Journal Freitag, 25. März 2022 – Wochenendfeiern in der Parallelwelt

Samstag, 26. März 2022 um 7:31

GUT GESCHLAFEN! Nur zweimal aufgewacht, dazwischen fünf Stunden Schlaf am Stück gekriegt – und schon sieht die Welt ganz anders aus. (Also: besser, nur zur Sicherheit.)

Duschen mit aufgeschnittenem Finger ging ganz gut – aber zum Abtrocknen holte ich mir dann doch aus der Küche einen dünnen Gummihandschuh aus dem Vorrat fürs Chilli-Schneiden und Rote-Bete-Schälen, weil das durchgeblutete Pflaster die Handtücher vollgesuppt hätte.

Meine Hauptsorge war natürlich, ob die Wunde schnell genug heilen würde, dass ich am Wochenende Schwimmen gehen kann.

#609060 – der Pulli ist mein erster echter Missoni (gebraucht bei Sellpy gekauft).

Noch ein wolkenlos sonniger Tag, mittlerweile hat sich der März als trockenster seit Wetteraufzeichnungsbeginn erwiesen.

Unaufgeregter Arbeitstag. Mittags gab es Vollkornbrot mit Butter, Quark mit Joghurt.

Nach Feierabend spazierte ich durch ein Westend voller Menschen, die das milde Draußen genossen: Spielplätze und Wiesen wimmelten, vor allen Lokalen saßen Leute mit Sonnenbrillen (sogar auf der Nase statt München-typisch im Haar). Ich kaufte im Süpermarket Verdi fürs Abendessen ein, das gestern ich zubereiten durfte: Doraden und Spinat, noch verteidige ich frischen Fisch als meine Koch-Domäne.

Daheim aber erst mal eine Runde Yoga – mit viel Umfallen. Dann bereitete ich den frischen Spinat und die ebenfalls sehr schön frischen Doraden koch- und bratfertig vor (gegen suppendes Pflaster über Fingerschnitt trug ich wieder den Gummihandschuh), richtete erst mal den Aperitif an:

Whiskey Sour zu Kräuter-Oliven, eingelegtem Feta und Wurzelbrot.

Herr Kaltmamsell hatte sich in der Dämmerung auf den Balkon auf Vogelschau gestellt und bereits die ersten Fledermäuse gesehen – mir fehlte dazu die Ruhe.

Doraden angebraten und im Ofen fertig gegart, währenddessen Knoblauch in Olivenöl angebraten und Spinat darüber mit Deckel-zu zusammenfallen lassen. Wurde ein köstliches Abendessen, dazu gab es einen galicischen Albariño. Nachtisch Schokolade.

Traurige Nachricht: Cem Basman ist bereits Anfang Januar gestorben, einer der Blogger aus der Anfangszeit, zentrale Figur der Hamburger Bloggeria – @PickiHH nennt ihn “Mitbegründer der Hamburger Web 2.0 Szene”. Ich genoss viele Jahre die ruhige Klugheit seines Blogs, lernte gerne seine Familiengeschichte. Und zitierte erst vor gar nicht Langem mal wieder sein “Vogel fliegt. Fisch schwimmt. Ich blogge.” Wie schade, dass ich ihn nie persönlich traf. Hier ein ausführlicher Nachruf von Maximilien Buddenbohm, der das Glück hatte:
“Er war immer schon da.”

§

Unter den vielen, vielen journalistischen Kommentaren zur Katastrophenlage und unserem Umgang damit hat mich dieser tatsächlich erreicht: Alexandra Augustin vom ORF liegt mit Corona im Bett und schreibt über
“Testament der Angst”.

Unser Sinn für die Realität hat sich verschoben. Das was gerade passiert werden wir erst Monate oder Jahre später verarbeiten und verstehen können. Die monatelangen Lockdowns. Die Schrammen am Körper und an der Seele. Europa – wieder einmal – im Ausnahmezustand. Alles fühlt sich so an wie die Restaurantszene „Terror at Lunch“ im dystopischen Spielfilm „Brazil“ von 1985 von Terry Gilliam.

In einer Szene sitzen ein paar schönheitsoperierte Damen in einem noblen Restaurant beisammen. Es wird ein groteskes Astronautenessen serviert, ein grünes, Kotze-ähnliches Püree. Echte Lebensmittel gibt es in dieser kaputten Zukunft nicht mehr. Ein zugehöriges Bild neben dem Teller zeigt jedoch das Gericht, welches diese Surrogat-Speise nachahmen möchte – geschmorte Kalbsbäckchen in Rotweinsauce. Der Geschmack einer längst vergessenen Zeit. Dann geht mitten im Lokal eine Bombe hoch. Das Orchester wird verletzt, doch es steht auf und spielt rußverschmiert weiter. Die Gesellschaft am Tisch ist kurz erschrocken, schnattert jedoch sogleich weiter, während ringsum verwundete Menschen und Körperteile herumliegen. Wir alle leben mittlerweile in einer solch brutalen Parallelwelt.

(…)

Die Reize stumpfen ab. Der Körper kann eine permanente Adrenalinausschüttung unter Stress nicht ewig aufrechterhalten. Man gewöhnt sich an Schreckensmeldungen.

(…)

Die Katastrophen der Welt fühlen sich mittlerweile so an wie Abschnitte auf einer Möbiusschleife: Alles ist eine Wiederholung der Wiederholung. Ich fühle mich schuldig. Ich sitze in einem stabilen Land. Ich kann nichts tun, nur Geld spenden. Kapital verschieben. Ich habe „nur“ Corona gehabt, so wie der halbe Freundeskreis mittlerweile auch. Das ist schon fast zum Lachen. Aber worüber darf man eigentlich noch lachen? Darf man die groteske Gegenwart sarkastisch kommentieren, in der wir unser Leben jonglieren müssen? Auf was soll man sich fokussieren, wenn sich die Welt so schnell dreht? Und wie soll man mit Empathie einer der größten Katastrophen der Gegenwart begegnen, wenn sie einem gleichzeitig abgesprochen und abgewöhnt wird?

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Freitag, 25. März 2022 – Wochenendfeiern in der Parallelwelt“

  1. Karin meint:

    Der Pulli ist großartig und steht Ihnen fantastisch! (Und ja, auch eine solche Aussage fühlt sich angesichts des Weltgeschehens banal und deplatziert an – ich möchte trotzdem nicht darauf verzichten.)

  2. Croco meint:

    Nach Rumgoogeln weiß ich jetzt, was Missoni ist. Ich glaube, ich hatte mal einen Morgenmantel von denen.

  3. Sonni meint:

    Der Pullover steht Ihnen super und passt auch ausgezeichnet zum Teppich

  4. Pamela meint:

    Diesen Thread fand ich hilfreich zum Umgang mit dem allgegenwärtigen medial vermittelten Horror: https://twitter.com/quinnnorton/status/1507877633870204929

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