Journal Mittwoch, 19. Februar 2020 – Schneeflocken

Donnerstag, 20. Februar 2020 um 5:55

Sehr gut und tief geschlafen, der frühe Wecker riss mich in sekundenlange Orientierungslosigkeit.

Yoga kümmerte sich wieder um meine Hüfte, allerdings in anderem Winkel als am Dienstagmorgen. Da die gestrige Einheit recht kurz war (die Dauer der Filme reicht von 20 bis knapp 30 Minuten) kam ich früh in der Arbeit an – und damit im angenehm Warmen, gestern früh war es frisch.

Gut strukturierbares Arbeiten. Die Gefahr, die mir Montag und Dienstag Angst bereitet hatte, ist vorerst gebannt. Mittags eine Tupperdose voll Kohlrabi und Lauch mit rotem Reis vom Vorabend, davor zwei kleine Ernteanteiläpfel.

Nachmittags sanken mehrfach kleine Schneeflocken an meinem Bürofenster vorbei.

Auf dem Heimweg hielt ich beim Süpermarket für ein paar Einkäufe an: Obst und Zutaten für Oktopussalat.

Für den Abend war ich mit Herrn Kaltmamsell zum Pizzaessen verabredet. Wir nahmen eine U-Bahn in die Maxvorstadt zu einer empfohlenen Pizzeria – deren Pizzen uns nicht begesiterten, aber sättigten.

Herr Kaltmamsell schnuppert nach dem Pizzaduft seiner Kindheit – und findet ihn auch hier nicht.

§

Ozan Zakariya Keskinkılıç fragt nach den ausbleibenden Reaktionen auf die Aufdeckung der rechtsextremen Terrorzelle Gruppe S:
„Muss ich erst getötet werden, damit ihr empört seid?“

Die deutsche Gesellschaft ist vom Feindbild Islam so tief durchdrungen, dass sie Muslime als Opfer gar nicht wahrnehmen kann oder will.

(…)

Das Problem bin nicht ich, sondern der Blick auf Menschen wie mich. Es heißt, Muslime seien undankbare Migranten. Sie würden sich in angeblichen Parallelgesellschaften abschotten, Deutschland unterwandern und „islamisieren“. Wenn ich höre, wie viele sich vom Islam bedroht fühlen und ihre schöne Heimat wegen der ganzen Migranten und Muslime nicht wiedererkennen, dann dreht sich mir der Magen um.

Günaydın, wie man bei uns in Berlin sagt, das hier ist mein Land. Auch meine Interessen und Bedürfnisse verdienen es, Gehör zu finden. Es handelt sich nicht um eine angebliche Islamisierung, wenn Muslime Lehrerinnen oder Richter werden, wenn sie Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren oder in Wirtschaft und Politik Führungsposten haben. Das nennt man Teilhabe in einer pluralistischen Gesellschaft.

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 19. Februar 2020 – Schneeflocken“

  1. Die M. meint:

    Guten Morgen! Dasselbe Phänomen findet sich in Bezug auf den NSU: Vergleichsweise wenige sind empört, nehmen Anteil, wissen ausführlicher über die Opfer, deren Familien, die Geschehnisse und was noch unaufgedeckt ist bzw. verschwiegen wird, bescheid. Zurzeit läuft die Doku „Spuren -die Opfer des NSU“ im Kino.
    Viele Grüße
    die M.

  2. Die M. meint:

    Ich kaufe ein großes B und korrigiere: „Bescheid“.

  3. Defne meint:

    Zum Feindbild Islam:
    Ich kenn mich da ja ziemlich gut aus, denn ich war ja mit einem Moslem verheiratet und habe auch in seinem Land gelebt.
    Angst habe ich nicht vor dem Islam, weil der meistens ähnlich lässig wie das Christentum gelebt wird.
    Diese Parallelgesellschaften gibt es aber natürlich schon. Nachdem ich das Buch „Inside Islam“ von Constantin Schreiber gelesen habe bin ich schon erschrocken wie tief der Graben zwischen den Welten ist. Auch das Buch „Ihr Scheinheiligen“ (Doppelmoral und falsche Toleranz- die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen) von Tuba Sarica gibt Einblicke.
    Tuba Sarica schreibt genauso wie ich es empfinde, dass die Türken in Deutschland viel konservativer leben wie in der Türkei. Sie schreibt dass sie in den Sommerferien genossen hat in der Türkei Urlaub zu machen weil sie dort weniger den Zwängen und Vorschriften der Familie gehorchen sollte.
    Was mich wahnsinnig stört ist dass die sogenannte deutsche „Bildungsschicht“ den konservativen Islam durch übermäßige falsche Toleranz stark fördert. So hat es damals in der Türkei niemanden gestört dass in der Schule das Kopftuch verboten war. Kopftuchträgerinnen haben ein gestörtes Verhältnis von Mann und Frau, denn die Frau soll sich ja verhüllen damit der Mann sich zurückhalten kann.
    Warum ist es in Deutschland nicht möglich die liberalen Moslems mehr zu fördern? Warum brauchen Leute wie Seyran Ates Polizeischutz?
    Meine türkischen Freunde sind die letzten Jahre entsetzt wenn sie sehen wie der konservative Islam in Deutschland sich ausbreitet.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Weshalb, Defne, muss sich Keskinkılıç automatisch mit der von Ihnen geschilderten Schattierung des Islam in Verbindung bringen lassen? Sie geben ihm mit jeder Ihrer Aussagen in seiner Beschwerde Recht und das empört mich.
    Haben Sie christlichen Kulturhintergrund? Bringt man Sie deshalb mit dem sexuellen Missbrauch in Kirchenkreisen in Verbindung oder mit der Unterdrückung innerhalb protestantischer Freikirchen?

    Zum Hijab haben wir uns hier schon mehrfach ausgetauscht, ich fürchte da kommen wir nicht zusammen.

  5. Defne meint:

    Frau Kaltmamsell,
    Das schreibe ich doch dass der Islam von vielen Moslems locker gelebt wird.
    Ich habe Herrn Keskinkılıç in keinster Weise mit dem konservativem Islam in Verbindung gebracht, ich kenne von ihm sowieso nur diesen einen Artikel. Sie haben das so interpretiert.
    Herr Keskinkılıç hat die Parallelgesellschaften erwähnt und deswegen habe ich mir meine Gedanken gemacht. Natürlich ist es vollkommen verkehrt zu unterstellen dass sich ALLE in Parallelgesellschaften abschotten, das habe ich ja nicht geschrieben. Den Schmarrn mit „unterwandern und islamisieren“ überlasse ich der AfD. Aber laut Aussage der Moslems gibt es die Parallelwelt. Ich glaube jetzt nicht dass die von mir erwähnten Autoren Lügengeschichten schreiben.

    Im übrigen bin ich einfach für einen gewissen Fortschritt und denke mit Grauen an die Zeit damals in meiner Schule wo es für Frauen verboten war eine Hose zu tragen (nur mit Rock darüber ging). Die Verhüllungsvorschriften für Frauen finde ich persönlich schrecklich und möchte sie nicht mehr erleben. Deswegen setze ich mich noch viele Jahrzehnte danach für die Freiheit der Frauen ein.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Für mich liegt die Freiheit der Frauen auch weiterhin darin, Defne, dass sie selbst bestimmen, wie sie sich kleiden. Auch wenn das ein katholischer Weihel oder ein muslimischer Hijab ist.
    Ja, es gibt Parallelgesellschaften in Deutschland, da brauche ich nur in bestimmte Reiche-Leute-Gegenden Bogenhausens zu fahren. Wer entscheidet, welche davon die Gesamtgesellschaft bedrohen? Ich halte es für einen destruktiven Reflex, hier vor allem auf Zugewanderte zu schauen.

  7. Hauptschulblues meint:

    H. setzt sich wieder in die Nesseln.
    Er ist nicht der Meinung, dass muslimische Frauen selbst bestimmen können, ob sie Hiqab tragen oder nicht. Dazu kennt er zu viele muslimische Mitbürgerinnen. Deren Geschichten würden hier den Rahmen sprengen.
    Man betrachte nur die Rechte der Frauen in den Ländern, in denen der Hiqab getragen wird. (Auch die Rechte der Männer, die von der offiziellen Linie der jeweiligen Staaten abweichen.)
    Und hier in Deutschland wird er in der Tat in sog. Parallelgesellschaften getragen.
    Angehörige der „Bogenhauser Parallelgesellschaft“ unterstützen beispielsweise die Lichterkette und andere Institutionen der offenen Münchner Stadtgesellschaft.

  8. Hauptschulblues meint:

    Vergessen:
    Natürlich gibt es bei den sog. Deutschen oder hier geborenen auch Parallelgesellschaften, das streitet H. nicht ab.
    Siehe NSU-Unterstützer, Rechtsradikale, Faschisten, Prepper, Uniter usw.
    Und die sind gefährlicher.

  9. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe das Eindruck, Hauptschulblues, wir drehen uns im Kreis, diesen Austausch von Argumenten gab es hier mehr als einmal. Dass Sie ausschließlich Muslimas kennen, die zum Hijab gezwungen werden, weist eher auf Ihren Umgang hin als auf eine Regel. Außer Sie unterstellen zum Beispiel Susan Halimeh, die sich in diesem Filmchen mit einer Nonne unterhält, dass sie lügt – ebenso den vielen gläubigen Muslimas, die ich mit selbst gewähltem Hijab kenne.
    https://dbate.de/nonne-muslima-kopftuch-religion-talks/

    Und nochmal: Was hat das mit Keskinkılıç zu tun? Ich verstehe jetzt besser als ohnehin, warum sich Kübra Gümüşay als „intellektuelle Putzfrau“ bezeichnet, die – nur weil sie als Muslima erkennbar ist – ständig irgendwelchen Müll über den Islam im Kopf anderer aufräumen musste, auch wenn andere Gesellschaftsthemen für sie viel wichtiger waren.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Was mich zudem bei Ihnen beiden erschreckt, Defne, Hauptschulblues: Sie scheinen beide die islamfeindliche Stimmung zu rechtfertigen, die zu militantem Islamhassern in Deutschland geführt hat – weil Muslime halt selber schuld sind.

  11. Defne meint:

    Ich habe das Gefühl dass sie mich Frau Kaltmamsell unbedingt in die rechte Ecke stellen wollen ohne dass sie mich kennen.
    Nein, die islamfeinliche Stimmung rechtfertige ich absolut nicht, der Islam ist mir sehr vertraut und ich sehe in unserem Land absolut keine Gefahr davon ausgehend. So äußere ich mich ständig gegenüber Freunden welche weniger Kenntnis darüber haben, manche Regel finde ich sogar recht praktisch und sinnvoll.
    Trotzdem gibt es natürlich Regeln und Verhaltensweisen in „allen“ Religionen welche ich (auch aus eigener schlechter Erfahrung) gar nicht mag und am liebsten ändern würde.

  12. die Kaltmamsell meint:

    Sie wissen offensichtlich nicht genug über Islamfeindlichkeit, Defne, dass Sie übersehen, wie stark die islamfeindliche Stimmung, die Keskinkılıç beschreibt, auch von links geschürt wird. Er beschreibt im verlinkten Artikel, wie sein eigenes Leben darunter leidet – und alles, was Ihnen in Ihrem Kommentar dazu einfällt, sind Verallgemeinerungen der Seiten des Islam, die Ihnen aufstoßen. Ich reagiere nicht auf Sie als Person, die ich ja tatsächlich nicht kenne, sondern auf Ihren Kommentar.

  13. Hauptschulblues meint:

    „Sie scheinen (beide) die islamfeindliche Stimmung zu rechtfertigen“
    Mitnichten.

  14. Sonni meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,
    ich bin der gleichen Meinung wie Defne und Hauptsschulblues und finde es sehr problematisch, Kopftuch- und Fundamentalismuskritik als islamfeindlich einzustufen. Beides steht nun mal nicht für Liberalität, wobei das Kopftuch in unserer freiheitlichen Gesellschaft ja durchaus seinen Platz hat und als individuelle Entscheidung akzeptiert wird. Das heißt aber nicht, dass es jeder gut finden muss, genau wie Sie und ich Dinge tun, die andere nicht gutheißen, und trotzdem dürfen wir sie selbstverständlich und gerne tun, egal wie es anderen gefällt, sofern niemand anders dadurch eingeschränkt wird. Ich kann damit sehr gut leben und brauche nicht Beifall von allen anderen.

  15. die Kaltmamsell meint:

    Ausgrenzend ist es, Sonni, diese Kritik in dem Moment zu äußern, nach dem sich ein Muslim darüber beklagt, dass er als Muslim in Deutschland bedroht und unter Generalverdacht gestellt sowie gesellschaftlich ausgegrenzt wird. Keskinkılıç schrieb nur zwei Tage vor einem islamfeindlichen Anschlag mit zehn Opfern – so schnell wurden seine Befürchtungen wahr.

  16. Hauptschulblues meint:

    Hier werden zwei Dinge vermischt: Zum einen die abscheulichen Anschläge der Rassisten/Faschisten und der Gruppen, die auf einen Bürgerkrieg hin arbeiten, zum andern die Kritik am Niqab (nicht am Kopftuch).


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