Journal Montag, 29. August 2022 – Rätseln über die Arbeitskraftsituation

Dienstag, 30. August 2022 um 6:53

Ins Dunkle aufgeweckt worden.

Überm Morgenkaffee erst mal eine Beileidskarte geschrieben, sehr traurig.

Fußweg in die Arbeit in wundervoller Sonne, doch meine Jeansjacke brauchte ich.

Noch zwei Wochen Arbeit bis vier Wochen Urlaub, ich erinnere meine Arbeitsumgebung immer systematischer daran. Ziel ist ja, meiner Vertretung möglichst wenige planbare Jobs zu hinterlassen, also verschicke ich links und rechts Bitten um den dafür nötigen Input.

Zu Mittag gab es einen Apfel, ein großes Glas Stangensellerie-Zucchini-Salat mit Feta, den Herr Kaltmamsell am Vorabend aus Ernteanteil zubereitet hatte, eine Nektarine. Die Selleriefasern zuzelte ich noch Stunden später aus den Zahnzwischenräumen.

Meine instagram-Werbung ist derzeit voller Stellenanzeigen aus der Medizin-Branche (Augenärztin, Physiotherapeutin, aber auch andere Fachrichtungen), und ich würde mich gerne mal ausführlich mit dem Algorithmus unterhalten. Oder seiner Programmiererin.

Gestern antworte ich sogar auf eine Anzeige – wer mir vier Mal “WIR WOLLEN DICH! FACHARZT (m/w/d) für Augenheilkunde” in die Timeline drückt, soll ein Erfolgserlebnis haben, zumal es ja ausdrücklich um mich geht. Habe also einen Probetag angeboten (“interessiere mich sehr für Technik”), vielleicht brauche man für diesen Facharzt ja kein Medizinstudium.

Nachdem die jüngsten Nektarinen und Flachpfirsiche sehr gut gewesen waren, kaufte ich auf dem Heimweg welche aus dieser Quelle nach. Zu Hause nur kurzes Ablegen, Herr Kaltmamsell und ich waren mit Freunden im Schnitzelgarten verabredet.

Nur dass wir dort vor zusammengeklappten Stühlen standen: Betriebsurlaub. Wir entschieden uns als Alternative für eine italienische Trattoria in der Zenettistraße mit Draußentischen, Stammlokal unserer Verabredung, und spazierten dorthin.

Ich aß gute hausgemachte Strozzapretti mit Sommergemüse, hörte Geschichte über Reisen, vor allem kürzlich mit dem Auto nach Mallorca. Gemeinsam rätselten wir über den Arbeitskräftemangel an allen Ecken: Die Verabredung findet kein Personal in der Hotelerie, bei mir in der Arbeit sind die Bewerbungen für offene Stellen in der Kommunikationsbranche auf unter ein Viertel von vor vier Jahren gesunken, Tageszeitungen bekommen nur noch einen Bruchteil der gewohnten Anzahl von Bewerbungen auf Volontariatsstellen – ich wünsche mir wirklich endlich eine fachkundige Analyse dieser Situation. Kann man belegen, dass das (durch den eingefroren Arbeitskräftemarkt während der Pandemie-Schließungen sprunghafte) Auswirkungen der spitzen Alterspyramide sind? Hat sich die Erwartungshaltung der jetzigen Schul-/Ausbildungsabschließenden wirklich so fundamental geändert, wie wir alten, leistungsgedrillten Selbstausbeuter*innen einander anekdotisch erzählen? (Will nur drei Tage die Woche arbeiten – aber für Fünf-Tages-Gehalt / stellt klar, dass Überstunden nicht drin sind / fühlt sich für ihren Job so wenig verantwortlich, dass sie regelmäßig nicht zum Dienstantritt auftaucht / ist nicht zum geringsten Ortwechsel bereit etc.)

Es wurde für einen Arbeitstagabend recht spät, erst nach zehn spazierten wir die sommerliche (keine Jacke nötig) Lindwurmstraße nach Hause.

§

Ein bisschen Medienkunde:
“Datenanalyse der Winnetou-Debatte
Der erfundene Shitstorm: Chronologie eines Medienversagens”.

Selbst nachdem ich bereits so viele grob verzerrte Debatten zum Thema Rassismus erlebt habe, die fast ausschließlich aus Strohmann-Argumenten bestanden, konnte mich dieser Mechanismus immer noch verdutzen: Der Ravensburger-Verlag beschloss, Begleitbücher zu dem Film “Der junge Häuptling Winnetou” doch nicht zu auf dem Markt zu bringen – und selbst intelligente Menschen protestierten plötzlich gegen ein nie erfolgtes Verbot der Romane von Karl May.

Eine Analyse der Online-Diskussion zeigt, dass die große Empörung keineswegs den Ravensburger-Büchern entgegenschlug – sondern der Rückzugs-Entscheidung des Verlags, mal wieder angefacht von den Kräften, die immer Zensur und Verbote behaupten.

Die Analyse zeigt weiterhin, dass fast ausschließlich der Springer-Verlag Profiteur der Hetze ist und hauptsächlich weiter verbreitet wird. (…) Nur der Focus konnte da noch mithalten, indem sie auf die Ente mit der „Zensur“ durch die ARD mit aufgesprungen sind.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Montag, 29. August 2022 – Rätseln über die Arbeitskraftsituation“

  1. Neeva meint:

    Ohja, eine tatsächliche empirische Untersuchung der Auffassung zur Arbeit in den verschiedenen Milieus würde mich auch ernsthaft interessieren…
    Ich bin selber einer der ersten Millenial-Jahrgänge und habe in den letzten 6 Jahren drei junge Frauen und einen jungen Mann eingearbeitet. Eine der Frauen war blutjunge Berufsanfängerin, und hatte den klischeemäßigen Millennial-Habitus. War für den – auf ein Jahr befristeten – Job aber mit einer Vorwarnung von drei Tagen quer durch Deutschland nach München erst zu Bekannten und dann in ein winziges WG-Zimmerchen gezogen.
    Die anderen drei waren/sind die klassische “wenn ich nichts leiste (oder zumindest so aussehe), bin ich nichts” Arbeitsbienen.

    Und ich falle regelmäßig hintenüber, wenn ich en passant mitbekomme, was früher (80er, 90er) an Arbeitsstätten so möglich war. Wenn Pfleger im Krankenhaus das Kind der Chirurgin betreut haben, bis der Kindergarten aufmachte… Fotos von Abteilungsfeiern, denen man deutlich die mehrstündige Vorbereitung angesehen hat… Mit Alkoholmengen, die doch sehr in Frage stellen, ob an dem Tag noch was gearbeitet wurde.

  2. Karin meint:

    Das Thema mit der Arbeitshaltung, sehr schön. Würde mich auch interessieren. Als Quasi–Kollegin von Herrn Kaltmamsell ( gleicher Beruf, aber anderer Arbeitsort) stelle ich bei neuen, jungen Kolleg*innen auch befremdliche Dinge fest. Da wird über Work–Life–Balance diskutiert (nein, ich kann keine Abiklausuren nachkorrigieren, das verträgt sich nicht mit der Achtsamkeit – O–Ton!), immer wieder treten junge Nachwuchskräfte die Stellen nicht an, weil sie nicht umziehen wollen, Vollzeit ist, ebenfalls O–Ton, gar nicht akzeptabel (und wenn freier Tag, dann natürlich der Freitag)… könnte ich beliebig fortsetzen. Auch dahingehend, dass die meisten krankheitsbedingten Ausfälle durch die jungen Leute produziert werden.
    Ob das jetzt unbedingt schlechter ist als das Selbstausbeutertum der Boomergeneration, vermag ich nicht zu beurteilen. Für den einzelnen eher nicht, fürs gesamte System halt schon (Arbeit wird ja nicht weniger, wenn sie keiner macht). Aber vielleicht ist ja auch das System ein Problem?

  3. Angela meint:

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich etwas weiss was Sie als gefuchste Insta-Benutzerin und überhaupt Computerfachfrau vor der ich in die Knie geh nicht wissen. Hmmm? Neben dem Schriftzug Instagram ist ein Häkchen. Wenn man Folgen wählt sieht man nur mehr die Accounts denen man folgt. Und keine Werbung mehr. Muss man aber leider jedesmal anklicken.

  4. Susann meint:

    Was mich bei jungen Lehrerkolleginnen an der Schule neuerdings immer verblüfft, ist, mit welcher Offenheit sie zugeben, welche wichtige Rolle die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei ihrer Berufswahl spielte. Das kommt in der Regel noch vor “…wollte gerne mit jungen Menschen arbeiten…”, und ich finde das wirklich nicht ideal.

  5. Karin meint:

    @Susann: ideal finde ich das auch nicht – aber neu ist das (in meinem Kollegium) nicht, das höre ich seit Jahren (von zum Teil unterhälftig Teilzeit arbeitenden Kolleginnen, die bei wirklich jeder Zusatzaufgabe eine übermäßige Benachteiligung wittern – gipfelte in einem Fall darin, dass die Dame forderte, beim Elternsprechabend auch nur ein Drittel der Zeit anwesend sein zu müssen).

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