Journal Sonntag, 20. Juni 2021 – Helen Macdonald, Vesper Flights

Montag, 21. Juni 2021 um 6:21

Wieder schlief ich nicht so lange, wie ich müde war. Nutzte ich das frühe Aufwachen halt für Emsigkeit: Die Wäsche aus der programmierten Waschmaschine aufhängen, Pflanzen gießen.

Draußen war es verhangen und diesig schwül, aber nicht heiß – das erleichterte mich, denn ich hoffte auf eine Laufrunde.

Es wurde immer düsterer, die Temperatur aber war ideal für Draußensport. Erst mal absolvierte ich in Laufkleidung die Orthopäden-Gymnastik, dann spazierte ich über den Südfriedhof zur Wittelsbacherbrücke, lief von dort Richtung Flaucher, die ersten paar hundert Meter durch Partymüll inklusive Scherben. Schon um neun waren recht viele Läufer*innen sowie Hundegassigänger*innen unterwegs, ich musste immer wieder Slalom laufen. An der Thalkirchner Brücke Maria Einsiedel kehrte ich um, ab der Brudermühlbrücke und nach 55 Minuten problemlosem Joggen wechselte ich zum Gehen.

Ich hätte nichts gegen einen erfrischenden Regenguss gehabt, statt dessen wurde es sonnig. Auf dem Heimweg machte ich gemütliche Umwege durchs Glockenbachviertel, unter anderem mit Semmelholen. Zum für mich frühen (12 Uhr) Sonntagsfrühstück gab es also Semmeln.

Vorher hatte ich dann doch die Wohnung wieder gegen Hitze verrammelt. Im Dunklen machte ich ausgiebig Siesta.

Das Bachmannpreislesen vergangene Woche (nur die Jurysitzung fand vor Ort in Klagenfurt statt, die Autor*innenlesungen wurden als Aufzeichnungen eingespielt) nur aus zweiter Hand über die Twitter-Kommentare verfolgt, gestern wurde als Gewinnerin Nava Ebrahimi ermittelt. Ihr Text gefällt mir: „Der Cousin.“ Nächstes Jahr möchte ich wieder nach Klagenfurt reisen, gestern habe ich bereits mit einer Co-Schlachtenbummlerin eine Ferienwohnung reserviert.

Zum Bügeln (Sommerzeit ist Bügelzeit) hörte ich die Folge Hotel Matze „Katja Berlin – Warum nimmt man Humor nicht ernst?“ und war bestens unterhalten (ihr Lieblingsbuch ist Beloved!). Unter anderem hochinteressant fand ich, wie Katja ihre ganz persönliche Arbeitsweise beschrieb.

Gegen den Hunger, aber ohne Appetit als Nachmittagssnack Haferflocken mit Milch, ein Flachpfirsich.

Auch den Tag über hätte ein Gewitter dem Wochenende gut getan, mit Neid verfolgte ich auf Twitter die Meldungen aus Stuttgart. Immer wenn ich auf den Balkon trat in der Hoffnung, der düstere Himmel könnte die Temperatur gesenkt haben, war es draußen immer noch wärmer als in der Wohnung. Mich zog nichts raus.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Bulgursalat aus Katha Seisers Immer schon vegan gemacht und Grillkäse dazu gebraten.

Bester Bulgursalat jemals!

§

Helen Macdonald, die ich von ihrem großartigen H is for Hawk kenne, schreibt hin und wieder Essays, die Naturbeobachtung mit der Anaylse von Naturrezeption vermischen – im weitesten Sinn, denn sie enthalten immer auch den sehr persönliche Blick von jemandem, die als seltsames und einsames Kind von klein auf Tiere und Natur sehr gründlich beobachtete, deren Lebenslauf eher mäanderte als gradlinig verlief, die bis heute ein sehr eigentümlicher Mensch ist. Das Buch Vesper Flights (eben auch in deutscher Übersetzung von Ulrike Kretschmer als Abendflüge erschienen) sammelt einige dieser Essays.

Eigentümlich und anders ist auch, dass sie Tiere immer wieder in sehr menschengeformten Umgebungen beobachtet: Nachtvögel vom Empire State Building in New York aus, die größte Turmfalken-Population Dublins in Industrieruinen. Es ist Helen Macdonald ein großes Anliegen, den Blick darauf zu richten, wie stark sich das vermischt, dass „Natur“ nichts ist, zu dem man möglichst weit und in abgelegene Gebiete fahren muss. In einem Text weist sie sogar auf das Risiko von Naturparks hin: Dass die Menschen glauben könnten, wenn sie alles wilde Leben dort hinein verschieben, könnten sie es außerhalb folgenlos ignorieren oder zerstören. Immer wieder machte sie sich Gedanken darüber, warum wir mit wilden Tieren interagieren, wie wir es tun, warum sie so starke Gefühle auslösen können. Oder sie recherchiert, wie sich Vogelbeobachtung und die daraus resultierende Systematik in den vergangenen hundert Jahren verändert haben (Macdonald ist studierte Wissenschaftshistorikerin).

Ich musste deshalb sehr an sie denken, als ich Samstag in Ingolstadt auf der Busfahrt vom Bahnhof Ingolstadt Audi nach Etting inmitten der lebensfeindlichen Funktionalität der Fabrikstadt Audi die Silhouette eines Turmfalken fliegen sah – und gleich darauf am roströtlichen Gefieder einen weiteren erkannte, der sich gerade in der Spitze eines Strommastes niederließ.

Empfehlenswertes Buch – selbst wenn Sie eine Amsel kaum von einer Krähe unterscheiden können.

die Kaltmamsell

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