Journal Samstag, 1. August 2020 – Runterkommen

Sonntag, 2. August 2020 um 8:11

Richtig, da fehlte ja noch was: Einmal nächtliche Migräne mit allem, das Triptan brauchte quälend lange für das Einsetzen der Wirkung, bis dahin schwitzendes, frierendes Wimmern und Schaukeln im Stehen, Sitzen, Hocken. Ja, Körper, ich würde dich ja gerne gewinnen lassen, wenn du den Kollegen Bewusstsein dafür ausschaltest.

Schlaf bis acht. Noch ein Glück (…) hatte ich keine Reservierung fürs Schyrenbad bekommen und konnte ganz langsam machen. Was in der steigenden Hitze auch ratsam war.

ABER! Balkonkaffee auf neuen Möbeln mit ausgiebiger Eichhörnchen-Show in den Kastanien davor: Ein hellrotes und ein dunkelbraunes Eichkatzerl turnten, jagten einander, glucksten, keckerten, warfen mit Kastanien.

Nach dem Bloggen wurde es mir draußen zu warm, ich zog mich ins Wohnzimmer zurück und schloss alle Außenfenster. Beim Internetlesen wartete ich darauf, dass es mir gut genug für ein bisschen Sport gehen würde. Herr Kaltmamsell hatte für mich einen Cold-brew-Tee in den Kühlschrank gestellt, aus koffeinfreiem Earl Grey.

Vorsichtig eine Runde Gymnastik und eine Runde Crosstrainer mit gemischter Filmmusik – vor allem Letzteres tat gut und entspannte, und immer wenn’s mir schwummrig wurde, machte ich ein bisschen langsamer. Danach war es draußen so heiß geworden, dass ich rundum die Rollläden abließ.

Herr Kaltmamsell war Arbeiten. In meinem post-migränalen Tran hatte ich es so verstanden, dass er kurz nach Mittag daheim sein würde – ich bat ihn also per Twitter-DM um Semmelmitbringung. Tatsächlich würde er aber deutlich später kommen, zu spät für meinen nun doch deutlichen Frühstückshunger. Ich ging also raus in die Hitze, die eher prügelte als brüllte, und holte selbst Semmeln.

Wohnungräumen für Mutterbesuch während unseres Urlaubs; ich freute mich daran mir vorzustellen, wie sie die Räume für eine Woche zu ihren machen würde und wie ich ihr den Aufenthalt verschönern könnte (na ja, mir fallen ja doch nur immer Speisen und Getränke ein).

Beim Suchen nach etwas ganz anderem fand ich eine CD, die ich mir aus einem Brighton-Urlaub mitgebracht hatte: Eine Playlist (das Wort hatte damals noch nicht die Bedeutung von heute) meines Lieblingshotels Pelirocco.

Ich bat den inzwischen heimgekehrten Herrn Kaltmamsell, die Musik auf USB-Stick zu holen – ich verfüge schon seit vielen Jahren nicht mehr über ein CD-Laufwerk – und hörte sie gleich an. Sehr schöne Zusammenstellung, ich habe keinerlei Erinnerung daran. (Nicht nur schreibe ich praktisch nie über Musik, ich höre sie tatsächlich so selten, wie ich das vermerke.)

Zeitunglesen, bis Herr Kaltmamsell zum Abendessen rief: Der Ernteanteil hatte Chinakohl gebracht, unser Lieblingsgericht daraus sind immer noch die Chinakohl-Lachs-Nudeln.

Als Abendunterhaltung nutzten wir das Angebot der ARD-Mediathek: Der Sender hat anlässlich des 75. Geburtstags von Wim Wenders alle seine Filme bereitgestellt, noch bis 14. September. Ich freute mich, Pina nochmal sehen zu können – der Film, der meiner Meinung nach am meisten von 3D-Technik profitiert hat und mich seinerzeit sehr beeindruckte.

Wieder bewegte er mich, brachte mich zum Lachen und zum Weinen. Kann es sein, dass viele zeitgenössische Theaterinszenierungen im Grunde das erreichen wollen, was Pina Bausch mit ihrem Tanztheater schafft, nur dass ihnen sowas Blödes wie Text im Weg steht? Ob ein Tanztheater Wuppertal auch ohne die Singularität einer Pina Bausch möglich ist, bleibt ungewiss.

Noch eine Weile auf dem Balkon gestanden und mich von Wetterumschwung-gekühltem Sommerwind umwehen lassen.

§

Zwei Lesetipps aus der Wochenend-Süddeutschen – allerdings beide kostenpflichtig.

1. Der Weiße Friedemann Karig macht sich ein Buch zwei lang Gedanken über sein Weißsein – und was es bedeutet, dass wir Weißen uns diese Gedanken norm(!)alerweise nie machen müssen:
„Der Rassist in mir“.

2. Caspar Busse, Thomas Fromm und Meike Schreiber nehmen sich das Versagen von Aufsichträten deutscher DAX-Konzerne vor, aufgehängt am Wirecard-Desaster.
„Kontrollverlust in deutschen Unternehmen“.

Eine Protagonistin des Artikels ist Daniela Bergdolt, Aktionärsvertreterin und schon zu meiner Zeit in einem DAX-Unternehmen legendär und gefürchtet auf Hauptversammlungen: Wenn ihr Redebeitrag anstand, herrschte im Recherche- und Fachbüro hinter der Bühne Hochkonzentration; Bergdolt bohrte oft zu ungenehmen Themen nach, die niemand auf dem Schirm hatte. Manche versuchten, aus der Farbe ihrer uniformen Blusenschluppe abzulesen, wie sie an diesem Tag gestimmt war. Über sie läse ich gerne mal ein ausführliches Portät.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Samstag, 1. August 2020 – Runterkommen“

  1. Arnulf Helmut Sinz meint:

    Ich durfte sie mal kennenlernen, eine tolle Frau, gscheid und attraktiv.

    Quasi Nachbarin

  2. Simone meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,
    als fast immer stille Leserin möchte ich mich für Ihr Tagebuchbloggen bedanken! Ihre Sichtweise der Welt und der Dinge bereichert meine Tage ganz ungemein. Für den Urlaub in meiner Nähe wünsche ich aus Mittelhessen alles Gute!
    Herzlichst
    Simone

  3. PaulineM meint:

    Vielen Dank für den Hinweis auf die Wim Wenders Filme in der ARD Mediathek. Ich glaube, ich werde mir ein privates Filmfestival leisten. Außerdem gute Besserung für all Ihre Schmerzen, die sich mehr und mehr breit machen. Alles Gute für den Urlaub und die baldige OP.

  4. Herr Kaltmamsell meint:

    Wim-Wenders-Werkschau: Schade, dass „Hammett“ nicht dabei ist, den hätte ich gerne mal wieder gesehen!

  5. Wolfgang meint:

    Sie haben es damals sicher schon gehört, aber weil’s dazupasst – Daniela Bergdolt war im Juli im „Woman of the week“-Podcast beim BR

  6. Daniela meint:

    Aus einem Interview mit Daniela Bergdolt:

    „ Spielt Ihre Schleife auch eine Rolle?
    Wenn ich nicht gut gelaunt bin mit einem Unternehmen, wenn Mist gebaut wurde oder etwas schiefgelaufen ist, dann trage ich eine rote Schleife, um zu signalisieren, dass ich das nicht gutheiße. Wenn es gut läuft, dann ist die Schleife Ton in Ton mit meinem Anzug. Wenn es nur halbwegs läuft, dann nehme ich gelb und rot. Aber es gibt auch noch weitere Abstufungen …“
    (https://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/aktionaersschuetzerin-daniela-bergdolt-wirecard-hat-im-dax-nichts-verloren-1028189366)

    Die Interpretation der Schluppenfarbe als Meinungsampel hat sie wohl selbst verursacht :)

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