Journal Donnerstag, 9. Januar 2020 – Ich gehe Hüfte und Toni Morrison, Beloved

Freitag, 10. Januar 2020 um 7:01

„Sie gehen Hüfte!“ rief mir Dr. Orth 2 hinterher, als ich den Untersuchungsraum verließ, in dem endlich mal systematisch und gründlich abgewogen/untersucht wurde, ob meine Beschwerden nun von LWS oder Hüfte verursacht werden. Auch er hatte angesichts der Röntgenaufnahme eine Hüftarthrose erst mal als Ursache ausgeschlossen und hatte sich auf Ischias konzentriert (mit dem Hinweis, dass auch eine Kombination von Bandscheibe/Nerv und Hüftgelenk in Betracht kam). Dr. Orth 2 fragte dann viel (u.a. nein, kein Kribbeln, nein keine Taubheit, ja, Wegsacken des Beins seit Jahren – zum ersten Mal ein Arzt, der mit diesem Phänomen vertraut ist). Und er ultraschallte die Hüfte, inklusive gesunder Seite zum Vergleich – siehe da, endlich etwas Neues: eine laut ihm deutliche Entzündung in der schmerzenden Hüfte. Also ordnete Herr Doktor (gibt es überhaupt Orthopädinnen?) ein MRT der Hüfte an. Sportliche Bewegung darf ich aber weiterhin: „Alles, was nicht schmerzt.“

Es hob meine knapp vor Resignation stehende Stimmung deutlich, dass sich eine Ursache abzeichnet. Und dass die abschließende Beobachtung des Arzts endlich bestätigt, wovon ich seit einigen Monaten und vor Jahren ursprünglich überzeugt bin und war: Es ist die Hüfte.

Arbeit in der Arbeit, gestern musste ich gegen Sonne die Jalousien zuziehen. Das und die milde Luft beim frühnachmittäglichen Hofgang informierten mich: Das Wetter war schön. Mittags Orange und Birne mit Käse, nachmittags eine Hand voll Nüsse sowie ein paar getrockenete Aprikosen.

Früher Feierabend für Reha-Sport. Die Gruppengymnastik arbeitete mit Flexibar und ein paar anschließenden Bein-Übungen, meine Runde durch die Geräte dauerte etwas länger, weil ich auf einige warten musste (auch im Reha-Zentrum Vorsatzsportlerinnen?) und die Karten-Technik zickte.

Weiterer Termin des Tages: Ich radelte zum Treffen unserer Leserunde, wir hatten Toni Morrison, Beloved gelesen. Zu Gemüselasagne gab es in Untergiesing Gespräch darüber, auch wenn nur die Hälfte der Runde den Roman ganz gelesen hatte.

Ich hatte Beloved als anstrengend empfunden und war nur langsam voran gekommen, hatte ihn aber von der ersten Seite an als die Mühe wert gesehen. Der Roman dreht sich um Sethe, die nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hochschwanger aus der Sklaverei flieht. Die Nicht-Linearität der Geschichte gleicht strukturell einem Traum, wozu auch die zahlreichen nicht-realistischen Elemente passen – sehr nah am magic realism der Veröffentlichungszeit 1991. Doch wo ich den südamerikanischen magic realism seinerzeit bald über hatte, weil er zu Beliebigkeit führte, ist dieses Element hier ein passendes Werkzeug: Erzählt werden die zahllosen und unendlichen Grauen der Sklaverei von der Verschleppung über das Gehaltenwerden wie Vieh bis zu alltäglicher Folter und Unterdrückung – das Ausmaß und die Dominanz im Leben so erdrückend, dass ein Ertragen und auch Erzählen nur durch Ausweichmanöver des Bewusstseins möglich sind. In dieser Welt gibt es Geister und magische Geschehnisse, für die Leserin ist die Abgrenzung zum Realen fast unmöglich; doch wo die Entmenschlichung und Brutalität von Sklaverei möglich sind, gelten ja vielleich auch andere Naturgesetze nicht.

Die vielen Details, die sich zum Bild dieser Zeit zusammensetzen, machten mir klar, wie zerstörerisch für Individuen und die Gesellschaft es war, ihnen durch diese konkrete Form der Versklavung Wurzeln, Geschichte, Tradition, Familie, Verbindungen unmöglich zu machen. Dass dies die US-amerikanische Gesellschaft bis heute in fast alle Bereiche hinein prägt und die Stellung der PoC dort von allen anderen Gegenden der Welt unterscheidet. Das Trauma der Sklaverei ist in den USA so tief, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sich eine Gesellschaft je davon erholen soll.

Weltliteratur in Form und Inhalt, deshalb Leseempfehlung mit der Versicherung, dass sich die Mühe wirklich lohnt.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 9. Januar 2020 – Ich gehe Hüfte und Toni Morrison, Beloved

  1. jongleurin meint:

    Meine Schwester hat sich in Hamburg dusselig gesucht nach einer Orthopädin, weil sie ein Problem an einer delikaten Körperstelle hatte. Sie fand irgendwann eine, aber der Frauenanteil ist wohl tatsächlich gering: „Entsprechend der BÄK-Statistik beträgt der Frauenanteil in Orthopädie und Unfallchirurgie 14,1 Prozent, bei den Facharztkandidaten finden wir 22,7 Prozent Frauen. Dieser Anteil ist allerdings in Anbetracht von einem Anteil weiblicher Medizinstudentinnen von 60 bis 65 Prozent noch gering.“
    Quelle: https://dgou.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Publikationen/2016_03_OUMN.pdf

  2. Nina meint:

    Ich kann ihre vorsichtige Erleichterung ob einer möglichen Diagnose so gut nachempfinden. Ich war nach 6 Orthopäden, jahrelangen Hüft-, Bein-, Rückenschmerzen schon so resigniert, dass ich mich darauf einstellte, nie herauszufinden, was die Ursache meiner Beschwerden ist. „Lässt sich nicht feststellen, keine Entzündung sichtbar, funktionelle Beschwerden“ war alles, was ich zu hören bekam. Bis Orthopäde Nr. 7 mit entsprechender Ausbildung endlich auf die Idee kam mal nach Triggerpunkten zu suchen. Und siehe da, Diagnose: Myofasziales Schmerzsyndrom. Da das Ganze durch die jahrelange Dauer des Diagnoseprozesses bereits chronifiziert war, bedarf es nach wie vor viel Therapie und Arbeit daran, um mich halbwegs schmerzfrei bewegen zu können. Ich bin recht skeptisch, dass es jemals wieder vollständig gut wird. Aber es war dennoch eine riesige Erleichterung, endlich einen Namen für meine diffusen Schmerzen zu haben und demnach auch einen Therapieplan erstellen zu können. Das Ganze hat mich, ohne jetzt einen ganzen Berufsstand zu verunglimpfen, doch sehr skeptisch gegenüber Orthopäden gemacht. Ihnen alles Gute mit Orthopäden Nummer 2!

  3. Beate meint:

    Könnte das ein Piriformis-Syndrom sein? Das hab ich auch gerade (wieder) …

    Meine Orthopädin! hat mir deswegen Physiotherapie verordnet, hat damals gut gewirkt, war aber extrem schmerzhaft.

    Wenn ich zurückdenke, war die Mehrzahl meiner orthopädischen Fachärzte weiblich – sogar die erste in den 1970ern!

  4. die Kaltmamsell meint:

    Nein, Beate: Das Piriformis-Syndrom ist eine Kompression des Ischias-Nervs, keine Entzündung des Hüftgelenks.

  5. Maria meint:

    Kommentar von meiner Mediziner-Freundin: „Guter Orthopäde ist ein Oxymoron“.
    Das kann ich nach vielen Erfahrungen mit (männlichen) Orthopäden nur bestätigen. Orthopädinnen habe ich auch noch nicht kennen gelernt.

  6. Robert meint:

    Der Jokus Ihrer Freundin, Maria, ist recht platt für eine Medizinerin. Oder gebrauchen Sie „Mediziner-Freundin“ wie in „Zahnarztfrau“? Bei Männern würde man sagen: locker room talk.

    Ich setze Ihren Erfahrungen und dem Scherz Ihrer Freundin entgegen, dass es sehr gute, gute, durchschnittliche, eher schlechte und sicher auch schlechte OrthopädInnen gibt. Oft sind die einen von den anderen schwer zu unterscheiden, sowohl für Patienten als auch für andere Mediziner. Wie gut ein Orthopäde ist, können wahrscheinlich am besten seine KollegInnen aus der Orthopädie einschätzen, nachdem sie längere Zeit mit ihm gearbeitet haben.

    Dass sich mehr Männer als Frauen auf Orthopädie spezialisieren, liegt auch daran, dass in der Orthopädie oft große Körperkraft nötig ist.

  7. Eine Leserin Aziza meint:

    Ich bin sehr froh, dass jetzt endlich mein Punkt „MRT der Hüfte“ von der Liste abgearbeitet wird. Und ich erhoffe mir genau wie Sie Erhellendes bezüglich einer Diagnose und einer weiteren Behandlung. Ja, laut Ihrer Schilderung dachte ich auch eher an die Hüfte, ich durfte bei einer Freundin ein Jahr lang das Einknicken des Beins sehen und auch den schwankenden Schmerzverlauf beobachten, bevor sie sich zu einer Hüft-Tep entschlossen hat und mittlerweile wieder wunderbar laufen kann. Ja, ich kenne eine sehr gute Orthopädin, mit der ich seit einigen Jahren zusammenarbeiten darf.

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