Journal Samstag, 10. September 2022 – Emsiger Samstag mit Schlechtwetterlauf

Sonntag, 11. September 2022 um 8:46

Klogang um sechs, ich legte mich nochmal hin, wurde mit einem interessanten Traum (endlich mal wieder spannende Gebäude, wenn auch diesmal eine Mischung aus Büro- und Schlafräumen, aber Aussicht auf eine Flusslandschaft) und zusätzlichen anderthalb Stunden Schlaf belohnt. In der Nacht nach Langem mal wieder eine Krampfattacke in den Unterschenkeln, wieder ließ sie sich durch Aufstehen und Yoga-Vorbeuge lösen, also durch Lockerung der LWS-Muskulatur.

Vor den Morgenkaffee hatten meine Pläne Brotteigkneten gesetzt, es wurde wieder Häusemer Bauerekrume, aber diese zum Mitbringen am Sonntag für meine Eltern.

Draußen kamen energische Regenschauer herab, doch meine Freude auf den geplanten Isarlauf hielt an.

Auch draußen: Die Kabelgerüste für den Pop-up-Biergarten im Nußbaumpark wurden abgebaut, ein weiteres Sommerende.

Nachdem ich mir ausdauernd gewünscht hatte, dass wir gestern Kühl- und Gefrierschrank abtauten und putzten (ja, auch dieses Produkt eines, das angeblich nie abgetaut werden muss, aber auch hier hat die zentimeterdicke Eisschicht im Gefrier-Teil die Gebrauchsanleitung offensichtlich nicht gelesen), legte ich meine Tagespläne so geschickt, dass Herr Kaltmamsell diese Hausarbeit übernahm. Ich überließ ihm auch das Entnehmen des fertig gebackenen Brotlaibs aus dem Ofen und verschwand 20 Minuten vor Backende zur U-Bahn, die mich zum Odeonsplatz fuhr. Von dort lief ich in den Hofgarten.

Ich trug zur halblangen Laufhose Regenjacke und Schirmmütze, band die Jacke aber bald um die Körpermitte und wurde dann nur einmal ganz am Ende meiner Strecke angeduscht. Ein Lauf mit vielen schönen Anblicken, viel Muße für Nachdenken, aber nicht so vergnüglich wie möglich, da schon bald beide Unterschenkel schmerzten (Zusammenhang mit nächtlichem Krampf?).

Viele Gänse im Englischen Garten, Streifen-, Kanada- und Graugänse.

#partyhauptstadtmuenchen – und offensichtlich auch Deppenhauptstadt.

Das Schöne am Laufen bei scheinbar schlechtem Wetter: Fast niemand sonst unterwegs.

Oberföhringer Wehr.

Ich sah sehr viele Herbstzeitlose. Blicke von der St.-Emmeramsbrücke:

Am Isarkanal, angeherbstelt:

Von dieser Seite war das Oberföhringer Wehr frisch bemalt:

Heimfahrt mit der Tram.

Ich stieg schon in der Müllerstraße aus und ging beim Bäcker vorbei. Meilenstein meiner persönlichen Entwicklung: Ich schaffte, eine einzelne Semmel zu kaufen. Herr Kaltmamsell hatte auf Nachfrage keine gewollt, für mein Frühstück plante ich zudem Zwetschgenkuchen ein – eine Semmeln genügte.

Auf dem Stephansplatz entdeckte ich neue Möblierung:

Frühstück war nach dem Duschen also die Körnersemmel mit Frischkäse und Tomate, dann Zwetschgenkuchen mit Schlagsahne.

Das Brot war recht organisch geraten, schadet dem Geschmack sicher nicht.

Wäsche aufgehängt, dann radelte ich zum Mittemeer am Ostbahnhof: Wer von ihren Eltern selbstgemachten Pacharán erhofft, muss diese Eltern mit süßem spanischen Anís versorgen. Doch zu meiner Enttäuschung war nur noch eine Flasche da. Ich werde nach dem Urlaub nochmal herkommen müssen.

Zurück daheim kochte ich Zwetschgenröster – was sich mit gekauftem Obst seltsam anfühlte. Das Entsteinen war harte Arbeit: Wie schon am Vorabend, als ich die Zwetschgen mit einem Messer halbierte und entsteinte, kämpfte ich jetzt auch mit dem Zwetschenentsteiner – ich habe noch nie derart schwer zu entsteinende Früchte erlebt.

Zeitunglesen, dann tat eine Runde Yoga gut.

Ich hatte wieder Lust auf Alkohol und mixte Herrn Kaltmamsell und mir Negronis. Es war schmerzlich frühes Lichtanschalten nötig.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Lauch-Kohlrabi-Risotto, angegossen mit selbst gekochter Gemüsebrühe aus Gemüseresten, die wir in einer Tüte im Gefrierschrank sammeln und die er vor dem Abtauen verwertet hatte.

§

Wir verarbeiten weiter den Tod von Queen Elizabeth II. In der Süddeutschen mit einer klarsichtigen Analyse von Nele Pollatschek (€):
“Die Queen als Symbol
Die Rührende”.

Etwas, das wir alle die ganze Zeit machen: uns selbst in unserer ganzen eigenartigen Individualität zu erklären, indem wir auf allgemeinverständliche Muster zurückgreifen. So wie man sagt, “ich hatte eben eine dominante Mutter”, oder “ich bin halt ein Mann”, oder “in der Schule wurde ich gemobbt”. Sätze, die man sagen kann, in dem Wissen, dass, auch wenn der andere sie nicht teilt, jeder Mensch doch genug Erfahrungen mit “solchen Menschen” hat, als dass sich darüber Empathie erzeugen lässt – ach, deshalb bist du so. Ich verstehe. Ich vergebe. Solche Sätze sagen: Ich gehöre zu dieser Gruppe, und als Mitglied dieser Gruppe kannst du mich begreifen. Sie erzeugen “Identität”, wörtlich: Ich bin derselbe – genau wie jener, den du schon kennst.

(…)

Aber “Queen” ist keine seltene Schnittstelle, ist nicht “ältere, sehr reiche Frau, mit schwieriger Familie”. Queen Elizabeth II. sein ist nicht mal Staatsoberhaupt sein, ist in seinem Absolutheitsanspruch absolut singulär. Es ist eine identity of one, eine Privatsprache, die sich höchstens sich selbst erklären kann, also gar nicht.

(…)

Man weiß einfach nicht, ob es möglich ist, geheime Gelüste zu hegen, wenn man 96 Jahre lang, “such a life” führt. Wenn man wirklich jeden einzelnen Tag, dieses eine Ding ist “Queen Elizabeth II.”, davon wirklich niemals Pause hat, weil man selbst zu Hause im Schlafanzug noch umgeben ist von Menschen, die einen mit “Your Majesty” ansprechen. Weil man nicht mal fünf Minuten zum Kiosk um die Ecke gehen kann, um sich ein Päckchen Kippen zu kaufen, ohne dafür mit dem eigenen Abbild zu bezahlen. Weil man keinen geheimen Brief schreiben kann, ohne dafür ein Bildnis des eigenen Gesichts abzulecken und es in einen Kasten zu werfen, auf dem der eigene Name steht.

(…)

Was nun kommt, wer was daraus macht, was aus dem Commonwealth wird, ob Schottland jetzt doch noch unabhängig wird, welcher englische Politiker sich wie inszenieren kann, was die Oberhäupter anderer Staaten tun werden, während die Atommacht England abgelenkt ist, noch wissen wir es nicht. Es ist etwas passiert. Etwas, das sehr wenig mit dem Tod einer rüstigen 96-Jährigen zu tun hat. Und sehr viel mit Traditionen und mit Pflichtergebenheit, mit Symbolen und mit Geschichten.

Queen Elizabeth II. ist gestorben. Sie war die Letzte, die Einzige, vielleicht die Einsamste ihrer Art.

die Kaltmamsell

1 Kommentar zu „Journal Samstag, 10. September 2022 – Emsiger Samstag mit Schlechtwetterlauf“

  1. obadoba meint:

    Ich lese wegen meines eigenen Uralubs gerade nach und wollte kurz loswerden:

    Danke für die Münchenbilder :-)

    Ich hab die große Stadt inzwischen verlassen und bin zurück im Allgäu. München ist aber immer noch in meinem Herzen und Ihre Bilder freuen mich immer sehr.

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