Journal Montag, 21. Juni 2021 – Lang erschwitztes Gewitter

Dienstag, 22. Juni 2021 um 6:31

Eigentlich, finde ich, wäre mal wieder Zeit für eine gute Nacht. Die auf gestern hatte ein langes Loch, das ich nach vergeblichem Warten auf Wiedereinschlafen für Haushaltserledigungen und etwas Lesen nutzte.

Der Morgenhimmel war verhangen, doch es blieb warm.

Balkonkaffee zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Bereits auf dem sonnigen Weg in die Arbeit fühlte ich mich nach der schlechten Nacht verkatert-benebelt wie nach Party und Alkohol (as if), den Arbeitsvormittag erlebte ich wie in Aspik.

Mittags gab es die Reste des Abendessens vom Sonntag: Bulgursalat und Grillkäse. Danach war ich sehr Siesta-müde, doch an Arbeitstagen ist halt nichts mit Nachschlafen. Bleiern müde kämpfte ich mich durch den Arbeitsnachmittag.

Auf dem Heimweg ein kleiner Einkaufsschlenker: Ich erlaubte mir ein neues Sport-Kleidungsstück, nämlich eine Radl-kurze Sommerlaufhose mit großzügigen Taschen für Schlüssel und Girokarte, sogar mein Handy findet Platz. Denn selbst wenn sie mir noch nicht in Fetzen vom Leib fallen, muss sogar ich gestehen, dass meine Laufhosen (Alter zwischen sieben und 15 Jahren) mittlerweile wirklich gammlig aussehen.

Zu Hause erst mal Yoga, seit Sonntag mit Mady Morrison (danke für den Hinweis auf ihre Playlists!). Ich erwischte eine Turbofolge, die 15 Minuten zackig durchturnte, jeder Atemzug eine Bewegung. Jetzt schwitzte ich mehr als in jeder der derzeit täglich mindestens fünf klimakterischen Glut-Attacken.

Nachtmahl, wieder von Herrn Kaltmamsell serviert: Orecchiette mit Ernteanteil-Brokkoli, sehr gut. Nachtisch Wassermelone, dann Schokolade.

Gestern hatte es schon um neun genug abgekühlt, dass wir die Fenster und Balkontüren öffnen konnten.

Und dann setzte endlich das seit Tagen angekündigte Gewitter ein, erst mit entfernten Knurren und Grollen, bis die ersten dicken dunklen Punkte auf dem Asphalt erschienen. Es war ein seltsames Gewitter: Stundenlang erhellten unablässige kleine Blitze mein Schlafzimmer, sie flackerten wie eine schadhafte Neonröhre über den Horizont, nur manchmal gesprengt von einem richtig großen Blitz inklusive Donner. Nach ein wenig Lesen im Bett schaltete ich das Licht aus und sah dem Natur-Stroboskop zu, auf der Tonspur leichtes Regenrauschen.

§

Wieder eine dieser furchtbaren, traurigen Geschichten. Kat O’Brien arbeitete früher als Sportjournalistin in den USA. Erst jetzt traut sie sich zu erzählen, dass sie vor 18 Jahren von einem Baseball-Profi vergewaltigt wurde, den sie interviewte. Sie schreibt, wie sie 18 Jahre schwieg, um das Erlebnis damit irgendwie ungeschehen zu machen. Jetzt ist ihr wichtiger, dass Sportreporterinnen endlich nicht mehr mit sexueller Belästigung fertigwerden müssen.
„I Am Breaking My Silence About the Baseball Player Who Raped Me“.

Doch vor 18 Jahren sah sie keine Möglichkeit, das Verbrechen öffentlich zu machen (auch jetzt nennt sie keinen Namen):

I knew that if I told anyone what happened that it would ruin my career. I was 22 with no track record, and at that time — nearly two decades ago — most people in baseball would have rallied to protect the athlete. So I blamed myself. I must have been too nice, too trusting, too friendly and open. Even though I said no, it must have been a misunderstanding. I lived in fear the story would get out.

SIE hatte Angst, die Vergwaltigung würde rauskommen, weil SIE dadurch ruiniert gewesen wäre. (In Vergewaltigungen geht es nicht um Sex, sondern um Macht.) Und das leider zurecht. Bitte, bitte werfen sie bei diesem Thema nicht den Opfern vor, dass sie schweigen. Oder fragen sie gar, ob sie sich nicht doch hätte wehren können.

A professional athlete raping a reporter isn’t a sports story. It’s a story about power in our society, and how men wield it against women.

Und selbst jetzt schließt Kat O’Brian ihren Text mit einer Aufzählung ihrer Lebensleistungen – um zu verhindern, was ebenfalls viele Opfer sexueller Gewalt fürchten: Dass sie nach Öffentlichmachen oder gar Anzeige nur noch darüber definiert werden.

§

André Spiegel lebt in New York. In einem Text sammelt er, wie sich in dem Haus, in dem er wohnt, während der vergangenen 15 pandemischen Monate das Fahrstuhlverhalten entwickelt hat.
„Fahrstuhlepisoden“.

§

Potenzieller life changer (erinnern Sie mich bitte am Beginn der nächsten Avocado-Saison in Europa daran?).

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Montag, 21. Juni 2021 – Lang erschwitztes Gewitter“

  1. lihabiboun meint:

    Die „Fahrstuhlepisoden“ funktionieren nicht …

  2. Berit meint:

    „I hope I can help bring about systemic change rather than seek unlikely-to-come justice for one horrible act.“

    oof. Es schmerzt weil es wahr ist. Großartiger und wichtiger Text.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Danke für den Hinweis, lihabiboun, habe den Link repariert.

  4. lihabiboun meint:

    Vielen Dank. Alles sehr interessant, hier so ähnlich. Aber NY ist natürlich it Stockwerk 9 und höher deutlich sportlicher ….

  5. Nina meint:

    Gespräche im Freundinnenkreis drehen sich derzeit auch ständig um Schlafprobleme: die eine schläft aus pandemie- und familienbedingter Erschöpfung schlecht, die andere wegen zu hoher Arbeitsbelastung, die nächste aus hormonellen Wechseljahresgründen. Letzteres betrifft mich noch nicht, aber eine Bekannte fand nach langen, quälenden Schlafproblemen endlich Erlösung durch die Substitution mit bioidentischen Hormonen nach der RimkusTherapie. Vielleicht ist das auch interessant für die eine oder andere Mitleserin hier.

  6. Margrit meint:

    Der life changer ist der Bringer.
    Ich hoffe, ich kriege die Erinnerung dann auch mit :)

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