Journal Donnerstag, 27. Februar 2020 – Mehr Schnee und Beifang aus dem Internetz

Freitag, 28. Februar 2020 um 6:01

Gute Nacht, so frisch aufgewacht, wie das um halb sechs möglich ist.
Yoga und Rumpfkräftigung wie gewohnt.

Auf dem Weg in die Arbeit beim Bäcker abgestiegen und ein Laugenzöpferl gekauft. Die Kundin vor mir stand in einer derart beißenden Parfüm- oder Haarspray-Wolke, dass ich gepeinigt durch den Mund atmete und meinen Einkauf erst draußen einpackte.

Geschäftiges Arbeiten, mittags gab’s zum Laugenzöpferl Grapefruit und Orange, nachmittags Hüttenkäse. Das Wetter kapriolte und macht nochmal einen auf Winter.

Als der Regenradar um Feierabend weiterhin anhaltende Schneefälle anzeigte, ließ ich mein Fahrrad stehen und fuhr mit der U-Bahn in die Stadt. Ich besorgte zum Abendbrot zusätzlichen Salat, Herr Kaltmamsell servierte köstliches Hummus mit Karotten und roten Paprika.

Telefonat mit meinem Vater; da meine Mutter nicht daheim war, plauderte ich mit ihm ein Weilchen. Er warnte mich, dass für München heftiger Sturm angekündigt sei – der eine halbe Stunde nach der Tagesschau tatsächlich losbrach.

Mir geht weiterin die Fleißer durch den Kopf, vor allem ihr Lebensweg. An ihrer Biografie wird mir bewusst, wie sehr ich geeicht bin auf künstlerische Lebensläufe, in denen auf Hindernisse Durchbeißen folgt, wo Kunst gegen alle Widerstände durchgekämpft wird. Doch was, wenn die Künstlerin eher eine passive Natur hat? Sich lieber dreinfindet statt zu kämpfen? An Fleißer lerne ich, dass das ihre künstlerische Natur, den Wert ihrer Kunst nicht mindert. Durch all die Jahre, in denen sie nicht schreiben durfte/konnte, gibt es halt nur deutlich weniger davon.

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Almans (oder einfach Menschen ohne spanischen Hintergrund) scheinen ja massive Probleme im Umgang mit Glasgeschirr zu haben. El País hat die Geschichte des Tischglases in Spanien aufgerollt:
“La historia de Duralex, una vajilla tan irrompible como nuestra nostalgia”.

In der Rubrik DISEÑO wohlgemerkt! (Sicher auch kein Zufall, was Paloma Picasso seinerzeit für Villeroy & Boch designte: Glasteller, u.a.)

via @malomalo

Hier der Tweet, der die Geschichte auslöste – und auf den ganz viele mit ihren Erinnerungen und Fotos reagierten.

Aus den grünen großen Tassen, die jemand im Thread zeigt, wurde während meiner Kindheitsurlaube bei spanischer Familie auf dem Dorf immer der morgentliche café con leche getrunken, hergestellt aus heißer Milch und Nescafé. Weiter unten im Faden (hilo) taucht auch ein Foto des braunen Blechtopfs auf, in dem damals gekocht wurde.

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Ein Tweet brachte mich dazu, die Bedeutung von “gusaba” nachzuschlagen – und so lernte ich einen ganz entzückenden Brauch in einigen afrikanischen Gegenden, unter anderem in Ruanda kennen:
“Gusaba: Where tradition meets modernity”.

During gusaba, elders from the groom’s family lead an entourage of relatives and eminent persons to the bride’s family to officially ask for the daughter’s hand in marriage on their son’s behalf.
Pitted against each other in opposite tents or sitting areas, the elder’s from the groom’s family engage in an exchange, more of a battle of wits, with their counterparts from the bride’s family who show no “willingness” to give away their daughter without a fight.

(…)

It is literally a battle of wits which involves a lot of humour, sarcasm, riddles, tongue-twisting and hide-and-seek games which will involve presenting the wrong girl (or even an old woman in this case) to the asking family, which is all part of the age old practice.

Außerdem erfuhr ich, dass anstelle traditioneller Kleidung als Brautausstattung derzeit indische Saris total angesagt sind.

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Kleine Lehrstunde in Social Media-Verhalten von Unternehmen.
“‘Sue, You’re Shouting At Tea’ Becomes Strong Contender For Quote Of 2020”.

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Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie die Wahrnehmung von Verschwörungstheorie-Gläubigen funktioniert. Daniel Laufer ist für netzpolitik.org den Mythen zur Tatnacht von Hanau nachgegangen, die YouTuber Sebastian Verboket verbreitet:
“Der perfekte Verschwörungstheoretiker”.

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 27. Februar 2020 – Mehr Schnee und Beifang aus dem Internetz“

  1. Joël meint:

    Genau dieses braune Service aus dem Tweet erinnert mich an meine zarteste Kindheit. Wir hatten genau das gleiche. Später wurde es dann Villerroy & Boch Porzellan. Meine Mutter hat dann irgendwann den Rest entsorgt, da vieles davon schon zu Bruch gegangen war.

  2. Nina meint:

    Gustaba, das kann ich aus eigener Erfahrung in Kigali sagen, sind, wenn man daran teilnimmt, eher zäh. Sie dauern ewig, oft ist es entweder sehr warm oder es schüttet wie aus Eimern (stellen Sie sich unsere krassesten Regengüsse hoch zehn vor), oder beides, und die Reden ziehen sich doch arg in die Länge (selbst wenn man flüssig bzw. muttersprachlich Kinyarwanda versteht). Alle warten meist sehnsüchtig, allerdings sehr viele stoischer als wir das so gewohnt sind, darauf, dass es endlich Essen gibt. Darin unterscheiden sie sich also nicht sonderlich von festlichen Empfängen hierzulande. Die Locals sind in der Hochzeitshochsaison außerdem meist jedes Wochenende auf einer Gusaba eingeladen, das kann schon sehr zeitraubend sein. Wenn man bedenkt, dass eine Hochzeit meist noch zwei bis drei andere Bestandteile hat (kirchliche Trauung, Empfang und Party), zumindest wenn man was auf sich hält, dann ist das Ganze für alle Teilnehmenden wirklich sehr zeit- und, nicht zu vergessen, kostenintensiv. Nicht nur für die Familien des Hochzeitpaars, sondern auch für alle Gäste. Denn die Hochzeitsleute sammeln für die Hochzeit vorher in ihrem ganzen Umfeld Geld ein (wirklich überall, auch bei Kollegen etc.). Dabei darf man sich natürlich nicht lumpen lassen mit dem eigenen Beitrag. Diese großen Feste wie Hochzeiten sind zwar ethnologisch hochinteressant und sozial und kulturell, unbestritten, sehr wichtig, aber bedeuten halt materiell gesehen für viele Familien, und manchmal für ganze Gemeinschaften, eine echte finanzielle Belastung, hin und wieder bis hin zum finanziellen Ruin.

  3. Ev meint:

    Danke für den Beitrag und jetzt bitte festhalten, denn genau das Geschirr hatten wir in den 70ern daheim im Gebrauch und das ohne jeglichen españatischen Hintergrund :)!
    Mit liebem Gruß, Ev

  4. kecks meint:

    wie groß ist denn das mitspracherecht der frauen bei diesen hochzeiten? es klingt – so skurril und liebenswert es sich anhört – für mich doch sehr nach patriachalischem marktgeschehen, halt mit frau statt kuh oder ziege im angebot. wertvoller besitz geht über aus vater-familie in ehemann-familie, danke, auf wiedersehen, viel freude damit. oder sehe ich das jetzt nur weiß-imperialistisch-westlich-priveligiert und ahnungslos?

  5. arboretum meint:

    Rauchglasgeschirr war in den 1970ern mal sehr en vouge. Wir hatten auch eins, und zwar sowohl als Kaffeegeschirr (für den Winter) als auch als Essgschirr, meine Patentante und deren Familie ebenfalls – in beiden Fällen völlig ohne spanische Wurzeln. ;-)

    Das Geschirr hatte die Farbe von Rauchquarz. Jene Patentante ist die beste Freundin meiner Mutter, bei größeren Feiern borgten sie sich gegenseitig das Geschirr.

  6. Nina meint:

    Zumindest in den ostafrikanischen urbanen Mittelschichtskreisen, die ich kenne, heiraten die jungen Leute genau so wie hier auch: sie wählen ihre Partner*innen selbst und meist führen sie auch vor der Ehe natürlich schon eine Beziehung. Es mag im ländlichen Raum und in anderen Teilen Afrikas möglicherweise anders sein, sicher auch abhängig von der Schichtzugehörigkeit, aber das Ganze ist viel weniger tribal-exotisch als Ihre Frage hier andeutet. Davon abgesehen spielen Kinship-Systeme (also wie Verwandtschaft organisiert wird und welche soziale Bedeutung welchen verwandtschaftlichen Beziehungen beigemessen wird, welche Pflichten und Rechte damit einhergehen etc.) dennoch natürlich eine Rolle, allerdings sind Frauen dabei selten „Besitz“ von irgendjemandem. Das ist in der Tat ein sehr exotisierender, orientalistischer Blick.

  7. Alexandra meint:

    Verschwörungstheorien werden nach meinem Empfinden häufig befeuert von dem Wunsch derjenigen, die diese Theorien kultivieren, sich selbst und allen anderen zu versichern, sie hätten den Durchblick. “Die Checker” haben dann offenbar ein Gefühl von “Erhabenheit” über den “Leichtgläubigen” – und das gibt ihnen vermeintlich wohlige Sicherheit.

  8. Alexandra meint:

    P.S.: Mit transparentem Glasgeschirr verbindet mich nahezu nichts – abgesehen von gläsernen Henkeltassen aus der Kleinkindzeit meiner Sprösslinge um die Jahrtausendwende herum.

    “Jenaer-” und “Schott-“Glas als Backformen u. Ä. zählen mutmaßlich nicht?

    Was es aber in meinem Umfeld immer gab und heute noch gibt, sind “Arcoroc”-Service-Kreationen aus weißem und schwarzem Glas. Sowohl als Kaffee- als auch als Essgeschirr.

    In einschlägigen Geschäften zumeist SEHR günstig zu haben, fünfzig Cent je Teller, beispielsweise.

    Und mit Spanien verbindet mich und mein unmittelbares Umfeld nichts als eine Urlaubserinnerung.

  9. Lempel meint:

    Ich bin in einem schwäbischen Lehrerhaushalt aufgewachsen und meine Eltern hatten auch ein vergleichbares Service. Scheint eine paneuropäische Mode der 70er Jahre gewesen zu sein. Die Dessertschüsselchen sind als Müslischüsseln auch immer noch in Gebrauch (“No nix verkomme lassa”).

  10. kecks meint:

    danke für die erhellenden infos, nina!

  11. Margarete meint:

    Glasgeschirr forever : Dazu hat Wagenfeld geradezu zeitlose Beiträge geliefert… Alles ist leicht, natürlich transparent, schnörkellos und man weiß, woran man ist.

  12. Nina meint:

    Sehr gern!

  13. Croco meint:

    Eine Woche auf Schüleraustausch auf einem Bauernhof in der Bretagne. Man aß alles aus Glastellern und Glasschüssel. Ich seh heute noch den Schokoladenpudding in der brauen Schüssel. Ich war angefixt! Mein Vater brachte später das Glasgeschirr aus Frankreich mit, meine Mutter benutzt es immer noch.
    Bei den französischen Glastellern bin ich bis heute geblieben, La Rochère hat wundervolle mit Lilien oder Bienen.

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