Journal Mittwoch, 21. September 2022 – San Sebastián 6: Bilbao mit Guggenheim-Museum

Donnerstag, 22. September 2022 um 8:47

Wieder Wecker gestellt, um vor dem gestern aber wirklich stattfindenden Ausflug nach Bilbao fertigbloggen zu können.

Ich sah der Stadt vorm Fenster wieder beim Erwachen zu.

Wir machten uns auf zum 9:45-Uhr-Bus nach Bilbao – und fanden erst mal den Busbahnhof nicht. Laut Karte lag er direkt gegenüber vom Bahnhof, aber da war nichts. Wir fragten einen Linienbusfahrer bei der Rauchpause, der uns freundlich informierte: Der Busbahnhof liegt unterirdisch – wenn man das mal weiß, ist er ganz leicht zu finden.

Bilbao hatte ich auf Spanienfahrten meiner Kindheitsurlaube beim Passieren kennengelernt, ich erinnerte mich an nass, dunkel, Industrieanlagen. In den Medien hatte ich interessiert die Verwandlung der Stadt durch die Ansiedlung des europäischen Guggenheim-Museums verfolgt, gestern sah ich, dass es 2022 bereits 25 Jahre Bestehen feiert.

Eine gute Stunde Fahrt im voll besetzten Doppeldeckerbus (WLAN, reichlich Steckdosen, an jedem Sitz ein Bildschirm mit Medienangebot und Browser, kontrollierte Maskenpflicht), draußen grüne Landschaft mit Eseln, Schafen, Kühen und beeindruckenden Bergen. Vom Busbahnhof in Bilbao waren es 25 Minuten Fußweg durch herrliche Herbstsonne (frisch!), vorbei an einigen Baustellen und am Fußballstadtion, bis die ikonische Silhouette vor uns auftauchte.

Und wir kamen hinter das Geheimnis, wie die Fotos von fotografierenden Instagrammerinnen entstehen, #boyfriendsofinstagram.

Unkomplizierter Einlass, ein Audio-Guide per QR-Code aufs Handy (mit nur mittelbequemer Navigation). Ich wollte erst mal das gigantische Werk The Matter of Time von Richard Serra sehen, das Auftragswerk, für das der größte Raum des Museums erbaut worden war, aus Stahl, dem Material, das wie kein anderes für die Industriegeschichte des Baskenlandes steht. Den Audioguide stellte ich gleich mal ab. Vorschlag: Kunsthistoriker*innen, die in Museumstexten zu Kunstwerken emotionale Reaktionen vorschreiben, wird umgehend der Uni-Abschluss entzogen.

Ich verbrachte eine gute halbe Stunde mit The Matter of Time, erst störrisch wegen des Überfalls mit Riesigkeit (Überwältigungskunst), doch als ich durch jede Passage ging, jede Seite der Stahlplatten besah (nichts davon verankert, fällt trotzdem nicht um), überwog immer mehr der Charakter eines riesigen Spielplatzes: Wie viele Wege es gab! Wie unterschiedlich die Oberflächen desselben Materials aussahen! (Auf instagram habe ich einige zusammengestellt.) Und wie viel Vergnügen die Besuchenden offensichtlich daraus zogen, zum Beispiel die Räume auf Echo testeten.

Am besten zum Titel des Werks passte für mich dieser Anblick:

Staubflusen oben auf einer Schräge. Ich ließ sie tanzen durch kräftiges Pusten zwei Meter in die Höhe.

Wir gingen durch die weiteren Stockwerke des Hauses. Die Ausstellung ist übersichtlich, der Richard Serra als Centre Piece kann sich voll entfalten. Und die Übersichtlichkeit macht Auswahl und Entscheidungen überflüssig, in drei Stunden lässt sich alles würdigen (wenn man, wie wir, einen Bogen um die zeitraubende Multimediakunst macht, derzeit The Otolith Group. O Horizon).

Fast schon rührend der wiederholte Hinweis des Audio Guides, wie viel Arbeit und Forschung hinter den Tulips von Jeff Koons stecken – ein bisschen Rechtfertigungsgefuchtel. Hier wurde mir klar, wie sehr die Besuchenden im Guggenheim Bilbao Teil der Kunstwerke sind.

Und das zentrale Kunstwerk dieses Museum ist das Gebäude. Wir besahen es abschließend ausführlich rundum.

Unser Bus zurück fuhr erst am Abend, wir hatten reichlich Zeit, uns noch in Bilbao umzusehen. Die Altstadt mussten wir auf der Karte erst mal suchen, fündig wurden wir mit der Eingabe “Kathedrale” – und stellten fest, dass sie ein ganzes Stück entfernt liegt, eine halbe Stunde Fußweg entlang dem Fluss Nervión (schöner Geh- und Fahrradweg). Das muss man wissen, zufällig gerät nach dem Besuch des Guggenheims niemand dorthin – so fürchte ich, dass die Bekannte, die vor meiner Reise über das restliche Bilbao sagte, es sei eher untineressant, dort gar nicht war.

Nach meinem Dublin-Besuch erkannte ich als Urheber dieser Fußgängerbrücke Santiago Calatrava von selbst.

Die Altstadt um die Kathedrale erwies sich als sehr hübsch renoviert und malerisch, allerdings sahen wir viele leer stehende und aufgegebene Läden – das kann damit zu tun haben, dass die Besucher*innen des Guggenheim nicht herfinden. (Und kann natürlich ebenso eine Auswirkung der Corona-Schließungen sein.)

Wir ließen uns vor einem Café nieder, nach einem Apfel unterwegs brotzeitete ich hier ein Stück Tortilla (ohne Zwiebel!) mit Brot. Ich las Zeitung, Herr Kaltmamsell beobachtete Umgebung und Menschen.

Den Rückweg zum Busbahnhof spazierten wir in einer großen Schleife, wir hatten noch reichlich Zeit.

Abfahrt nach San Sebastián mit Verspätung, der Bus war verspätet eingetroffen.

In San Sebastián kam ich sehr hungrig an. Ich wollte dem Pinxtos-Essen in der Altstadt nochmal eine Chance geben. Wir steuerten im Marschschritt die Straße 31 de Agosto an, von der es hieß, hier sei jede Pinxtos-Bar verlässlich gut. Was man offensichtlich allen, allen Besuchenden erzählt hatte, wir hörten praktisch kein Spanisch oder Baskisch. In einem einladenden Bar bekamen wir sofort einen Tisch und Wein, auch Pinxtos.

Schmeckten gut! Herr Kaltmamsell holte eine zweite Runde, ich bestellte nochmal Wein. Weil ich sie in der Auslage gesehen hatte, bat ich als Dessert um tarta de queso.

Hatte eine ganz andere Textur als die vom Markt am Samstag, nämlich gar nicht cremig, schmeckte auch ganz anders, nämlich intensiv nach Butter. Die tarta de queso vom Markt mochte ich lieber, das ist aber schlicht persönlicher Geschmack.

Doch auch hier und auch im Sitzen fühlte ich mich ein wenig gehetzt und auf dem Sprung – und ich esse einfach so viel lieber ganz in Ruhe. Leider fürchte ich: Diese Art der Nahrungsaufnahme wird nie meine präferierte werden.

Außerdem erscheint es mir eine gute Idee, die Altstadt künftig für Essengehen möglichst zu meiden: Dorthin werden offensichtlich derart konsequent und überzeugend Touristen geschickt, alle für dieselbe Spezialität jeweils zum selben Lokal, dass das für mich (ganz persönlich! keine Wertung!) nichts mehr Genuss und Neugier zu tun hat, sondern wie eine Vorführung wirkt (Assoziationen mit der Show im Moulin Rouge). Dass wir vor dem Restaurant La Viña eine achtköpfige Touristengruppe älteren Semesters (also unseren Alters) stehen sahen, die um neun Uhr abends alle Käsekuchen auf ihren Tellern hatten, weil halt in jedem verdammten Kulinarik- und Reiseführer steht, dass der in La Viña “der beste” ist (im Vergleich zu welchen zum Beispiel?), fand ich grotesk.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 21. September 2022 – San Sebastián 6: Bilbao mit Guggenheim-Museum“

  1. Joel meint:

    Na ja. Ich habe den Käsekucchen schon ein paar mal im La Viña gegessen. Er hat halt die Geschichte dass er versehentlich so wurde wie er heute ist, weil ein Lehrling sich in den Mengenangaben vertan hatte und er dann auch anbrannte. Stellen sie sich den Käsekuchen von Stephan aus Freiburg vor, NOCH cremiger und mit einer fast verbrannten Oberschicht.

  2. Christine meint:

    Vielen Dank für die Beschreibung… auf jeden Fall habe ich jetzt einen Kurt-Weill-Ohrwurm… Bills Ballhaus in Bilbao
    ~
    Alle 10 Jahre findet im westfälischen Münster eine Skulpturenausstellung statt. Im Jahr 1987 hat Richard Serra vor dem Erbdrostenhof eine seiner Skulpturen aufgestellt. Damals war ich 15 Jahre alt und mich hat diese Skulptur und die Diskussionen darum sehr beeindruckt und mein Kunstverständnis nachhaltig geprägt. Es gab damals offizielle Ausstellungsplakate mit “Schlaun recomposed”. Das inzwischen reichlich zerfledderte Plakat hat in den letzten 35 Jahren in jeder meiner Wohnungen einen Platz gefunden. Und ich versuche inzwischen meiner Tochter anhand des Plakates zu erklären, dass Kunst nicht immer gefällig sein muss, aber trotzdem beeindrucken kann.

  3. Hans-Georg meint:

    Hach, ich liebe Käsekuchen.

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