Journal Montag, 16. September 2019 – Ursachenausschlusstour und Stephen King, The body

Dienstag, 17. September 2019 um 7:01

Schlechte Nacht. Langsam leidet meine Aufmerksamkeit tagsüber.

Morgens hatte ich erst mal einen Gynäkologinnen-Termin, ich bin auf Ursachenausschlusstour. Ergebnis: Gynäkologisches kann ich schon mal ausschließen. Auf die Praxis war ich beim Vorbeigehen aufmerksam geworden (mein langjähriger Gyn in Augsburg ist mittlerweile in Rente), und auf deren Website hatte ich erfahren, dass sie erst im Juli von einer erfahrenen Klinik-Gynäkologin übernommen worden war. Außerdem war die Website völlig frei von allen „alternativen“ Angeboten – das sah mir kompetent aus. Im Behandlungszimmer wünschte ich Dr. Gyn alles Gute für den Start, sie gestand, dass Vieles noch ungewohnt für sie sei. Im weiteren Gespräch führte sie ein Beispiel auf: Verkaufsgespräche. Die Ultraschall-Untersuchung müsse ich nämlich, wenn gewünscht, selbst zahlen – darüber war ich aber schon an der Empfangstheke informiert worden.

Mühsamer Fußweg in die Arbeit durch einen sonnigen Sommermorgen. Ich beschloss, für den Arbeitsweg künftig erst mal aufs Fahrrad zu wechseln, bis ich die Mitgliedschaft im Ministry of silly walks aufgeben kann. (Neues Feature längerer Fußmärsche: Seitenstechen vom völlig verkrampften Gehen.)

Highlight des Nachmittags: Eine der angefragten Anfasserinnen rief zurück – und nächsten Montagnachmittag habe ich einen Termin! Da man mich hier in der Arbeit seit Wochen immer schlimmer humpeln sieht, hat sicher jeder und jede Verständnis, wenn ich mitten in der Kernzeit für zwei Stunden ausstemple.

Nach der Arbeit war es schwül geworden, der Himmel zog zu. Ich machte einen Umweg über den Vollcorner-Laden, um noch ein paar Dinge für den Abend zu besorgen: Die Leserunde traf sich bei uns.

Herr Kaltmamsell hatte aus Ernteanteil Kartoffelsuppe gekocht, außerdem gab es Käse, Trauben, selbst gebackenes Brot – den Zwetschgenröster mit Sahne zum Nachtisch vergaßen wir beide.

Die Runde unterhielt sich über Stephen King, The Body, ursprünglich veröffentlicht mit drei weiteren Kurzromanen/Novellen im Band Different Seasons. Doch wir waren uns einig, dass er durchaus als Roman bestehen konnte, allen hatten die Geschichte um die vier zwölfjährigen, vernachlässigten Buben im ärmlichen Neuengland 1960 sehr gut gefallen. Ich hatte sie vorher schon mindestens einmal gelesen, diesmal war mir der rote Faden aufgefallen, den King um die Lesererwartung spinnt, wie viele der vier das Abenteuer wohl überleben werden. Foreshadowing ist ja fast ein Markenzeichen von King, hier streut er geschickt Ausblicke auf die Erzählgegenwart, die mit der Lesererwartung spielen, bis er endlich explizit auflöst: Alle werden diese Geschichte überleben – aber halt nicht lange.

Wie jeder wirklich große Roman ist The Body nicht perfekt: Die erste Binnengeschichte kommt unvermittelt und unerklärt, ist zudem ziemlich schlecht – der Erzähler rezensiert sie im Anschluss auch gleich recht ungnädig. Dafür ist die zweite Binnengeschichte (der pie eating contest) umso besser eingebunden (der Erzähler erzählt sie in der Vergangenheitshandlung am Lagerfeuer), großartig geschrieben – und gibt gleich im Anschluss eine Lektion in reader response: Zuhörer Vern ist wütend, weil der Erzähler ihm die Auskunft verweigert, wie sie nach dem Ende weitergeht, das sei Sache des Zuhörers.

Zudem brillant: Die Schilderung der Kinder und ihrer familiären Hintergründe, das gesellschaftliche Umfeld, in dem auf keinen Erwachsenen Verlass ist, die Dynamik von Kinderfreundschaften, die Macht der Fantasie.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Montag, 16. September 2019 – Ursachenausschlusstour und Stephen King, The body

  1. Sebastian meint:

    „Wie jeder wirklich große Roman ist The Body nicht perfekt“

    Made my day

  2. Eine Leserin meint:

    Wenn Sie auf Ursachenausschlusstour sind, wollte ich nachfragen und anregen, ob es eine aktuelle Bildgebung, MRT, von der Hüfte gibt, nachdem beim letzten Mal nur die Bandscheiben, LWS?, gemacht wurden.
    Eine Ambulanz für multimodale Schmerztherapie ist auch eine gute Anlaufstelle.
    Und ich finde das Wort „Anfasserin“ sehr despektierlich. Immerhin hat sie bestimmt eine mehrjährige Ausbildung und eine Berufsbezeichung, das auf das Anfassen, ohne die zugrundeliegenden Techniken und das umfassende Wissen zu berücksichtigen, reduziert wird. Wäre ich Physiotherapeutin, würde ich ungern so bezeichnet werden.

  3. Eine Leserin meint:

    Huch, noch eine Leserin…
    Diese hier! findet Anfasserin einen tollen Begriff.

    Es ist echt schwer keine guten Ratschläge zu geben. Werde sehr an eigene Schlafhindernde Schmerzzustände erinnert, die unnötigerweise viel zu lange ertragen wurden (Schulter und Skilehrer-Arzt, Empfehlung lautete tatsächlich ‚Der sieht so toll aus‘ (Assistenz der zu lange ertragenen Hausärztin ‚Normal für Ihr Alter (40); Freundin ließ sich prompt, verblendet, einen Meniskus operieren, der immer noch Arthrose ist…)

    Baldige Besserung!

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