Journal Freitag, 9. Oktober 2020 – Gelassenheit und Rebecca Makkai, The Great Believers

Samstag, 10. Oktober 2020 um 9:28

Anstrengende Nacht mit zweistündiger Schlafpause, die ich irgendwann halt lesend verbrachte. Ich stand früh auf und nutzte die ruhige Zeit der Stationspflegerinnen, sie um Hilfe beim Anziehen des Kompressionsstrumpfs zu bitten (den DARF ich nicht allein anziehen). Die Helferin versicherte mir, dass das Tragen bald sehr viel besser werde, vor allem wenn es bereits morgens mit noch nicht geschwollenen Beinen beginne. Sie hatte recht.

Nach dem Frühstück erster Spaziergang – Anschlussversuche durch herzliche Einsilbigkeit abgewehrt. Vögel im noch ausgeschalteten Springbrunnen beobachtet, zum Teil beim Waschen: Amseln, Kleiber, Rotschwanz, und überm See Möwen.

Keine Möwe.

Lesen auf dem Zimmer bis zum einzigen Vormittagstermin, ein paar getrocknete Aprikosen gefrühstückt. Der Termin umfasste weitere Einweisung in Sportgeräte. Unter anderem wurde eine Reihe Oberkörper-Maschinen für mich eingestellt, die darf ich sogar täglich. Als Frau Physio vom Vortag mich ohne Krücken zwischen den Geräten gehen sah, war sie begeistert: „Nach sieben Tagen!“ Plauderei mit dem Trainer unter anderem über die mangelnde Datenbasis vieler Sportgesundheits- und Trainingstipps. Die Einrichtung wird offensichtlich auch von Berufssportlerinnen und -sportlern genutzt: An der Wand bei der Anmeldung Fotos mit handgeschriebenen Danksagungen von prominenten Menschen, deren Namen sogar mir vertraut waren (und meine Zuguck-Sportkenntnis endet ungefähr bei Martina Navratilova und Klaus Allofs).

Charmantes Detail: Gesund für mein Hüftgelenk ist eine Sitzhaltung, bei der die Füße relativ eng stehen, die Knie aber auseinander fallen – fast genau die Sitzhaltung, die ich als Kind hatte, bevor man sie mir als ungehörig (ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut) aberzog. Die Beine übereinander zu schlagen ist mir noch länger untersagt als das Abknicken der Hüfte über 90 Grad – was mir auch gestern nochmal erklärt wurde. Diesmal mit der Gelenkkapsel, die bei der OP stark verletzt wurde und jetzt erst wieder zusammenwachsen muss – idealerweise eng und dicht, um auch langfristig eine Luxation zu verhindern.

Mittagessen: Senfeier mit Spinat und Kartoffeln (vorher Salätchen, nachher Blaubeerquark). Ich war etwas verdutzt, dass die Senfsoße mit Rotisseursenf aromatisiert war und deshalb nicht wirklich nach Senf schmeckte, aber besser als gar kein Senf.

Eine Pflegerin brachte mir den nächsten Therapieplan aufs Zimmer, die nächste Woche sieht schon interessanter aus.

Über einem Cappuccino las ich in der Cafeteria Rebecca Makkai, The Great Believers aus – bis zuletzt gefiel es mir sehr gut. Mehr unten.

Erneuter Spaziergang. Dabei kam endlich das Gefühl an, dass ich erst mal nichts muss. Selige Gelassenheit.

Der eben verstorbene Herbert Feuerstein hat seinen Nachruf selbst hinterlassen. Ich sah ihn über die ARD-Mediathek an.

Vor dem Abendessen bat ich im Schwesternzimmer um eine Schlaftablette – und schämte mich eigenartigerweise dafür. DAs MüsSeN wIr uNS mAl GeNaUEr AnSehEN. (Psychoanalyse hat meine Reflexionsfähigkeit beschädigt.)

Nachtmahl war Matjes Hausfrauen Art, allerdings mit gekochten statt Bratkartoffeln – schmeckte gut!

§

Wie kann man die verheerendsten Jahre der AIDS-Epidemie in den USA literarisch verarbeiten? Es gibt wohl nicht viele, die das bislang versucht haben. Rebecca Makkai hat sich für ihren Roman The Great Believers klugerweise dafür entschieden, sie zum sehr dominanten, aber technisch doch Hintergrund für zwei Geschichten mit eigenem Spannungsbogen zu machen.

Der eine spielt in Chicago 1983-1991. Im Zentrum steht der junge schwule Yale Tishman, der mit dem Voranbringen einer Kunstgalerie beauftragt ist. Um ihn die gay community Chicagos, sein Partner Charlie gibt das größte Schwulenmagazin heraus. Während Yales Alltag durch das Thema AIDS bestimmt wird (wer wurde wie getestet, soll man überhaupt, wer ist wie krank, Entwicklung von Medikamenten, wer bezahlt), steht er vor einem sensationellen beruflichen Durchbruch: Die greise Verwandte seiner Freundin Fiona bietet der Gallerie eine Reihe von Zeichnungen weltberühmter Maler an, die sie aus ihrer eigenen Künstlerzeit im Paris der 1910er und 20er besitzt. Daraus entwicklet sich eine explizite Parallele zum Ersten Weltkrieg, der eine ganze Generation junger Talente auslöschte – so wie AIDS es jetzt tut.

Die Protagonistin des zweites Spannungsbogens im Jahr 2015 ist diese Freundin Fiona: Sie fliegt von den USA nach Paris, um ihre erwachsene Tochter zu suchen – diese hatte vor einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Wieder lesen wir über eine Künstlerszene, erleben Schwulsein 30 Jahre später.

Makkai ist deutlich zu jung (*1978), um eigene Erinnerung an das Grauen der Todesschneise zu haben, die AIDS schlug (kurze Erinnerung daran, dass es immer noch keinen Impfstoff gibt, diese Pandemie ist noch nicht vorbei). Selbst habe ich mich seinerzeit zwar mit der politischen Seite befasst (Stichworte Gauweiler vs. Süssmuth), auch mit der medizinischen, doch zum Glück musste ich keine Freunde wegsterben sehen. Doch Makkai schafft einen intensive Eindruck von Zeit und Thema, mit vielschichtigen Charakteren und Zwischentönen, mit Zeitkolorit ohne Stereotypen (dass es in den 80ern Zauberwürfel und Walkmen gab, ist deutlich weniger wichtig als die Abwesenheit von Mobiltelefonen: ständig muss jemand nach einer Telefoniergelegenheit suchen). Die zweite Geschichte 2015 wirft die bedrückende Frage auf: Wie schlägt das Trauma der Überlebenden auf die nächste Generation durch?

Gutes Buch.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Freitag, 9. Oktober 2020 – Gelassenheit und Rebecca Makkai, The Great Believers

  1. Gaga Nielsen meint:

    Die zauberhafte Barbie Breakout (Timo Pfaff, Berliner Hair Stylist u. Make up Artist) hat mit Candy Crash ein schönes Tutorial, „HIV für Dummies“ gemacht. Barbie/Timo ist selbst seit vielen Jahren positiv und erzählt, wie man in unserer Zeit, dank neuer Medikamente sehr gut und auch lang damit leben kann:

    https://www.youtube.com/watch?v=PmjFDGXKfXo

    Bevor ich dieses Video sah, hatte ich einen veralteten Kenntnisstand, auch was die Ansteckungsgefahr angeht. Ich wusste nicht, dass die bei entsprechender Medikation ausgeschaltet ist.

  2. Ilka meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  3. Croco meint:

    Es gibt sogar die Bayrische Raute als Ballon, na sowas.
    Es freut mich sehr, dass Du rasch Fortschritte machst. Hier gab es gestern übrigens auch Hering, allerdings mit Bratkartoffeln.

    An die AIDS-Anfänge erinnere ich mich gut, vor allem an die allgemeine Hysterie. Und die Brandmarkung aller schwulen Menschen als potentielle Übertäger. Herr Gauweiler sprach sich damals sehr für Lager aus.
    Vergessen hat man, dass damals auch Menschen starben, die über Blutkonserven infiziert wurden. So starb die Hälfte der Bluterkranken Deutschland, 3000 von 6000. Hier in der Gegend betraf es eine ganze Familie, bei der das Merkmal erblich war. Und die sich Gerinnungsstoffe spritzen mussten, die aus Blutkonserven gewonnen wurden.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe auch nochmal nachgedacht, Croco, und festgestellt, dass die Rolle des Themas in meinem Leben größer war. Unter anderem wie lange es normaler Anstand war, vor einer festen Partnerschaft mit ungeschütztem Sex einen Test zu machen. An die Gauweiler’sche Idee von Lagern denke ich bis heute, wenn er auftaucht. Nicht auszudenken, wenn wir damals Rita Süssmuth nicht gehabt hätten.

  5. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Das habe ich heute, zusammen mit dem `Stallhasen`, der in Weißwein und Senf 1h schwimmen musste, zum Thema AIDS und den Anfängen gehört …
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/dokumentarhoerspiel-ueber-aids-von-rosa-von-praunheim.3682.de.html?dram:article_id=482060
    … wow, was waren wir hysterisch, unwissend, überfordert …
    Halten Sie durch, Frau Kaltmamsell, Sie packen das!!!

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