Journal Donnerstag, 29. September 2022 – San Sebastián 14: Aquarium und feine, liebevolle baskische Küche

Freitag, 30. September 2022 um 9:59

Aufgewacht nach unguten Träumen (gemeinerweise hatten sich die schlechten Nachrichten aus der Arbeit dort eingeschlichen).

Wie angekündigt regnete es morgens heftig. Plan war, nach dem Bloggen dennoch eine Laufrunde einzulegen, war ja nur Wasser. Tatsächlich schreckte mich die intensive Greislichkeit des Draußens ab: Ich verschob die Laufrunde auf einen regenärmeren Tag, schwenkte um auf eine Runde Yoga.

Sonstiger Regenplan war ein Besuch den hiesigen Aquariums. Vorher machten wir einen Abstecher auf einen café con leche, dabei griff ich mir mal die ausgelegte Regionalzeitung El diario vasco. Auch hier hat sich der Begriff “violencia machista” für häusliche Gewalt gegen Frauen eingebürgert, den ich abends in den Fernsehnachrichten gehört hatte. Ein aktueller Femizid hat zu Demos von hunderten Nachbar*innen des Opfers geführt, die Regionalzeitung berichtete doppelseitig und versuchte Analysen – in Spanien ist man ganz offensichtlich weit über die Phase hinaus, in der Medien solche Gewalttaten als “Beziehungstragödie” bezeichnen.

Durch heftigen Regen spazierten wir zum Aquarium am Rand der großen Bucht von San Sebastián. Es herrschte reger Betrieb, an solch einem Schlecht-Wetter-Tag waren nicht nur wir auf diesen Zeitvertreib gekommen.

Der offizielle Rundgang (um dessen Einhaltung mehrfach mit Durchsagen beten wurde – ich nehme an zur kontrollierteren Verteilung der Besucher) begann in der obersten der drei Ebenen. Leider verpassten wir dadurch eine der drei Fischfütterungen pro Woche, denn die war in der untersten, wir hätten gleich bei Öffnung des Aquariums um 11 Uhr da sein müssen.

Wir sahen in einer zeitgemäßen, gut geführten und erzählten Weise die Geschichte der örtlichen Schifffahrt anhand von Modellen, erfuhren viel über die hiesige Fischerei (besonders rührend: die Ausstattung der letzten mobilen anchoas-Verkäuferin von San Sebastián, verstorben 2012, war neben einem Foto von ihr und Beschreibung ihrer Tätigkeit ausgestellt), über Piraten versus Freibeuter1, über verschiedene heutige Fischereitechniken mit Darstellung an Modellen inklusive ihrer Umweltverträglichkeit, über Meeresbiologie, alles mit interessanten Exponaten.

Zuletzt die riesigen Aquarien, davon das größte bestückt mit genau den Fischen, die es draußen vor den Mauern im Atlantik gibt – und mit einem begehbaren Tunnel.

Bild: Herr Kaltmamsell.

Unsere besonderen Freunde auch im Tierpark Hellabrunn: Die Röhrenaale.

Blick durch ein Fenster in die verregnete Bucht Ondarreta.

Auf Rückweg im Laden von Torrons Vicens eingekehrt (Turrones und Schokolade), Eskalation war erwartbar, der Gesamtbetrag reichte, dass ich einen Mandelnougat-Turrón dazugeschenkt bekam.

In der Ferienwohnung Frühstück um drei: Apfel, Brot mit Butter und mit Nocilla (nacheinander), Mandelnougat-Turrón (überraschend wenig süß).

Dann übte ich wieder für den kommenden Winter in München: Bei nassen 15 Grad Außentemperatur und nicht startbarer Heizung saß ich in zwei Paar Socken und zwei Pullovern unter einer, dann zwei dicken Decken auf dem Sofa und las Zeitung auf meinem Laptop auf dem Schoß, der dort zusätzlich heizte; so richtig warm war mir nicht.

Fürs Nachtmahl hatte ich auf eine Empfehlung hin einen Tisch im Bodegón Alejandro reserviert – und diese Empfehlung stellte sich als Volltreffer heraus: Ein liebevoll eingerichtetes Lokal, regionale, saisonale Zutaten, baskische Küche zeitgemäß umgesetzt – und das alles so aufmerksam, freundlich, mit vielen liebevollen Details, dass ich mich warm umarmt fühlte. Inklusive uns allerdings praktisch ausschließlich nicht-spanischsprechende Gäste; vielleicht kommt diese Art Küche, die ja auch ich präferiere, bei den Hiesigen einfach nicht an. Am Preis kann es eher nicht liegen: Wir zahlten etwa die Hälfte von dem, was ein solcher Abend in München kosten würde.

Wir entschieden uns für das Degustationsmenü mit Weinbegleitung.

Gruß aus der Küche war ein wirklich guter Gazpacho mit Körnerbrot-Chips.

Drei “Pintxos”: Rechts Selleriebrühe mit Herzmuschel – ganz hervorragend; auf dem Teller herrlich gewürzte Sardinen auf gerösteter Paprika, oben Taschenkrebs-Fleisch mit Pilpil-Schaum. Im Glas dazu ein Txakoli Hirutza, der vor allem zum Fischgeschmack hervorragend passte.

Ei mit Emmentalersauce – wunderbarer Ei-Geschmack. Dazu ein roter Txakoli Ilun – besonders spannend, weil jung und aus der hiesigen autochthonen Traube Hondarrabi beltza, hätte ich blind sehr wahrscheinlich nicht in Spanien verortet.

Bonito mit karamelisierten Zwiebeln und roter Paprika, sehr gut.

Das Fleisch wurde mit einem besonderen Zusatzmesser serviert: Archäologen haben Steinzeittechniken angewendet, um es aus Feuerstein zu reproduzieren. Ich folgte der Einladung, die Schweineschulter damit zu schneiden – ging mit Hilfe der (viel, viel später erfundenen) Gabel tatsächlich. Der Wein dazu war ein Ysios Tempranillo, Spezialabfüllung fürs Restaurant aus der Magnumflasche.

Erster Nachtisch: Feigen in Mandelsuppe – sehr fein, endlich erfüllte mir jemand meinen Dessertwunsch “gutes Obst!”. Dazu gab es ein Likörglas voll vom Haus aromatisierten Wein, nämlich mit Orangenschalen und Koriandersamen, gleich mal zum Nachbasteln gemerkt.

Zweiter Nachtisch: Torrija (hier ein armer Ritter aus Brioche) mit gebrannt-karamelisierter Oberfläche und ein herrliche süß-salziges Frischkäse-Eis.

Zum Café erbaten wir Brandy – der sehr großzügig eingeschenkt kam (ich erinnere mich ja noch an Zeiten, in denen in Spanien am Tisch eingeschenkt wurde – bis der Gast Stopp sagte; ich hätte deutlich vorher gestoppt).

Dazu stellte die bezaubernde Bedienung dieses Kästchen auf den Tisch: “Una sorpresa.” In den Schubladen Gebäck.

Das war ein rundum Herz und sonstige Sinne erfrischender Abend, wir spazierten vergnügt (und betrunken) heim.

  1. Darüber wusste ich Einiges aus jugendlicher Lektüre eines entsprechenden Geschichte mit Pfiff-Hefts – wie über so manche anderes historisches Thema, es ist ganz erstaunlich, wie viel daraus bei mir hängengeblieben ist, wirklich gut angelegtes Geld meiner Eltern. []
die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 29. September 2022 – San Sebastián 14: Aquarium und feine, liebevolle baskische Küche“

  1. Croco meint:

    Der Tunnel ist schon toll.
    Und erst das Steinmesser!
    Das Lokal merke ich mir, schon allein der Chichis wegen.

  2. Sebastian meint:

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    Gerne gelesen

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