Journal Donnerstag, 20. Februar 2020 – Kleine Mutlosigkeit

Freitag, 21. Februar 2020 um 6:06

Keine Zeit für Twitter oder andere Nachrichtenkanäle – so bekam ich erst in der Mittagspause den rassistischen Terroranschlag von Hanau mit.

Ich wohne zwar in München nicht direkt in solch einer Straße, aber in solch einem Stadtviertel, also im südlichen Bahnhofsviertel. Und sehe regelmäßig, wie weiße Menschen, die am Münchner Stadtrand wohnen, bei dieser Information erschauern – aus den ganz falschen Gründen. Eine Bekannte äußerte mehrfach, wie sehr sie mich für meinen Wohnort „bewundert“; sie meinte nicht die höhere Gefahr rassistischer Attentate.

Der dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger stellt auf Twitter klar:

Sehr wahrscheinlich nämlich hätte der mutmaßliche Täter mich trotz fettestem Migrationshintergrund übersehen: Ich falle äußerlich nicht in sein Fremd-Schema.

Keine Zeit hatte ich unter anderem, weil ich vormittags wie geplant beim Orthopäden war, vier Wochen nach der Cortisonspritze ins wehe Gelenk. Und neben dem Attentat mit elf Toten verblasste die Genervtheit, weil Dr. Orth2 meine Zustandsbeschreibung (Schlafen gut, Gehen sehr schlecht, Schmerzen an Bein-Vorderseite über Knie bis Knöchel) als Indiz dafür wertete, dass der Ischiasnerv involviert ist und mir weitere Rumpfkräftigungsübungen auftrug (die Dezember/Januar überhaupt nichts gebracht hatten) – auf Nachfrage: ja, auch wenn’s weh tut. Er möchte jetzt den Befund des Neurologen vergangenes Jahr sowie eine Röntgenaufnahme meiner Lendenwirbelsäule, und ich beruhigte mich erst ein wenig, als er erklärte, dass mir doch das ganze neue Hüftgelenk nicht nütze, wenn der Ischiasnerv danach weiter Schmerzen verursache. Er wolle gründlich abklären, welchen Anteil dieser an meinen Beschwerden habe. Dennoch brauchte ich gestern eine Runde Mutlosigkeit.

Ich rief gestern also die Praxis des Neurologen an und eine empfohlene Röntgenpraxis.

Mittags grüne Spitzpaprika und ein Stück Käse, nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Beim Heimkommen ausführliche Nagelpflege, ich hoffe, dass der neue Nagelhärter langsam mal seinen Job macht.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch aus Ernteanteil Gelbe Bete und Kresse sowie Orecchiette, Feta, Salzzitrone ein Gericht.

Es schmeckte sehr gut, ich hatte vergessen, wie köstlich Gelbe Bete sind (im Hintergrund Postelein ebenfalls aus Ernteanteil).

Meldung der Ausschüttungs-relevanten Blogposts an die VG Wort abgeschlossen, früh zum Lesen ins Bett.

§

Annette Ramelsberger, die den NSU-Prozess als Berichterstatterin verfolgt hat, kommentiert die Morde von Hanau:
„Bewaffneter Arm der völkischen Bewegung“.

Die Frage ist, warum sich diese Fälle nun so häufen. Die Antwort ist alles andere als beruhigend: Diese Leute schlagen zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. Jahrelang erlebten sie sich als einsame Wölfe, ihre abseitigen Ideen wurden von ihren Freunden nicht ernst genommen, ihre Familien versuchten, sie zu beruhigen. Nun aber erleben sie, wie das völkische Gedankengut immer mehr in die Gesellschaft eindringt, wie es gesellschaftsfähig wird. Und sie fühlen sich plötzlich nicht mehr als verrückt, verschroben oder allein, sondern als wichtig: quasi als militärischer Arm einer völkischen Bewegung.

Diese Leute spüren, wie die Stimmung umschlägt. Wie rechtsradikales Gedankengut plötzlich auch in den Parlamenten ertönt: Wenn die nationalsozialistische Schreckensherrschaft mit ihren Millionen Toten nur noch ein „Vogelschiss“ der erfolgreichen deutschen Geschichte gewesen sein soll. Wo vom „Denkmal der Schande“ die Rede ist, wenn es um das Mahnmal für die Toten des Holocaust geht. Wenn ständig dazu aufgerufen wird, das deutsche Volk müsse sich wehren gegen demokratische Politiker, die es, wahlweise, ausrotten oder verkaufen oder versklaven wollten, und gegen Ausländer, die angeblich die Vorherrschaft in Europa anstreben – dann fühlen sich rechtsradikale Gewalttäter dazu legitimiert, genau das zu tun: sich zu wehren, mit Waffengewalt.

§

Der gestrige Tag hatte eine kleine Erheiterung dringend nötig. Ich bekam sie mit diesem Bild auf Gofug, das mich sofort an meinen Bruder inmitten der spanischen Verwandtschaft denken ließ. (Es gibt allerdings einen ähnlich hoch gewachsenen spanischen Vetter – der in Deutschland geboren ist.)

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 20. Februar 2020 – Kleine Mutlosigkeit“

  1. lihabiboun meint:

    Verehrte Kaltmamsell,
    warum meinen manche Menschen, uns zu bewundern für unser Viertel? Und meine Stammkneipe ist überhaupt nur von nicht-Deutschen bevölkert, sowohl bei den Servicekräften wie bei den Besuchern. Alles strange.
    Darf ich Sie noch fragen, welchen Nagelhärter Sie benützen? Könnte ich brauchen …. Danke vorab und ein sonniges Wochenende (real und virtuell bitte).

  2. Milla meint:

    Guten Tage, liebe Frau Kaltmamsell,
    nach dem Nagelhärte wollte ich auch gerade fragen.
    Lieben Gruß

  3. die Kaltmamsell meint:

    Schnell von der vorherigen Nachfrage rüberkopiert, lihabiboun – hatte ich das alte Modell nicht sogar von Ihnen? -, Mila:
    An Nagelhärter hatte ich bis vor einem Jahr erfolgreich den Extrastarken von Herome – aber den gab es vergangene Woche nicht am gewohnten Ort und auch nicht beim Kaufhof. Ich ließ mir dann den von Alessandro empfehlen, der muss sich aber erst noch bewähren.

  4. Hasenkind meint:

    Als Nagelhärter kann ich wärmstens Mavala Scientifique Nagelhärter empfehlen, hat bei mir wahre Wunder bewirkt!


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