Journal Dienstag, 22. Februar 2022 – Chris Whitaker, We begin at the end

Mittwoch, 23. Februar 2022 um 6:28

22.2.2022 – schöner wird’s erst in 200 Jahren.

Bis vier war die Nacht ganz gut gewesen. Dann nicht mehr.

Ein kalter Morgen, aber trocken. Ich marschierte zackig in die Arbeit, um nicht zu frieren.

Im Büro vormittags vor allem Besprechungen und Beratungen. Draußen kam immer wieder wilder Wind auf, manchmal warf er mit Regen.

Zum Mittagessen Pumpernickel mit Butter, Orangen.

Auf dem Heimweg ein kurzer Einkaufsabstecher. Zwischen Wohnblöcken im Westend, aber auch in vielen Vorgärten der Gründerzeitvillen um die Theresienwiese lagen die in Stücke gesägten Stämme zum Teil riesiger Bäume, die die Stürme der vergangenen Tage beschädigt oder gefällt hatten und machten mich traurig.

Daheim nochmal die interessante Yoga-Folge vom Montag, diesmal etwas weniger verwackelt – in erster Linie weil ich die Abfolge der Übungen bereits kannte. Danach knetete ich wie schon am Morgen meine Waden mit der Blackroll.

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Pastinaken nach Ottolenghi gekocht und im Ofen mit Parmesan gebacken, dazu Kichererbsendinge gemacht: Kichererbsen mit Tomaten-Sahnesauce und Nudeln, außerdem zwei Sorten Hummus. Hummus schaffte ich nicht und verschob es auf Mittwochabend, die Kichererbsen mit Nudeln und die Pastinaken schmeckten ganz ausgezeichnet.

Chris Whitaker, We begin at the end ausgelesen. Der Krimi hatte mich gefesselt, ich mochte seine Düsternis, interessierte mich für die Hauptfiguren – auch wenn sie sich nicht wie echte Menschen lasen, sondern wie Filmfiguren, zum Beispiel
– ein US-Kleinstadtpolizist, der nie aus seiner Geburtsstadt rausgekommen ist, und seine Loyalität zu dem Jugendfreund, der wegen einer fahrlässigen Tötung (wahrscheinliche Einordnung im deutschen Rechtssystem) Jahrzehnte im Gefängnis verbrachte, kurz nach seiner Entlassung erneut eines Mordes angeklagt wird
– das 13-jährige vernachlässigte Mädchen, Tochter einer Jugendfreundin des Polizisten, das beschlossen hat, ein outlaw zu sein, sich gleichzeitig mit Hingabe um ihren kleinen Bruder kümmert
– die rührenden Versuche ihrer Umwelt, an dieses Mädchen ranzukommen.
Mir gefiel auch, wie die Handlung lieb gewonnen Figuren immer tiefer sinken lässt, zum einen weil sie verheerende Entscheidungen treffen, zum anderen weil böse Menschen ihnen Böses antun – das ließ mich so manche vorhersehbare bis kitschige Wendung verzeihen. Doch dass die Geschichte am Ende alle Fäden mit der Glätte eines viktorianischen Romans verbindet und fast schon gewaltsam ein Happy End dengelt – das nahm ich ihr sehr übel. Beim Zuklappen des Buchs fühlte ich mich klebrig.

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Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation (vorher russischer Staatspräsident, davor seit 1999 Ministerpräsident) bereitet Schritt für Schritt eine Invasion der Ukraine vor, mit immer abwegigeren Rechtfertigungen. Die Situation fühlt sich für mich wider besseres Wissen in erster Linie lächerlich an – das kann doch niemand ernst meinen. (Doch, kann, ich weiß.)

Am meisten beeindruckte mich die Verurteilung der russischen Aggression und ihrer Begründung durch Martin Kimani, Botschafter Kenias bei den Vereinten Nation, in der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates (hier in Schriftform, zudem hier eine Übersetzung ins Deutsche).

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Was Wissenschaft auch ist: Offen zu sein für Erkenntnisse, nach denen man in einem Versuchsaufbau gar nicht gesucht hatte. In Australien wollte ein Forschungsteam mehr über die Bewegungen einer Gruppe Elstern herausfinden und versah sie mit Trackern. Und fand dabei heraus, dass sie kooperativ und schlau genug sind, einander von diesen Trackern zu befreien.
“Altruism in birds? Magpies have outwitted scientists by helping each other remove tracking devices”.

While we’re familiar with magpies being intelligent and social creatures, this was the first instance we knew of that showed this type of seemingly altruistic behaviour: helping another member of the group without getting an immediate, tangible reward.

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Sprache bei der Arbeit zusehen: Möglicherweise erleben wir gerade das Entstehen einer neuen Kommaregel.
“Aufgrund des Sprachgefühls, kommt hier ein Komma hin: Das Vorfeldkomma”.

via @kathrinpassig

Begenet auch mir hin und wieder beim Korrekturlesen, ließ mich immer an englische Kommasetzung denken. Noch streiche ich es.

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Vorstellung eines Fotobands:
“Italienische Discos sehen toll aus – auch als Ruinen”.

via @goncourt

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Dienstag, 22. Februar 2022 – Chris Whitaker, We begin at the end

  1. Beate meint:

    Achtung Klugscheissermodus: 22.2.2022! Eine liebe Kollegin hatte gestern Geburtstag, also am 22022022 (ich hab ewig gebraucht, diese Zahl richtig hinzubekommen …)

  2. Schlosswiler meint:

    Wenn Martin Kimani NICHT recht hätte:
    Italien könnte den ganzen Mittelmeerraum beanspruchen. War schliesslich mal Teil des römischen Reiches. Oder die Türkei den östlichen Mittelmeerraum, inkl. grosse Teile Saudi-Arabiens, Griechenland, Serbien, Bulgarien etc. War alles mal Teil des Osmanischen Reiches. Oder die Schweiz das Veltlin. Frankreich die Südstaaten der USA und halb Kanada. Spanien fast ganz Südamerika, Portugal Brasilien. Und eben, UK und Frankreich zusammen fast ganz Afrika. Ah, und fast vergessen: Alexander der Grosse beherrschte ja ein Weltreich von Griechenland bis Afghanistan.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Danke, Beate! (Pointen verkacken, meine Spezialdisziplin.)

    Historische Konstruktionen für Gebietsansprüche, Schlosswiler – hatten wir in Europa nicht ganz besonders beschissene Erfahrungen damit?

  4. Karin meint:

    Das Vorfeld–Komma! Darüber wundere ich mich seit geraumer Zeit in Schüleraufsätzen – dabei sind die offensichtlich Avantgarde!

  5. engl meint:

    ich möchte eine krähe sein!

  6. Friederike meint:

    Besonderen Dank für den Kimani-Link!

  7. Joël meint:

    Mein erster Schmunzler des Tages:
    “Danach knetete ich wie schon am Morgen…”
    Ich erwartete das Wort Brotteig zu lesen, aber nein…
    :-)

  8. Nina meint:

    Ich betrauere hier in Berlin auch gerade ausgiebig jeden Baum, der von den Stürmen der vergangenen Tage gefällt wurde, u. a. den „härtesten Baum der Stadt“ an der Warschauer Straße (Hommage im Tagesspiegel). Mit dem Rad muss ich hier gerade Slalom um Äste und gefällte Bäume fahren.

  9. trolleira meint:

    Zum Buch: aha, dachte ich mir, nach all den Kritiken… danke!

  10. Heidi meint:

    In Afrika herrscht Ruhe und Frieden? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.

  11. Joriste meint:

    vielen Dank für die Links, für mich heute/gestern besonders gelungen

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