Journal Montag, 30. September 2019 – Föhnsturm

Dienstag, 1. Oktober 2019 um 6:39

Beim morgendlichen Lüften brauste warme Luft durch die Fenster herein: ein Föhnsturm, der auch mein Radeln in die Arbeit sportlich machte (im nördlichen Rest der Republik war der Sturm so stark, dass er nicht nur einen Namen bekam – Mortimer -, sondern auch einigen Schaden anrichtete).

Morgens Anruf bei meiner Hausärztin, um mir ein Rezept für Nachschub Migränemedikament zurücklegen zu lassen. Emsige und sehr konzentrierte Arbeit. Mittags rote Sitzpaprika, Birne und Hefezopf. Die Arbeit hielt mich bis zu einem späten Feierabend am Schreibtisch. Meine Fußgänge dazwischen funktionierten enthusiasmierend schmerzarm.

Auf dem Heimweg Einkäufe auf der Theresienhöhe, ich kam gut am Oktoberfest vorbei.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Rigatoni mit Vulkanspargel aus Ernteanteil, der diesmal sehr bitter schmeckte – ich mag das ja. Draußen dunkelpinker Föhn-Abendhimmel. Zum Nachtisch viel Schokolade.

Nach der Tagesschau schalteten wir den Fernsehen aus, ich wollte Kent Harufs Eventide weiterlesen.

§

Ein weiterer Artikel über die zerstörerische Energie, die Frauen ins Ziel Dünnsein investieren, diesmal von der erfolgreichen Krimi-Autorin Laura Lippman:
„Whole 60“.

My daughter asks: “Is there a way to eat that makes a person lose weight?”

No, I tell her. Eat what you want when you want it and your body will figure out what it wants to be.

And then I leave the room and cry a little. I helped to do this. Although I never said the word “diet” in front of my daughter, never spoke about anyone’s weight, I did this to her. Kids don’t miss a trick and my daughter saw how I used to dress in the morning, how I turned to examine my profile, standing tall, sucking in my gut, smoothing the front of my pants or skirt. She noticed when I stopped eating bread the year she was 3.

via @fraeulein_tessa

Every girl remembers her first diet.

Ähm, nein. Ich war drei oder vier bei meiner ersten Diät, zu klein, als dass ich mich heute daran erinnern könnte.
Meine Mutter war knabenhaft schlank, war als Kind von ihrer feisten Mutter zum Essen gezwungen worden, schwor sich, dass sie als Mutter ihre Kinder nienienie zum Essen zwingen würde, wählte sich „Essen muss Spaß machen“ als Erziehungs-Mantra – und war nun mit Mitte 20 gestraft mit einer Tochter, die nicht nur begeistert alles, sondern das auch noch begeistert in großen Mengen aß, die keineswegs anmutig und schlank geriet wie sie, sondern kräftig, rund und feist wie ihre Oma. Schon im Kindergarten begann der Kampf meiner Mutter Kampf gegen diesen Appetit, dieses Essen, diese Rundheit und diese Feistigkeit.

Diesen Kampf übernahm ich brav beim Erwachsenwerden und werde ihn sehr wahrscheinlich nicht mehr los bis in mein Grab. Weder den Endorphinschub, wenn ein schon mal enges Kleid fast schon zu locker sitzt (immer mit dem Tropfen Bitterkeit ums Wissen, wie vergänglich diese Form ist), noch die tödliche Scham, nicht mehr in das Lieblingsoberteil von vor 13 Jahren zu passen. Und er kostet so viel Kraft, dass ich wie Patricia schon lang über die Autosuggestion hinaus bin, in jeder Form schön zu sein, sondern einfach nur noch Body-Egalness ersehne.
(Was tatsächlich über die Jahrzehnte besser geworden ist: Ich esse was und so viel ich mag.)

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu „Journal Montag, 30. September 2019 – Föhnsturm“

  1. Joël meint:

    Ich bin immer baff was für tolle Sachen Sie in der Ernteanteil Kiste haben. Vulkanspargel kannte ich nicht.

  2. Sandra meint:

    Ich finde den Ratschlag der Mutter, immer dann zu essen, wenn man möchte und wieviel davon, nicht für alle Menschen passend. Für meinen Stoffwechsel würde das bedeuten, dass ich mit unter 1,60 heute wohl 80 Kilo wiegen würde. Wie das aussieht, sehe ich an meiner eigenen Mutter. Dass aus Übergewicht verschiedene Erkrankungen resultieren, ist auch bekannt.
    Lasse ich mal Fünfe geradesein, wiege ich mit 1,53 jedenfalls locker 60 Kilo und hätte ich bei fast 63 Anfang des Jahres nicht die Notbremse gezogen, würde ich heute wohl bei 70 sein.
    Der Schlüssel liegt wohl darin, in sich hineinzuhören, ob man wirklich schon wieder (!) Hunger hat oder ob es nur Gelüste sind. Aber letztere sind für mich leider auch ein Grund zum Essen (K-U-C-H-E-N!) und daher muss ich zwischendurch immer mal ein paar Kilo abbauen. Tut aber nicht weh, da tolle Gerichte aus einem eigentlich Detox-Kochbuch. Wenn man Asiasuppe und Asiasalat, statt Smoothies daraus wählt und endlich mal nur die Menge für 2 für 2 kocht und nicht Menge 4, falls einer noch 2x nachnehmen will, dann klappt das auch ohne Bitterkeit. Danach kocht man auch nicht mehr die ganze 500g-Packung Nudeln für 2, sondern die Hälfte. Und wird mehr als satt. Mein Körper nimmt sich nicht, was er braucht, sondern, was ich in ihn reinschaufele. Überfrisst man sich eine Weile, sind auch schnell wieder 500g Nudeln für 2 drin, ohne Probleme.
    Ich vermute, die Gewissensbisse, sein übergewichtiges Kind zu sehen, wie es unglücklich ist, weil es noch nicht die Stärke hat, sich so zu lieben, wie es ist, tut mehr weh, als zu bemerken, dass das eigene Kind sich für eine Ernährung interessiert, mit der man abnimmt. Wenn man für sein Kind Essen zubereitet, kann man ja auch steuern, was auf den Tisch kommt. Kein Anfeuern zur Diät, aber auch nicht zum undurchdachten Essen.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Auf meine Geschichte lebenslangen Schlankeitszwang-Traumas mit Schlankeitstipps zu reagieren, Sandra, finde ich bemerkenswert.
    Und dass Erkrankungen aus Übergewicht resultieren, ist in den meisten Fällen zumindest umstritten, wenn nicht widerlegt. Ich empfehle die Lektüre von Anke Gröners Nudeldicke Deern.
    Dass „Detox“ widerum kompletter Blödsinn ist, ist hinreichend belegt.

  4. Vinni meint:

    Das Problem ist doch eher, einem Kind, dass nicht übergewichtig ist, beizubringen, dass es nicht der erwünschten Körperform entspricht. Mit drei oder vier Jahren… und dann reicht die Konditionierung für ein ganzes Leben. Es tut mir leid, liebe Frau Kaltmamsell, dass die ursprünglich guten Absichten ihrer Mutter solche Auswirkungen haben.

    *Mantra*ich lasse mich nicht auf Ernährungsdiskussionen im Internet ein*Mantra*

  5. Joël meint:

    Ich denke auch dass es den 70ern geschuldet ist und was man damals über Ernährung wusste, oder NICHT wusste.
    Ich wurde mit acht Jahren das erste mal auf Diät gesetzt, weil ich zu pummelig war. Zudem war es auch noch die Atkins Diät, die zu der Zeit schwer in Mode war. Ich stank permanent aus dem Mund als ob ich faule Eier gefressen hätte, doch die Pfunde purzelten. Meine Mutter wurde von allen beglückwünscht und gefragt wie sie das mit mir gemacht hätte.

  6. Sandra meint:

    Diabetes mellitus 2 hängt selten mit Übergewicht zusammen? Das war mir neu.
    Detox ist auch aus meiner Sicht Blödsinn. Aber die Rezepte aus meinem Kochbuch dazu sind prima und effektiv. Und gesund.
    Ich berichte auch nur von mir selbst. Schlankheitstipps gebe ich keine. Muss ja jeder selbst wissen, ob er sich mit 1,50 und 80 Kilo wohlfühlt. Man benötigt ein starkes Selbstbewusstsein, die Blicke der anderen ignorieren zu können, wenn man solche Proportionen hat. Oder wenn die Feuerwehr einen vor den Augen der Nachbarschaft mit der Drehleiter aus dem Fenster hieven muss.
    Ich sage überhaupt nicht, dass jemand gertenschlank sein muss, aber essen soviel man will und was man will, ist aus meiner Sicht nicht der richtige Ratschlag.

  7. Sabine Kerschbaumer meint:

    Ich wiege bei 1,60 etwa 80 Kilo und kämpfe immer darum, weniger zu wiegen als mein von Natur aus schlanker Mann. Ich bewege mich mehr als er….

    Als Kind begleitete mich der Satz meiner (ebenfalls molligen Mutter): „Das solltest Du nicht essen, Du bist eh schon zu dick!“ bezogen auf Nutella, Pommes und Co. . Dass genau das Gegenteil gefördert wurde, brauche ich nicht zu betonen…. ich war dennoch ein schlankes Kind. Und trotz FastFood ein sehr schlanker Tee-Nager.

    Leider änderte sich das mit 2 Schwangerschaften. Ich steuerte mit wenig und immer weniger Essen gegen (höchstens zwei Mahlzeiten täglich, davon bestand eine nur aus Obst und Rohkost) und blieb bis zu den Wechseljahren relativ schlank mit einem Gewicht von umra 65 Kilo.

    Auf einmal war wenig essen nicht mehr wenig genug (ich hatte meinen Grudumsatz ja erfolgreich immer weiter gesenkt) und meine regelmäßige Bewegung auch nicht (ich habe einen Hund und bin gerne aktiv). Ich nahm zu und zu und zu. Das nennt man Jo-Jo-Effekt, ich bin mit diesem gut befreundet.

    Meine Frauenärztin, die ich sehr mag, beruhigte mich hinsichtlich des Gesundheitsrisikos. Ich bin Vegetarierin, ernähre mich ausgewogen, bewege mich genug, habe sehr gute Blutwerte, keine Arthrose, nichts. Auf dem Papier bin ich 20 – so in etwa. OK, niedriger Blutdruck ist etwas doof, aber nicht gefährlich. Ein Fast-Food essender Schlanker, egal wie oft er Sport macht, lebt deutlich ungesünder und hat ein weitaus größeres Gesundheitsrisiko.

    Ich beneide die Kaltmamsell. Warum? Durch meine Erziehung und meine stetige Angst dicker zu werden habe ich genussvoll Essen nicht nur verlernt, sondern erst gar nie gelernt. Egal wie toll mein Mann kocht, ich habe immer im Hintergrund, dass ich davon ja zunehmen könnte. Ich mag meinen Körper, solange ich mich nicht im Spiegel sehe. Ich trage nie Röcke oder gar „Cosplay“ (Dirndl), denn da sieht man ja die Figur. Und das, obwohl ich allenfalls mollig bin und weit weg von dick oder gar fett. Ich leide psychisch sehr unter Vorurteilen, wie Sandra sie oben vorbringt.

    Liebe Sandra, ich finde Deine Argumentation, dass Dicke ja falsch essen oder zu viel oder was auch immer, ziemlich bescheiden. Ich habe viele mollige Freundinnen, da ich z.B. auch in Probenähgruppen für „Curvys“ bin. Ich weiß genau, wie sehr dieses „Fat-Shaming“ schmerzt. Ich sehe dort nur Frauen, die unter dem, was die Gesellschaft in ihr Gewicht interpretiert, leiden. Viele dort haben Depressionen, vermutlich nicht ganz von ungefähr. Und fast alle ernähren sich ausgewogen und gesund. Und wir haben das Pech, dass mager in unseren Breiten zu einem Schönheitsideal geworden ist, das viele krank macht. Körperlich und Psychisch. Und das nicht nur die Dicken, sondern auch die Dünnen.

    Irgendwann lassen wir uns vielleicht die Knochen kürzen, denn dann reicht gleich dünn nicht mehr, wir wollen dann auch alle gleich groß…..

    Denken Sie mal drüber nach…. Ihr Kommentar hat mich gerade sehr getroffen.

    (PS: Ausklammern möchte ich hier das, was als „krankhafte Fettsucht“ bezeichnet wird. Ohne diese Menschen zu verurteilen handelt es sich hier um eine Krankheit und nicht um Varietäten der Körperfülle.)

    Danke für das Teilen dieser Texte. Mir tun sie gut, denn ich beginne gerade mich mit dem abzufinden, was mein Körper jenseits der 50 sein will: Rundlich, gesund und dennoch gerne in Bewegung.

  8. Antje meint:

    Wie im Büro aus Spitzpaprika auch schonmal Sitzpaprika werden kann, ich habe herzlich gelacht :-)

  9. Sandra meint:

    Das tut mir tatsächlich sehr leid. Als ich Ihren ersten Satz las, dachte ich schon „autsch“. Ich bin PTA und weiß, dass es Menschen gibt, die tun können, was sie wollen und nicht abnehmen. Und die anderen, die schlemmen, wir sie wollen und nicht zunehmen. Ich habe aber auch schon viele Menschen mit Diabetes 2 erlebt, die einfach wussten, dass sie das, mit hoher Wahrscheinlichkeit, selbst zu verschulden haben und heulen könnten über das tägliche Blutzuckermessen und Insulinspritzen.
    Für mich persönlich ist es das beste Mittel, nicht übermäßig zunehmen zu wollen, wenn ich beobachte, wie anderen hinterhergeschaut wird, die sehr übergewichtig sind. Das möchte ich für mich nicht. Und wenn dies auch ein gesellschaftliches Problem ist, so sind viele Menschen so. Jugendliche rufen auch entsprechendes laut über die Straße. Das möchte ich für mich nicht erleben. Und deshalb, und das will ich eigentlich nur sagen, ist der Ratschlag, iss was du willst und soviel wie Du willst und so oft wie Du willst, Dein Körper macht das schon, aus meiner Sicht ungünstig.
    Und Dirndl kann man doch gerade als Curvy supergut tragen!
    Bitte entschuldigen Sie, wenn mein Beitrag für Sie verletzend ist. Das wollte ich damit nicht bewirken.

  10. Sabine Kerschbaumer meint:

    Viele dieser Blicke gelten stark übergewichtigen Personen – da falle ich nicht rein. Gerade bei Frauen ist aber auch in diesem Fall öfter als man meinen möchte nicht das Essen schuld sondern, es ist ja endlich in aller Munde, häufig das Lipödem beteiligt. Als PTA wissen Sie, was das für die Betroffenen bedeutet und dass diese so wenig essen können wie sie wollen und viel Sport machen, es wird nichts ändern. Eine Freundin meines Mannes leidet darunter, und leiden ist das einzige Wort, dass zu dieser Erkrankung passt.

    Ich selbst habe zeitweise in der Pflege gearbeitet und weiß, was Diabetes heißt. Da ich auch viel Bauchfett habe, habe ich selbst auch Angst davor. Die Lösung für mich heißt, möglichst wenig Zucker und kaum Weißmehl zu essen. Abgenommen habe ich dadurch nicht.

    Ich wünsche mir eine tolerantere Welt, in der Adipositas (damit meine ich nicht“die“, die dieser unsägliche und ja auch längst überholten BMI vorgibt) und Krankheiten wie Lip eben als das gesehen werden, was sie sind: Krankheiten. In der wir lernen, dass dieser Schlankheitswahn ein wahres Luxusproblem ist. In der wir aus der Nahrungsvielfalt schöpfen dürfen und in der endlich akzeptiert wird, dass auch Körperformen so individuell sind wie Charaktere. Denn nur dann können wir unseren Kindern und Enkeln ein besseres Körpergefühl und Selbstakzeptanz vermitteln.

    Alles gut – ich musste einfach ziemlich schlucken. Aber ich denke, sie wollten nicht verletzen. Und wenn ein „FatShamer“ unsere Diskussion hier liest, denkt er vielleicht künftig nach bevor er lästert. Dann hätten wir schon viel erreicht.

  11. Sandra meint:

    Danke und ja, da haben Sie Recht, dafür war unser Austausch ganz bestimmt gut.

    Die Lipödem-Diskussion, die auf Spahns Plan folgte, Absaugungen zu erstatten, hat gut gezeigt, wie wenig bekannt diese Krankheit zu sein scheint. Wurde leider auch von der Presse oft falsch rübergebracht. Von wegen Fettabsaugungen als Alternative zu Sport und Diät…Ich kenne auch sportliche, ziemlich dünne Menschen, die ihre Knöchel nicht zeigen, weil sie eben augenscheinlich keine haben.

  12. Angela meint:

    Bin sprachlos nach ihrem zweiten Beitrag Sandra. Puh eben mal draufhauen um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Hätte es nicht gebraucht.

  13. Nina meint:

    Sandra, das ist tatsächlich eine Leistung: sich entschuldigen und dabei der Anderen gleich noch mal eins reinwürgen.
    Mit Ihrem Fatshaming tragen Sie hier im Übrigen nicht dazu bei, dass „die Gesellschaft“ (TM) weniger davon betreibt.
    Und vielleicht noch mal zum Mitschreiben: es gibt gesunde Dicke und kranke Dicke, es gibt gesunde Dünne und kranke Dünne. Es gibt auch große und kleine Menschen. In den meisten Fällen sind Größe, Körperumfang und Gesundheitsstatus keine moralisch irgendwie zu bewertende Leistung, sondern Veranlagung, Genetik und manchmal einfach Zufall. Es gibt keine moralisch bösen Krankheiten, Diabetes ist für die Betroffenen scheiße, ein Aneurysma auch.
    Der Gesundheitsstatus anderer Menschen geht mich genauso wenig an wie ihr Gewicht (außer ich bin ihre Ärztin oder muss ihnen beim Wrestling gegenüber treten).
    Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht daran, ob er gesund ist.

  14. InaPö meint:

    und jeden Mal wenn ich „viel Schokolade zum Nachtisch“ lese, lächle ich und atme beruhigt einmal tief ein und wieder aus.
    Ina

  15. Trulla meint:

    @Sandra

    Mir liegt am Herzen, Ihnen zu sagen, dass ich Ihre Beiträge in keiner Weise verletzend fand. Sondern durchaus sachlich! Mitunter ist mir ein Rätsel, welche Interpretationen stattfinden – wie angestochen! Das lässt auch tief blicken.

  16. Frau Schmitt meint:

    Könnten Sie den Tippfehler bitte ausnahmsweise stehen lassen?
    Zunächst war ich besorgt was Ihnen da im Büro widerfahren ist. Erst später wurde mir klar, dass es sich nicht um eine Zustandsbeschreibung handelt. Ich selbst fände meine mentale Situation mit „mittags rote Sitzpaprika“ an einigen Bürotagen perfekt beschrieben. Dankeschön!

  17. Susann meint:

    Ich kann Sandra in ihrer Kritik der Lippmann-Doktrin nur zustimmen. Intuitive eating klingt ja gut, funktioniert aber für mich absolut, absolut nicht. Wenn ich esse, was ich will, denkt mein Körper anscheinend, oh klasse, die Frau möchte gern 150 kg wiegen.
    Insofern argumentiert Laura Lippman unterkomplex, finde ich. So zu tun, als ginge es nur um fuckablility und alle, die auf ihr Gewicht achten MÜSSEN, WEIL SIE SONST AUFGEHEN WIE EIN VERDAMMTER GERMTEIG wären nur zu seicht und auf Anerkennung von Außen/Männern fokussiert, um ihren Körper machen zu lassen – was für ein Hohn ist das denn?
    Man muss das differenziert betrachten – es gibt Menschen (in erster Linie Frauen), die völlig normalgewichtig sind und die unglaublich viel Energie darauf verwenden, NOCH schlanker zu werden, warum auch immer. Die verlieren dadurch möglicherweise Lebensqualität, weil sie ihren Fokus unnötigerweise auf ihr Gewicht legen.
    Es gibt Menschen, die einfach zu Übergewicht neigen, und die in einer Überflussgesellschaft echt Tipps und Training brauchen, um sich da ohne übles Übergewicht durchzubewegen. Und ja, mein Übergewicht von 20 kg empfinde ich zumindest als übel, und zwar nicht, weil es um fuckability geht (danke für die Unterstellung, Frau Lippmann), sondern weil ich als Läuferin jedes zusätzliche Kilo spüre, und das macht verdammt noch mal keinen Spaß. Wer happy mit 20 kg Übergewicht ist, nur zu, ich feiere jede/n, der das schafft.
    Es wäre nett gewesen, wenn meine Eltern uns nicht ernährt hätten, als gelte es, uns für 10 Stunden Feldarbeit fit zu machen (was man ihnen nicht vorwerfen kann, denn sie wuchsen in einem Umfeld auf, wo man seit Generationen fit sein musste für 10 Stunden Feldarbeit). Meine Schwester, die in einem Umfeld an Gleichaltrigen war, wo man sehr auf sein Gewicht achtete, hat sich ein Verhältnis zu Essen angewöhnt, das ihr als „Guter Futterverwerterin“ ermöglicht, ohne Mittvierziger-Speckfalten durchzukommen. Ich habe immer gern und intuitiv gegessen und haha, guess what, 20 kg Übergewicht, die ich nicht und nicht loswerde.
    Ich weiß, liebe Kaltmamsell, wie Sie mit dem Ernährungsterror Ihrer Mutter hadern – ich wünsche hingegenmir sehr, das Thema Ernährung wäre in meiner Familie Anlass zu Diskusisonen gewesen; nicht in Form von body shaming, nicht in Form von fuckability Tipps, sondern schlicht so: in unserer Familie neigen wir dazu, Fett anzusetzen; wir leben in einer Überflussgesellschaft; welche Strategien sind sinnvoll, um das zu vermeiden, und zwar nicht, um fuckable zu bleiben/werden, sondern weil es ggfalls wenig Spaß macht, dick zu sein.

    NB: Ich möchte nicht, dass mir irgendwer vorwirft, ich würfe Dicken vor, falsch zu essen. Übergewicht ist ein superkomplexes Thema mit einer genetischen Komponente, einer hormonellen Komponente, dem sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Umfeld als Komponenten usw. usf.! Giles Yeo schreibt in seinem Buch „Gene Eating“, dass die überraschende Sache nicht die ist, dass so viele Leute in einer westlichen Industriegesellschaft dick werden, sondern die, dass es Leute gibt, die NICHT dick werden – so sehr begünstigt unser System Übergewicht. D. h. es lohnt mehr, über Strukturen nachzudenken, als einem Dicken vorurteilsbeladen einen Burger vorzuwerfen, den er/sie möglicherweise gar nicht gegessen hat.

  18. Sabine meint:

    Bald kommt noch jemand und beschuldigt die arme Sitzpaprika, an der Misere schuld zu sein. Wenn sie nur den Hintern hochkriegen würde!

  19. die Kaltmamsell meint:

    Das ist tatsächlich ein guter Punkt, Susann, den ich nicht bedacht hatte: Dass unsere Lebensumstände, die zum ersten Mal iin der Menschheitsgeschichte keinen Mangel und keine Hungersnöte kennen, einen anderen Umgang mit Ernährung erfordern könnten als Essen nach Lust und Laune.

    Und die Sitzpaprika muss jetzt selbstverständlich zu bleiben, wird fortan nicht mehr anders genannt.

  20. Neeva meint:

    Haha. Es besteht zwar kein Mangel an verfügbaren Lebensmitteln, aber die blanke Angst zuviel zu essen und zuzunehmen ist soweit verbreitet, dass die überwiegende Mehrzahl aller Menschen in meiner Bekanntschaft eine ausgeprägte Mentalität des Mangels gegenüber Essen entwickelt hat. Komplett mit Hungern, bis die schieren Überlebensinstinkte Fressanfälle auslösen. (Deren konkrete Ausgestaltung und Auswirkung auf die Figuren sehr verschieden aussehen kann.)
    Kann man hier auch in einigen Kommentaren sehr gut herauslesen. Ich nehme mich da übrigens gar nicht heraus.
    Und intuitive eating funktioniert nicht, solange diese Mentalität noch herrscht.
    Ein gesundes Essverhalten frei nach Ellyn Satter wäre angenehm hungrig zum Tisch zu gehen, angenehm satt aufzustehen und dann nicht an Essen zu denken bis zur nächsten Mahlzeit.
    Ich kenne niemanden, nicht mal meinen sechsjährigen Sohn, der diese Einstellung Essen gegenüber hat.

  21. Nina meint:

    Mein zweijähriger Sohn hat noch diesen Umgang mit Essen und ich tue alles dafür, dass er sich das behält. Auch wenn ich dafür ständig an Essen zubereiten denken muss…

  22. die M. meint:

    Plot twist: Letzte Woche war in den USA „Weight Stigma Awareness Week“.

  23. Trulla meint:

    Das Essverhalten hängt doch wesentlich ab von den jeweiligen Lebensumständen. Und die sind nun mal unterschiedlich, ebenso wie die Personen und ihre Verstoffwechselungen. Wie will man da guten Gewissens
    e i n e n Ratschlag geben für alle? Muss man doch selbst herausfinden, was gut ist für den eigenen Körper und die eigene Seele. Ob dick oder dünn! Jeder Körper ist berechtigt zu sein. Herrje, wir sind Individuen.
    Und selbstverständlich verbietet es sich, über andere zu lästern. Aber ein Verhalten zu verlangen, als sei man blind oder fände alles schön – was für eine Heuchelei, das kann nicht funktionieren!

  24. Sandra meint:

    Genau.

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