Journal Sonntag, 11. April 2021 – Ein bisschen Frühling im Südfriedhof

Montag, 12. April 2021 um 6:35

Lang geschlafen, bis sieben, das machte die nächtlichen Unterbrechungen wett. Nach dem Aufwachen erst mal Rollläden hochgezogen, mit Brille und mehr Kopfkissen zurück ins Bett und auf Park und Himmel geschaut. Das Wetter wechselte gestern zwischen Wolken und Sonne mit überwiegend Sonne.

Vormittags meine wöchentliche Runde Quietschknarzklack auf dem Crosstrainer. Vor dem Fenster Natur inklusive Tauben, die ich bereits vom Balkon kannte und inzwischen unterscheiden kann: Weißbäckchen, Lochschwanz, Shabby.

Ein bisschen ins Draußen zum Semmelholen, in der Sonne war es T-Shirt-warm. Ich machte einen kleinen Umweg, um nach dem Alten Südfriedhof zu schauen.

Einige Bärlauchsammleri*nnen, zum Teil mit großen Plastikkörben; ich roch den Bärlauch, obwohl er noch nicht blühte.

Zum Frühstück zwei Semmeln und ein Stückchen Cheese-and-Onion-Pie. Der Pie war ja als besonders Picknick-geeignet deklariert – kalt ist er allerdings deutlich wuchtiger als warm.

Internetlesen, im besonnten Sessel las ich die Wochenend-Süddeutsche, außerdem holte ich die vom Freitag nach.

Eine Runde Yoga in der Sonne (ab Montag zeigt die Wetter-App wieder Schneesymbole).

Herr Kaltmamsell sorgte fürs Nachtmahl, ich bereitete Bulgur-Salat für uns beide als Montags-Brotzeit zu, mit viel Petersilie und einer Karotte aus Ernteanteil, außerdem roter Paprika und Datteltomaten.

Das Nachtmahl dann:

Tellerfleisch aus Bürgermeisterstück (göttlich) mit Meerrettichsauce und Salzkartoffeln. Ich hatte Lust auf ein Glas Rosé dazu. Danach Osterschokolade.

§

Auf diesen Artikel in der Wochenend-Süddeutschen hatte ich mich nach der Ankündigung mit Abonnenten-Newsletter gefreut (€):
„Erben für alle“.

Barbara Vorsamer schreibt über die soziale Ungleichheit in unserem Land durch Vermögen – doch sie ist nicht etwa (wie sonst fast alle Autor*innen zum Thema) jemand, die mit dem Nicht-Erben klarkommen muss, sondern gehört zur erbenden Schicht, in der viele von den Verwandten mehr Geld bekommen, als sie selbst jemals durch Erwerbsarbeit verdienen werden. (Es gibt also durchaus bedingungsloses Grundeinkommen – halt nur nicht vom Staat.) Vorsamer findet das nicht nur ausgesprochen ungerecht, sondern kritisiert auch die fehlende Selbstwahrnehmung von Vermögenden als vermögend.

Wer aber zugleich behauptet, Mittelklasse zu reisen und dann allen Mitreisenden die Aussicht vom Oberdeck beschreibt, gibt allen anderen das Gefühl, einfach zu blöd zum Aus-dem-Fenster-Schauen zu sein. Während dieser Text entsteht, spreche ich mit vielen Leuten über Geld, zum Beispiel mit einem Unternehmensberater-Paar, das gemeinsam eine Viertelmillion im Jahr verdient, mit einer Grafikerin, die in der Eigentumswohnung ihrer Oma lebt, und mit einem Rentner, der sein Häuschen im Speckgürtel Münchens abgezahlt hat. Alle protestieren beleidigt, wenn ich sie als reich bezeichne.

(…)

Weil man sich aber nur ungern eingesteht, Profiteur der Verhältnisse zu sein, redet man den eigenen Wohlstand klein. Dann sinkt der Preis der Eigentumswohnung im Small Talk um 100 000 Euro, womit man den anderen allerdings das Gefühl gibt, den Immobilienmarkt nicht richtig zu durchschauen. Das Designer-Sofa? War ganz günstig, Zufallsfund. Die Ferienwohnung in Kitzbühel? Haben meine Eltern schon eeewig, früher war es ja auch noch gar nicht so teuer da. Diese Pseudo-Bescheidenheit ist oft nett gemeint. Tatsächlich aber lassen solche Sätze weniger Privilegierte verzweifeln. An der eigenen Arbeitskraft, dem eigenen Geschick, dem eigenen Wert. Wieso schaffen die das und ich nicht? Vielleicht sollte man lieber sagen: Ich habe eine Viertelmillion geerbt und kann mir das leisten, du halt nicht, sorry.

Auch die Autorin bemerkt, wann sie an die Grenzen ihres Ungerechtigkeitsgefühls kommt:

Am wichtigsten aber wäre es, politisch für Veränderung zu kämpfen, allem voran für höhere Erbschaftssteuern und eine Vermögensabgabe. Und dann sagt Julia Friedrichs noch: „Das Finanzministerium hat ein Spendenkonto.“

Echt jetzt? Das Geld, das ich geschenkt bekommen habe, lag deutlich unter der Bemessungsgrenze für die Erbschaftssteuer. Ich finde das natürlich falsch, ich finde die Erbschaftssteuer zu niedrig, die Bemessungsgrenze zu hoch, doch so geht es mir auch mit der Pendlerpauschale oder dem Ehegattensplitting. Finde ich alles nicht gut, taucht aber alles in meiner Steuererklärung auf, und ich zahle keinen Euro mehr an den Fiskus als ich muss. Ist das wohlfeil? Eine höhere Erbschaftssteuer theoretisch richtig finden, aber praktisch nichts freiwillig rauszurücken, solange mich die Politik nicht dazu zwingt? In Gedanken rechtfertige ich mich vor mir selbst: Ich zahle doch nicht freiwillig Erbschaftssteuer an einen Staat, der dann damit seine Schulden bezahlt, da spende ich das Geld doch lieber.

(Zur Sicherheit: Auch ohne Erbe und Vermögen bezeichne ich mich regelmäßig als reich, weil ich das mit unserem monatlichen Haushaltseinkommen nunmal bin – und weil ich gerne damit provoziere.)

§

Laurie Penny ist kürzlich von Los Angeles zu ihrem Partner nach Australien gezogen (inkl. 14 Tage Hotel-Quarantäne ab Einreise). Sie berichtet von dem schlagartigen Wechsel von Corona-Alptraumleben zu einer Welt ohne Corona – in der noch dazu niemand nachvollziehen kann, was sie durchgemacht hat.
„A Report from the After Times“.

Jetzt verspüre ich die Sehnsucht, meinen gesamten derzeit verfügbaren Urlaub von 45 Tagen (wegen langer OP-Abwesenheit viel Resturlaub aus dem Vorjahr) September/Oktober im australischen Frühling zu verbraten, davon halt zwei Wochen in einem schönen Hotelzimmer eingesperrt.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Sonntag, 11. April 2021 – Ein bisschen Frühling im Südfriedhof“

  1. Sabine Kerschbumer meint:

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    Gerne gelesen

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  2. Monika meint:

    Reich ist man nur, wenn man für Geld nicht arbeiten muss. Alles andere ist Wohlstand. Aber es stimmt, dass viele sich ihres nicht erarbeiteten Wohlstands nicht bewusst sind oder diese Tatsache verdrängen. Dabei sähe ihr Leben deutlich anders aus, wenn sie nur von dem leben müssten, was sie durch Erwerbsarbeit verdienen. Nicht wenige gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass andere ähnliche Ressourcen haben, weil Geld halt nie ein Problem darstellte.

  3. Sabine meint:

    Vorsamer hat mir mit ihrem Artikel aus der Seele gesprochen. Wie oft habe ich, wenn ich das Thema mit Menschen besprochen habe, die geerbt haben haben zu hören bekommen, ich sei ja nur neidisch…

  4. iv meint:

    Den Neidvorwurf kenne ich selbst nicht so, aber das hier trifft es wirklich oft auf den Punkt:
    „… gibt allen anderen das Gefühl, einfach zu blöd zum Aus-dem-Fenster-Schauen zu sein…“. In dem Sinne stimme ich auch zu, dass durch Erwerbsarbeit aufrecht erhaltener Wohlstand etwas anderes ist als Vermögen, das sich sozusagen passiv selbst vermehrt. Reichtum fängt für mich dann doch erst da an, wo ich meine persönliche Lebensführung nicht von Erwerbsarbeit abhängig machen muss, wenn ich nicht will. Wenn ich es mir etwa leisten kann, schlecht bezahlte aber kreative Arbeit anzunehmen.
    Ich zum Beispiel gehöre als Bildungsaufsteigerin im Kulturbereich hinsichtlich Monatsnetto zu den Spitzenverdienerinnen, statistisch und auch de facto verglichen mit meinem Freund:innenkreis. Zugleich zähle ich in diesem Kreis zu den am wenigsten Vermögenden (Stichwort Immobilien besitzen versus mieten). Ich weiß auch, dass ich das durch mehrere Jahrzehnte ununterbrochener Arbeit nicht aufholen werde – ich kann damit gut leben, bin ja durchaus auch privilegiert. Aber bemerkenswert finde ich das schon, diese Selbstverständlichkeit bestimmter Besitzverhältnisse, die eigentlich bei jedem Gespräch zu Lebensperspektiven irgendwo mitschwingen. Ich erinnere mich an Gespräche, in denen meinem Gegenüber offenbar genuin nicht in den Sinn kam, dass für mich nicht gesorgt ist, wenn ich nicht jeden Monat meine laufenden Kosten vom ersten Euro an selbst erwirtschafte.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich kenne es noch, iv, dass im akademischen Betrieb, vor allem in den Geisteswissenschaften, Menschen erwartet wurden, die von dieser Tätigkeit nicht leben mussten – Gelehrte halt. Und denke sofort an den Professor für Englische Literaturwissenschaft, für den ich als Hiwi arbeitete, der aus einem alten, vermögenden Medizinergeschlecht stammte und mit der Wahl seines Fachgebiets in seiner Familie bereits als Ausreißer galt. Dass ich in meinen Semesterferien Geldverdienen ging, war für ihn höchst exotisch.

  6. iv meint:

    Ja, ich erinnere mich auch an eine Studieneinführung, ca. im Jahr 2000, wo ein Professor dazu riet, man solle sich überlegen, ob man finanziell ausreichend „außengestützt“ sei für eine solche Laufbahn. Finde es für mich selbst immer noch erstaunlich, dass der akademische Weg irgendwann der lukrativere war. Wäre ich wirklich „außengestützt“ gewesen, wäre ich wahrscheinlich Romanautorin geworden. Keine Selbstverständlichkeit, dass von zwei idealistischen Ideen immerhin eine ein tragfähiger Beruf geworden ist. Systemisch ist das eher nicht vorgesehen, dass jemand mit meinen Ausgangsbedingungen das macht.

  7. Ulla meint:

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