Journal Freitag, 3. Juli 2020 – Hüftgeröngt

Samstag, 4. Juli 2020 um 9:26

Aufgewacht kurz vor Weckerklingeln mit üblen Kopfschmerzen, gegen die aber eine Ibu half.

Während der Gymnastik ließ ich im Fernsehen Morgenmagazin laufen und freute mich an der Pathos-Feindlichkeit unserer Bundeskanzlerin, die zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft sprach, staatstragend ansetzte, dass „nicht nur die EU auf uns blickt, sondern auch die Welt“, typischerweise relativiert mit „ein bisschen“.

Im Büro als Erstes nach langem mal wieder eine Kanne Grüntee gemacht – was ist nur da drinnen, dass ich den immer derart schnell wegtrinke?

Leicht wechselhaftes Wetter, immer wieder türmten sich dunkelgraue Wolkenberge auf, dann schien wieder die Sonne. Viel manuelle Arbeit, nichts Belastendes. Mittags gab es ein Butterbrot aus Selbstgebackenem und große dunkle Pflaumen.

Als Anreiz zu pünktlichem Feierabend nahm ich eine Radlfahrt an den Rotkreuzplatz: Ich löste gleich mal die Röntgenüberweisung ein. Jetzt schien die Sonne, doch die Luft war überraschend frisch.

Der Weg zur Radiologie war an einen Seiteneingang verlegt, von dem aus ich provisorischen Schildern über viele Ecken und Gänge folgte. Raus durfte ich aber über den Haupteingang, ich nehme also Pandemie-Hygienekonzept als Grundlage an. Selbstverständlich herrschte Maskenpflicht, die Angestellten an der Anmeldung saßen hinter mobilem Plexiglas.

Ich musste keine Minute warten, dann wurde ich schon in den Röntgenraum gebeten. Während ich für die Aufnahme der Lendenwirbelsäule im Februar gestanden hatte, legte ich mich jetzt auf den Rücken – und entschuldigte mich, weil das nicht schnell ging. Als mich die Angestellte für die zweite Aufnahme bat, das wehe Bein anzuwinkeln und nach außen fallen zu lassen, sah ich sie sehr gedehnt an: Genau das geht ja nicht. „So weit wie möglich“, half sie mir.

Schnell stand ich wieder draußen auf dem Verkehrs-chaotischen Rotkreuzplatz und sah mich nach einer Einkaufsmöglichkeit um. Ich landete in einem Edeka, der erschreckend voll war: Niemand hielt sich an die Regel, dass man einen Einkaufswagen nehmen muss, niemand hielt Abstand – zumindest trugen fast alle Atemmasken (Ausnahmen: Personal). Mich durchblitzte der Gedanke, dass in diesem Szenario ein Prepper-Einkauf näher lag als im März, denn es sah schon sehr nach zweiter Welle aus (in München sind wir seit einigen Tagen wieder bei zweistelligen Neuinfektionszahlen).

Angenehmes Radeln heim. Dort war es erst sechs, und ich fühlte mich unruhig. Zwar hatte ich schon seit Stunden Hunger, aber keinen Appetit. Deswegen zog ich kurzerhand das samstägliche Kuchenbacken vor, Käsekuchen muss eh ganz abkühlen. Ich hatte seit Tagen Lust auf die Fluffigkeit des Buddenbohm’schen Käsekuchens (wenn an einem Ende der Fluffigkeitsskala die Kompaktheit von American Cheesecake steht, befindet sich dieses Rezept am anderen Ende). Diesmal explodierte er im Ofen geradezu – und die Mandarinen wollten nicht versinken.

Nach dem üblichen Zusammenfallen wirkte er wie ein riesiger Yorkshire Pudding. Angeschnitten wird am Samstag.

Aperitif war Highball aus Ginger Ale und Canadian Whisky. Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die ersten neuen Kartoffeln aus Ernteanteil zu Kräuterkartoffeln, dazu gab’s restlichen Ernteanteilsalat und eine panierte, gebratene Scheibe gepressten Kalbskopf vom Viktualienmarkt.

Im Bett las ich Zoë Becks Paradise City aus: Viele schöne Ideen, sehr gut zu lesen, für eine konsequentere Ausarbeitung hätte der Roman ruhig länger werden dürfen. (Eine der Ideen der Handlung im Deutschland der näheren Zukunft war zum Beispiel eine Gesundheitssoftware, die per implantiertem Chip Lebensbedrohungen verhindert – und eigentlich fast durchgehend positiv geschildert wird: Das Kippen in das Risiko, dass diese Software mit ihrem Auftrag zur Lebensrettung andere Interessen des Menschen überstimmen könnte, hätte ich mir erzähltechnisch besser gewünscht.)

§

Eine Firma für Menstruationsprodukte macht Werbung mit „womb stories“:

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https://youtu.be/JZoFqIxlbk0

via @HilliKnixibix

Weil:

We tell girls a simple story:

Get your period around twelve. Deal with some pain. Have some babies. Then more periods. And then around fifty your body is meant to politely retire.

But it’s never that simple. The unseen, unspoken, unknown stories of our periods, vulvas and wombs – our wombstories – are so much more complex and profound.

(Von Bodyform war ja auch 2012 der Spot „The Truth“.)

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Freitag, 3. Juli 2020 – Hüftgeröngt“

  1. Margarete meint:

    Da wird sich Herr Röngen sicher freuen.

  2. Hauptschulblues meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, H. entschuldigt sich wegen des verloren gegangenen? Kommentars, hat er auch schon im Blog. Er war in der Tat für ihn nicht mehr sichtbar.
    PS. Edeka am Rotkreuzplatz bitte meiden.
    Dafür herrliches Einkaufen beim Kaufhof.

  3. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Gebärmuttergeschichten – ehrlich? Bei Frauen die nie, nie, nie Kinder wollten? *hier hysterisches lachen einfügen* Überflüüssig!
    Nichts was mich je interessiert hat, nichts was ich je durchkauen wollte mit wem auch immer – meine Entscheidung. (Und ein Mann mit drei Kindern ist sicherlich hilfreich!)

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