Journal Samstag, 4. Juli 2020 – Neue Entdeckungen auf dem Alten Südfriedhof

Sonntag, 5. Juli 2020 um 8:34

Ausgeschlafen, trotz drei Unterbrechungen fühlte es sich nach gutem Schlaf an.

Die Luft roch wundervoll und rief zum Wandern (…), doch für Morgenkaffee auf dem Balkon war es zu frisch.

Gymnastik, eine gute Stunde Crosstrainer vor offenem Fenster mit Filmmusik auf den Ohren.

Zum wiederholten Mal musste ich Leute vertreiben. Den benachbarten Nußbaumpark habe ich ja aufgegeben, der gehört halt dem saufenden, dealenden Multitoxler-G’schwerl (ich wiederhole: nein, das sind keine Obdachlosen) – zum Glück werden der große Kinderspielplatz und die Tischtennisplatten noch von Familien und anderen Nachbarn genutzt. Doch in letzter Zeit schwappt dieses G’schwerl immer öfter in unseren Hauseingang und in den Hinterhof – das möchte ich wirklich nicht. Gestern unterbrach ich meine Crosstrainerrunde, als ich sah, wie zwei übern Hof im Müllkammerl verschwanden. Ich bat sie sachlich zu gehen, was sie zum Glück ohne Widerstand taten.

Bislang ist das Gegenmittel der Stadt, Polizeikontrollen zu schicken und eine eigene Überwachungstruppe einzurichten, die hin und wieder den Park patrouilliert. Das resultierende Spiel: Beim Kreuzen des Parks zum Einkaufen beobachte ich regelmäßig, wie Polizeibeamte kontrollieren, Teile der Dutzende verlagern sich auf den Sendlinger Torplatz. Doch wenn ich eine Stunde später vom Einkaufen zurückkomme, belegen sie bereits wieder Bänke und Plätze des Parks. Nein, ich weiß keine Ursachenlösung, aber das ist auch weder mein Fachgebiet noch meine Aufgabe.

Frühstück noch vor zwei: Kräuterkartoffeln vom Vorabend und Käsekuchen.

Gemütlicher Nachmittag auf dem Balkon mit Internetlesen und Zeitunglesen – sehr müde, ich war immer wieder kurz vor Siesta, dann aber doch nicht bettschwer genug. Viel Freude an Vogelbeobachtung an Meisenknödel und Wasserschale: Die Meisen drehten oft ab, wenn sie mich bemerkten (manchmal mit einem beleidigend lauten Schreckensquäken), der Jungkleiber konnte jetzt auch am Knödel fressen (und wartete nicht mehr drunter, bis etwas herumliegt), der Herr Buchfink war zum Sterben elegant und schön.

Richtig raus wollte ich aber auch noch, einen Spaziergang über den Alten Südfriedhof traute ich meiner kaputten Hüfte zu.

Wieder fielen mir Gräber auf, die ich noch nie bemerkte hatte – und die ich fotografierte, um daheim nachzuschlagen (beide Grabmäler Ersatz für die Originale, die in der Bombennacht Oktober 1943 zerstört wurden).

Das von Franz von Kobell.

Das Nachschlagen von Eduard Schleich brachte mich zu einigen seiner Gemälde.

Gezielt wiederum ging ich zum Grab Ellen Ammanns. Die Süddeutsche hatte sie anlässlich ihres 150. Geburtstages portraitiert, ich erfuhr einige neue Details über diese unglaublich umtriebige Politikerin („Frauenführerin und Hitler-Gegnerin“).

Überrascht und gerührt entdeckte ich, dass Ammanns Grab feierlich geschmückt war, dass ihr Werk heute gewürdigt wird.

Ich setzte mich auf ein Bankerl, genoss das Spiel der langsam schrägeren Sonne in den hohen Gräsern.

Abends gab es tinto de verano, Herr Kaltmamsell servierte ein Garnelen-Curry (butter chicken, aber halt mit Garnelen) mit Reis, danach Erdbeeren und Pralinen.

Ewig hin und her überlegt, ob ich am Sonntag ins Schyrenbad zum Schwimmen gehen sollte. Als ich abends das Reservierungs-Prozedere recherchierte, stellte ich fest: Eh ausgebucht.

§

Morgens hatte ich weiter Filmchen von und Interviews mit Hannah Gadsby geguckt. Sehr interessant fand ich dieses Interview von Leigh Sales von September 2017.

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https://youtu.be/tbjbTb3s6Xo

Gadsby formuliert präzise und klug, unter anderem erklärt sie, warum sie es für falsch hält, über die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehe per Plebiszit bestimmen zu lassen (das stand zum Interview-Zeitpunkt in Australien gerade an):

This shouldn’t be happening. What we’re doing is we’re asking a minority to basically prove ourselves worthy of the majority. And that’s not fundamentally what democracy is about.

Sie kann auch sehr genau schildern, was eigentlich in Comedy passiert, im Zuschauerraum, zwischen Künstlerin und Zuschauerraum – und wie sie persönlich das für ihre Shows nutzt.

Zum Schluss lässt sich Leigh Sales noch erklären, warum der Diskurs über Kunst heute so abgehoben und volksfern ist – auch darüber hat sich Kunsthistorikerin Hannah Gadsby nachvollziehbare Gedanken gemacht.

§

Warum eine Drag Queen die ideale Kandidatin für eine kurze Einführung in Quantenphysik ist. (via @vonhorst)

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Samstag, 4. Juli 2020 – Neue Entdeckungen auf dem Alten Südfriedhof“

  1. Frauke meint:

    Zu Ellen Ammann gab’s diese Woche eine Dokumentation im BR. Hat mir gut gefallen.

    https://www.br.de/mediathek/video/pionierin-der-frauenbewegung-doku-ellen-ammann-und-ihr-wirken-bis-heute-av:5ec7d0503934af0014c3cc0f

  2. die Kaltmamsell meint:

    Herzlichen Dank für den Hinweis, Frauke, die Doku ist wirklich sehenswert.

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