Journal Mittwoch, 4. März 2020 – Abend im Mariandl und Emma-Vorfreude

Donnerstag, 5. März 2020 um 11:54

Noch ein bisschen früher aufgestanden, weil die Yogarunde, die die 30 Tage Home abschließen würde, deutlich länger dauerte. Die Überraschung dabei: Adriene machte keine Ansagen, sondern forderte dazu auf, einfach selbst zu erfinden („Find What Feels Good“). Als totale Anfängerin brauchte ich natürlich dennoch eine führende Hand und machte nach, was sie vormachte – allerdings deutlich gelassener als beim Befolgen ihrer gesprochenen Anleitungen und auch mal mit Lücken, wenn mir eine Position gerade besonders gut tat und ich darin verharren wollte. Intensität und Dauer führten dazu, dass ich ordentlich ins Schwitzen kam.

Radeln zum Büro, in den nassen Straßen und Wegen spiegelten sich Flecken blauen Himmels.

Kleine Glücksmomente: Drei Geschoße Treppensteigen ohne Festhalten (und ohne Jaulen). War aber ein einmaliges Vergnügen, kurz drauf ging’s schon wieder nicht mehr.

Corona-Moment: Die Hannover Messe wird auf Juli verschoben.

Zum Mittagessen schnippelte ich mir Radicchiosalat, machte ihn mit daheim vorbereitetem Dressing an und aß ihn mit etwas Brot, danach eine Banane. Nachmittagssnack eine Grapefruit und eine Orange.

Auf dem Heimweg kurzer Drogerie-Abstecher zum Auffüllen meiner Magnesium-Zink-Vorräte, daheim wartete ich, bis Herr Kaltmamsell ein Ankunftssignal aus dem Zug sendete: Wir waren im Mariandl zum Abendessen verabredet.

Der Herr aß Lagagnette mit Tomaten und Frühlingszwiebeln, ich bekam Serviettenknödel mit Rahmschwammerl (neben Kässpatzen das zweite typisch bayerische vegetarische Wirtshausgericht), dazu dunkles Bier. Wieder angenehm auffallend: der herzliche Service im Lokal.

Neues vom Schuhversand: Nachdem GLS mir am Telefon nur bescheiden konnte, dass das Paket auf dem Weg zurück zum Absender sei, schrieb ich eine weitere „So sorry to be so much bother“-Mail an den Absender.

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Ein Angestellter der Müllabfuhr erklärt in einem Twitter-Thread, warum Müllfahrzeuge so scheinbar blöd in der Straße stehen – und plädiert für Kooperation.

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Ein Mensch aus Wuhan beschreibt, wie es sich dort derzeit lebt – und warum sich in diesem Fall die Vorstellung „Na ja, eine Diktatur kriegt wenigstens stramm was organisiert“ als Illusion erwies:
„Personal Essay: Coronavirus Lockdown Is A ‚Living Hell'“.

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Andrea Diener hat die aktuelle Neuverfilmung von Emma gesehen und bespricht sie in Video und Text für die FAZ:
„Sie hat es nicht nötig, uns zu gefallen“.

Jane Austen schrieb über ihren Roman: “I am going to take a heroine whom no one but myself will much like”. Der Film klingt, als habe er das berücksichtigt.

Ich kann mich noch gut an meine erste Lektüre von Emma erinnern; der Roman gehörte zu den ersten Büchern überhaupt, die ich in meinem Studium auf Englisch las, ich tat mich arg schwer – und dann war die Protagonistin auch noch eine blöde Ziege! Es spricht viel für den hinterfotzigen Humor von Jane Austen, dass ich den Roman dennoch zu lieben lernte und sehr bald großer Austen-Fan wurde.

Nun kann man Austen brav wegverfilmen, dann bekommt man eine nette romantische Komödie. Autumn de Wilde macht aber alles ganz anders. Und zwar so anders, dass man zunächst ins Zweifeln kommt, ob das gutgehen kann.

(…)

Und Emma? Die bisherigen Verfilmungen geben sich meist große Mühe, die Hauptfigur etwas zu entschärfen, weil man romantische Komödien ja ungern mit einer nur mittelsympathischen Protagonistin besetzt – die Zuschauerin soll sich ja bitte identifizieren. De Wildes Emma hingegen will ihrem Publikum nicht gefallen. Sie ist ein verzogenes Produkt ihrer sozialen Schicht, das Empathie erst mühsam lernen muss – ein Problem, das in eben jener sozialen Schicht in England bis heute anzudauern scheint.

Das klingt ganz, ganz großartig, ist fürs nächste Wochenende eingemerkt.

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https://youtu.be/qsOwj0PR5Sk

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 4. März 2020 – Abend im Mariandl und Emma-Vorfreude“

  1. Micha meint:

    *Stolz und Vorurteil* hat mich so hingerissen und *Emma* nervte mich tödlich mit ihren dümmlichen Plappereien. Der vermutlich gut dargestellte Dünkel rettete mir die Lektüre dieses Romans dennoch nicht – vorallem im Vergleich zu *Stolz und Vorurteil* (dessen Kitsch as Kitsch can -Verfilmung mit Keira Knightley ebenfalls eine Sensation war – fanden Sie auch?).

  2. obadoba meint:

    Ich bin sehr gespannt, wie Ihnen der Film gefallen wird. Ich sah ihn gestern und war erst etwas genervt von der arroganten Emma, mochte sie im Lauf des Films aber immer mehr. So wie das wohl sein sollte ;-)
    Und am Ende ist die Welt wieder in Ordnung und man kann zufrieden aus dem Kino gehen.
    An das Buch kann ich mich gerade nicht mehr so gut erinnern, das liegt nun wieder auf dem Stapel.

  3. Joël meint:

    Oh ja.
    Emma mit Joe Flynn, mit ich auch schon gearbeitet habe als er noch ein Teenager war.

  4. Sabine meint:

    Ich habe mal den Fehler gemacht, Emma nach lange Lesepause während einer üblen Angina zur anhand zu nehmen, um was Schönes zu lesen. Danach hatte ich mit der Menschheit ziemlich abgeschlossen; Sartre ist gegen die Darstellung, wie sich das Leben zur Hölle machen, ja ein Waisenknabe. Aber ein sehr gutes Buch ist es schon.

    Die Kostümexpert*innen sind übrigens sehr aufgeregt, weil diese Verfilmung wohl besonders glanzvoll in punkto Authentizität ist. Bei den Pflanzen wird sicher wieder keiner aufgepasst haben, da hat sogar das sonst besonders penible Wolf Hall versagt. Perfekte Ausstattung einer Hofgesellschaft von 1527 mit (fast) allen Details und im Hintergrund blüht eine Wisteria.

  5. Jongleurin meint:

    /o\ das ist ja ein Unding mit der Wisteria!!! (Ich bin gerade sehr amüsiert, danke für dieses herrliche Detail!)

  6. Sonni meint:

    Kommen Glycinien nicht urspünglich aus Asien? Dann wäre es kein Fehler.

  7. Sabine meint:

    Ja, und sie wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa gebracht. Emma kann sich bestenfalls eine Mini-Wisteria leisten, keinen knorrigen alten Stamm.

  8. Liv meint:

    Ich freu mich jeden Morgen auf den Besuch an Ihrem Buffet und bin gespannt, was Sie wieder alles auftischen. Danke fürs Teilen Ihrer Streifzüge durchs eigene Leben und Netz!
    Nun noch eine neugierige Frage zu Ihrer „Yoga-Karriere“ : wollen Sie nun nach Ende der 30-Tage-Aktion weitermachen? Und wenn ja, darf man eine Empfehlung abgeben für eine gute Online Plattform? Herzliche Grüsse von einer meist stillen, aber mitfühlenden Stammleserin

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