Archiv für September 2019

Journal Sonntag, 22. September 2019 – Elterngrillen mit Spanienurlaubsbildern

Montag, 23. September 2019

Ausschlafen dauerte bis fast acht Uhr. Nach dem Bloggen war gerade noch Zeit für Duschen und Ankleiden, dann bereits Aufbruch zum Bahnhof: Wir waren bei meinen Eltern eingeladen. Ein Fußweg zum Zug war auch gestern unmöglich: Trachtenumzug (Super-Cosplay!) anlässlich Oktoberfest. Wir mussten die U-Bahn nehmen.

Unterwegs zeigte sich das Draußen in 70er Kodachrome – praktisch natürlicher instagram-Filter.

In Ingolstadt trafen wir uns bei meinen Eltern mit der Bruderfamilie. Meine Eltern grillten heftig auf; wir aßen auf der Terrasse in milden Temperaturen unter meist bewölktem Himmel: Zucchini, Auberginen, Maiskolben, Tomaten, Calamari, Garnelen, Lammkoteletts, Schweinebauch, Salsicce. Dazu Gespräche über Fridays for Future – kann es sein, dass Greta Thunberg unter den Gegnern des Klima-Aktivismus‘ deutlich wichtiger genommen wird als unter Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten?

Danach bekamen wir die Bilder des kürzlichen Spanienurlaubs der Bruderfamilie (von Laptop auf riesigen Elternfernseher): Paris, Feriensiedlung bei Madrid, Madrid, Sevilla, andalusischer Strand, Granada, noch ein Strandtag in Frankreich. Sie sahen nach viel Spaß aus, ich freute mich, einen Teil der spanischen Vaterfamilie zumindest auf Fotos zu sehen.

Kaffeeundkuchen mit der Linzertorte, die ich mitgebracht hatte, Aufbruch zurück zum Bahnhof. In München ging es durch nicht zu schlimme Oktoberfest-Cosplayer heim. Arbeitstag vorbereiten, Wohnung putzbar aufräumen, im Bett fing ich Isa Bogdans neuen Roman Laufen an.

Journal Samstag, 21. September 2019 – Die Sprache des Körpers und Bogenhausener Italien

Sonntag, 22. September 2019

Vorsichtige Versuche in der Disziplin „Hören auf den eigenen Körper“. Sie wissen: Wir haben ein fundamentales Kommunikationsproblem, mein Körper und ich – ich bestehe aber darauf, dass er angefangen hat. Sich außerdem furchtbar undeutlich ausdrückt und meinen Vorschlag ablehnt, das ganze schriftlich zu machen.

Vor ein paar Wochen habe ich beschlossen, ihm mal zuzuhören, zumindest was das akute Problem betrifft. So richtig zum Problem wurde es ja vor viereinhalb Jahren: Ich hatte beim Laufen Hüftschmerzen (ein paar Jahre davor auch schon, aber da waren sie von selbst wieder weggegangen). Doch zwei Orthopäden sagten: An der Hüfte ist nichts. Also schob ich das Problem auf den alten Bandscheibenvorfall.

Jetzt bin ich bereit, meinen Körper und sein damaliges Signal wieder ernst zu nehmen: Es ist die Hüfte, zefix. Wenn ich ihn richtig verstehe, sagt mir mein Körper: Es ist nichts kaputt, nur irgendwas fürchtlich verklemmt – so sehr, dass mittlerweile das gesamte Bewegungssystem in Mitleidenschaft gezogen ist.

Und damit gehe ich in den kommenden Wochen zu Anfasserinnen mit so unterschiedlichen Ausbildungshintergründen, dass ich sie als „Anfasserinnen“ zusammenfasse. Wenn das nichts bringt, kann ich mich diesen (scheinbaren?) Körpersignalen ja wieder verschließen.

Gestern wollte ich eigentlich Schwimmen gehen. Doch so wie mein Körper mir vergangene Woche signalisiert hatte, dass er keine weite Strecken mehr gehen wollte, meinte er gestern, dass er für eine Schwimmrunde zu erschöpft war. (Die nächtliche Migräne-Attacke nach nur einem wirklich kleinen Glas Rotwein mag das unterstützt haben.) Vielleicht brauche ich wirklich mal eine echte Sportpause. Eine, die nicht durch einen Atemwegsinfekt erzwungen ist (während dem sich ein Körper ja auch nicht so richtig erholt, oder?). Auch wenn sich das wie eine Kapitulation anfühlt. Ich misstraue solchen Körpersignalen nach Ruhebedürfnis zutiefst, weil ich immer meine angeborene Faulheit und Trägkeit dahinter vermute, die es seit Kindertagen zu bekämpfen gilt – damals durch meine Eltern, seit ein paar Jahrzehnten durch mich.

Mittlerweile kann ich mir vorstellen: Wenn ich wirklich jemals wieder Wandern, Tanzen, vielleicht sogar Joggen will, braucht es erst mal eine Zäsur.

Jede pickt sich ja aus ärztlichen Anweisungen diejenige, die ihr ohnehin am nächsten kommt. Bewegung ist gut? Super, mache ich. Und überhöre vielleicht, dass bei akuten Beschwerden Bewegung nicht so gut ist?

§

Gestern brach das Oktoberfest aus. Und ich fand auf Twitter endlich ein Framing, mit dem auch ich drüber hinweg komme.

Oktoberfest-Cosplayer.

§

Herr Kaltmamsell machte sich vormittags nach Augsburg auf einen Krankenbesuch auf (und musste zum Bahnhof die U-Bahn nehmen, weil der Fußweg durch den Einzug der Wiesnwirte blockiert war). Ich spazierte/hinkte nach Wäschewaschen und -aufhängen zum Semmelholen.

Ein prachtvoller Sonnentag, der über den Nachmittag auch nochmal mild wurde.

Nach dem mittäglichen Frühstück setzte ich mich vor den Balkon und las Zoë Becks Brixton Hill.

Danach knapp zwei Stunden Bügeln, jetzt lag der Wäscheberg wieder auf Normalnull.

Abends war ich in Bogenhausen mit einer Freundin beim feinen Italiener verabredet: Martinelli. Ich radelte mit offener Jacke durch goldenes Sonnenlicht die Isar entlang und hinauf zum Effnerplatz, dann rüber nach Bogenhausen (und kam so ja doch hin und zurück zu einer guten Stunde Radeln, die andere bereits als sportliche Bewegung ansehen würden).

Auf der Max-Joseph-Brücke. Ich vermisse die Isar ohne meine Laufrunden schon sehr.

Weiß die Kunstwelt, dass wir diese Skulptur in München liebevoll „Strickliesl“ nennen, und gibt es bereits Forschung zu Volksbenamsung von Kunst im öffentlichen Raum?

Im italienischen Restaurant aßen wir ein ausgesprochen köstliches Menü und wurde ungemein freundlich und herzlich umsorgt. Die angebotene Weinbegleitung (große Empfehlung der Freundin) versagte ich mir aus Angst vor Migräne – doch zu meiner großen Freude bot mir die Wirtin eine alkoholfreie Begleitung an: Ich bekam als Aperitiv Pfirsichpüree mit Bitter Lemon (statt Bellini), dann Apfelsäfte (von reinsortig Elstar über einen roten Apfelsaft bis zu einer Mischung mit Minze, alle aus Südtirol von Kohl), einmal Crodino, außerdem ein Ginger Ale mit Holunder.

Ein kaltes herbstliches Gemüsesüppchen mit Gemüsesorbet.

Lachsforelle mit Mango, Cocos, Zwiebel.

Carpaccio vom Wagyu-Rind mit Parmesancreme.

Spaghetti mit sensationeller Tomatensoße.

Seeteufel, Garnele, Pilznocke.

Obstsalat mit Basilikum-Sorbet.

Fürs Heimradeln noch vor Mitternacht knöpfte ich zwar meine Jeansjacke zu, brauchte aber weder das eingesteckte Halstuch noch die Handschuhe.

Sonst halte ich mich beim Radeln ja mit passiv-aggressiver Engstirnigkeit an die Verkehrsregeln, doch auf der anderen Seite der Kennedybrücke wusste ich wirklich nicht, wie ich regelgerecht an der Isar gen Süden hätte radeln können: Einen Radweg gibt es nur nach Norden oder in den Englischen Garten, zum Radweg auf der richtigen Straßenseite hätte ich zweimal zwei Autospuren mit Grünstreifen dazwischen überwinden müssen. Bei kürzeren Strecken schiebe ich mein Rad in solchen Situationen, diesmal gab ich auf und radelte auf dem linken Fahrradweg einige Minuten bis zur nächsten Ampel, die mich auf die korrekte Seite brachte. An dieser Stelle (wie an vielen anderen komplexeren Knotenpunkten) hat schlicht niemand für den Fahrradverkehr mitgedacht.

Journal Freitag, 20. September 2019 – Radeln kurz vor Handschuh

Samstag, 21. September 2019

Nein, ich war leider nicht auf der Klimademo: Längeres Gehen und längeres Stehen sind derzeit einfach nicht drin (oder versuche ich mich rauszureden?).

Wieder gut geschlafen – und schon stelle ich eine Kausalität zum Aufgeben der Fußmärsche her. Doch wieder war es nicht genug Schlaf, ich freute mich sehr aufs Wochenende.

Sonniger Tag, doch fürs morgentlichen Radeln in die Arbeit hätte ich fast nach Handschuhen gekramt.

Mittags Tomaten und Paprika aus Ernteanteil mit Manouri, doch das hielt nicht mal bis halb drei vor: Ich hatte richtig Hunger und aß den ersten Ernteanteilapfel der Saison, ein wenig Nüsse und Schokolade. Über Twitter und instagram verfolgte ich aus dem Augenwinkel die Klimademos in ganz Deutschland und in der Welt.

Früher Feierabend, ich freute mich über das Ende der Arbeitswoche. Auf dem Heimweg Stopp beim Edeka für Süßigkeiten und Backzutaten: Ich wollte eine Linzertorte für den sonntäglichen Besuch bei Elterns backen.

Daheim stellte ich allerdings fest, dass ich irrtümlich von Eiern als Grundvorrat ausgegangen war, der bei Aufbrauchen automatisch nachgekauft wird: Es waren keine im Haus, ich musste nochmal los. Zurück zuhause stimmte ich die Backschritte mit Herrn Kaltmamsell ab, so dass ich den Kuchen in den Ofen schieben konnte, gleich nachdem er ihn nicht mehr fürs Nachtmahl brauchte.

Zum Abendessen gab es nämlich Lammkoteletts am Stück mit Brokkoli und Mangold (eigentlich dem Grün der Roten Bete, aber das ist botanisch das Gleiche) aus Ernteanteil.

Danach noch große Mengen Pralinen und Schokolade.

§

Vielen Dank an Christian für seine Bitte, elterlichen Unwillen gegen strukturelle Missstände an Schulen nicht auf Lehrerinnen und Lehrer zu zielen, verbunden mit Erklärung von Hintergründen. Anlass sind die vielfältigen Schimpfereien von Eltern im Internet über die Einkaufslisten zu Schulanfang.
„19.9.2019 – gelbe oder rote Mappe?“

Er als Lehrerinpartner, ich als Lehrerpartnerin – wir sind nach vielen Jahren geteilten Alltags mindestens so sachkompetent wie die Zahnarztgemahlin, die Werbung für Zahnpasta macht.
Und sowohl Christian als auch ich arbeiten in Unternehmens- und Büroumgebungen, die als durchschnittlich, wenn nicht gar Norm gelten und können vergleichen. Ich zum Beispiel komme schlecht darüber hinweg, dass der Herr an meiner Seite keinen Freizeitausgleich für Geschäftsreisen bekommt (also Begleitung von Exkursionen/Kursfahrten auch abends, nachts, in Ferien oder an Wochenenden – in Bayern bekommen Teizeitkräfte dafür zumindest Vollzeitgehalt), dass bei seinen Fortbildungen die Anreise meist nicht gezahlt wird, dass er seine Arbeitsmaterialien, seine Büroausstattung, Geräte und seine Kommunikationskosten aus eigener Tasche zahlen muss (und lediglich von der Steuer absetzen kann), Support für seine Computerausstattung selbst organisieren und zahlen.1 Nein, ich finde dass die Unkündbarkeit des Beamtentums diese Umstände nicht aufwiegt – zumal eben diese Umstände ja auch für angestellte Lehrerinnen und Lehrer gelten.

  1. Er weist darauf hin, dass er sich zumindest Kopierpapier aus der Schule mitnimmt. []

Journal Donnerstag, 19. September 2019 – Endlich wieder kurze Haare

Freitag, 20. September 2019

GUT! GESCHLAFEN! Nur eine schmerzbedingte Unterbrechung, hätten aber auch mehr als die acht Stunden sein dürfen. Über den Tag nur noch etwas müde, nicht mehr ständig kurz vorm Umfallen.

Weiterhin sonnig, aber Herbsttemperatur: Ich stieg um auf Jeans.

Beim Radeln in die Arbeit war um die Theresienwiese vor lauter Blumentrögen und Sperren bereits fast kein Durchkommen. Man müsste eigentlich anhand der Verkehrsströme visualisieren können, wie in den beiden Wochen vor dem Oktoberfest das Leben in den angrenzenden Straßen nach und nach versiegt – bis es am Samstagvormittag des Oktoberfestbeginns explodiert.

Mittags Schinkenbrot aus Dallmayr-Bestandteilen, Nachmittagssnack Quark mit Maracuja. Ich brauchte nochmal etwas Sättigendes, weil ich abends einen Friseurtermin hatte und erst spät zu Abendbrot kommen würde.

Auf den Haarschneidetermin hatte ich mich seit Wochen gefreut: Mein Deckhaar will einfach in jeder Länge nach vorne und nervte fürchterlich.

Beim Warten.

Gestern Abend bat ich Herr Fris. um eine Rückkehr zum Pixie und zeigte ihm wieder ein Bild von Judi Dench.

Voila.

Nachtmahl war Salat mit Tomaten aus frisch geholtem Ernteanteil. Zum sättigenden Nachtisch hatte Herr Kaltmamsell den Rest Zwetschgenröster erhitzt und servierte ihn mit Vanilleeis und Sahne.

Wieder früh ins Bett, diesmal war ich aber noch wach genug zum Lesen.

§

Ein Berliner Unternehmerpaar hat die Berliner Zeitung gekauft:
„Neue Eigentümer des Berliner Verlags im Interview
‚Wir brauchen gute Medien'“.

Eine Hauptmotivation ist für uns, einen Beitrag zu leisten im gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Weil wir im persönlichen Umfeld und auch aus eigener Erfahrung feststellen können, dass es eine Politik- und Medienverdrossenheit gibt und eine ganz große Skepsis. Viele Menschen fühlen sich nicht abgeholt. Als Berliner glauben wir, dass der Berliner Verlag ein gutes Medium ist, um viele Leute zu erreichen, um einen wichtigen Beitrag zu leisten für eine Änderung dieser Entwicklung.

Das glaube ich dermaßen sofort und kann es nachvollziehen, dass ich Tränen in den Augen habe.

Franziska Blum schreibt in ihrem Newsletter darüber. Ihr stößt zurecht sauer auf, dass die Zeit das Paar präsentiert als „Sie gelernte Bürokauffrau, er gelernter Werkzeugmacher“ – Ossis halt.

obwohl ein paar Zeilen später klar wird, dass beide studiert haben, in angesehenen und international agierenden Unternehmen gearbeitet und offenbar nicht allzu unerfolgreich gegründet bzw. Geschäfte in wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen geführt haben.

§

Laurie Penny hat eine Geschichte geschrieben, ein Märchen, das Neil Gaiman gefällt (mir auch):
„The Hundredth House Had No Walls“.

Journal Mittwoch, 18. September 2019 – Herr Kaltmamsell hat Geburtstag

Donnerstag, 19. September 2019

Dann doch vor dem Weckerklingeln sechs Stunden am Stück geschlafen. Das war wundervoll, reichte aber nicht: Sonst bin ich ja unerträglich morgenmunter, gestern hätte ich beim Anziehen viel darum gegeben, ins Bett zurück zu dürfen.

Aber erst mal musste Herr Kaltmamsell geherzt, geküsst und beglückwünscht werden: Er hatte Geburtstag.

Draußen wieder Sonne, ich kleidete mich noch mal in sommerliches Weiß. Beim Parken des Fahrrads fragte mich eine andere Radlerin durchaus entgeistert, ob mir nicht kalt sei. Da ich eine zugeknöpfte Jeansjacke über langärmligem Shirt, eine über-knie-lange Hose und Halbschuhe trug und wir noch weit von Frost entfernt sind, konnte nur der sommerliche Stil Auslöser ihrer Frage gewesen sein.

Umtriebiger Arbeitstag, mittags Brotreste und Käse, ein paar Trauben. Eine meiner keinen Internetfreundinnen hatte entdeckt, dass auf der Plattform der VG Wort die Ausschüttungsbriefe für 2018 bereit standen: Ich werde mein Blogheinzelmännchen wieder zu einem sehr großzügigen Essen einladen können.

Nach Feierabend war ich mit Herr Kaltmamsell vorm Dallmayr verabredet: Wir wollten ein Gutscheingeschenk für ein Geburtstagsfestmahl aus Feinkost einlösen.

Aber erst mal Abenteuer: Ich parkte mein Fahrrad hinterm Rathaus erstmals im einzigen zweigeschoßigen Fahrradständer, den ich in München kenne – oben! Das ging erstaunlich leicht, brauchte nur ein wenig Überwindung (man muss die Halterung erst mal zwei Meter rausziehen und runterklappen, allerdings ohne Kraftaufwand, dann das Fahrrad einstellen und samt Halterung wieder ein- und hochschieben).

Da ein Dallmayr-Einkauf bislang immer eine Plastikschalen und -dosen-Schlacht gewesen war, hatte Herr Kaltmamsell zumindest für die Teilchen unter Aspik unsere eigene Plastikdose dabei, die gerne akzeptiert wurde. Für die Feinkostsalätchen nahmen wir die des Hauses, doch uns wurde ausführlich erkärt, dieser Kunststoff bestehe aus Milchsäure uns sei wirklich echt ehrlich kompostierbar (es wird sich wohl um diesen Biokunststoff handeln). Die Dallmayr-Papiertüten wurden uns an jeder Station angeboten (wenn ich mir das Straßenbild ansehe, sind sie wohl in München immer noch begehrt), doch wir hatten ja unsere Rucksäcke dabei.

In erster Linie ging es aber auch gestern um Leckereien. Wir sahen uns erst mal gründlich um, nach abgeschlossenem Umbau hatte ich noch nicht ausführlich beim Dallmayr eingekauft. Alles sehr schön, auch wenn ich das Wasserbassin vermisste. Erst kauften wir Häppchen und Feinkost, dann Prager Schinken (frisch vom Bein geschnitten), Lachstartar und Foie gras (letzteres für eine spätere Mahlzeit), italienisches Brot.

Damit spazierten wir durch die sinkende Sonne nach Hause – und feierten Herrn Kaltmamsell.

(Hier die Tafel von der anderen Seite.)

Früh ins Bett, wir waren beide sehr müde.

§

Die grausame Vergangenheit Europas im 20. Jahrhundert ist nicht nur in den regelmäßigen Bombenfunden bei Bauarbeiten gegenwärtig.

„Joachim Kozlowski birgt die Toten des Zweiten Weltkrieges“.

via @claudine

Besonders interessant fand ich die Details, die die Auswirkung der neuzeitlichen Kriegsführung auf den Umgang mit Gefallenen beleuchten – auch das änderte sich durch den industriellen Krieg:

(In Brandenburg) fanden die größten Schlachten auf deutschem Boden statt. Als endlich Frieden war, hatte die DDR kein Interesse an den Toten dieses Krieges, insbesondere, wenn sie der Wehrmacht angehörten. Oft blieben sie, wo sie gefallen waren. Anders als im Westen, wo die meisten Toten inzwischen geborgen und auf zentralen Grabanlagen umgebettet wurden.

Die ersten dieser Anlagen wurden bald nach dem Ersten Weltkrieg eingerichtet. Damals war der Ruf der Hinterbliebenen immer lauter geworden, die toten Väter, Söhne, Brüder mögen endlich heimgeholt werden. Aber angesichts von etwa zwei Millionen Gefallenen sah sich das ruinierte Deutsche Reich 1919 außer Stande, diese Aufgabe zu leisten. Und selbst wenn, von Granaten zerrissene Körper sollten zu Hause niemandem zugemutet werden.

Also wurde beschlossen, Kriegsopfer bleiben in den Ländern, in denen sie zu Tode kamen. Internationale Abkommen sichern ihnen ein dauerndes Ruherecht. Die Pflege der Soldatenfriedhöfe im Ausland übernahm der Volksbund in Zusammenarbeit mit örtlichen Helfern. Heute, 100 Jahre und einen weiteren Weltkrieg später, pflegt er die Gräber von 2,8 Millionen Menschen in 46 Staaten.

Leider muss der Artikel auch darauf eingehen, wie dieses Gedenken von Rechtsextremen verdreht und missbraucht wird.

§

Viel gelernt aus dem Twitterthread, der so beginnt:

Sometimes other white folks ask me the best way to be less of a Clueless White Person without demanding people of color expend effort teaching them, and I have a suggestion that will absolutely work. You won’t wanna do it, but I’m going to tell you anyway.

Besonders ertappt fühlte ich mich bei

In theory, being a woman should make it hard for me to speak up, but I was lucky; I missed that conditioning. My upbringing was largely free of sexism. So I have a very „white dude“ tendency to talk over people, and it takes effort to just listen. But it’s so, so worth it.

Journal Dienstag, 17. September 2019 – Aufs Rad umgestiegen

Mittwoch, 18. September 2019

Schlechte Nacht.

Wie geplant mit dem Fahrrad in die Arbeit – ging gut, auch wenn ich rechts wegen Hüftschmerzen nicht so kräftig in die Pedale treten kann.

Nach einem bewölkten Tagesbeginn wurde das Wetter nochmal schön, es hatte allerdings abgekühlt.

Den ganzen Tag fühlte ich mich knochenmüde und benommen – aber hey: Das hatte ich auch schon ohne Qualnächte. Obwohl es draußen abgekühlt hatte, war es im Büro ungewohnt warm (nein, nix mit Wechseljahren, die 19-Jährige gegenüber glänzte und ächzte wie ich).

In manchen Bereichen der Arbeit werde ich richtig gut im Klappehalten. Am besten gelingt mir das in Besprechungen, am wenigsten in Fachgesprächen zu zweit.

Mittags Brot, Käse, Zwetschgen, nachmittags ein Eiweißriegel.

Den Donnerstags-Rehatermin hatte ich auf gestern vorverlegt, weil am Donnerstagabend ein lange vereinbarter Friseurtermin liegt. Die Gymnasikrunde in der Gruppe enthielt wenigstens angemessene Übungen, doch Detailerklärungen, Beobachtung, individuelle Korrektur scheinen nicht zum Programm zu gehören. Wenigstens wirkte die gestrige Vorturnerin nicht so schmerzhaft gelangweilt wie die meisten ihrer Kolleginnen.

An die Geräte im Maschinenraum ließ mich das System erst mal nicht: Der Bildschirm forderte mich auf, meine Gewichte neu einstellen zu lassen. Ein Trainer erledigte das in Rücksprache mit mir auf seinem Trainerrechner, ich ließ natürlich überall etwas drauflegen (an der Beinpresse, die nicht computergesteuert ist, hatte ich das bereits beim dritten Training selbst gemacht). Jetzt absolvierte ich meine Runde, weiterhin sehr müde.

Wenigstens war ich mit dem Rad schnell daheim. Herr Kaltmamsell hatte aus Ernteanteil Fenchel-Zucchini-Suppe gemacht, nach zwei Tellern davon gab es den am Vorabend vergessenen Zwetschgenröster mit Schlagsahne.

Ich verabschiedete mich früh ins Bett (dann doch mal wieder Ibu) und hoffte auf eine bessere Nacht.

§

Julia Felicitas Allmann geht die Frage systematisch an und achtet darauf, den Bias der eigenen Seite zu berücksichtigen.
„Sind Rechte wirklich dümmer als Linke?“

Wahrscheinlich kennt jeder Mensch mit tiefen politischen Überzeugungen dieses Gefühl: Das können „die anderen“ unmöglich ernst meinen! Verstehen die nicht, was sie da sagen? Sind sie vielleicht einfach zu dumm, um es zu checken?

Das linksgerichtete Lager gibt sich gern intellektuell, das konservative hält sich dagegen für „realistisch“ und „bodenständig“.
Das sind die Vorurteile gegenüber Rechten und Linken.

Sind das nur arrogante Thesen – oder ist da wirklich etwas dran?

§

Juan Moreno, der die Relotius-Lügen aufgedeckt hat, hat jetzt ein Buch darüber veröffentlicht. Im Spiegel gibt es einen Auszug daraus:
„‚Claas Relotius war nie Reporter'“.

Würde man mich fragen, welche Farbe der Reporterberuf hat, meine Antwort wäre: grau. Mattes, kaum polierbares Grau. Ein Reporterleben besteht zum großen Teil darin, Leid, Schmerz und Problemen nachzureisen, sich danebenzustellen, einen Stift und Block zu zücken und das aufzuschreiben, was man sieht. Der Schmerz der anderen, das ist Reporter-Rohstoff. Das ist nicht sonderlich glamourös. Manchmal besuche ich auch Menschen, denen es besonders gutgeht, oder die Glück gehabt haben, aber Leser mögen solche Geschichten nicht. Viele behaupten zwar, dass sie das gern lesen, es stimmt aber nicht. Zweifler mögen einen beliebigen Online-Redakteur fragen, worauf Nutzer „klicken“. Jeder Online-Redakteur kann zu seinen Klickzahlen einen Vortrag halten. So wie jeder Fernsehredakteur einen über Einschaltquoten halten kann. Denn was passiert regelmäßig in Nachrichtensendungen, wenn auf einen erschütternden ein positiver Beitrag folgt? Die Zuschauer schalten ab. Brennende Häuser, ertrinkende Flüchtlinge, keifende Diktatoren, alles kein Problem. Aber zwei gute Nachrichten hintereinander, und der Zuschauer ist weg.

§

Eine Folge meiner Überzeugung nach: Ende Mai war die Aufmachergeschichte des SZ-Magazins eine über Frauengesundheit (leider immer noch 1,99€, deshalb hatte ich das damals nicht sofort gepostet):
„Was Frauen krank macht“.

Der auffallende Einstieg von Mareike Nieberding:

Hier könnte die Leidensgeschichte einer Kranken stehen. Zum Beispiel die Geschichte einer der Frauen, die an den Nebenwirkungen von Digoxin starben – einem Wirkstoff, der Männern helfen und Frauen schaden kann, was Ärzte nicht wussten, da Digoxin wie viele Medikamente lange nicht an Frauen getestet worden war, weshalb es jahrelang beiden Geschlechtern verabreicht wurde. Ein Einzelfall, an dem im Kleinen das große Ganze erzählt werden kann.

Berichte über Kranke sind oft Berichte über Schicksale. Aber dass Frauen zwar länger leben als Männer, jedoch öfter an Herzkrankheiten sterben, dass sie mit akuten Schmerzen in der Notaufnahme durchschnittlich 16 Minuten länger auf schmerzstillende Mittel warten müssen als Männer und dass Ärzte sie laut einer Studie der Universität Harvard von 2016 schlechter behandeln, als Ärztinnen das tun – das alles hat nichts mit Glück oder Pech, Schicksal oder Zufall zu tun. Es ist keine Frage des individuellen Leidens, sondern des strukturellen Versagens.

Nieberding verweigert sich der klassischem Rutsche in einen Sachartikel, die jeder Journalistin beigebracht wird: Was konkret Menschliches, Emotionales, um die Leserinnen und Leser in den Text zu ziehen. Und macht transparent, warum das dem Thema unangemessen wäre. Ein echter Gegen-Spiegel.

§

Thema Haustiere: Ich habe da einen neuen Wunsch. (Allerdings bin ich immer noch unentschieden, auf welcher Seite der Leine ich am liebsten stünde.)

Journal Montag, 16. September 2019 – Ursachenausschlusstour und Stephen King, The body

Dienstag, 17. September 2019

Schlechte Nacht. Langsam leidet meine Aufmerksamkeit tagsüber.

Morgens hatte ich erst mal einen Gynäkologinnen-Termin, ich bin auf Ursachenausschlusstour. Ergebnis: Gynäkologisches kann ich schon mal ausschließen. Auf die Praxis war ich beim Vorbeigehen aufmerksam geworden (mein langjähriger Gyn in Augsburg ist mittlerweile in Rente), und auf deren Website hatte ich erfahren, dass sie erst im Juli von einer erfahrenen Klinik-Gynäkologin übernommen worden war. Außerdem war die Website völlig frei von allen „alternativen“ Angeboten – das sah mir kompetent aus. Im Behandlungszimmer wünschte ich Dr. Gyn alles Gute für den Start, sie gestand, dass Vieles noch ungewohnt für sie sei. Im weiteren Gespräch führte sie ein Beispiel auf: Verkaufsgespräche. Die Ultraschall-Untersuchung müsse ich nämlich, wenn gewünscht, selbst zahlen – darüber war ich aber schon an der Empfangstheke informiert worden.

Mühsamer Fußweg in die Arbeit durch einen sonnigen Sommermorgen. Ich beschloss, für den Arbeitsweg künftig erst mal aufs Fahrrad zu wechseln, bis ich die Mitgliedschaft im Ministry of silly walks aufgeben kann. (Neues Feature längerer Fußmärsche: Seitenstechen vom völlig verkrampften Gehen.)

Highlight des Nachmittags: Eine der angefragten Anfasserinnen rief zurück – und nächsten Montagnachmittag habe ich einen Termin! Da man mich hier in der Arbeit seit Wochen immer schlimmer humpeln sieht, hat sicher jeder und jede Verständnis, wenn ich mitten in der Kernzeit für zwei Stunden ausstemple.

Nach der Arbeit war es schwül geworden, der Himmel zog zu. Ich machte einen Umweg über den Vollcorner-Laden, um noch ein paar Dinge für den Abend zu besorgen: Die Leserunde traf sich bei uns.

Herr Kaltmamsell hatte aus Ernteanteil Kartoffelsuppe gekocht, außerdem gab es Käse, Trauben, selbst gebackenes Brot – den Zwetschgenröster mit Sahne zum Nachtisch vergaßen wir beide.

Die Runde unterhielt sich über Stephen King, The Body, ursprünglich veröffentlicht mit drei weiteren Kurzromanen/Novellen im Band Different Seasons. Doch wir waren uns einig, dass er durchaus als Roman bestehen konnte, allen hatten die Geschichte um die vier zwölfjährigen, vernachlässigten Buben im ärmlichen Neuengland 1960 sehr gut gefallen. Ich hatte sie vorher schon mindestens einmal gelesen, diesmal war mir der rote Faden aufgefallen, den King um die Lesererwartung spinnt, wie viele der vier das Abenteuer wohl überleben werden. Foreshadowing ist ja fast ein Markenzeichen von King, hier streut er geschickt Ausblicke auf die Erzählgegenwart, die mit der Lesererwartung spielen, bis er endlich explizit auflöst: Alle werden diese Geschichte überleben – aber halt nicht lange.

Wie jeder wirklich große Roman ist The Body nicht perfekt: Die erste Binnengeschichte kommt unvermittelt und unerklärt, ist zudem ziemlich schlecht – der Erzähler rezensiert sie im Anschluss auch gleich recht ungnädig. Dafür ist die zweite Binnengeschichte (der pie eating contest) umso besser eingebunden (der Erzähler erzählt sie in der Vergangenheitshandlung am Lagerfeuer), großartig geschrieben – und gibt gleich im Anschluss eine Lektion in reader response: Zuhörer Vern ist wütend, weil der Erzähler ihm die Auskunft verweigert, wie sie nach dem Ende weitergeht, das sei Sache des Zuhörers.

Zudem brillant: Die Schilderung der Kinder und ihrer familiären Hintergründe, das gesellschaftliche Umfeld, in dem auf keinen Erwachsenen Verlass ist, die Dynamik von Kinderfreundschaften, die Macht der Fantasie.


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