Journal Mittwoch, 24. Juni 2020 – Ted Chiang, Stories of your life and others

Donnerstag, 25. Juni 2020 um 6:01

Aufgewacht kurz vor Weckerklingeln in einen traumhaften Sommermorgen. Gymnastik und Yoga (Rücken) vor offener Balkontür.

Auf der Theresienwiese radelte ich an einer vierköpfigen Graugans-Herde beim Grasen vorbei – mal sehen, was sich DIE NATUR in diesem Oktoberfest-freien Jahr noch so zurückholt.

Mittags Laugenzöpferl und ein Stückchen Käse, nachmittags Flachpfirsiche mit Hüttenkäse.

Auf dem Heimweg radelte ich beim Vollcorner vorbei für Obst, Milchprodukte und mein Abendessen Rahmspinat mit Ei – Herr Kaltmamsell war aushäusig. Kleines Unglück beim Auspacken daheim: Der Eierkarton öffnete sich, als ich ihn aus meinem Rucksack zog. Ein paar Eier, die ich einzeln aus dem Rucksack angelte, waren beschädigt, es gab also deutlich mehr zum Nachtmahl als geplant.

Abendprogramm: Lesen auf dem Balkon in herrlichen Sommerdüften, ich begann Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol.

Am Vorabend hatte ich Ted Chiang, Stories of your life and others ausgelesen.

Eine Empfehlung von Herrn Kaltmamsell, da der Geschichtenband auch die Vorlage für den Film Arrival enthält, der mir überaus gefallen hatte. Veröffentlicht wurden die Geschichten erstmals alle Anfang der 1990er.

Allen Erzählungen ist der nicht-realistische Duktus gemeinsam, das gefiel mir sehr gut. Es wird immer ein „What if“ durchgespielt, das mehr oder weniger weit hergeholt ist, speculative fiction. Eine Mathematikerin, die in tiefe Depression fällt, nachdem sie den Beweis erarbeitet, dass 1=2 („Division by Zero“). Der Trupp Bergleute, der für den Turmbau zu Babel engagiert wird, als dieser so hoch ist, dass er an den Himmel stößt: Die Bergleute sollen nach oben durchgraben („Tower of Babylon“).

Und dann eben die Lingustin, die von Militär enagiert wird, nachdem Außerirdische landen, damit sie Kommunikation mit den Besuchern ermöglicht („Story of your life“). Mir gefiel die filmische Umsetzung der grundsätzlich anderen Wirklichkeitswahrnehmung der Aliens im Film besser als in der Erzählung, in der sie zwar explizit erklärt wird, sogar mit Grafiken, aber nur in der Vermischung von Verbformen auch umgesetzt, z.B. „I remember when you’re fourteen. You’ll come out of your bedroom…“ (Interessanterweise beschäftigt sich eine aktuelle Videounterhaltung des Online-Magazins Beziehungsweise weiterdenken mit genau diesem Vergleich: „Aus der Zeit gefallen (1): Über den Film ‚Arrival‘ und die Kurzgeschichte ‚The Story of Your Life'“ – leider ist das keine Darreichungsform für mich, auch nicht in anderthalbfacher Geschwindigkeit – mir fehlt die Geduld, ich möchte sowas lieber lesen. Hier also lediglich der ungeprüfte Hinweis.)1

In „Seventy-two letters“ werden falsche naturwissenschaftliche Annahmen Ende des 19. Jahrhunderts als richtig angenommen und als Basis für eine Geschichte verwendet – auch das eine brillante Idee. Eine andere Erzählung spielt in einer heutigen Welt, zu deren Alltag das regelmäßige Erscheinen von Erzengeln gehört – die zum einen Wunder vollbringen, aber auch ziemlich viel kaputt machen; was davon der oder die einzelne abkriegt, ist recht erratisch („Hell is the absence of God“).

Geschrieben sind die Texte alle sachlich und geradeaus, handwerklich sehr sauber, die Sprache tritt hinter die Ideen zurück. Lesenwert ist auch der Anhang mit seinen „Story Notes“. Ich kann mir vorstellen, dass diese Unauffälligkeit der Sprache sehr arbeitsintenisiv ist: Viel mehr als diese Erzählungen hat Chiang nicht veröffentlicht.

§

Unser Kartoffelkombinat liefert ein Trostpflaster für das ausgefallene Mitgärtnern: Blogposts mit Rundgängen durch die Gärtnerei und Beschreibungen der Abläufe.
„Ein Tag in Spielberg: 03.06.2020“.

So kann Gemüseanbau funktionieren, bei dem nicht nur keine Lebensmittel durch halb Europa gekarrt werden müssen, sondern auch keine Arbeitskräfte.

§

Beim Anblick dieser Aufräumaktion im Lake District leiste ich ein stilles Gelübde: Sollte ich je wieder richtig wandern können, werde ich immer, immer, immer eine Mülltüte dabei haben und unterwegs Müll einsammeln. (Hatte ich in Irland bereits an Wanderern gesehen.)

§

Welcher Kultur-Clash es im Zweiten Weltkrieg gewesen sein muss, als schwarze US-amerikanische Soldaten in Großbritannien in eine Welt ohne Segregation nach Hautfarben kamen, wurde mir erst durch Andrea Levys Roman Small Island klar.

Gestern las ich dann über die Battle of Bamber Bridge: In der Nacht von 24. auf 25. Juni 1943 widersetzten sich in Lancashire schwarze GIs der weißen US-Militärpolizei.
„Black troops were welcome in Britain, but Jim Crow wasn’t: the race riot of one night in June 1943“.

§

„Noch einmal Nussschnecken.“

  1. Schrieb sie direkt bevor sie in einem Wurmloch mit YouTube-Schnippseln von Hannah Gadsby und der Ellen-Show verschwand, glauben Sie mir einfach kein Wort. []
die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 24. Juni 2020 – Ted Chiang, Stories of your life and others

  1. Alexandra meint:

    Nussschneckenstory made me cry. Loudly.

  2. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Oh bitte, bitte berichten Sie wie Ihnen Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol gefallen hat. Ist ein Buch auf meiner `Lese-ich-wenn-Zeit-ist` Liste. Ich bin gespannt.

  3. Joe meint:

    Ohen Segregation, hatte sich dann auch bald in UK erledigt.
    https://www.blackpast.org/global-african-history/nottingham-riots-1958/

  4. lihabiboun meint:

    @Frau Irgendwas ist immer: Lesen!! Unbedingt. Sehr berührend.

  5. Hauptschulblues meint:

    H. hat Natascha Wodin vor zwei Jahren gelesen, auch den Nachfolgeband über den Vater. Beide Bücher sind sehr zu empfehlen, das erste über die Mutter mehr. (Hat auch in seinem Blog darauf hingewiesen.)
    In London gibt es zum Ende des Monats August seit 1959 den Notting Hill Carnival, der nach den Notting Hill Riots im Jahr 1958 ins Leben gerufen wurde, von der bewundernswerten Dame Claudia Jones.
    Bei den Carnivals kommt es immer wieder zu Riots von karibisch- und afrikanischstämmigen Bewohnern/Jugendlichen, die sich gegen staatliche Übergriffe zur Wehr setzen.

  6. Hasenkind meint:

    Hm, Rahmspinat mit Spiegelei, gerne ergänzt mit Kartoffelpüree, ist auch mein Lieblingsgericht, wenn mein Mitbewohner aushäusig ist.

  7. Frau Brüllen meint:

    Danke für die Buchhinweise!

  8. Claudia meint:

    Müllsammeln beim wandern macht Spass – und meistens findet man doch auch schon die Tüte

  9. Elisabeth meint:

    Toller Buchtipp, der Film Arrival hat mir auch sehr gefallen. Dankeschön!
    Und jetzt denke ich den Abend über Nussschnecken nach.

  10. Croco meint:

    Nussschnecken. Muss ein bißchen weinen.
    Es erinnert mich an eine Zeit, in der das Essen sehr schwer war.


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