Journal Mittwoch, 25. September 2019 – Isabel Bogdan, Laufen

Donnerstag, 26. September 2019 um 7:01

Die Hüftbesserung hielt leider nur 36 Stunden: Schon in der Nacht kamen die Schmerzen wieder, am Tag war ich wieder schwer beweglich, hatte immer wieder das Bedürfnis nach Aushängen an einer Stufe. Wir arbeiten weiter daran.

Mittags die ersten Roten Bete der Saison, die ich am Vorabend gekocht und zu Salat verarbeitet hatte. Außerdem eine Mango mit Joghurt.

Geplant war früher Feierabend, um mit Herrn Kaltmamsell Downton Abbey im Kino anzusehen. Doch ich kam nicht rechtzeitig raus, war zudem nach viel Arbeit völlig gerädert. Ich fürchte, nach einem normalen und normal langen Arbeitstag (bei mir also eher neun Stunden) brauche ich den Feierabend einfach zum blöd Schaun.

Herr Kaltmamsell hatte nochmal frische Pasta gekauft, diesmal mit Ricotta und Spinat gefüllte, servierte sie wieder mit Salbei und Butter. Schmeckte sehr gut.

Als Abendunterhaltung schalteten wir den Fernseher nach der Tagesschau aus (auch der offizielle Versuch einer Amtsenthebung wird Trump nichts anhaben, die Normalität hat sich mittlerweile so verschoben, dass ihm nichts etwas anhaben kann / in UK verschiebt sich die Normalität ebenfalls weiter, wie sie es mit der Brexit-Kampagne begonnen hat; die Parallelwelt, die Boris Johnson geschaffen hat, macht unter anderem ihn unantastbar). Ich las Isabel Bogdans zweiten Roman Laufen aus.

Er gefiel mir sehr gut, ist ausgezeichnet gemacht. Als Form hat sie diesmal die Novelle gewählt: Der Roman ist kurz (Lesezeit gut 2 Stunden), hat eine überschaubare Anzahl Protagonisten – nur die Hauptfigur und ihr Partner bekommen eine Hintergrundgeschichte und Tiefe – und nur einen Handlungsstrang, ist um den Impuls einer verstörenden Begebenheit gebaut, hat einen klaren Aufbau und eine konkrete Situation. Diese konkrete Situation ist das titelgebende Laufen: Wir begleiten über das ganze Buch die innere Stimme der Protagonistin beim Laufen in Hamburg im Park oder an der Außenalster. Zu Beginn hat sie das Laufen nach einer langen Pause wieder angefangen, die Kapitel sind jeweils einzelne Läufe in den darauf folgenden Monaten.

Mit der Wiedergabe dieser inneren Stimme erforscht der Roman die vielfältigen und oft widersprüchlichen Gefühle bei der Hinterbliebenen eines Suizids. Die Stimme hadert immer wieder und aus verschiedenen Perspektiven mit der letztendlich tödlichen Depression des Partners (u.a. „Wie kann man denn Dinge so gern tun und trotzdem nicht mehr leben wollen?“), mit der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Während eines Laufs geraten die Gedanken selbst an den Rand einer Depression, die Stimme hält sich für eine „Zumutung“ und möchte am liebsten nicht da sein. Ich glaube, das Buch kann man gut lesen, wenn man Depressionserfahrung hat; aber es könnte Folter für Angehörige von Depressiven sein.

Für dieses Hadern und Nachdenken, in der sich die Entwicklung der Verarbeitung spiegelt, eignet sich die Technik des Inneren Monologs beim Laufen perfekt – ein wirklich gelungener Kunstgriff. Isa schafft damit einen glaubwürdigen Rahmen für inneren Abläufe, die zwischen Selbstreflexion, emotional belasteten Erinnerungen, Wahrnehmung der Umgebung im Wandel der Jahreszeiten, Blick auf andere Läuferinnen und Läufer, Erinnerung an kürzlich Erlebtes wechseln. Gleichzeitig zeichnet sie dabei indirekt das Bild eines ganzen zeitgenössischen Frauenlebens.

Ich mochte auch, dass der Alltag der Protagonistin Details enthält, die auch für mich zum Alltag gehören, die ich aber noch nie in der deutschsprachigen Literatur gesehen habe: Zum Beispiel die Erwähnung von Bloglesen, und es wird en passant die Existenz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vorausgesetzt, unmarkiert. Und mir gefiel, dass durch die Sprache immer wieder die Isa Bogdan schien, die ich durchs Bloggen vor vielen Jahren kennengelernt habe: durch „Äpfelchen“, durch „so’n Scheiß“. (Das wäre eine deutlich sinnvollere Interviewfrage als das stereotype „Haben Sie das in Echt erlebt?“: Wie viel von der Sprache des Buchs sind Sie selbst?)

Was nicht idealtypisch für eine Novelle ist: Es gibt keinen Wendepunkt, der alles ändert – der ist bereits vor Einsetzen der Novelle passiert.

Leseempfehlung!

§

Und wenn wir schon bei Kunst von Bloggerinnen meiner Bekanntschaft sind: Katia Kelm hat eine fünfteilige Reihe namens „Eure Mütter“ gemalt. Ich mag schon sehr gern, wie Katias bissiger Witz Malerei wird.
„eure mütter“.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 25. September 2019 – Isabel Bogdan, Laufen

  1. Frau Klugscheisser meint:

    Danke für die Rezension von Isas Buch. Das werde ich lesen. Würdest Du vielleicht noch eine empfehlenswerte Bezugsquelle nennen wollen?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe es als E-Book gelesen, Frau Klugscheisser. Der eine physische Buchladen, den ich nutze, ist gleich bei dir ums Eck:
    https://www.tucholskybuchhandlung.de/
    (Mit herzerfrischenden Website-Fotos, die ich noch nicht kannte.)

  3. lihabiboun meint:

    Ich hab das Buch bewusst langsam gelesen, um den Genuss zu verlängern …
    @frau klugscheisser: Diese Buchhandlung ist auch sehr schön: https://li-mo.com/

  4. Frau Klugscheisser meint:

    Danke die Damen. Da werde ich hingehen. In beide Läden, weil beide so schön sind.

  5. Hauptschulblues meint:

    Ach Frau Klugscheisser, wenn wir schon bei schönen Buchhandlungen sind: Da gibt es ja auch noch das Colibris in Neuhausen. https://colibris.buchhandlung.de

  6. Stedtenhopp meint:

    Du liest 100 Seiten in einer Stunde?! Holla. Ich bin viel, viel langsamer.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Wenn die Papierausgabe 200 Seiten hat, Stedtenhopp, steht nicht viel Text auf einer Seite.

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