Journal Donnerstag, 15. September 2022 – Paris 3: Dior, Montmartre, gutes Essen

Freitag, 16. September 2022 um 8:06

Etwas matschig aufgewacht. Erstmal war ich eine Weile mit Bloggen beschäftigt.

Als wir loszogen für unseren Morgenkaffee, merkte ich, dass ich mich matt und unfit fühlte – das sollte leider den ganzen Tag anhalten.

Einkehr wieder im Nachbarschafts-Café. Der Kellner wies Herrn Kaltmamsell darauf hin, dass er sich Gebäck zum Café crème beim benachbarten Bäcker holen könne – diese Symbiose ist wohl üblich in Frankreich.

Er frühstückte Croissant und eine Walnuss-Tarte.

Programm für gestern war erst mal ein weiterer Museumsbesuch. Ich hatte mir halb im Scherz gewünscht, Dior zu besuchen – die Bilder im Kopf aus alten Hollywoodfilmen, in denen Kundinnen die Modelle von Mannequins vorgeführt bekommen. Das ist heute natürlich anders, und die Dior-Läden in Paris sehen aus wie die auf der ganzen Welt. Aber Herr Kaltmamsell hatte entdeckt, dass es in Paris im Haus des ersten eigenen Geschäfts mit Werkstatt von Christian Dior ein Museum gibt, eröffnet erst im März dieses Jahres: La Galerie Dior. Dafür hatte er Karten besorgt, wieder mit vorgegebener Zeit.

Wir nahmen eine U-Bahn nach Trocadero und spazierten gemütlich und mit Umwegen zum Museum.

Erst mal von der Baustelle Trocadero runtergucken. (Eine Konstante bislang: Wo auch immer auf Touristenwegen etwas Gitterförmiges ist, werden Vorhängeschlösser drangehängt.)

Damit auch ich ein Foto vom Triumphbogen gemacht habe.

Vor dem Dior-Museum standen wir wieder eine Weile Schlange. Drinnen trafen wir auf eine ausführliche und sorgfältige Ausstellung, verschwenderisch ausgestattet und inszeniert. (Hier schwärmt Silvia Ihring in der Welt anlässlich der Eröffnung der vorhergehenden Ausstellung.)

Es gab viele Informationen zu und Huldigungen an die Person Christian Dior – die mich nicht besonders interessiert. Vor allem aber sahen wir viele sensationelle Kleider und Kostüme von Dior selbst und den nachfolgenden Chefdesignenden des Modehauses: Marc Bohan, Gianfranco Ferré, Yves Saint Laurent, John Galliano, Raf Simons und Maria Grazia Chiuri – mit ihren erkennbaren Handschriften und gleichzeitigem Bezug auf den Gründer. Sie waren thematisch zusammengestellt (z.B. Blumen- und Pflanzenmotive, Einflüsse anderer Kulturen, Filmstars, die Klassiker) und wundervoll ausgeleuchtet. Dazu kamen historische Filmausschnitte, auch Filmdokumentationen aus der Werkstatt. Mich persönlich hätte noch ein bisschen mehr handwerklicher Hintergrund interessiert, allein schon der Raum mit den Erstentwürfen aus Nesselstoff, die auf der Basis von Diors doch eher vagen Zeichnungen gefertigt worden waren, faszinierte mich.

Herr Kaltmamsell fotografierte mich im Treppenhaus, das über vier Stockwerke mit Vitrinen von Miniaturen im Farbverlauf geschmückt ist.

Hier ein kleiner Einblick in die Ausstellung:

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https://youtu.be/9mO_e5ehsfo

Hier hörte ich dann auch endlich auf, auf alle sich selbst oder gegenseitig fotografierenden Menschen Rücksicht zu nehmen: Es waren einfach zu viele, ich konnte mich nie frei bewegen. Ab sofort latschte ich einfach durch jedes Bild, was mich immer noch Überwindung kostet.

Ein aktuelles Schaufenster – ich kriege den Verdacht nicht los, dass Christian Dior zumindest die Schuhe so scheußlich gefunden hätte wie ich.

Nächster Programmpunkt: Stippvisite in Montmarte. Wir nahmen eine U-Bahn zum Place de Clichy und spazierten zu Sacre Coeur – Stadtplan überflüssig, wir mussten uns nur in den immer dichteren Touristenstrom einreihen.

Übergang (!) über den Friedhof Montmartre.

Eingereiht in die Fotografinnen der Kirche.

Wirklich faszinierend: Die 50 Meter blickdichte Besetzung mit Vorhängeschlössern allein schon auf dieser Ebene. Die Gitter auf den unteren Ebenen waren etwas lockerer behängt.

Hier lernte ich, dass die am Vortag entdeckte Touristinnen-Selbstinszenierung mit Baskenmütze auch mit Hijab funktioniert. (Bezieht sich das auf eine bestimmte Fernsehserie oder imitieren Instagrammerinnen einfach einander?)

Auch Herr Kaltmamsell war mittlerweile erschöpft, meine Schlappheit hatte sich nicht legen wollen: Wir machte uns auf den Weg Richtung Hotel – allerdings mit ein paar Umwegen durch Montmarte. Wenige Schritte abseits der Tourismusströme wurde es sofort interessant: Wir kamen an vielen riesigen Stoff- und Füllmaterialläden vorbei (Groß- und Einzelhandel), in Gastronomie und Bekleidungsgeschäften war der nordafrikanische Einfluss unverkennbar.

Und ich lernte, dass Kammerjäger keineswegs überall auf der Welt auf Diskretion setzen, manche sogar ordentlich Werbung für sich machen.

U-Bahn von Gare de l’Est, im Hotelzimmer erst mal ein wenig hingelegt.

Zum Nachtmahl (ich hatte wieder den ganzen Tag nichts essen mögen) wollten wir nicht durch die Stadt gondeln und gingen zweimal ums Eck: Das Restaurant L’Avant-Goût hatte gut ausgesehen – und wir aßen gut.

Vorpeise bei Herrn Kaltmamsell Oktopus mit Auberginenpüree, bei mir Tomaten mit paniertem Brie. (Wenn ich mir die Speisenkarten der Lokale hier ansehe, haben Vegetarier*innen es beim normalen Essengehen in Paris schwer.)

Hauptspeise bei mir geschmortes Lamm, gegenüber Schweinekotelett mit Mais und Zucchini. Von der Weinkarte suchte ich uns dazu einen Biowein Crozes Hermitage Les Pitchouettes aus, passte gut.

Als Dessert einmal Käseteller, und für mich Blätterteig mit Matcha-Crème und Aprikosenpüree, außerdem Himbeereis. Dann war ich sehr voll.

§

Nachgereichte Musik zu Moulin Rouge.

Zum einen war ich an eine alte spanische copla erinnert: “Si vas a Paris, papa”. (Die erwähnten “abaches”, vor denen gewarnt wird, sind wohl Pariser “Apaches”: “Les Apaches war eine gewalttätige kriminelle Unterwelt-Subkultur der Pariser Belle Époque von Hooligans, Nachträubern, Straßengangs und anderen Kriminellen des frühen 20. Jahrhunderts.”)

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https://youtu.be/ew4l426DhrA

Außerdem trat der erste Artist der Show zu “Roxane” in der Tango-Version auf – aus dem Film Moulin Rouge von 2001.

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https://youtu.be/FHVByhErU8E

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 15. September 2022 – Paris 3: Dior, Montmartre, gutes Essen“

  1. Dirk meint:

    Könnte die Baskenmütze Emily in Paris zu verdanken sein? https://www.lofficielusa.com/fashion/how-to-wear-a-beret-french-style-emily-in-paris

  2. Julia meint:

    Vielen Dank für die Paris-Berichte! Die Selfie-Menschen orientieren sich wahrscheinlich an Emily in Paris, eine Serie, in der Paris keine andere Funktion hat als als instagrammable place aufzutreten. @emilyinparis Ihnen weiterhin eine schöne Zeit!

  3. Die Toni meint:

    Ich kann das bestätigen: Nach dem vierten Veggiburger, den es oft als einziges vegetarisches Hauptgericht auf der Karte gab, wurde es bei uns diesen Sommer dann halt die arabische Küche mit ihren vielen tollen Gemüsegerichten, was man in Paris aber zum Glück auch sehr gut (und je nach Viertel auch authentisch pariserisch ;-)) machen kann.

  4. Madame Graphisme meint:

    Ich war vor ein paar Jahren in Paris und bekam als vegetarische Alternative immer zuerst Fisch und dann einen Salat vorgeschlagen. Die Bedienungen wirkten immer recht hilflos – die Frage nach fleischlos kam anscheinend sonst nicht.
    Blieben meist nur asiatische Restaurants, die immer etwas auf der Karte hatten.

    Ich hätte wirklich gedacht, das wäre mittlerweile anders!

  5. Regina meint:

    Ja, die Symbiose café und croissant aus der Boulangerie ist üblich in Frankreich, definitif in Südfrankreich.

    Und ja, vegetarisch essen gehen ist nicht so selbstverständlich wie scheinbar mittlerweile in D. Aber bisher habe ich hier in der südfranzösischen Provinz nur gute Erfahrungen gemacht, immer wurde etwas Wohlschmeckendes serviert. Vegan ist deutlich schwieriger, aber einen Salat oder Gemüseteller gab es dann schon.

    In LYON gibt es ein ausgezeichnetes rein vegetarisches Restaurant, das auch schon einen ersten Platz als bestes vegetarisches Restaurant gewann (2019). Wir haben noch nie so gut gegessen wir dort ! Auf jeden Fall einen Besuch wert (Reservierung notwendig, zT Wochen zuvor)
    https://www.culinahortus.com/ (französisch)

  6. Croco meint:

    Oh:DIOR!
    Ich finde ja, Couture ist eine hohe Kunst. Die Linienführung und die Materialien faszinieren mich immer wieder. Danke für das Mitnehmen.
    Und ich krame jetzt meine Baskenmützen raus. Ich trug sie mit Leidenschaft und weiß dank Dirk, wie man sie jetzt aufsetzt.
    Ich war sogar mal in einer Baskenmützenmanufaktur in den französischen Pyrenäen.

  7. Hiwwelhubber meint:

    Tolle Erlebnisse, wie schön!

    Das Dior-Museum sieht in dem Vid. wirklich mehr als spektakulär aus. Ausserdem offenbar perfektes Ticketing, bei dem man auch z.B. an Freikarten für Journalisten und ICOM-Mitglieder etc. pp. denkt – WIE oft musste ich das schon anders erleben…

  8. Sebastian meint:

    Toll! Und Bild Nr.2 ist ganz toll!!

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