Journal Sonntag, 12. Juli 2020 – #12von12

Montag, 13. Juli 2020 um 5:54

Ausgeschlafen, gemütlicher Morgenkaffee.

Alle paar Minuten stand ich auf und ging zu Herrn Kaltmamsell hinüber, um ihm eine weitere Sache zu erzählen, die ich am Vorabend aus dem Gespräch mit der Freundin gelernt hatte. Unter anderem, wie man ausgemusterte oder sogar kaputte Dinge bei ebay Kleinanzeigen verschenkt. (Die Details über die Nacht vor dem MAN-Übernahmeversuch von Scania behalte ich aber für mich. Nur so viel: Die Corporate-Welt ist wirklich nicht auf Frauen eingestellt.)

Ich dachte rechtzeitig daran, dass ich an diesem freien Sonntag ja an #12von12 teilnehmen konnte und begann zu fotografieren. (Hier alle Teilnehmende dieses Monats.)

1 – Für einen Balkonkaffee war es trotz sonnigem Wetter zu kühl.

2 – Fertig fürs Radeln zum Olympiabad.

3 – Schwimmen: vorher und nachher. Schwimmen lief gut, ich wurde immer wieder bahnenweise mit Selbstvergessenheit beschenkt und gönnte mir 2700 Meter. Gerne hätte ich die Duschen in Pandemiezeiten fotografiert, mit dem Absperrband über jeder zweiten Dusche – aber es war immer jemand da.

4 – Der Olympiapark war gut besucht, auch von grasenden Gänsen. Fürs Heimradeln brauchte ich keine Jacke mehr.

5 – Zum Frühstück gab’s ein Schälchen Okroschka, Aprikosen und Pfirsiche, Zimtschnecken, Tee mit Milch. Das war zu viel, nach sehr Langem überfraß ich mich mal wieder.

6 – Maniküre. Ich habe festgestellt, dass ich bei geschminkten Fingernägeln vorerst weniger an meinen Nagelhäuten fiesle. Und zu ihrer Information: In Wirklichkeit hat der Nagellack „get a mauve on“ natürlich die Farbe Rotweincreme, aber die kennt Essie wahrscheinlich einfach nicht.

7 – Nachmittag auf dem Balkon, mittlerweile war es warm genug zum Draußensitzen.

8 – Am späteren Nachmittag spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zur nächstgelegenen Eisdiele in der Landwehrstraße und holte einen Malagabecher.

9 – Wunderschönes abendliches Hochsommerlicht.

10/11 – Zum Nachtmahl gab es Spaghetti mit Agretti und Gurkensalat mit Frühlingszwiebel, beides aus Ernteanteil.

12 – Nancy Mitford, The Blessing ausgelesen. Der dritte Roman des Sammelbands Nancy Mitford in unserem Haus (hier habe ich unten über The Pursuit of Love geschrieben), 1951 veröffentlicht.

Wieder spielt die Handlung in der frivolen Atmosphäre der reichen, alteingesessenen Elite Englands und Frankreichs. Im Mittelpunkt diesmal die (auch hier) hübsche, gutherzige aber ungebildete und hohlköpfige Grace aus reichem Hause, die im zweiten Weltkriegs den hochadligen Franzosen Charles-Edouard heiratet, weil er sie amüsiert. Mit dem bald geborenen Sohn ziehen sie nach Paris, wir lesen vom reichen, geselligen Leben dort. Unkonventionell und witzig ist die Titelfigur: Als „the Blessing“ bezeichnet seine Mutter nämlich den Sohn Sigismond. Und den baut Mitford zum herrlichen Gegenstück des Little Lord Fauntleroy aus (das Stück wird explizit erwähnt): Als nämlich seine Eltern sich trennen (Grace hat ihren Mann im Bett mit einer anderen gesehen) und seine Mutter nach England zurückgeht, erkennt der dann siebenjährige Sigismond, der durchaus nicht unsympatischer geschildert wird als die anderen Figuren, dass er in dieser Konstellation das beste Leben hat. Seine beiden Eltern setzen alles daran ihn zu verwöhnen, er bekommt jeden noch so absurden Wunsch erfüllt – während die beiden zu guten Zeiten hauptsächlich miteinander beschäftigt waren und wenig Aufmerksamkeit für ihn übrig blieb. Also versucht er durch Lügen und Intrigen sicherzustellen, dass die beiden nicht wieder zueinander finden. Dass ist wunderbar wider die Konventionen solch leichter Romane gemacht und passt zum hintergründig bissigen Tonfall der detaillreichen Schilderungen. Vergnügliche Lektüre.

§

Ganz speziell für meine Samstagabendverabredung:
„Conspiracy theorist died of coronavirus after trying to catch it at Covid party to prove it was a hoax“.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Sonntag, 12. Juli 2020 – #12von12“

  1. Daniela meint:

    Werte Kaltmamsell, könnten Sie die Kleinanzeigen-Tipps teilen? Mich erwartet hier eine größere Ausmistung, vieles davon ist noch gut und eigentlich zu schade zum Entsorgen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden.
    Herzlichst,
    Daniela

  2. die Kaltmamsell meint:

    Der Tipp, Daniela, lautete, dass es sich lohnt, selbst nicht mehr funktionierende Haushaltsgeräte über ebay Kleinanzeigen zu verschenken: Die Freundin berichtete über Abnehmer für eine Nähmaschine mit nicht mehr funktionierendem Unterfaden, eine kaputte Geschirrspülmaschine, einen abgerockten Balkontisch. Novemberregen (https://novemberregen.blogger.de/) blogt zwar auch regelmäßig über solche Verschenkaktionen, doch erst der persönliche Bericht brachte mir die Methode nahe.

  3. Christine meint:

    Malaga-Eis forever!

  4. Corsa meint:

    @Daniela: Dem kann ich nur zustimmen. Bei uns funktionieren die meisten nicht mehr benutzten Dinge zwar noch, blockieren aber Platz (Wäschekorb, Dreirad). Die zweiminütige Anzeigenerstellung ist schnell gemacht. Und: Wenn man die Dinge verschenkt spart man sich die z. T. lästigen Fragen nach Versand und Preisverhandlung.

    Liebe @Kaltmamsell: darf ich eine kurze Sprach-Verständnisfrage zu dem Artikel stellen? Wieso wird darin their/they benutzt, wenn es sich doch nur um eine Person handelt? Darüber bin ich förmlich gestolpert. Wissen Sie das zufällig?

  5. fxf meint:

    @Corsa: das ist ein Singular-„they“, für den Fall, dass das grammatikalische Geschlecht nicht bekannt ist und/oder keine Rolle für den Kontext spielt.

  6. Dorothee meint:

    Zur Pronomenfrage kann ich einen sehr spannenden Artikel aus dem London Review of Books beisteuern, der die Lage ausgiebig beleuchtet:
    https://www.lrb.co.uk/the-paper/v42/n13/amia-srinivasan/he-she-one-they-ho-hus-hum-ita

  7. die Kaltmamsell meint:

    Danke an fxf und Dorothee fürs Einspringen mit der Antwort an Corsa. (Und das Judith-Butler-Zitat ist zum Einrahmen schön.).
    Ich kenne „they“ als geschlechtsneutrales Pronomen im Singluar seit einigen Jahren und finde es so praktisch, dass ich bereits anfange, es als „sie“ ins Deutsche zu schmuggeln.

  8. Corsa meint:

    @fxf @Dorothee @Kaltmamsell: Danke!

  9. lihabiboun meint:

    … danke, schließe mich Corsa an, bin auch gestolpert und jetzt klüger.

  10. FrauC meint:

    Interessante Idee! Wie machen Sie das, ohne dass es komisch klingt? Im Deutschen sind doch viele Wörter eindeutig männlich, sagen Sie dann „sie starb an Corona“, wenn vorher „der Patient“ erwähnt wurde?
    Mir fallen dazu nur Verschwörungstheoretiker ein: „Die sehen alles!“

  11. Berit meint:

    Wenn ich auch einspringen darf, kann ich dazu 2 hilfreiche Links teilen

    Grammatikalische Umsetzung
    https://www.chancenvielfalt.uni-hannover.de/de/chancengleichheit/geschlechtergerecht-formulieren/

    Alternative Wörter
    https://geschicktgendern.de/

  12. Daniela meint:

    Danke für die ganzen Tipps zum Verschenken der Platzräuber!

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