Journal Sonntag, 8. März 2020 – Sonnige Kälte, Schwimmen, Marieluise Fleißers Erzählungen

Montag, 9. März 2020 um 6:03

Herrlich lange und (bis auf Anfangsschmerzen) gut geschlafen. Dennoch war ich recht früh startklar für meine Schwimmrunde, die Sonne draußen versprache eine schöne Radlfahrt.

Ich hatte ja gehofft, dass die Menschen, die aus irrationalen Ängsten Wäschedesinfektion horten, auch Angst vor Schwimmbädern haben – aber es gibt wohl keine Schnittmenge zwischen Wäschevirenängstlichen und Sportschwimmerinnen: Das Becken war gut besucht. Ich konnte dennoch recht ungestört meine Bahnen ziehen, ließ es bei 2.500 Metern bewenden.

Im Anschluss fand ich live heraus, dass spanischsprachige Eltern auch 2019 ihre Töchter Maria de la soledad (Maria von der Einsamkeit) nennen, mit der Folge, dass gestern welche nach einer ganz kleinen Tochter mit einem übersetzt herzhaften „Einsamkeit! Komm endlich!“ riefen („¡Soldedad! ¡Ven!“). Tatsächlich tue ich nur so, also rollte ich darüber die Augen (wahrscheinlich gibt es also auch immer noch kleine „Lass das, Empfängnis!“ – Concepción/Conche/Conchita – und „Langsam, Unbefleckte!“ – Imaculada): Ich finde es immer herzerfrischend, in Europa hartnäckige regionale kulturelle Exzentrik zu erleben; in Spanien gehören für mich auch die unverändert meschuggenen Essenszeiten dazu. (Gleichzeitig bin ich sehr froh, dass meine Eltern mir einen anderen spanischen Namen gegeben haben, komplett ohne irgendeine Maria.)

Auf dem Heimweg Semmeln besorgt, daheim mit Waldorf Salad gefrühstückt.

Da andere Münchnerinnen ihre Briefwahlunterlagen schon haben, wurde ich misstrauisch: Als ich meine am Faschingswochenende beantragt hatte, bekam ich nämlich keine Bestätigung – weder auf dem Bildschirm noch als E-Mail. Da ich allerdings auch keine Fehlermeldung bekam, machte ich mir keine weiteren Gedanken. Bis in den vergangenen Tagen, jetzt hätte ich die Unterlagen nämlich erwartet. Ich startete also nochmal eine Online-Bestellung (die Wahlbenachrichtigung bietet dafür einen QR-Code) – und diesmal kam die Bestätigung.

Das Wetter blieb strahlend unter knallblauem Himmel – der allerdings eine Wärme versprach, die die Temperaturen keineswegs einhielten. Mehrfach trat ich hinaus auf den sonnigen Balkon – um wenige Augenblicke später ins warme Wohnzimmer zu fliehen und die Balkontür energisch zu schließen. Lügensonne!

Aber die Hasenglöcken wuchsen auch in der Kälte.

SZ-Magazin vom Freitag gelesen, Banane und Orange mit Joghurt zum Nachmittagssnack.

Marieluise Fleißer, Erzählungen ausgelesen. Sie haben mich mitgenommen, diese bitteren Geschichten, fast alle aus dem eigenen Leben. Die frühesten spielen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten in den 1950ern. Alle sind sie sehr ingolstädterisch, nicht nur durch die Ortsmarken: Ich kenne diese kleinen, erbärmlichen Leute, meine polnische Großmutter lebte in dieser Gesellschaft.

Es sind Wörter wie Knochen, die Fleißer für ihre Texte verwendet, in diesen Erzählungen wie in ihren Dramen. Ein verhochdeutschtes Oberbayerisch, mal aus der Perspektive des Mädels oder der jungen Frau, aber auch mal aus der Perspektive des Burschen. Starrsinnig und selbstsüchtig sind sie allesamt, jeder und jede ums eigene Überleben besorgt. Es gibt kein Erbarmen, keine Gemeinschaft, keine Wärme, keine Leichtigkeit. Was Wunder, dass Fleißer in Ingolstadt als Nestbeschmutzerin galt.

Aus „Ein Pfund Orangen“ – wie so viele von Fleißers Erzählungen eine unglückliche Liebesgeschichte:

Wenn sie ihm ins Gesicht sah, konnte sie es ihm schon nicht mehr verdenken, eine solche Gewalt hatte er über sie, und dann war es herrlich, daß es auf der Welt so viel Zeit gab. Doch wenn sie allein war, gab es wieder zu viel Zeit. Je länger sie ihn kannte, desto öfter war sie auf einmal wieder allein. Da sah man, daß ihr das gar nie hätte passieren dürfen, denn dann kam es in ihr herauf. Jeden Tag tat sie sich was anderes an, ganz was Schlechtes, und ihre Gedanken stießen sie nur so hinab, sie konnte kein gutes Haar an sich lassen. Mit versagendem Bick sah sie in die Jahre hinein, die vor ihr lagen, und wurde wirr und irr daran wie an einem vorwurfsvollen Schweigen.

Zwei lange Geschichten erzählen wichtige Phasen in Fleißers Leben: „Avantgarde“ die Zeit mit Bertold Brecht, „Der Rauch“ das Ende des Zweiten Weltkriegs, als sie versuchte, in Bombenhagel und Besatzung die Ware ihres Mannes zu retten, des Tabakhändlers, der noch an die Front geschafft worden war. Da kommen zur Bitternis noch das Elend und die Ausweglosigkeit.

Über allem liegt ein Bild, dass Marieluise Fleißer erst spät aufgeschrieben hat, erst in ihrem Theaterstück von 1950 Der starke Stamm, in einem Monolog der Balbina:

Und ist doch so, daß du die Tür aufreißen möchtst und so viel Verlangen hast in dir drin, daß dir Flügel herauswachsen müßten aus dem, was die anderen anschaun für deinen Buckel, wenn eins bloß Augen dafür hätt und hätt an dich noch einen Glauben. Aber das gibt’s ja net auf der beschissenen Welt. Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel.

Herr Kaltmamsell stand wieder stundenlang in der Küche fürs Nachtmahl: Sauerkraut und Kartoffelpü aus Ernteanteil, Bratwürst dazu, außerdem hatte er onion gravy als Soße ausprobiert. Alles ganz ausgezeichnet.

§

SZ-Magazin online: Zwei junge Filmemacherinnen verarbeiten in einem Projekt Vorurteile über Geflüchtete. Dazu legen sie den Betroffenen fremdenfeindliche Aussagen in den Mund, die sie zuvor auf der Straße gesammelt haben.
„Meinungsaustausch“.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Sonntag, 8. März 2020 – Sonnige Kälte, Schwimmen, Marieluise Fleißers Erzählungen

  1. Joël meint:

    Danke für die Maria Story.
    Ich kenne das hier in Luxemburg von den portugiesischen Einwohnern. in deren Namenskultur gibt es auch Marias ohne Ende. Eine Variation ist Maria di Jesus. Und so hörte ich vor langer Zeit eine Frau die nach Jesus rief und dann kam ein Mädchen angelaufen.

  2. Eva meint:

    Zur Namensdiskussion kann ich auch beitragen: Ich habe letztes Jahr sechsjährige Jungs (Zwillinge) aus mittelamerikanischem spanischsprachigem Elternhaus erlebt, die Angel und Jesus hieβen!

  3. Susanne meint:

    Mein persönlicher Lieblingsname…Immaculada Conceptión. Das war eine Philippinin im Studentenwohnheim seinerzeit, die den Namen aber weniger gut fand…. und lieber Puri genannt werden wollte.

  4. Die M. meint:

    Mariá del Pilar! Aber: Deutsche Vornamen sind doch vielleicht für Spanier/Muttersprachler romanischer Sprachen allgemein zuweilen sicher auch exotisch, vor allem solche, die schwierig auszusprechen sind?! Ich hätte da so ein paar Beispiele in petto…

  5. Margrit meint:

    Ich spende Beifall (unter Unterlassen jeglicher Gesundheitstipps)!
    Hi hi, der neue Header ist klasse.

  6. Mrs. Knallenfalls meint:

    Vielen Dank für den „Meinungs“-Link. Genialer Dreh.

  7. Gaga Nielsen meint:

    Lange hat mich hier nichts mehr zum Lachen gebracht, aber nun gerade eben.

    „Lügensonne!“

    (trifft haargenau auf den Punkt gebracht meine Empfindung: knallblauer Himmel, blendende Sonnenstrahlen und doch arschkalt!)

  8. Croco meint:

    Eine Freude ist das Mariasein. Bin ja schließlich auch eine. Also eine Zweitnamensmaria wegen der Oma.
    Und unter Marias fragt man sich, an welchem Tag man nun Namenstag feiere, an der Empfängnis oder an Himmelfahrt.
    Eine Frau namens Pfeiler: das fände ich so schön als Name einer Biographie.

    (Maria Pilar steht in Saragossa auf einem Pfeiler und lässt sogar Beine nachwachsen)

  9. Sabine meint:

    Die besten Marias find ich die, die davor einen Männernamen haben. Ich kenne einen Seraph Maria, das ist schon sehr himmlisch. Abgesehen davon finde ich Maria einen sehr schönen Namen, ein bisschen wie ein geschmackvolles Dirndl, das immer passt. Und bin vergnügt, dass ich nun weiß, woher Conchita kommt.

  10. Die M. meint:

    @Croco: „Eine Frau namens Pfeiler“ wäre doch auch ein guter Filmtitel!

  11. Ilse meint:

    Als ich in Sevilla lebte, gaben mir meine spanischen Freundinnen den Namen „Maria de las Ilses“. Damit ich dazugehörte, zu Lola, und Concha, und Rosario.

  12. Trolleira meint:

    Noch eine Maria: Aparecida – Erscheinung! Die gibts hier in Brasilien zuhauf! Die Brasilianer wundern sich immer wenn Deutsche Maria heißen, dabei sind die Bayern ja mindestens so katholisch wie die Brasilianer!


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