Journal Dienstag, 31. März 2020 – Aldous Huxley, Brave New World

Mittwoch, 1. April 2020 um 6:26

Diesmal wieder sehr guter Schlaf (in der Endphase sang mir Christopher Lee etwas auf Deutsch vor, die Melodie verfolgte mich als Ohrwurm bis zum Kaffeetrinken). Nachdem ich Montag ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer verbracht hatte, war gestern wieder Yoga dran – diesmal wundervollerweise eine Runde, die ich durchgehend und ohne Aufjaulen mitmachen konnte.

Frostiges Radeln in die Arbeit. Mittags Rote-Bete-Mus mit einer Scheibe Brot, nachmittags zwei Orangen. Viel zu recherchieren und Korrektur zu lesen.

Nach Feierabend direkt nach Hause geradelt, im Bavariapark Schlagenlinien um die vielen Spaziergängerinnen und -gänger.

Das Nachtmahl bestellten wir beim benachbarten indischen Restaurant, Herr Kaltmamsell holte es ab und wir aßen gut.

Im Bett Aldous Huxley, Brave New World von 1932 ausgelesen. Nachdem ich in den ersten beiden sehr plakativen Kapiteln noch gedacht hatte, dass das Buch möglicherweise nicht gut gealtert ist, gefiel es mir schließlich doch. Die Vision einer Welt, in der niemand leiden muss (Motto: „Community, Identity, Stability“), ist zwar dystopisch angelegt, doch ja grundsätzlich eine Überlegung wert – Huxley hat versucht, sie verhältnismäßig unpolemisch durchzuspielen. Als Gegensatz dazu zeigt er ein wildes Urvolk, als Bindeglied einen jungen Mann, „Savage“, dessen Mutter aus der Zivilisation durch ein Unglück zu den „Wilden“ verschlagen wurde, der bei ihnen aufwuchs – und dessen Versuch eines alternatives Lebens in der wundervollen schmerzfreien Zivilisation schmetternd scheitert.

Ich hatte Brave New World nicht so ausgewogen in Erinnerung. In einem Vorwort bedauert Huxley zwar 15 Jahre später, dass er Savage keinen dritten Weg hat gehen lassen, kommt aber zur Erkenntnis, dass das Gesamtkonstrukt des Romans dann nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre. (Dabei wird ja eine Alternative angedeutet: Die Inseln, auf die Dissidenten geschickt werden, klingen für mich wirklich verlockend – hat vielleicht jemand später einen Roman geschrieben, der dort spielt?) Besonders interessant fand ich, welche gesellschaftlichen Haltungen der Entstehungszeit durch die Betonung ihres Gegenteils sichtbar werden, zum Beispiel rigide Sexualmoral. Kompositorisch schön: Die vielen markierten Shakespeare-Zitate – das einzige Buch, das Savage im Dschungel zur Verfügung stand, war eine Gesamtausgabe, die er jetzt auswendig kann.

Aus heutiger Sicht auffallend: Der Rassismus, der selbstverständlich einen gebürtig weißen Menschen als Bindeglied braucht, um seine Überlegungen ernst nehmen zu können. Und wieder mal: Alles kann sich der Autor vorstellen, jeder hat einen Privathubschrauber, man reist mit Interkontinentalraketen, moderne Kleidung aus nicht schmutzendem Synthetikmaterial, die Hautfarbe bestimmt nicht die Position in der Gesellschaft, medizinischer Fortschritt verhindert physische Alterung, Menschen sind pränatal vorherbestimmbar und beliebig konditionierbar – aber seine Phantasie reicht nicht mal ansatzweise, sich eine Welt vorzustellen, in der nicht die Machtpositionen von Männern besetzt sind.

§

Viel Liebe für Peter Wittkamp (aka @diktator) und seinen Artikel:
„Kommt kein Mann in eine Bar: Scherze in der Corona-Krise“.

Man könnte Stadien füllen, wenn man nur dürfte.

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Randall Munroe hat sich einen xkcd zu Corona ausgedacht – in dem die Viren sich Gedanken machen.
„Pathogen Resistance“.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Dienstag, 31. März 2020 – Aldous Huxley, Brave New World

  1. Chris Kurbjuhn meint:

    Ich beneide Sie um die Prominenten, die in Ihren Träumen auftauchen. In meinen tauchen ausschließlich Langeweiler oder unangenehmen Typen aus Stephen-King-Romanen auf.

  2. arboretum meint:

    Brains are the worst.

    Haha, sehr schön. Vielen Dank für diesen Link.

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