– Ihren Namen kann Frau Alés aber schreiben: Das hat ihr Vater ihr beigebracht, damit sie bei der Heirat nicht mit einem Daumenabdruck unterschreiben musste.

  1. Herr Kaltmamsell hat zum Glück noch nie protestiert []
die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Freitag, 9. August 2019 – Gemüstag, mit Stern im Tian“

  1. Frau Klugscheisser meint:

    Vielen Dank für die Verlinkung!

  2. philine meint:

    Wie war das mit dem Analphabetismus in Spanien während der Franco Zeit? In Portugal hat man von Regierungsseite während der Diktatur ganz bewusst Generationen von Analphabeten generiert. Schuluniform und Bücher mussten teuer bezahlt werden, Infrastruktur auf dem Land mit entsprechenden Bussen gab es nicht und wenn, waren die Busse für viele Familien viel zu teuer.Wer keine Schuhe besass, durfte keine Schule betreten. Somit gingen sehr viele nicht zur Schule, weil sie auf dem Land auf dem Bauernhof mitarbeiten mussten, dies bei meist unalphabetisierten Eltern, bzw. ein Grossteil besass nicht mehr als 4 Schuljahre Alphabetisierung. Nach dem Putsch 1974 wurde sehr schnell nachalphabetisiert. Die Analphabetenquote beträgt heute ca 6%.

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