Journal Mittwoch, 8. Juli 2020 – Yoga bei der Selbstwertkalibrierung

Donnerstag, 9. Juli 2020 um 6:09

Extra den Wecker auf Keinsport gestellt – um dann zu üblicher Zeit von RUMPELGETÖSEGEPOLTER aus dem Müllkammerl unter meinem Schlafzimmerfenster geweckt zu werden. Noch ein bisschen gedöst, dann zeitig genug für eine Runde Kräftigung aufgestanden.

Jetzt versuche ich doch, aus Yoga etwas fürs sonstige Leben mitzunehmen: Das Annehmen von Seiten an mir, die ich bislang bekämpft habe. Zum Beispiel dass jedes Ankleiden bei mir eine Kalibrierung des Selbstwertgefühls ist. Die Skala reicht von:
– Rockbund bequem, gar mit Luft = ich bin lebenswert, darf mich freuen, mein Herz darf leicht sein
bis
– Hose schließt nur mit Baucheinziehen, alles zwickt = ich bin Abschaum, den Raum nicht wert, den ich in der Welt einnehme, nur schlechte Gefühle sind angemessen, jeder Freu-Impuls wird niedergedrückt
Dazwischen entsprechende Abstufungen, inklusive paradoxer Mischungen, mit denen ich mir bei dunkelgrauer Grundstimmung einrede, der Rockbund säße nur deshalb bequem, weil sich ein Knopf gelockert hat oder die mich bei bequemem Kleidungssitz wehmütig werden lassen, weil ich an den Selbsthass beim Verschwinden der Bequemlichkeit denke.

Seit vielen Jahren versuche ich diesen Mechanismus niederzukämpfen, weil er beschämend idiotisch ist (und damit auch noch auf den Selbsthass einzahlt), ab jetzt teste ich Wahrnehmen, Annehmen, Durchwinken, Weitermachen. Das gehört halt zu mir.

Sehr viel hochkonzentrierte Arbeit in der Arbeit. Mittags ein Laugenzöpferl und Hüttenkäse mit Joghurt, nachmittags Nüsse und ein Stück Schokolade. Es wurde spät, dennoch hätte ich eigentlich gerne noch weitergearbeitet, aber ich konnte nicht mehr. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, dass erst Mittwoch ist.

Auf dem Heimweg Einkäufe im Drogeriemarkt und im Vollcorner, schönes Heimradeln in Sonne und milder Luft.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell gefüllte und mit Käse überbackene Enchiladas (Aubergine und chinesische Keule aus Ernteanteil), dazu gab es ein kleines Glas entspannenden Rosé. Zum Nachtisch Schokolade.

Abendunterhaltung war der erste Teil der arte-Doku „Menschenhandel – Eine kurze Geschichte der Sklaverei“, die gestern quer durch mein Internet empfohlen worden war. Ich gebe die Empfehlung weiter, bereits in diesem Teil lerne ich eine Menge, unter anderem wie stark die Gesellschaftshierarchie einiger afrikanischer Länder bis heute durch den Sklavenhandel im späten Mittelalter geprägt ist – und dass er bis heute existiert.

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„On Hilary Mantel’s birthday, please enjoy her 1988 review of RoboCop.“

1987 bis 1991 war die heute gefeierte Romanautorin Hilary Mantel Filmkritikerin beim Spectator, und ihre Rezensionen waren offensichtlich hinreißend. Zum Beispiel eben die über RoboCop.

„All in all, it provides a stimulating evening for those who can jettison the ‚cultural baggage‘; and a pure delight for those of us who have never had any culture at all.“

via @HelenJMacdonald

Bis zu dieser Besprechung hatte mich Robocop kein bisschen interessiert; jetzt schon.

§

Noch was Schönes: Auf Twitter hat @GrantTucker eine Werbekampagne ausgegraben, in der Filmgrößen der englischsprachigen Welt mit Fischen posierten, um auf die Gefahren der Überfischung aufmerksam zu machen. Nackt.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 8. Juli 2020 – Yoga bei der Selbstwertkalibrierung“

  1. Mareike meint:

    Nein, das gehört nicht zu Ihnen. An solchen Denkweisen kann man arbeiten, wenn man nur weiß wie. Ein Profi kennt die entsprechenden Techniken.

    Und ich hoffe, die Armada der Kaltmamsell-Verteidigerinnen, die gleich aus ihren Hinterhalten hüpfen und rufen „Dann lesen sie doch woanders!!!!“ verschonen mich. Ich will wirklich ungern ungebetene Ratschläge geben. Aber es ist doch ein Abwägen. Wenn man jahre(jahrzehnte?)lang Tag für Tag aus jemandes Leben liest, dann stellt sich eine gewisse (einseitige) Nähe ein und es ist schwer, dann zu lesen, wie diese Person sich quält. Zumal, wenn das vielleicht nicht unbedingt sein müsste. Und ich hoffe, das darf man dann auch zum Ausdruck bringen.

  2. Wiesel meint:

    Ich bin eher Team „Gehört zu mir“ und hoffe sehr darauf, dass Frau Kaltmamsell mit ihrem Test a) Erfolg hat und b) den Weg zum Erfolg (Yoga!?) mit uns teilt. Während bei mir ein zu enger Hosenbund nur zu einem emotionslosen Neukauf einer Hose führt, würde ich den RUMPELGETÖSEGEPOLTER-Nachbarn, der mir den Schlaf raubt, umbringen wollen. Ich beneide Frau Kaltmasell ohne Ende darum, wie gelassen und nachsichtig sie Ohrstöpsel benutzt, wenn ihre Nachbarn nachts auf dem Balkon feiern (meine Lernziele sind also noch umfangreicher, ich muss auch „Gehört zu den anderen“ lernen).

  3. Nina meint:

    Ich halte mich durchaus für gemüsebewandert, aber Chinesische Keule musste ich jetzt fei schon googeln. Die muss ich mal ausprobieren!

  4. Joël meint:

    Ich bin überzeugt, dass wenn sie diese leidige Hüft OP hinter sich haben, und wieder ihrem Bewegungsdrang nachgehen können, der Kalorienverbrauch so hoch ist, dass ihnen der Rock beim Gehen auf die Knie rutscht.
    (Und davon bitte ein Foto im Blog ;-)

  5. die Kaltmamsell meint:

    Seit Jahren heiß diskutiert im Kartoffelkombinat, Nina, es gibt leidenschaftliche Ablehnung, doch ich mochte sie gleich (aber ich mag halt auch bitter).

  6. Sigourney meint:

    Ich bin da ganz bei Wiesel und würde auch gerne lernen, emotionslos(er) Lärm von Nachbarn und Sportvereinsfeiern etc. hinzunehmen. Daher auch hier das Hoffen auf Teilen des Wegs zum Erfolg.

  7. Croco meint:

    Die Fischfotos sind allerliebst. Dabei sehen die Fische schon sehr gebraucht aus. Was darauf hindeutet, dass sie sicher etwas streng rochen. Und dass das alles hoch qualifzierte Schauspieler sind, weil sie es schaffen trotz Gestank noch so hinreißend zu gucken.
    Wenn ich jetzt hier im Bad rumhüpfe und daran denke, wie ich genau an diesem Ort vor vielen Jahren so unglücklich war, weil mein Körper im Spiegel für mich nicht schön war. Jetzt, wo er dellt und narbt, liebe ich ihn.

  8. Fujolan meint:

    Danke für die eleganteste Zusammenfassung „ Wahrnehmen, Annehmen, Durchwinken, Weitermachen“

  9. Ruth meint:

    Ich bin so ein „Profi“. Und kann klar sagen: Man kann solche Gedanken nicht „wegmachen“. Man kann ihnen eine andere Bedeutung geben, so dass sie nicht mehr (so sehr) belasten. Eben genau das „wahrnehmen, annehmen, durchwinken, weitermachen“. Im besten Fall schließt man Freundschaft mit ihnen. Aber sie gehen nicht weg und gehören deshalb dazu.

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