Journal Donnerstag, 15. Oktober 2020 – Narbenschau und Ausflug vor die Kliniktore

Freitag, 16. Oktober 2020 um 7:32

Die Nacht endete um vier, bis zum Weckerklingeln war nur noch Dösen drin.

Beim Frühstück saß ich einer neuen Tischgenossin gegenüber (schräg, mit Plexiglasscheibe dazwischen), möglicherweise etwas redseliger als ihre Vorgängerin.

Morgenspaziergang bei feuchter Kälte unter grauem Himmel, die frische Luft tat trotzdem gut.

Ausführliche Sporteinheit an Geräten und auf dem Boden, ich kam sogar ins Schwitzen.

Mei, wenn „Bewegungsschiene“ im Plan steht, dann mache ich die halt auch, sonst gibt’s Punkteabzug bei der Deutschen Rentenversicherung. (Spaß.) (Oder?)

Visite auf meinem Zimmer. Ein weiterer Arzt guckte auf meine Narbe: „Ah, ein Garmischer Schnitt.“
Das erzählte ich natürlich sofort auf Twitter – stellt sich heraus, dass es auch Krankenschwestern gibt, die Kaiserschnittnarben einem Operateur zuordnen können, Urologen, die sogar den Verursacher von 40 Jahre alte Narben identifizieren. Merken fürs nächste Ärzteserien-Drehbuch (oder als Indiz in einem Krimi: „Das Opfer stammt angeblich aus Tschechien – wie kommt es dann zu einer eindeutig niedersächsische OP-Narbe?“).

Auch dieser Arzt freute sich über meine Fortschritte, mahnte aber, dass das Implantat so oder so drei! Monate! zum Einwachsen brauche.

Der Terminplan erlaubte einen Cappuccino in der Cafeteria, den ich sehr genoss. Ich lasse ja immer aufs Zimmer buchen, um gesammelt bargeldlos bei Abreise zahlen zu können. Doch weil ich dadurch kein Trinkgeld gebe, hatte ich am Mittwoch der freundlichen Bedienung zwei Euro gesammeltes Trinkgeld hinterlassen. Ich glaube, das hat sie gefreut. Gestern saß ich gerade mal, als sie schon rief „Ein Cappuccino?“ und beim Servieren die Rechnung aufs Zimmer gleich mitbrachte.

Mittagessen: Wok-Gemüse mit Sprossen, Tomaten, Chinanudeln war angekündigt, das Verhältnis allerdings andersrum Chinanudeln mit. Schmeckte aber gut. Vorher Champignoncremesuppe, als Nachtisch besonders guter Zwetschgenröster mit Zimtschmand.

Nach einer weitere pneumatischen Einheit „Lymphamat“ machte ich mich fertig für ein erstes Verlassen des Klinikgeländes: Ich wollte ein bisschen in der Umgebung spazieren. Das Wetter weiterhin trüb und kühl, doch es war herrlich, ein bisschen echtes Draußen zu genießen.

Nach 45 Minuten gemütlichem Krückeln war ich allerdings erstaunlich erledigt und legte mich zurück im Zimmer erst mal flach.

Neue Lektüre: Mary Wesley, The Camomile Lawn, die Geschichte einer Gruppe Kusins und Kusinen in England, vom Start des Zweiten Weltkriegs bis 40 Jahre danach. Ging schon mal einladend los, ist gut erzählt.

Abendbrot war eine ordentliche Portion Obatzda, davor Tomatensuppe mit viel Einlage, dazu Brot.

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Wortschnittchen lebt in Chile, genauer: in Santiago de Chile. Und ihr platzt gerade der Kragen wegen des Genöles in Deutschlland über Corona-Regeln. Sie erzählt, wie sich fünf Monate echte Quarantäne anfühlen.
„Quarantäne, Lockdown & Co.“

§

Kleidungshistorikerin Bernadette Banner (die mir bereits die weit verbreiteten Fehlannahmen über Korsetts im Lauf der Geschichte ausgetrieben hat) will sich nicht immer nur über Ungenauigkeiten in Historienfilmen ärgern. Diesmal schwärmt sie über „5 Historical Films That Got the Costumes RIGHT.“

https://youtu.be/uPUCXnjtIlE

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 15. Oktober 2020 – Narbenschau und Ausflug vor die Kliniktore“

  1. skh meint:

    Es sind ja schon nur noch zweieinhalb Monate, oder meinte er ab jetzt?

  2. Norman meint:

    Wir sind so privilegiert, wir brauchen eine Anleitung dazu, dass wir privilegiert sind.

  3. poupou meint:

    danke für die großartigen videolinks und weiter alles gute für die hüfte!

  4. Ella meint:

    Schwitzen, spazieren gehen! Das freut mich für Sie. Die drei Monate werden ruckzuck vergehen und 2021 werden Sie frohen Mutes voranschreiten.

    Was für ein wunderbarer Text von Wortschnittchen, finde mich in so vielem wieder.

    Bernadette Banner ist entzückend und die Filme interessant, aber mir schwirrt der Kopf. Zu viel und zu schnell. Vielleicht auch die Auswirkungen des vielen Alleinseins.

  5. Eva meint:

    So isses. Ich lebe im Mittleren Westen der USA, meine Kinder haben seit 7 Monaten keine Schule von innen gesehen und ob das vor Ende des Schuljahres noch passiert, ist im Moment eher fraglich. Nur eine Folge dessen, dass sich so viele wegen einer Maske ihrer Freiheit beraubt fühlen. Unsere Einschränkungen sind seit März fast unverändert.

  6. Simone meint:

    Mir geht die Jammerei über die coronabedingten Einschränkungen auch gewaltig auf den Nerv. Statt froh zu sein, dass Deutschland bisher so glimpflich davongekommen ist, gibt es Demos gegen die Maßnahmen. Was ist bloß los mit den Leuten? Keiner hat sich das ausgesucht, aber durch müssen wir irgendwie und zwar alle zusammen. Mit Vernunft und Rücksichtnahme, aber genau daran hapert es.

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