Journal Dienstag, 18. August 2020 – Arztpraxisvormittag, Spaziergang und Cocktails

Mittwoch, 19. August 2020 um 9:06

Wieder Wecker auf sieben, diesmal für einen eigenen Arzttermin am mittleren Morgen. Der sich dann wegen des einen oder anderen Befunds hinzog und mit Überweisungen, zwei Folgeterminen und einem Langzeit-Blutdruckmessen endete (aus Kassenpatientinnen holen die halt alles… Moment). Das Blutdruckmessgerät bestand aus der vertrauten Manschette mit Schlauch in ein keines Kästchen, dieses Kästchen war an einem Gurt um meine Taille befestigt. Beim anschließenden Einkaufen erschrak ich immer fürchterlich, wenn das Gerät alle 15 Minuten ansprang und die Manschette aufpumpte. Vorbereitung auf einen der Folgetermine ist, dass ich drei Tage lang bestimmte Lebensmittel meiden soll, darunter Kaffee und Schokolade – ich möchte das bitte auf eine eventuelle Fastenzeit gutgeschrieben haben.

Arrangement an der Lederwerkstatt Antonetty.

Vom regenbetröpfelten Einkaufen kam ich mit Frühstück zurück: Ich hatte beim Bäcker Schmidt Walnusslaiberl mitgenommen – und dabei gleich mal vergessen, dass auch Nüsse zu den drei Tage lang zu meidenden Lebensmitteln gehörten. Frühstückte ich halt statt dessen vom ebenfalls besorgten Weißbrot, außerdem Gemüsereste vom Vorabend und Nektarinen mit Joghurt.

Nach einer Weile Lesen wurde ich sehr müde: Wie schön, dass ich Urlaub hatte und mich zu einer Stunde Siesta hinlegen konnte (die Nacht war ziemlich schlaflöchrig gewesen). Das Wetter war gestern sehr gemischt und wechselte zwischen knallblauem Himmel mit Sonnenschein, Regentröpfeln und heftigem Regen – englisch halt. In einer Sonnenphase machte mich zu einem Spaziergang auf, nahm aber einen Taschenregenschirm mit, und sei es als Talisman.

Alter Südfriedhof. Aus anderen Gegenden Deutschland lese ich bereits Meldungen von Herbstanzeichen – es mag der bayerische Rhythmus mit den späten Sommerferien sein, der mir das für Mitte August undenkbar macht. Ich sehe sattesten Sommer, in dem Kornelkirschen, Äpfel und Birnen reifen, die Hollerbeeren erst vereinzelt Farbe bekommen, das Laub der Bäume sein intensivstes Dunkelgrün.

Isar mit überraschend niedrigem Wasserstand – war sie nicht erst vor zwei Wochen überschwemmt?

Fast zwei Stunden war ich unterwegs. Als ich heim kam, war fast schon Zeit für meine Verabredung mit Herrn Kaltmamsell: Wir wollten endlich mal wieder Cocktails im Auroom trinken.

Auch vorm Auroom sind die Parkplätze zum Gastgarten geworden, wir saßen zum ersten Mal draußen. Die Cocktails waren gewohnt köstlich.

Zurück zuhause servierte Herr Kaltmamsell ein Fischcurry nach Goa-Art, das er schon lange auf seiner Liste gehabt hatte. Es war sehr scharf (nur ein klein wenig zu scharf) und sehr aromatisch.

§

Ausgelesen: James Baldwin, Axel Kaun, Hans-Heinrich Wellmann (Übers.), Giovannis Zimmer. Sprache und Duktus des schmalen Romans um einen jungen Amerikaner im Paris der 1950er unterschieden sich so grundlegend von denen in If Beale Street Could Talk, dass ich der Übersetzung durchgehend misstraute – aber das Buch stand im Regal (keine Erinnerung an Erwerb), also las ich halt die Übersetzung. Mich erinnerte das Setting an die vielen US-amerikanischen Romane, die unter ziellosen Amerikanern aus mittelguten bis besseren Kreisen in Frankreich spielen (F. Scott Fitzgerald, Hemingway) – und die mag ich sehr. Besonders ist der Handlungshintergrund Schwulenmilieu, in vielen Details gezeichnet. Die ständigen melodramatischen Gefühlsausbrüche des Protagonisten, aus dessen Sicht personal erzählt wird, waren allerdings schon anstrengend.
Aus heutiger gesellschaftlicher Sicht wurde mir klar, mit wie viel Selbsthass das verfemte Schwulsein bis vor wirklich Kurzem fast immer verbunden war – und oft immer noch ist. Und ich kann mir jetzt das Klischee erklären, nach der die Schwulen ja eh nur immer kurze und rein auf Körperliches ausgerichtete Affären hätten: Wenn eine offizielle Partnerschaft gesellschaftliche unmöglich ist (wenn nicht sogar illegal), gehört schon viel dazu, sich auf mehr einzulassen.

Aus einem Artikel im New Yorker:

Baldwin (…) stated that his book was „not so much about homosexuality, it is what happens if you are so afraid that you finally cannot love anybody.“

Und Garth Greenwell in seiner sehr erhellenden und empfehlenswerten Besprechung im Guardian:

The whole novel is a kind of anatomy of shame, of its roots and the myths that perpetuate it, of the damage it can do.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Dienstag, 18. August 2020 – Arztpraxisvormittag, Spaziergang und Cocktails“

  1. Christine meint:

    Erstaunlich. Hier ist der Holunder schon fast überreif. Ich sehe keine einzige grüne Beere mehr. Und wir sind mitten in der Brombeerzeit, was meine Laufrunde extrem verlängert: Ich muss natürlich an jedem Strauch stehenbleiben und naschen.

  2. Nina meint:

    In Berlin verlieren die Bäume bereits teilweise ihre gelb verfärbten Blätter und es riecht in den Parks deutlich nach Herbst. Sehr bizarr bei 35 Grad Hochsommertemperaturen. Mir ist dieses frühe Laubabwerfen letzten Sommer zum
    ersten Mal bewusst aufgefallen. Ich nehme an, es ist der unfassbaren Trockenheit hier geschuldet.
    Mein vollstes Mitfühlen mit dem Blutdruckgedöhns. Damit schlage ich mich leider auch rum.

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