Journal Freitag, 16. September 2022 – Eine klaffende Lücke in der Bloggosphäre / Von Paris nach San Sebastián

Samstag, 17. September 2022 um 9:56

Mühsames Bloggen mit langsamem Hotel-Internet, den Download meiner Zeitung brach ich irgendwann ab.

Der Morgen begann mit der schrecklichen Nachricht vom plötzlichen Tod einer meiner ältesten Internet-Bekanntschaften aus Blogs: @journelle, Elena. Beim Morgenkaffee im Nachbarschafts-Café erinnerte ich mich an so Vieles, was ich von Elena weiß, mit ihr erlebt habe – mal von Ferne durchs Lesen ihres Blogs, mal näher. Auf der Blogmich 2005 lernten wir uns persönlich kennen und unterhielten uns erstmal über schwere Maschinen und Lastwagen. Später erfuhr ich, dass sie an diesem Wochenende ein Paar mit Blogger Sebas wurde – den ich ebenfalls vom Lesen kannte (ihre Blogpost über die erste Zeit dieser beiden sehr unterschiedlichen Verliebtheitskonzepte waren hochkomisch und hinreißend – sie hat ihr Blog später geschlossen). Wie viel ich über ihre Familie weiß, ihre Karneval-Begeisterung, Body Positivity, Sex Positivity, ihre Schwimmleidenschaft! Ich habe alle ihre Vorträge auf der re:publica gesehen, von “Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution” über “Fremd gehen immer nur die anderen – Liebe und Beziehung in Zeiten der Digitalität” bis “Das Internet hat mich dick gemacht!” Und jetzt zerriss es mir das Herz, weil ich natürlich auch von ihren zwei Kindern mit Sebas weiß, beide noch in der Schule.

Die Erinnerungen an diese feministische Urgewalt begleiteten mich den ganzen Tag, ich konnte und kann ihren Tod mit gerade mal Mitte 40 einfach nicht fassen. Elenas Bruder kenne ich ja noch länger. Wie wütend und klug und leidenschaftlich sie war. Ich erinnerte mich an immer mehr Einzelheiten. Dass sie im Musikvideo “Courage” von Wahnschaffe die Hauptrolle spielte, passt hunderprozentig zu Elena.

Währenddessen checkten wir aus dem Hotel aus, nahmen eine U-Bahn zum Bahnhof Montparnasse: Von dort fuhr unser Zug nach San Sebastián.

Noch ein verbreitetes U-Bahn-Zeichen.

Der Bahnhof, ein weiterer der Sorte Shopping Mall mit Gleisanschluss, verwirrte mich, doch wir waren mit so reichlich Zeit unterwegs, dass wir uns umsehen und orientieren konnten. Diesmal waren unsere TGV-Plätze im oberen Stockwerk. Wie auch bei den Autofahrten nach Spanien: Hinter Paris wurde es erstmal flach und langweilig.

Ihre Bilder auf instagram erinnerten mich daran, dass ich fast Celeste Barber gesehen hätte: Sie war am Donnerstagabend auf ihrer Welt-Tournee in Paris aufgetreten, doch als ich das am Dienstag mitbekam, war die Vorstellung längst ausverkauft.

Diesmal hatte ich am frühen Nachmittag auch mal Hunger und aß eingesteckte Äpfel und Nüsse (eigentlich für die Fahrt München-Paris gedacht).

In San Sebastián kamen wir an einem anderen Bahnhof an, als Google Maps ausgeworfen hatte, doch das Rollkoffern zur Ferienwohnung war nicht entscheidend länger. Temperaturen mit ca. 24 Grad angenehm; dass es eben noch deutlich wärmer gewesen war, schloss ich daraus, dass die meisten Frauen Sandalen an den nackten Füßen trugen.

Uns empfing eine sehr herzliche Vermieterin in der Ferienwohnung, mir fielen zum Glück fast alle erforderlichen spanischen Wörter ein (aber die Dame war ohnehin ungeheuer erleichtert, dass ich Spanisch sprach). Die Wohnung hat einen noch schöneren Ausblick als erwartet (das war das entscheidende Kriterium gewesen): 7. Stock mit Dachterrasse in zwei Richtungen – zu genau solchen hatte ich in Urlauben immer sehnsüchtig hochgesehen und mich gefragt, wie es wohl wäre, dort zu wohnen. Jetzt finde ich es heraus.

Zur Kaffeebereitung stellt die Küche klassische Kaffeemaschine und French Press zur Verfügung – das ist nicht das Spanien, das ich kenne. Als mir klar wurde, wie sehr mir gewohnter Milchkaffee die Tagesanfänge der nächsten knapp drei Wochen verschönen würde, entschied ich mich kurzerhand, dann doch endlich eine Cafetera für Induktionsherd zu kaufen. Wir hatten ohnehin einen Abstecher in die Innenstadt vor (meine Körperlotion war geplant ausgegangen, ich kaufte Nachschub im örtlichen Body Shop), in einer “Tienda del Café” entschied ich mich nach kürzester Beratung (auf Augenhöhe, die Dame empfahl die günstigste, “las más económica”) für eine Cafetera und ließ mir nach meinen Vorgaben auch gleich Espressobohnen dazu mischen und mahlen (auf meinen Wunsch “dunkel und kräftig für Milchkaffee” gab die Angestellte eine Hand voll torrefacto zur Hausmarke). Also kann ich zurück daheim die Adapter-Platte verräumen, die mir den Weitergebrauch meiner alten Alu-Cafetera auf dem Induktionsherd ermöglicht hatte.

Es bestätigte sich, was wir schon auf dem Weg vom Bahnhof gesehen hatte: Hier sind noch mehr Leute mit Surfboards unterwegs als in München!

Zum Abendessen folgten wir Empfehlungen für Bars mit Pintxos in der Altstadt. Auf dem Weg dorthin passierten wir die Eröffnung der Filmfestspiele von San Sebastián mit übersichtlichem Menschenauflauf.

Die Pintxos-Bars in den Altstadtgässchen waren alle voll, die Kellner wirkten angespannt (lag vielleicht an der Anstrengung der Kommunikation mit hauptsächlich Fremdsprachler*innen). Es gab fast keine Ablage- oder Tischfläche für Getränk/Pinxtos – und wenn ich sowas endlich ergattert hatte, fühlte ich mich unter Druck, so schnell wie möglich zu trinken und zu essen, um Platz für die anderen Wartenden zu machen.

Ich fürchte, das ist für mich ganz persönlich eine zu unentspannte und gehetzte Art der Mahlzeit (wieder entspreche ich nicht meinem Wunschbild, diesmal dem der gelassenen, fröhlichen und feierlaunigen Frau, die sich halt mit Menschenmengen arrangiert und mit Fremden smalltalkt). Nach der zweiten Bar gaben wir auf, ohne wirklich satt zu sein. Zumindest lernte ich, dass mir der heimische junge Wein Txakoli sehr gut schmeckt.

Den Heimweg legte ich über unser Wohnviertel auf der anderen Seite des Flusses Urumea, und sieh an: Hier gibt es auch Bars mit Pinxtos und Raciones, unempfohlen, aber gut besucht von möglicherweise Einheimischen, mit Außentischen. Denen gebe ich die weitere Chance für Abendessen mit Pinxtos. In einem kleinen Supermarkt holten wir uns Süßigkeiten zum Sattwerden, aßen sie in der Wohnung zu spanischem Fernsehen (spannend, vor allem die Werbung!).

§

Auf der viereinhalb-stündigen Zugfahrt bis zur spanischen Grenze (dort Umsteigen nötig, weil die spanische Bahn eine andere Spurweite fährt) las ich Süddeutsche und SZ-Magazin, empfehle daraus jeweils eine Geschichte:
Sogar gratis zu lesen ist der Artikel über die Recherchen von Historiker*innen und Archivar*innen über die NS-Zeit auf lokaler Ebene am Beispiel von Berg am Starnberger See und von Herrsching am Ammersee.
“‘Ich mache die hässlichen Sachen'”.

Auf den meterlangen Tischen in ihrem Archiv liegen gleich mehrere hohe Papierstapel. Friedrike Hellerer, die Archivarin in Herrsching, sitzt seit rund zehn Jahren an ihnen, weil immer etwas anderes dazwischenkommt – hier eine Chronik, da eine Ausstellung. Sie zieht Papiere aus den Stapeln: Statistiken aus der NS-Zeit, Rundschreiben, Rechnungen, Volkszählungen.

Alles, was auf diesen Tischen liegt, wurde jahrzehntelang im Leichenhaus auf dem Dachboden gelagert. Ursprünglich lagen die Papiere im Rathaus der Gemeinde, sie wurden als das Gebäude in den Sechzigern umgebaut wurde in das Leichenhaus gebracht und dort für ein halbes Jahrhundert aufbewahrt. Man könnte auch sagen: aus dem Weg geräumt. Dann, vor rund zehn Jahren, kam man auf die Archivarin zu. Weil das Dach im Leichenhaus undicht war, sei man auf den Speicher gegangen und habe dort lauter Papier gefunden. Für sowas sei doch sie zuständig.

§

Der zweite Artikel ist die Titelgeschichte des aktuellen SZ-Magazins. Patrick Bauer und Roland Schulz schreiben über das Giesinger Bräu, offensichtlich seit Jahren begleitet und recherchiert.

Ich habe ja noch ein paar Flaschen Giesinger Erhellung in der Garage gekauft, als ich vor über zehn Jahren in der Arbeit eine Runde ausgab und auch für die Biertrinker etwas Besonderes anbieten wollte: Die Mini-Brauerei kannte ich, weil ein Freund gegenüber wohnte, und der verwuschelte, alkoholisiert wirkende Kauz in grüner Latzhose und Gummstiefeln, der mir die Flaschen verkaufte, war dann wohl Steffen Marx.

Als ich mit der Lektüre des sehr, sehr ausführlichen und gründlichen Artikels durchwar, immer wieder ungläublig aufgelacht hatte, schloss ich mit: “Vareck.” (Bayerische Respektsbekundung.) Kostet Geld, ist aber die 2,99 Euro eines Tagespasses der Süddeutschen absolut wert.
“Ein Quantum Prost”.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Freitag, 16. September 2022 – Eine klaffende Lücke in der Bloggosphäre / Von Paris nach San Sebastián“

  1. Croco meint:

    Dass Journelle gestorben ist, hat mich auch sehr getroffen.
    Ihr Blog habe ich gefühlt seit immer gelesen, das von Sebas auch. Ihre Schwimmgeschichten haben mit sehr gefallen, ihre positive Einstellung zu allem Körperlichen auch.
    Danke sehr für den schönen Nachruf.

    Die Wohnung ist ja toll, da möchte man nicht mehr weg.
    Habt ihr Karten für das Festival?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Nein, haben wir nicht, Croco, denn online fand ich nur Kartenpakete zum Kauf. Es gibt wohl jeden Tag ein Restkontingent Einzelkarten, für die man sich anstellen kann – ich weiß noch nicht, ob mir das Festival dafür wichtig genug ist.

  3. Anke meint:

    Die Dachterassen sehen toll aus, ich wünsche viele schöne Ausblicke.

  4. Sebastian meint:

    Induktionstöpfe eignen sich auch als Adapter für die Cafetera.

    Ja, das ist arg mit den Bars im Zentrum. Viel Freude beim zweiten Versuch.

    Immerhin haben sie die Papiere aufgehoben und der Richtigen gegeben.

    Der verwuschelte Kauz war glaubich eher der erste Braumeister, der sein bester Tester war und der Erfinder der Erhellung.

    Ade, Journelle.

  5. Lempel meint:

    Ich habe journelle nicht persönlich gekannt, fühlte mich ihr aber verbunden, da sie in meinem Alter ist und ich auch zwei Kinder in ähnlichem Alter wie sie habe. Ihre Beiträge brachten es immer auf den Punkt, so für mich zuletzt ihr Rückblick auf die vergangenen Jahre seit der Geburt ihrer Kinder: https://mobile.twitter.com/journelle/status/1525754685092765696
    Mensch, journelle, ich wäre so gerne mit dir alt geworden.

  6. Friederike meint:

    Pinxtos – ist das die baskische Version von Tapas?

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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