Journal Mittwoch, 23. Februar 2022 – Blaue Stunde über der Theresienwiese

Donnerstag, 24. Februar 2022 um 6:28

Mittelgute Nacht, ich hätte gerne länger geschlafen als nur bis Weckerklingeln.

Zu Regen aufgewacht, der bis zu meinem Fußmarsch in die Arbeit aufgehört hatte.

Der Büro-Vormittag bestand in erster Linie aus Auseinandersetzung mit dem neuen IT-System.

Mittags gab es restliche Back-Pastinaken vom Vorabend und ein Glas Birchermuesli.

Der Heimweg war wundervoll: Ich verließ das Bürogebäude zu letztem Sonnenschein aus wolkemlosen Himmel und in milder Luft, und als ich nach ein paar Supermarkteinkäufen (im großen Edeka gab es keinerlei frische Champignons – ist was?) die Theresienwiese querte, geriet ich in die blaueste aller blauen Stunden. Letztes Rosa über dem westlichen Rand, eine intensiv mittelblaue Himmelskuppel, die Lichter der umliegenden Häuser leuchteten, kreuzende Radler*innen und gassi-geführte Hunde mit Leuchthalsbändern ergaben ein magisches Szenario. Ich blieb immer wieder stehen, drehte mich, freute mich an dem Schauspiel.

Daheim eine lockere Runde Yoga, zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell zweierlei Humus vom Vortag (eines mit viel frischem Estragon – gut!), das wir mit Gurken-Sticks und Stangensellerie aßen, davor hatte er als Was Warmes Feta paniert und gebraten. Nachtisch Schokolade.

Die Lektüre von Hanya Yanagihara, A little life angefangen – ich wurde sofort komplett eingesogen worden in diese Leben von vier miteinander befreundeten Männern in Manhattan. Im Gegensatz zu den Filmfiguren in We begin at the end bekam ich es hier mit Menschen zu tun, denen ich wirklich zu begegnen schien. Ich erkannte sie, auch wenn ich nie in Manhattan gelebt habe, auch wenn mein Leben ganz weit weg ist. Familien, Freundschaften, Sorgen, Kunst, der Umgang der Personen miteinander – Yanagihara schreibt so gut, gleichzeitig flüssig und präzise, dass ich das alles in 3D vor mir sah und selbst ergänzen konnte. Schon die Beschreibung der U-Bahn-Fahrten ließen mich mitfahren.

§

Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma im Interview über die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen.
“Jan Philipp Reemtsma: ‘Wütende Menschen beginnen einander zu ähneln'”.

Wenn mir jemand sagt, dass er sich wegen einer Impfkontrolle stigmatisiert fühlt, dann will ich ihm gar nicht absprechen, dass er das in dem Augenblick wirklich meint, das heißt, dass er sich in ein Gefühl hineintheatert hat und dieses Theater, das er selber veranstaltet, für die Wirklichkeit hält. Ich kann höflicherweise so tun, als würde ich das ernst nehmen, und mit ihnen reden – aber wenn die merken, dass ich das, was sie sagen, in Zweifel ziehe, dann gehen sie zu anderen, die es auch so sehen wie sie. Ist doch klar, da fühlen sie sich wohler.

§

Acht Jahre Techniktagebuch – wieder gesammelt als E-Book.

Ich bedaure sehr, mich seit Monaten nicht mehr zu engagieren – die TT-Redaktion wird immer meine liebste bleiben.

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 23. Februar 2022 – Blaue Stunde über der Theresienwiese“

  1. kecks meint:

    “A little life” – oh Gott. Die Leseeindrücke bleiben auch nach Jahren sehr präsent bei mir. Es war sehr groß und sehr furchtbar.

  2. Gaga Nielsen meint:

    “…hineintheatern…” :-)

  3. Alexandra meint:

    “Verschrecklichung” … passt auch.

  4. Nina meint:

    „A little life“ musste ich irgendwann abbrechen, meine Wut auf dieses Buch und die Autorin wurde zu groß. Das ging für mich auch über „furchtbares Thema“ hinaus. Für mich ist dieses Buch leider Traumapornographie. Die schöne Sprache und tolle Schreibweise hat bei mir das Gefühl, als Leserin in eine voyeuristische Rolle gedrängt und unangenehm manipuliert zu werden , noch verstärkt. Bin sehr gespannt, wie Ihr Fazit ausfallen wird.

  5. Sarah meint:

    “A little life” habe auch ich abgebrochen – ich fand einerseits, dass es ein bestimmtes Thema und das Leid des Protagonisten extrem lang ausgewälzt hat und fand andererseits wie Nina in Kommentar 4, dass die Leserin hier doch sehr genötigt wird. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, dass diese Zumutung ein Stilmittel der Autorin ist, um etwas aufzuzeigen, das sich mir einfach nicht erschlossen hat. Dennoch war ich nicht bereit, für eine eventuelle Erkenntnis weiter zu lesen. Ich bin ebenfalls gespannt, was Sie hier schreiben werden, denn sehr vielen Menschen erging es offensichtlich anders mit diesem Buch als mir, wenn man sich die Rezensionen ansieht.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Egal wie Sie den Roman fanden: Ich bitte Sie darum, nicht weiter zu spoilern, Sie beeinflussen gerade mein Leseerlebnis massiv. “Traumapornographie”? “Furchtbares Thema”? “Zumutung?!” Ab sofort lese ich ein anderes Buch, und das nehme ich Ihnen übel.

  7. Susann meint:

    Ach Gottchen. “Hineintheatert”. Da wird nicht analysiert, da werden auch nur die eigenen (Vor)urteile verfestigt und zur Schau gestellt. Kann ich auch nicht ernst nehmen.

  8. Sonni meint:

    Die Kommentatorinnen haben nicht gespoilert, sondern eine Seite der überall lesbaren Kritikermeinung wiedergegeben.
    Es ist vielleicht nicht ganz der richtige Zeitpunkt, umfassend zu kritisieren, wenn jemand das Buch erst gerade zur Hand genommen hat, aber es wurde nichts verraten, was nicht sowieso überall diskutiert wurde.
    Mir haben die New-York-Szenen übrigens auch gefallen und ich bin gespannt, was Sie zu dem Rest sagen. :-)

  9. Sonni meint:

    Ich bin auch vom Reemtsma negativ überrascht.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Ob ich Kritikermeinungen lese, Sonni, kann ich mir aussuchen (und tue ich bei Neuerscheinungen fast immer erst nach Lektüre), die Kommentare hier muss ich aus rechtlichen Gründen lesen.

Sie möchten gerne einen Kommentar hinterlassen, scheuen aber die Mühe einer Formulierung? Dann nutzen Sie doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein, Sternchen darüber und darunter kennzeichnen den Text als KOMMENTAROMAT-generiert. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken.