Journal Mittwoch, 11. Dezember 2019 – Theater?

Donnerstag, 12. Dezember 2019 um 6:50

Unglaubliche Spannung schon seit dem Vorabend: Würde ich es rechtzeitig aus der Arbeit schaffen, um noch genug Energie für einen Theaterbesuch aufzubringen? Würde ich es zum Theater schaffen? Würde die Vorstellung tatsächlich stattfinden? Mein Leben könnte von Robert Zemeckis geschrieben sein.

Davor aber: Frühes Aufstehen für eine Runde Crosstrainer, Dehnen, Bankstütz. Auf dem Crosstrainer hörte ich Musik und fühlte mich so wohl, dass ich viel länger strampeln hätte können – und mich sehr bewusst daran erinnern musste darauf zu achten, ob da irgendwas weh tut. Paradoxerweise führt leichte sportliche Bewegung offensichtlich bei mir dazu, dass ich meinen Körper vergesse.

Radeln in die Arbeit unter klarem Himmel. Auf der Theresienwiese gefrorene Pfützen umsessen von vereinzelten Krähen, darüber zogen Möwen.

Ruhige Arbeit, mittags ein Kopf Radicchio mit Balscamico-Ahornsirup-Thymian-Dressing. Spannungslösung 1: Ja, ich schaffte es deutlich früher als sonst das Büro zu verlassen.

Beim Heimradeln bemerkte ich riesige Lust auf eine Bratwurst. Und da ich erwachsen bin und genug Geld habe, konnte ich einfach mein Rad abstellen, zum Christkindlmarkt am Sendlinger Tor spazieren und eine Rengschburger spezial kaufen. Die mir ausgezeichnet schmeckte.
Davor hatte ich wie geplant einen Abstecher zum Spanischen Früchtehaus an seiner Übergangsadresse Rosental gemacht und erfahren, dass der Laden Ende Januar zurück ins Ruffinihaus zieht.

Daheim Brotzeit für Donnerstag zubereitet: Karottensalat (wenn auch ohne Koriander).

Herr Kaltmamsell war beruflich unterwegs, also machte ich mir zum Nachtmahl selbst ein paar Nudeln, die ich mit frische roter Paprika und Joghurt vermischte.

Spannungslösung 2: Ja, ich ich ging ins Theater, Kammer 3, gemütlich zu Fuß (auch wenn ich ab der Hälfte der Strecke ahnte, dass ich meine Hüfte mal wieder überschätzte). Und Spannungslösung 3: Die Vorstellung fand statt. Ich sah Unheimliches Tal / Uncanny Valley.

Der Titel ist ein Fachbegriff aus der Robotik und bezeichnet den scheinbar paradoxen Effekt, dass Menschen „hochabstrakte, völlig künstliche Figuren mitunter sympathischer und akzeptabler [finden] als Figuren, die besonders menschenähnlich bzw. natürlich gestaltet sind“ (Das und mehr bei Wikipedia.). Die einstündige Performance setzte das um.

Autor Thomas Melle hielt einen Vortrag – nein, eine Maschine, die ihm nachgebildet war und ihn mit „ich“ verkörperte, hielt mit seiner aufgezeichneten Stimme einen Vortrag: über Thomas Melle und Alan Turing, über die Fehlerhaftigkeit des Menschen (zum Beispiel in Form der bipolaren Störung, an der Melle erkrankt ist) und über die Alternativen, die Maschinen dazu bieten können. Auf einer Schultafel-großen Leinwand wurden dazu Interviews gezeigt zu maschineller Unterstützung (hier tauchte @ennopark mit seinem Cochlea-Implantat auf, ich war versucht zu winken), zu den Grenzen maschineller Selbstbestimmung. Und es wurde als Film gezeigt, wie die Thomas-Melle-Maschine entstanden war, die wir gerade vor uns sahen.

Immer wieder thematisierte der Vortrag die konkrete Situation in dieser Vorführung, sprach die Stimme uns Zuschauende an, wies abschließend darauf hin, dass wir ruhig applaudieren könnten – auch wenn wir das in dieser Situation ja nur für uns selbst täten.

Entsprechend herrschte nach einer Stunde leise Ratlosigkeit, ob die Vorführung nun zu Ende war. Die Inszenierung half uns nicht mit Licht, das den Zuschauerbereich erhellt hätte, statt dessen errichteten zwei Bühnenarbeiter eine Absperrung um den Aktionsbereich auf der Bühne. Nach und nach standen Zuschauerinnen und Zuschauer auf und sahen sich die Melle-Maschine (die immer noch blinzelte und leichte Handbewegungen machte) genauer an.

Eine sehr anregende Stunde (und genau richtig lang) mit klugen und offenen Überlegungen zur menschlichen Psyche, die Formbarkeit von Erinnerung, zu menschlichen Schwächen, Maschinentum – Empfehlung. Auch wenn der Altersschnitt im Publikum wie immer hoch war, sah ich Menschen, die ich zumindest auf unter 30 schätzte – allerdings neige ich dazu, diese Altersklasse sofort als Fachpublikum aus Studium oder Beruf einzustufen.

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Behind the scars: Eine Website (Fotoprojekt), auf der Menschen die Geschichten ihrer Narben erzählen.

via @formschub

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Ein instagram-Account macht mir Lust auf Sticken: nämlich die Landschaften von chromato_mania.

die Kaltmamsell

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